1996, 10 Jahre nachdem ich mit Armin um die Welt geradelt war, haben wir nochmals eine große Radreise geplant. Beide waren wir in der Zwischenzeit immer wieder per Rad und zu Fuß unterwegs gewesen, u.a. im Himalaya, in Tibet, in Mittelamerika und Kurdistan. Zwei mehrwöchige Radreisen hatten wir zusammen gemacht, durch Burma und Vietnam sowie durch Jordanien , Israel und Sinai. Auch sonst standen wir über all die Jahre in ständigem Kontakt. Zusammen hatten wir das Laufsportmagazin „Running“ gegründet, das wir zu jener Zeit noch als Zweierteam auf den Markt brachten. 1996 war dann die Zeit gekommen, gemeinsam nochmals etwas Großes  zu machen:  Altach – Peking per Rad. Wir wollten  nicht irgendwie auf dem kürzesten Weg nach China fahren. Vielmehr planten wir dabei die Gesamtdurchquerung Tibets, von Kashgar nach Chengdu, „mitzunehmen“, ein Projekt, das mir seit unserer gemeinsamen Tibettour unter den Nägeln brannte.

Die geplante Reise stand in jeder Hinsicht in starkem Kontrast  zu unserer ersten Reise. Die 86er Reise war ein reines Zufallsprodukt. Wir ließen uns ziellos durch die Welt treiben. Wir hatten nur eine grobe Zielvorgabe: Tibet. Die Peking-Tour dagegen war bis ins Detail durchgeplant. Aufgrund unserer Medientätigkeit hatten wir Zugang zu Sponsoren.  Die Reise war von allem Anfang zur Gänze finanziert. Das brachte Verpflichtungen mit sich. Sponsoren wollen verständlicherweise eine Gegenleistung. Es ging nicht mehr an, sich einfach treiben zu lassen. Wir sollten, wenn möglich, schon irgendwann einmal  in China ankommen – zumindest sollte aus der Tour eine Geschichte rauskommen, die sich in den Medien vermarkten ließ.

Bei unserer ersten Reise waren wir zeitlich kaum eingeschränkt gewesen.  Auch das war nun anders.  Unser Magazin erschien damals noch vierteljährlich.  Wir hatten eine Ausgabe bis zur Druckreife vorproduziert. So blieben uns vier Monate für die Tour. Im schlimmsten Fall hätten wir noch zwei, drei Wochen drauflegen können. Mehr spielte sich nicht, sonst wäre die nächste Ausgabe ausgefallen.

Und dann gab es noch einen ganz gewichtigen Unterschied, der allein mich betraf: 86 war ich topfit. Als ich damals auf Tour ging, war ich „pumperlgsund“. Ich wußte damals kaum mehr, wie sich eine Erkältung anfühlt.  Ich war, wie ich im Bericht über jene Reise schrieb, ein „robuster Traktor“. In den 10 Jahren vor jener Reise hatte sich alles, was ich anrührte, sprichwörtlich in Gold verwandelt. Ich hatte ein riesiges Energiepotential aufgebaut, das ich auf der Reise verprassen konnte. Das war 96 anders. Seit Jahren kämpfte ich mit undefinierbaren gesundheitlichen Problemen. Schon 1990 hatte ich eine Radreise durch die indonesische Inselwelt wegen Atemproblemen abbrechen müssen. Seither kam ich von jeder Reise krank zurück, zuhause fing ich jeden Virus ein, ich sprang von einem Krankheitsbild zum nächsten, ich stürzte und brach mir irgendwelche Knochen. Kurzum: Ich war gesundheitlich nicht „stabil“. Die rein sportliche Leistungsfähigkeit war nicht einmal so schlecht. Ich hatte als Test noch einen 5000-Höhenmeter-Bikemarathon absolviert. Das ging noch völlig problemlos. Allerdings mit dem Typ von 86 konnte ich schon lange nicht mehr mithalten. Das war eine völlig andere Person, an die ich mich kaum mehr erinnerte. Aber ich hatte brav trainiert. Die Reise traute ich mir noch allemal zu. Trotz alldem, ich war nun Mal kein robuster Traktor mehr. Die Ärzte konnten nichts finden. Mit der Zeit glaubte ich, ich sei ein Hypochonder.  Andere machen in solchen Fällen Yoga oder sie besuchen Selbsterfahrungskurse oder… Das war nicht mein Ding. Ich setzte mich lieber aufs Fahrrad. Ich wollte ein paar Monate weg von allem. Ich wollte endlich Gewissheit. Ich wollte wissen, ob ich mir all die Wehwehchen nur einbilde. Deshalb wollte ich das machen, was mich am meisten faszinierte. Ich wollte mein wichtigstes „Projekt“ realisieren.  Es gab für mich zu jenem Zeitpunkt keine größere Motivation als eine Radreise durch Tibet.

Start in Altach am 4. März

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Wer sich über die Bürokratie bei uns zuhause beklagt, sollte es mit einer Reise nach Peking versuchen.  Wir besorgten uns Zweitpässe, um die Antragsverfahren bei  verschiedenen Botschaften parallel  laufen zu lassen.  Als wir nach einem Jahr alle Visa in den Pässen hatten, war das turkmenische schon wieder abgelaufen, und wir mußten von vorne anfangen. Manchmal mußten wir auch ungewöhnliche Methoden anwenden, um den Verfahrensgang zu beschleunigen. So bei den Iranern. Armin mußte persönlich auf der Botschaft in München vorsprechen. Er fuhr von Freiburg nach München. Und dann – überheblich, wie diese Bürokraten waren – wollten sie ihn tatsächlich auf einen späteren Termin vertrösten. Da hatten sie aber nicht mit Armins Sturheit gerechnet. Er verlasse die Botschaft nicht ohne Visum, erklärte er, holte seinen Schlafsack und legte sich vor das Büro. Er bekam das Visum am selben Tag. Als wir am Nachmittag des 4.März alles beisammen hatten, stiegen wir auf die Räder, obwohl wir wußten, daß wir nicht mehr sehr weit kommen würden. Wir hatten den Start mehrmals verschoben. Nun wollten wir endlich weg.

In Stuben machten wir unsere erste Rast. Die Skisaison war noch voll im Gange. In einem Hotel durften wir gratis in einer „Besenkammer“ übernachten. Danke! Am Morgen saßen wir mit den den Skifahrern beim Frühstück. „Wo wollt denn ihr hin um diese Zeit“, wurden wir immer wieder gefragt.
„Nach Peking!“ Die Antwort verwunderte uns selbst fast noch mehr als die Touristen. Inmitten des Skibetriebs klang das irgendwie unwirklich.

Der Arlbergpaß war noch tief verschneit.

Bis zum Brenner machten wir noch eine tolle Figur. Alles lief völlig problemlos. Wir hatten keine Ahnung, daß diese ersten Kilometer für die nächsten 3500 Kilometer die einzigen „normalen“ sein würden.

Im Pustertal begann der Gegenwind. Er sollte bis in den Iran unser größter Feind sein. Die Kälte, die im Lesachtal dazukam, war nur eine lästige Draufgabe.
Armin schien zu ahnen, was auf ihn zukommt, als er auf seiner Leberkässemmel rumkaute. Zuversicht schaut anders aus. Kurz nach dieser Mahlzeit, im Lesachtal, gefror der Orangensaft in unseren Trinkflaschen während der Fahrt zu einem festen Eisklumpen.

Das Essen diente vorwiegend der Aufrechterhaltug der Energiebilanz. Wir hatten eine kleine Lenkertasche vorne angebracht. Die war ständig mit irgendwelchen kleinen Häppchen gefüllt. Während der Fahrt stopften wir pausenlos Futter in uns hinein. Früher hatten wir auf unseren Fahrten immer Gewicht und damit auch Kraft verloren. Das wollten wir auf dieser Reise vermeiden. Wir hatten ja nicht besonders viel Zeit und wollten deshalb zügig vorankommen. Das klappte wunderbar. Unsere Energiespeicher waren immer gefüllt. Wir hatten nie einen „Einbruch“, wie es während früherer Reisen gelegentlich hatte vorkommen können.

Das Wetter war für ein gemütliches Picknick im Freien – wie man an Armins Miene unschwer erkennen kann – meist ungeeignet.

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Übrigens: Immer wenn Armin beim Essen etwas unmotiviert dreinschaute, wurde es auch tatsächlich etwas demotivierend:
In einem Gasthaus im südlichen Ungarn hörten wir den deutschen Wetterbericht. Er schloß mit den Worten: „Der ewige Ostwind nervt auch morgen wieder alle.“ Wir lachten laut auf. Wenn der gewußt hätte, wie recht er hatte. Schon seit dem Brenner kämpften wir uns gegen den Wind Richtung Osten. Am Morgen, bevor wir aufs Rad stiegen, pflegten wir stets den Zeigefinger in den Mund zu stecken und ihn prüfend in die Höhe zu strecken. Das war zu einem festen Ritual geworden. An jenem prognostizierten Morgen in Südungarn brauchten wir den Finger nicht. Wir mußten nur schauen, aus welcher Richtung das Laub und die Papiertüten kamen. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13 km/h kämpften wir uns gegen den Wind nach Szeged. Am Nachmittag gesellte sich Eisregen zum Sturm. Viele kleine Eiszapfen hingen von unseren Rädern. Die Schaltung und die Bremszüge froren fest. Wir konnten nur mehr mit einem Gang fahren und nicht mehr bremsen. Aber das war das geringste Problem. Diese Aufgabe konnten wir bei unserem Tempo getrost dem Wind überlassen. 20 Kilometer vor Szeged war dann endgültig Schluß. Die Kette rutschte haltlos über die vereisten Ritzel. Wir stiegen ab, bauten die Räder aus und entfernten mit einem Schraubenzieher notdürftig das Eis von den Zahnkränzen. Im letzten verbliebenen Gang retteten wir uns nach Szeged. Es war schon lange dunkel, als wir ankammen. Wir waren den ganzen lieben langen Tag auf den Rädern gesessen. Alle 500 Meter hatten wir uns in der Führung abgewechselt. Und der Tacho! Der zeigte magere 145 Kilometer. Ich fühlte mich, als wäre ich mindestens das Doppelte gefahren.

In Szeged quartierten wir uns in einem billigen Hotel ein. Wir duschten uns und schlugen uns im McDonalds, das sich gerade gegenüber befand, die Bäuche voll. Dann ging es wieder an die Arbeit. Die Räder mußten für den folgenden Tag wieder instand gesetzt werden. Sie wurden, wie wir, warm geduscht. Danach bekamen sie noch etwas Öl. Als wir mit ihnen fertig waren, wurde das Badezimmer wieder in den vorherigen Zustand versetzt. Es war schon spät, als wir endlich ins Bett kamen.

Am folgenden Tag zeigten wir Wirkung. Wir fuhren gerade mal 80 Kilometer, natürlich wieder gegen den Wind, ins rumänische Arad, wo wir einen längst überfälligen Ruhetag einschoben. Die Ankunft von zwei Touristen so früh im Jahr sorgte für Aufregung in Arads professioneller Damenwelt. Als wir unser Zimmer verliessen, schmetterte uns ein mehrstimmiges „Sex now?“ entgegen. Auf der Couch vor unserm Zimmer hatte sich ein halbes Dutzend Dirnen versammelt und wartete geduldig auf seine Chance. Sie hatten Zeit. Die Italiener würden erst im Sommer kommen, erklärten sie uns. Was sich da auf unserer Couch versammelt hatte, war nicht Arads Elite. Die traf man im gegenüberliegenden Nobelhotel, dem wir einen Kurzbesuch abstatteten, um Geld zu wechseln. Wir dagegen lebten in einer der billigsten Absteigen der Stadt. Jedes Mal, wenn wir nun unser Zimmer verliessen, ging es von neuem los. „Hello Mister, sex now!“, schrien sie durcheinander und hatten eine Menge Spaß dabei. Unsere hartnäckige Ablehnung führte schließlich zu einer angeregten fachfraulichen Diskussion über den Zusammenhang zwischen Leistungssport und Sex, an der wir uns mit konstruktiven Beiträgen beteiligten. Als Abschluß der Erörterungen gaben sie uns den Rat, aufs Radfahren zu verzichten. Das sei nicht gut für Männer.

Nach unserem Ruhetag ging es im gewohnten Stil weiter. Auf der Etappe nach Timisoara blies der Wind mit unverminderter Stärke weiter. Streckenweise fiel die Reisegeschwindigkeit auf 11 km/h ab. Im Windschatten konnte man sich gut ausruhren. Aber die 500-Meter-Führung war immer harte Arbeit.

Rumänien verfügte damals wohl über das kaputteste Straßennetz Europas. Dennoch wagten wir uns auf eine Nebenroute. Die Schlaglöcher vergrößerten sich bald zu einer von kurzen Asphaltstücken durchsetzten Holperpiste, die immer schmaler wurde und uns bei einer beschilderten Abzweigung vollends in den Schlamm führte. „Da kommt ihr nie durch“, warnten uns die Bewohner eines Dorfs an der Straße. Mit lachendem Gesicht winkten wir ab. 40 Kilometer bis zur nächsten größeren Straße. Notfalls kann man ein Rad ja auch schieben. Schließlich waren wir ja zwei richtige, mit allen Wassern gewaschene Radabenteurer. Von so einer Lapalie liessen wir uns nicht aufhalten. Wenig später steckten wir ratlos in einem tiefen Gemisch aus Schnee und Schlamm. Nach einer Stunde waren wir wieder zurück im Dorf. Dieses Mal waren es die Dörfler die lachten.
Man beachte das sechste Bild. Ein Hauch von Frühling machte sich breit. Armin in kurzen Hosen! Es ist dies tatsächlich das einzige Bild auf den ersten 5000 Kilometern, auf denen einer von uns kurze Hosen trägt. Ich denke, man darf getrost behaupten, daß die Bedingungen während dieser Reise nicht ganz „normal“ waren.

Und abends wieder Fahrrad putzen, Zähne putzen und Tourenbuch vervollständigen.

Nicht nur die Straßen waren schlecht in Rumänien, auch die Verpflegung war nicht berauschend. Aber zumindest bekam man überall Brot und Schafskäse. Das Brot klemmten wir hinten aufs Gepäck, sodaß es immer einfach zugänglich war, und man während der Fahrt, ohne lange anhalten zu müssen, ein Stück abreissen konnte.

Mit der Fähre über die Donau

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Je weiter wir nach Süden vordrangen, umso kälter wurde es. „Das Wetter spinnt in diesem Jahr“, bestätigte ein Bulgare unsere Wahrnehmung. „Normalerweise ist es hier Ende März schon richtig warm.“ In Bulgarien war auch nicht ein Hauch von Frühling zu spüren. Und als wir von Etropole über einen Paß nach Srednogorije fuhren, war es sogar saukalt – richtig saukalt. Lehne ich mich zu weit hinaus, wenn ich von Temperaturen um die -20 spreche? Die Schneewächten am Paß waren fast 2m hoch. Armin wollte noch fotografieren. Ich bin ihm einfach davongefahren. („Fotografieren“ heißt bei Armin nicht schnell mal auf den Auslöser drücken. Das kann gut und gerne auch eine Viertelstunde dauern.) Wir hatten schon im Anstieg alle Kleidung angezogen und trotzdem gefroren. Wie sollte das bei der Abfahrt werden. Vor allem wußten wir nicht, was uns erwartete. Kam da evtl. noch eine Zwischensteigung? War vielleicht die Straße verlegt? Ich wollte für solche Eventualitäten Reserven haben. Ich wollte runter, bevor wir bis auf die Knochen ausgekühlt waren. Ich glaube, meine Entscheidung war die richtige. Bei der Abfahrt holte sich Armin Erfrierungen an Fingern und Zehen. Die Finger- und Zehenspitzen wurden blau und schwarz. Wochen später, in Anatolien, fielen die abgestorbenen Hautfetzen ab.

Eisige Fahrt zum Paß. An kalten und naßen Tagen zogen wir uns als zusätzlichen Schutz Plastiksäcke über die Füße. Armin steckte sich auch noch Zeitungspapier und anderes Zeugs in die Schuhe.

Bei unserer Ankunft in Istanbul waren wir ganz schön im Sand. Die Fahrt nach Istanbul war eigentlich als Einrolletappe geplant gewesen. Doch der Gegenwind und die Kälte hatten uns ordentlich zugesetzt. Noch einmal misteten wir unser Gepäck aus. Die vollgepackten Fahrräder wogen nun nur noch 20 kg.
Weshalb hatten wir eigentlich soviel Gepäck dabei? Ich hatte ja erklärt, daß unsere Fahrt von Sponsoren finanziert worden war. Die wollten natürlich auch ein paar Fotots von diversen Ausrüstungsgegenständen für ihre Kataloge haben. Bilder, die auf einer „richtigen“ Reise gemacht werden, schauen nun mal authentischer aus. Deshalb hatten wir auch ein paar Dinge dabei, die wir nicht unbedingt benötigt hätten. Darauf konnten wir nun keine Rücksicht mehr nehmen. Unter den Bedingungen, die wir vorfanden, zählte nur noch das  Weiterkommen.

Armin mit der aussortierten Ausrüstung auf dem Weg zur Post.

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Zwei Tage blieben wir in Istanbul. Zur Regeneration besuchten wir ein Hamam, eine türkische Sauna. In einem Hamam wird nicht nur geschwitzt, da wird man auch ordentlich durchgeknetet, und die Glieder werden in alle Richtungen verrenkt – auch in Richtungen, für die die Gelenke meines Erachtens nicht vorgesehen sind. Nach dem Besuch wußten wir, weshalb es Horhor Hamami hieß. Das war nur ein Schreibfehler. Es hätte wohl Horror Hamami heißen sollen.

Als ich am Nachmittag des zweiten Ruhetags in Istanbul aufs Zimmer kam, stand da Armins Fahrrad schon reisefertig gepackt. „Von mir aus könnte es wieder losgehen. Ich bin lange genug rumgesessen“, sagte Armin. Das war über all die Jahre gleich geblieben. Es fiel uns immer schwer, mehr als einen Tag an einem Ort zu bleiben. Wir wollten ständig unterwegs sein.
Wir erwarteten, daß nun endlich der richtige Urlaub beginnt. Wir kannten die Türkei sehr gut von früheren Radreisen. Wir wußten, daß in der Türkei die Infrastruktur für Radreisende paßt: gute und billige Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten, ein ordentliches Straßennetz. Im Frühjahr sollte auch das Klima stimmen. Zudem planten wir entlang der Schwarzmeerküste, dem landschaftlich schönsten Teil der Türkei, gegen Osten zu fahren. Und das mit unseren abgespeckten Fahrrädern. Wir waren bester Hoffnung. Aber Urlaub schaut definitiv anders aus. Bis Inebolu gab es keinen flachen Meter. Nach sechs Tagen zeigte unser Altimeter 12 000 gefahrene Höhenmeter an. Ich würde es zumindest Aktivurlaub nennen.

Hinter Inebolu wurde das Terrain flacher. Es war beinahe windstill. Und die Straße? Ein Traum! Spiegelglatter Asphalt. Aber schon nach etwa 20 Kilometern wurde die Straße schmaler und der Verkehr dichter. Bei jedem Lkw mußten wir hinaus aufs geschotterte Straßenbankett. Meist mußten wir dafür runter vom Rad, da der Absatz zu hoch war. Nach einer Weile traten wir unsere legitimen Ansprüche auf die letzten Zentimeter Asphalt kampflos an die Trucker ab und blieben fortan auf dem grobschottrigen Begleitstreifen. Zwei ganze Tage lang fuhren wir unmittelbar neben einer schönen Asphaltstraße über Kies und Schotter. Ich habe gar nichts gegen eine schöne Offroad-Piste irgendwo in einem einsamen, abgelegenen Winkel dieser Erde. Aber neben einer vielbefahrenen Straße: Das ist eine Strafe. Wir wunderten uns über gar nichts mehr. Wir waren nur gespannt, was sich der Radlergott sonst noch alles für diese Reise ausgedacht hatte.

Auf diesem Schotterbelag verbrachten wir 2 angenehme Radtage.

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Am Ende des zweiten Tages auf dem Straßenbankett bogen wir ab ins Landesinnere. Wir hatten den Meerwind im Rücken. Unsere ersten 30 Kilometer Rückenwind, seit wir aufgebrochen waren. Am nächsten Morgen wurde als erstes der Finger in die Höhe gestreckt. Alles in Ordnung. Rückenwindl! Wir setzten uns in ein Straßencafe und schlürften den Frühstückskaffee. Plötzlich schlugen Türen und Fenster zu, Schirme flogen durch die Luft. Ein Blick genügte. Der Wind hatte gedreht. An solchen Tagen setzt man sich aufs Rad, schaltet das Hirn ab und tritt monoton in die Pedale. Alle 500 m wird die Führung gewechselt. Es wird nichts gesprochen. Man schaltet auf Autopilot. Jede Gegenwehr ist sinnlos, jeder Blick auf den Tacho ein frustrierendes Erlebnis. Wenn einer einmal „mußte“, blieb der andere gar nicht erst stehen. Man verlangsamte das Tempo etwas und wartete, bis der hintere wieder aufgeholt hatte. Das lief alles wortlos ab. Hin und wieder blieb man in einem Dorf stehen, um die Lenkertasche wieder aufzufüllen. Wir kauten ständig etwas runter.

Wenn man den Wind mit freiem Auge sehen kann, ist das schlecht für Radfahrer.
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Nach den zwei Tagen, die wir auf dem Straßenbankett verbracht hatten, hatten wir zwei weitere Tage gegen den Sturm angekämpft. Wir befanden uns nun auf einem Anstieg zu einem Paß bei Bayburt. Wir kamen um eine Kurve, eine Windbö erfaßte uns, und wir standen beide neben unseren Rädern. Wir stiegen gar nicht wieder auf und schoben fürs erste weiter. Wir resignierten. Es war nicht besonders steil. Paßanstiege in Anatolien sind meist sehr gemäßigt. Aber wir waren einfach fertig. Wir schafften kaum mehr diesen billigen Anstieg. Vielleicht sollten wir diese lästigen Räder in den Graben werfen und nach Peking laufen, dachten wir uns. Wir wären wohl gleich schnell gewesen. Eigentlich waren wir ja gar keine Radfahrer. Wir beide, wir waren Läufer. Das Rad diente nur als Mittel zum Zweck. Und wozu diente es nun bei diesem Wind? Zu gar nichts!

Übers anatolische Hochland nach Bayburt.

In Bayburt, dem Ort jenseits des Passes, faßten wir einen Entschluß, den nur der versteht, der schon einmal 3500 Kilometer gegen den Wind angefahren ist. Wir luden unsere Räder in den Bus und fuhren ins 120 Kilometer entfernte Erzurum. Am folgenden Tag wollten wir mit den Rädern wieder zurück nach Bayburt fahren. Wir wollten jeden Meter bis Peking mit dem Rad zurücklegen, aber einmal auf dieser Reise wollten wir diesen verdammten Wind im Rücken haben.
Wir laden die Räder in den Bus nach Erzurum.
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Start in Erzurum. Der Plan schien aufzugehen. Wir hatten den Wind tatsächlich im Rücken. Ich saß einhändig auf dem Rad und aß ein Brot. Der Tacho zeigte 41 km/h! Es war nicht mehr weit zum Paßanstieg. Den mußten wir mit Rückenwind erreichen, dann waren wir gerettet. Wenn der Wind dann doch noch drehen sollte – wir rechneten auf dieser Reise mit allem -, wäre das nicht mehr besonders schlimm. Beim Aufwärtsfahren spielt der Wind keine so große Rolle. Je näher wir dem Anstieg kamen, umso dunkler wurde es über unseren Köpfen. Plötzlich öffnete der Himmel alle Schleusen. Im Nu waren wir bis auf die Unterhosen naß. Als wir höher kamen, wurde aus Regen Schnee. Am 2370 m hohen Paß standen wir völlig durchfroren in einem dichten Schneegestöber. Mit uns trafen ein paar Franzosen, die auf ihren Mopeds von Paris nach Saigon fuhren, aus der Gegenrichtung kommend auf dem Paß ein. Aufgrund der Kälte begnügten wir uns mit kurzem Smalltalk. Während der Abfahrt hielt es uns nicht lange auf den Rädern. Wir bibberten am ganzen Leib. Wir stiegen ab und rannten mit den Rädern abwärts, um uns etwas aufzuwärmen. Erst unterhalb der Schneegrenze stiegen wir wieder auf. Bald schon verzog sich die Schlechtwetterfront. Als wir in Bayburt ankamen, kam die Sonne zum Vorschein. Als wir mit dem Bus zurückfuhren, herrschte auf dem Paß eitel Sonnenschein. Wir blickten fragend „gen Himmel“.
Dunkle Regenwolken, Schneegestöber und Sonnenschein bei der Rückfahrt.

In Erzurum herrschte Krisenstimmung. China schien weiter entfernt denn je. Wir waren auf den ersten 4000 Kilometern – abgesehen von der Etappe zum Brenner – tatsächlich noch keinen Tag gerollt. Das war nun das Problem eines festen Zeitplans. Während unserer ersten Weltreise hatten wir uns treiben lassen. Wir waren völlig frei gewesen. Nun aber hatten wir ein fixes Ziel und einen begrenzten Zeitrahmen. Wir hatten viel Material und auch bare Münze von diversen Unterstützern bekommen. Es war allein schon eine „Frage der Ehre“, nicht mit leeren Händen nachhause zu kommen. Irgendwie wollten wir nach Peking. Aber bei dem Tempo würden wir es nie in der geplanten Zeit schaffen, das war uns klar. Das ganze ging ja auch an die Substanz. Auf den zurückliegenden Etappen hatten wir Kilometer machen wollen. Mit den richtigen Schwierigkeiten rechneten wir erst in Tibet, vielleicht auch schon in der Pamirregion. Unter normalen Bedingungen wäre das auch so gewesen. Wir waren nun wirklich nicht das erste Mal mit den Rädern unterwegs gewesen. Wir wußten, wie sich eine Radreise anfühlt. Aber damit hatten wir wirklich nicht gerechnet. Man muß nur die Bilder der 86er-Reise mit jenen dieser Reise vergleichen. Die Bilder vermitteln eine völlig andere Stimmung. Wir waren während dieser Reise noch nie gemütlich in einem Straßencafe an der Sonne gesessen, wir waren auch nie im Abendlicht auf den Rädern gemütlich durch die Dörfer gebummelt. Die Genuß-Stimmungen, die zu einer solchen Radreise gehören, fehlten bis dahin. Es war immer düster und kühl. Es war nie der ganz harte Kampf, den man vielleicht einmal auf einem verschneiten Paß in Tibet ausficht. Es war einfach nur zäh, gleichbleibend mühsam. Und das kostete Kraft. Trotz alledem: Wir waren hochmotiviert. Ich war wieder in meinem Element. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt wie auf dieser Reise. Ich liebte es, unterwegs zu sein. Auch Armin war gut drauf. Es machte, wie immer, Spaß zusammen zu reisen. Trotzdem zweifelten wir, ob wir so bis Peking durchkommen würden. Wir überlegten uns ernsthaft, mit dem Flugzeug nach Peking zu fliegen und es von dort in die Gegenrichtung zu versuchen.
Erst mal gaben wir uns einen Ruhetag in Erzurum. Allerdings fiel auch der ziemlich aktiv aus. Wir wohnten im 10. Stock des Hotels. Schon bei unserer ersten Fahrt mit dem Lift blieb der stecken. Wir polterten und schrien, bis man uns rausholte. Danach gingen wir stets zu Fuß rauf und runter – zum Essen, zum Einkaufen….Wenn man ohne Lift im 10. Stock wohnt, registriert man erst, wie oft man im Zimmer aus- und eingeht.

Ratlosigkeit in Erzurum und Krisensitzung in entspannter Haltung. Den Humor hatten wir noch nicht verloren.

Nach einem Ruhetag, gingen wir die Geschichte wieder etwas optimistischer an. Allerdings, die Verhältnisse blieben vorerst noch dieselben. Sturm aus Ost. Kampftag! Bis Agri waren es etwa 185 Kilometer. Wir benötigten dafür den ganzen Tag und auch unseren ganzen Einsatz. Es war bereits dunkel als wir ankamen.
Etwas schneller waren wir am nächsten Tag: Einerseits wegen der guten Windverhältnisse, andrerseits wegen der Steine der Hirten und derer Hunde, die offensichtlich gerne mit ausländischen Radlern spielen würden.
Ungewöhnlich die letzten Worte, mit denen wir aus Kurdistan verabschiedet wurden, und die ersten, mit denen wir in einem kleinen Gasthaus im Iran empfangen wurden:
An der Grenze fahren wir langsam an einer langen Kolonne von Trucks vorbei, die auf die Abfertigung warten. Die Fahrer stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich. Da fragte einer: „Deutschland?“ Ich antwortete: „Ja.“ Daraufhin er: „Deutschland scheiße!“ Da fragte ich: „Kurdistan?“ Er sagte: „Ja.“ Daraufhin ich: „Kurdistan scheiße!“ Ein Raunen ging durch die Menge: „Hast du gehört, was der gesagt hat.“ Ich hatte die Grenze immer im Blick. Ich wäre notfalls schnell weg gewesen. Ich hatte ja nichts gegen die Kurden. Ich hatte drei Jahre lang mit einer sehr netten kurdischen Familie im selben Haus zusammengelebt. Ich fand nur diesen Typ scheiße.
So verließen wir die Türkei. Ganz anders der Iran. Bei unserem ersten Halt, fragte uns einer auf Englisch, woher wir kämen. Als wir antworteten, „Germany“, packte er seine einzigen deutschen Worte aus: „Brigitte, Brigitte, zeig mir deine Titte.“ Als wir dann auf Englisch etwas ins Gespräch kamen, erfuhren wir gleich mal, daß es in dem strenggläubigen Land auch etwas anderes als Religion gibt. Sie fragten uns, was bei uns eine ganze Nacht mit allem koste, mit gutem Essen, mit Schnaps und mit Frauen. Ob wir Whisky wollten, fragten sie. Gegen ein paar Dollar könnten sie uns welchen besorgen.

Unterwegs von Erzurum zur iranischen Grenze

Der Iran entpuppte sich zu unserem Erstaunen als eines der gastfreundlichsten Länder der gesamten Reise. Überall empfingen uns die Leute mit offenen Armen. In einem Lebensmittelgeschäft schenkte man uns Orangen. Auf einem eiskalten Paß erwarteten uns Autofahrer, die uns zuvor überholt hatten, mit heißem Tee. Ein Eisverkäufer reichte uns während der Fahrt zwei Becher Eis aus dem Auto.
Auf dem Paß erwarten uns die Männer mit heißem Tee.

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In Täbris lernten wir ein paar Studenten kennen. Diese Leute haben mit dem Mullah-Regime nichts am Hut. Es waren freundliche, sehr gebildete Leute, wie ich überhaupt den Iran als sehr zivilisiertes Land kennengelernt habe. Ich habe später nochmals den Iran mit dem Auto durchquert. Und wieder bin ich zur selben Einschätzung gekommen. Wenn ein Bush den Iran zur Achse des Bösen zählte, dann zeigt das einzig, daß er schlechte außenpolitische Berater hatte. Der Iran ist für mich das Hoffnungsland in jener Region. Es gibt im nahen und mittleren Osten wohl keine andere Bevölkerung – inklusive der Türkei -, die dem Westen ähnlich positiv gegenüber steht. „Anti-westliche Demonstrationen werden meist von der Obrigkeit angeordnet. Oft werden die Menschen gezwungen, daran teilzunehmen“, erklärte uns einer der Studenten.

Mit Studenten in Täbris. Den alten Mann auf dem Bild da oben haßten sie.

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Übernachtung im Iran nach einem langen anstrengenden Tag. Eigentlich ist die ganze Exotik fremder Länder nur schöne Kulisse. Letztendlich bin ich ein soziales Konstrukt. So entstehen Freundschaften für ein Leben. Außergewöhnliche Erlebnisse sind ein besonderer Kitt.

Im Iran herrschte nicht nur eine freundliche zwischenmenschliche Atmosphäre, auch das Wetter entspannte sich. Es blieb zwar hin und wieder doch noch etwas kühl und naß, sogar in einem Schneegestöber landeten wir noch einmal. Den Schnee schienen wir nicht mehr los zu werden. Es war ja doch schon Mitte April. Aber insgesamt schaute alles freundlicher aus. Vor allem der Wind hatte sich beruhigt. Endlich machten wir die Kilometer, die wir schon lange hätten machen sollen. Es war, als hätte man uns von einem Gummiband, das uns ständig zurückgezogen hatte, losgelassen. Wir nahmen Fahrt auf. Die Reise begann Spaß zu machen.
Wir nahmen Fahrt auf.

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Unterwegs im Iran

Ich habe anfangs davon gesprochen, daß ich bei Reiseantritt gesundheitlich nicht wirklich fit gewesen war. Diese Probleme holten mich auch auf der Reise wieder ein. Neben alllen möglichen „Zipperlein“ wirkte sich die mangelnde Regeneration fatal aus. Ich habe nicht mehr geschlafen. Ich kannte das von zuhause. Nach Anstrengungen stellte der Körper nur langsam auf Entspannung um. Nach ein paar harten Tagen freute ich mich immer auf einen Ruhetag. Als wir dann endlich einmal einen Tag in einer Stadt blieben, stand ich aufrecht im Bett. Es stellte sich keine Entspannung ein. Das begann schon in Rumänien und verstärkte sich mit Fortdauer der Reise. Allerdings konnte ich gut damit umgehen. Ich brauchte am Morgen ein, zwei Stunden, um die Müdigkeit zu überwinden. Dann aber arbeitete der Körper klaglos den ganzen Tag. Deshalb machte Armin am Morgen immer die meiste Führungsarbeit. Überhaupt gewann Armin immer mehr die Oberhand. Ohne ihn wäre ich nicht soweit gekommen. Armin war im Gegensatz zu mir ein „Regenerationsprofi“. Für Armin ist schlafen ein willkürlicher Akt. So wie ein anderer sagt „Jetzt gehe ich laufen“ und dann aufsteht und läuft, verkündet Armin, er gehe schlafen, legt sich hin und schläft – zu jeder Tages- und Nachtzeit. An Ruhetagen, wenn er glaubt, alles in einer fremden Stadt gesehen zu haben, kann er sich am Nachmittag ins Bett legen und schlafen.
Im Iran wurde es besonders schlimm. Ich bin ganze Nächt wach gelegen. Daneben hat Armin 10 Stunden durchgepennt, und ich wußte, daß ich am nächsten Morgen mit dem mithalten sollte. So kam, was kommen mußte.

Es war der 44. Reisetag. Wir hatten gerade die 5000-Kilometer-Marke überschritten. Unser Altimeter zeigte 41 000 Gesamthöhenmeter. Wir waren am Kaspischen Meer, in der Nähe von Rasht, unterwegs. Wir hatten am Vortag 220 Kilometer gemacht und auch am Tag davor hatten wir schon den Zweihunderter geknackt. Es lief prächtig – auch an jenem besagten 44. Tag. Wir waren flott unterwegs. Ich hing knapp an Armins Hinterrad, um den Windschatten optimal auszunutzen. Plötzlich machte ich einen leichten Schlenker, streifte sein Hinterrad und stürzte. Von allem Anfang an war ich überzeugt, daß diese Unachtsamkeit eine Folge der Übermüdung war. Ich lag am Boden und fror. Armin deckte mich mit dem Schlafsack zu und schaute bedrückt drein. Wie er so dastand, hatte ich Mitleid mit ihm. „Von mir aus kannst du schon fotografieren“, sagte ich zu ihm. Da lebte er auf.
„Echt wahr?“
„Ja sicher.“
Als ich so da lag, meinte Armin: „Du hast es gut, für dich sind die Strapazen vorbei. Du darfst nachhause.“ Mir war noch nicht zum Lachen zumute.
Am Straßenrand wartete ich, bis sich der erste Schmerz legte.

Armin ist ein Foto-Besessener. Er holte die Kamera und knipste los. Als die ersten Schmerzen etwas nachgelassen hatten, schoben wir unsere Räder ins nächste Dorf. Es fiel mir schwer, das Rad zu halten. Auf der einen Seite schmerzte die Schulter, auf der anderen das Handgelenk. Im Dorf fanden wir einen freundlichen Mann, der uns mit seinem Auto nach Rasht brachte. In Rasht suchten wir uns erst ein Zimmer. Das war sehr mühselig. Während Armin im Hotel die Zimmer anschaute, wartete ich mit dem Gepäck auf der Straße. Im Nu war ich von einer Menschentraube umringt. Die Leute wollten mit mir sprechen. Es fiel mir schwer Antwort zu geben. Einer sagte: „Du schaust müde aus.“ Ich sagte nur: „Ja, ich bin sehr müde.“

Als wir das Zimmer hatten, gingen wir ins Krankenhaus. Es schien in Rasht keine Kranken zu geben. Es gab außer zwei Krankenschwestern, die auf einem Bett saßen und sich unterhielten, niemanden, der wartete. Ich kam sofort an die Reihe. Der Arzt schaute sich das Röntgenbild an und sagte: „There is nothing. You are a strong man. You can go on.“ Im Hotel schauten wir das Röntgenbild selbst an. „Schau her“, sagte Armin, „ein voller Durchbruch.“ Am Schlüsselbein fehlte ein vielleicht 5 cm langes Knochenstück. Wir hatten noch nie etwas von Tossi gehört. Wir hatten nicht gewußt, daß die Knochen von Bändern zusammengehalten werden und eben aufgehen, wenn die Bänder ab sind. Für uns fehlte ein Knochenstück. Wir konnten nur nicht verstehen, weshalb der Arzt das nicht gesehen hatte. Wir mutmaßten, daß der im Irak-Iran-Krieg eingesetzt gewesen war und sich um Lapalien wie Tossi oder ein gerissenes Band am Handgelenk gar nicht kümmerte.
Anhand des Röntgenbildes diagnostizierten wir einen „vollen Durchbruch“.

Ich fühlte mich gar nicht so stark, wie der Arzt meinte. Für mich stand  fest, daß ich nachhause fahre. Für Armin dagegen stand fest, daß er weitermachte. Er hatte anfangs noch etwas gezweifelt. Die Reise war schon zu zweit recht anstrengend. Aber zu zweit konnte man noch Witze machen über den Scheiß-Wind und die Scheiß-Kälte und überhaupt über alle Läuse, die einem gerade über die Leber liefen. Und wenn man abends gemeinsam bei einem Bier in einem Restaurant saß, war sowieso alles wieder vergessen, und man schmiedete schon wieder neue Reisepläne. Allein wird alles doppelt so schwer. Aber Armin wollte unbedingt nach Peking, und Armin war auch sehr pflichtbewußt. Er baute sich gerade sein Magazin auf. Dafür lebte er, vielmehr noch als ich. Viele unserer Sponsoren waren wichtig für den Erhalt des Magazins. Er war in ständigem persönlichen Kontakt mit den Leuten. Diese Sponsorsachen waren sein Ding. Damit hatte ich nichts zu tun. „Es wäre für mich viel leichter, mit dir nachhause zu fahren. Aber ich habe den Leuten etwas versprochen. Das will ich halten. Allein schon deshalb fahre ich weiter“, sagte er. „Shit“, sagte er auch noch. „aber da kann man jetzt auch nichts mehr machen. Am besten ich schlafe eine Runde.“ Es war zwei Uhr nachmittags. Er legte sich ein Handtuch über die Augen, damit es dunkel war, und schlief eine Runde. Der konnte in dieser Situation einfach schlafen. Armin ist ein Schlafwunder.
Ich fuhr am nächsten Tag mit einem Taxi 320 Kilometer nach Teheran. In Rasht hatte Armin noch das Gepäck im Taxi verstaut. In Teheran stand ich nun mit dem ganzen Zeugs auf der Straße und mußte mich nach einem Hotel umsehen. Wenn man nichts richtig halten kann, wird alles sehr beschwerlich. Es war schon recht warm in Teheran, auch nachts. Ich konnte zum Schlafen zwar die Hose ausziehen, aber an den Pullover wagte ich mich nicht, da ich mir nicht sicher war, ob ich ihn am Morgen wieder anziehen können würde.
Drei Tage nach meinem Sturz kam ich zuhause an. Ich war völlig kaputt. Schon vor dem Sturz hatte ich kaum mehr geschlafen. Dazu die langen 200-Kilometer-Etappen und die anstrengende Reise mit der Verletzung von Rasht nach Vorarlberg: Ich trank ein kleines Bier, dann lag ich flach. Schon am folgenden Tag wurde ich operiert. Die Operation verlief gut. Als ich aus der Narkose aufwachte, fühlte ich mich richtig wohl. Es war so richtig gemütlich in dem warmen sauberen Bett. Das Essen war gut. Ich war bestens gelaunt.
Ein Kern von Wahrheit war schon dabei, als Armin beim Unfall sagte: „Du hast es gut. Du darfst nachhause.“ Ich hätte sehr viel dafür gegeben, hätte ich mit ihm weiter nach China fahren dürfen.  Aber jetzt, da ich so bequem im Spital lag, konnte ich die Ruhe so richtig genießen. Die Fahrt war keine Genußreise gewesen. Nun war ich, so glaubte ich, raus aus dem Spiel. Und das hatte eben auch seine schönen Seiten.

Am Tag nach der Operation in der warmen Frühlingssonne Vorarlbergs. Ich genoß es, mich ins Krankenbett zu legen und solange zu schlafen, wie es mir Spaß machte.

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Leider hatte ich mich getäuscht. Das Spiel ging noch weiter. Nach einem Tag wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. In der Nacht bekam ich starke Schmerzen in der Schulter. Ich wanderte bis zum Morgen im Wohnzimmer auf und ab. Die Wunde brach auf. Eiter quoll heraus. Am Morgen ins Spital und sofort die nächste Operation. Als ich aus der Narkose erwachte, zitterte ich am ganzen Leib. Der ganze Körper brodelte. Ich durchlebte die bis dahin schlimmsten Stunden meines Lebens. Sobald ich aufstehen konnte, nahm ich den Ständer mit den Infusionsbeuteln und wanderte, solange mich die Beine trugen, die Stiegen rauf und runter. Nach einem Tag wurde ich wieder entlassen. In der folgenden Nacht dasselbe noch einmal. Wieder wanderte ich eine Nacht lang im Wohnzimmer auf und ab. Wieder ab ins Spital. Der Eisenstift hatte sich gelöst, die Wunde entzündet. Sofort die nächste Operation. Ich hatte schon mehrere Operationen – Kreuzband usw. – erlebt. Bis dahin hatte mir das absolut nichts ausgemacht. Aber nun hatte ich richtige Angst. Ein Krankenschwester meinte: „Dein Immunsystem ist so im Sand, dich darf man nicht einmal berühren, dann hast du eine Entzündung.“ Als ich aus der Narkose aufwachte, wieder dieselben nervösen Horrorzustände. Ich wurde wegen weiterer Infektionsgefahr von den anderen Kranken separiert. Nun war ich wirklich fertig. Als ich aus dem Iran zurückkam, hatte mich ein kleines Bier umgehaut. Eine Woche später lagen drei Operationen und zwei mit Schmerzen durchwanderte Nächte hinter mir. Nach ein paar Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Die Wunde schmerzte ständig. Mit zusammengezogenen Schultern und eingezogenem Kopf ging ich wie ein gebrechlicher Greis zuhause hinter dem Haus die Straße auf und ab. Zwei Wochen zuvor war ich noch 200-Kilometer-Etappen gefahren. Jetzt war ich ein energieloses Häufchen Elend.

In der Zwischenzeit war Armin auch wieder unterwegs. Auch er hatte einiges an Strapazen zu bewältigen. Ich habe vor kurzem mit ihm über die Reise gesprochen. „Das war eine Reise“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Schau die die Bilder an. Auf manchen bin 30 Jahre gealtert. Das hat mir echt alles abverlangt.“ Die Bedingungen blieben auch nach meiner Abreise schlecht. Das schien zu dieser Reise gehören.

Hier nun die Bilder und einige Anekdoten und Fakten zu Armins weiterer Fahrt nach Peking. Ich fasse hier zusammen, was ich aus Gesprächen mit Armin erfahren habe.

Als ich abgereist war, machte sich Armin auch sofort auf den Weg. An der Grenze zu Turkmenien wollten ihn die Iraner nicht ausreisen lassen. Der Grenzübergang sei für Ausländer gesperrt. Armin blieb stur. Er erinnerte sich der Taktik, die er schon auf der iranischen Botschaft angewandt hatte. Er zog provokant den Schlafsack aus dem Gepäck und sagte: „Ich bleib solange, bis die Schranke aufgeht.“ Wieder hatte er mit der Taktik Erfolg. Nach vielen Stunden der Warterei holperte er unter Elektrozäunen und Wachtürmen durch einen schwer bewachten Todesstreifen nach Turkmenien. Ein mongolisch aussehender Wachbeamte öffnete das Tor. Schwer bewaffnete Soldaten liefen wie aufgeregte Wachhunde hin und her. Einer kam auf ihn zu und fragte: „Warum bist du nicht mit dem Mercedes gekommen?“
„Kein Geld“, antwortete Armin.
Das verstand der Soldat. Armut verbindet. Er lachte, gab ihm die Hand und wünschte ihm viel Glück für die Reise.

Turkmenische Grenzstation

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Armin durchquerte die turkmenische Wüste und die Steppenlandschaft Usbekistans mit schier endlosen Geraden – ein Alptraum für jeden Radfahrer. Einen ersten Lichblick bildeten die Städte Buchara und Samarkand mit ihren Moscheen, die noch aus der Zeit der Seidenstraße stammen.


Die Städte bildeten eine willkommene Abwechslung in der Monotonie. Die Landschaft änderte sich allerdings erst in Kirgisien.
Unterwegs nach Kirgisien

Die grandiose Bergwelt Kirgisiens weckte Heimatgefühle

Heimatgefühle kamen auch auf dem Automarkt in Biskek, der Hauptstadt Kirgisiens, auf. Man fand dort Audi, BMW, Mercedes…Es galt als wertsteigernd, wenn eine D-Plakette auf den Nobelkarossen deren Herkunft unmißverständlich nachwies. „Die Deutschen sind selbst schuld, wenn sie sich die Autos klauen lassen“, zeigte einer der Verkäufer wenig Verständnis für die Beschwerden der Deutschen.

Ein etwas älteres Modell auf dem Automarkt von Biskek
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Knapp außerhalb von Biskek wurde Armin von einem Autofahrer aufgefordert, stehen zu bleiben. Er grüßte freundlich und fuhr weiter. Man kann auf so einer Reise nicht wegen jedem, der mit dir sprechen will, stehen bleiben, sonst schafft man es vielleicht bis Venedig aber sicher nicht nach Peking. Im nächsten Augenblick schwirrte ein faustgroßer Stein haarscharf an Armins Kopf vorbei. Armin warf ihm, dem Steinewerfer, ein paar böse Schimpfworte ins Gesicht, worauf dieser aus dem Wagen sprang und zu einem Kinnhaken ansetzte. Armin konnte sich gerade noch rechtzeitig wegducken. Der Typ schlug ins Leere und stürzte vornüber. Jetzt erst merkte Armin, daß er völlig besoffen war.
Issyk-Kul See

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Auf dem Weg vom Issyk-Kul See zur chinesischen Grenze geriet Armin wider Erwarten in unbewohntes Gebiet. Er hatte längst nichts mehr zu essen. Das wäre kein großes Problem gewesen. Der Durst war schlimmer. Er hatte lange schon kein Wasser mehr bekommen können. Da hielt ein Audi neben ihm. Der Fahrer bot ihm an, ihn in die nächste Stadt zu fahren. Armin erinnerte sich an seine mehrwöchige Kurdistan-Tour, die er ein paar Jahre zuvor alleine mit seinem Bike unternommen hatte. Auch damals ist ihm in unbewohntem Gebiet das Wasser ausgegangen. Als er damals wieder in die Zivilisation kam, war er derart dehydriert, daß er im Krankenhaus an den Tropf angehängt wurde. Er zögerte nicht lange und stieg ein. Nach kurzer Fahrt versperrten ein paar auf der Straße liegende Schafe den Weg. Der Fahrer hielt an, schaute sich nach dem Hirten um, schnappte sich eins, warf es auf die Hinterbank und gab Gas. Dem Schaf gefiel das gar nicht und es pinkelte auf die Bank. Es stank fürchterlich im Auto. Armin mochte den Typ nicht und wollte mit dem Fahrrad weiterfahren. Dieser weigerte sich, stehen zu bleiben. Zuhause verlangte er 100 US-Dollar für das Gepäck, das er zusammen mit seinen Brüdern in der Scheune wegsperrte. Armin weigerte sich zu zahlen. Am folgenden Morgen gab es Schafkopf und Innereien zum Frühstück. Bacha, so hieß der Fahrer, der ihn mitgenommen hatte, lutschte an den Schafsaugen und deutete auf den Schafskopf: „Wenn du mit dem Geld nicht rausrückst, geht es dir wie dem da.“ Da konnte man nichts machen. Wie immer, wenn man nichts machen konnte, legte sich Armin hin und schlief. Das funktioniert bei Armin immer. Am zweiten Tag konnte er in einem unbeobachteten Moment die Scheune aufbrechen. So schnell er konnte, packte er und schon war er wieder unterwegs.

An der Grenze zu China – der Tacho zeigte mittlerweile 8531 Kilometer –  das Kontrastpogramm. Die GUS-Staaten waren eine extreme und anstrengende Region sowohl, was die Landschaft und das Klima, als auch, was die Menschen betraf. Entweder wirst du beklaut oder beschenkt. Nun war wieder einmal das zweite an der Reihe. Der Wachsoldat war begeistert von der Tour. Er kauft Armin eine Dose Fanta und einen Schokoriegel. Sein Chef legte nochmals 200 Tenge (4 Dollar) drauf mit der Auflage, diese in ein kräftiges Mahl umzusetzen.

Am chinesischen Zoll dann das altbekannte Spiel, das wir schon 10 Jahre zuvor erlebt hatten. Armin durfte mit dem Fahrrad nicht in China fahren. Er mußte mit dem Bus nach Urumtschi, um sich ein entsprechendes Permit zu besorgen. Armin war von der langen entbehrungsreichen Reise völlig ausgelaugt. Urumtschi erschien ihm wie ein Paradies. Es gab dort alles, was ein müder Fernradler braucht. Das war nicht viel: Gute Restaurants und ein bequemes Hotel mit einer richtigen, warmen Dusche. Es war schon Wochen her, seit Armin das letzte Mal geduscht hatte. Mit der Ankunft im vergleichsweise reichen und zivilisierten China glaubte er, die größten Schwierigkeiten hinter sich zu haben. Er klang euphorisch, als er bei mir in Altach anrief. Er erzählte mir von einer Reise, die ihm alles abverlangt hatte, und er schaute nun optimistisch in die Zukunft. Was für eine Parallelität zu meiner Geschichte. Es war schon einen Monat her, seit ich gestürzt war. Seither hatte ich täglich Schmerzen gehabt. Eine harte Zeit lag hinter mir. Der Tag, als Armin in Urumtschi ankam, war der erste schmerzfreie seit dem Unfall. Auch ich glaubte, wie Armin, die Schwierigkeiten lägen hinter uns.

Ankunft im gemütlichen Urumtschi

Natürlich erhielt Armin das gewünschte Permit nicht. Also fuhr er eben ohne los. Den ursprünglichen Plan, Tibet zu durchqueren, hatte er fallen gelassen. Nun, da er allein unterwegs war, wollte er so schnell wie möglich weiterkommen. Die Bedingungen waren von Anfang an ungünstig gewesen. Wir waren weniger schnell vorwärts gekommen, als geplant. Tibet wäre allein in dem gesteckten Zeitrahmen nicht zu machen gewesen. Der kürzeste Weg nach Peking führte durch die Talklamakan-Wüste.  Die Route war schnurgerade, langweilig und heiß – so heiß, daß der Asphalt schmolz. In Turfan zeigte das Thermometer abends um sechs immer noch 37°C. Und es machte wenig Anstalten, sich nach unten zu bewegen.
Der Alptraum eines jeden Radfahrers bei Temperaturen jenseits von 40°C.

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Er war wieder mitten drin in den Schwierigkeiten. Selbst der Gegenwind war wieder da. Irgendwann wuchs er zu einem wahrhaftigen Sandsturm an. Der Sand vernebelte alles. Armin konnte seine Beine nicht mehr sehen. Das Atmen fiel ihm schwer. An Fahren war nicht mehr zu denken. Er schob das Rad durch eine undurchsichtige Mauer aus Sand. Als ein Lkw neben ihm hielt, konnte er nicht widerstehen und fuhr mit ihm in die nächste Stadt.

Man wird nicht jünger auf so einer Reise. Armin auf dem vielleicht härtesten Abschnitt der Fahrt. Bewundernswert, daß er trotz aller Schwierigkeiten per Selbstauslöser Bilder  machte.

 Nicht nur Armin hatte eine harte Zeit. Ich blieb ihm treu. Nachdem er Urumtschi verlassen hatte, hat sich meine Wunde wieder entzündet. Die Schmerzen gingen von Neuem los. Ich mußte fast täglich ins Krankenhaus zur Kontrolle.

Die vielgerühmte Seidenstraße ist heute nichts anderes als eine Ansammlung meist trostloser Oasen in einer noch trostloseren Wüste. Einzig die Städte Dunhuang und Xian boten etwas Abwechslung.

Schöne Flecken an der ansonsten eher etwas trostlosen Seidenstraße

Die Psyche machte auf den einsamen Wüstenstrecken kaum mehr mit. Er war schon über 9000 Kilometer bei manchmals sehr widrigen Bedingungen ohne größere Pausen durchgefahren.Die Reise war für zwei Leute ausgelegt. Gerade die langen Wüstenetappen, auf denen er sich mit niemandem unterhalten konnte, waren alleine eine große Herausforderung. Mittlerweile hatte auch das Material ordentlich gelitten. Die Felge hatte einen Riß. Das Hinterrad eierte. Er klinkte die Bremse aus, damit er überhaupt noch fahren konnte.

Bei Cidde kam ein Beamter auf die Idee, daß er unerlaubterweise in China geradelt sei und deshalb eine Buße zu zahlen hätte. Armin konnte sich seiner Meinung nicht anschließen und weigerte sich auch nur einen Yuan herauszurücken. Der Beamte nahm ihm seinen Paß ab. Armin lachte und zeigte ihm seinen Zweitpaß. Daraufhin geriet der Beamte etwas in Erregung. Armin durfte die Stadt nicht verlassen. Am nächsten Morgen wurde er samt Rad in einen Bus verfrachtet. Schon in der nächsten Stadt verließ Armin den Bus wieder und setzte die Reise auf dem Rad fort.

Nach einem Besuch der chinesischen Mauer erreichte Armin am 104. Tag, nach 11 000 Kilometern und 67 000 Höhenmetern, Peking. An eben diesem 104. Tag betrat ich das Krankenhaus zum letzten Mal: „Das war dann wohl die letzte Kontrolle“, sagte der Arzt. Die Wunde ist gut verheilt.