Prolog:

Es war September 1986. Ich saß in Rainers Zimmer und blätterte im Atlas. Ein Sommer ging zu Ende. Es war unser „Kondi-Sommer“. Den ganzen Sommer über waren wir mit unseren Rädern in den Bergen unterwegs gewesen. Ein Ausdauerhammer nach dem anderen: 175 Kilometer mit dem Fahrrad von Altach auf die Bielerhöhe + Piz Buin, Silvrettahorn und Schneeglocke und wieder retour, an einem Tag. 125 Kilometer Rund um den Säntis mit anschließender Säntis-Altmann-Mutschen-Überschreitung. So ging das den ganzen Sommer durch, jedes Wochenende, selbst bei schlechtem Wetter, keine Tour unter 3000 Höhenmeter. Anfang Oktober wurde es auf den hohen Bergen langsam etwas unbequem. Deshalb suchten wir ein Ziel weiter im Süden, um unseren Bike & Hike-Sommer etwas zu verlängern. Wir waren gerade gut im Schuß. Da wollten wir noch nicht aufhören. Rainer hatte nur zwei Wochen Urlaub, deshalb mußte das Ziel leicht erreichbar sein. Zuerst kamen wir auf die Pyrenäen. Dann aber entdeckten wir im Atlas hohe Berge im Süden Jugoslawiens. Wir hatten bis dahin noch nie etwas von jenen Bergen gehört. Das weckte unseren Entdeckergeist. Bobotov Kuk, mit 2522 m der höchste Berg der Region: Allein der Name klang schon abenteuerlich. In der Nähe gab es noch weitere Berge von ansprechender Höhe. Das sollte eigentlich ausreichen für einen zweiwöchigen Bike & Hike-Urlaub.

Jugoslawien

Am 1. Oktober ging es los. Rainers „Ente“ war bis oben voll beladen. Dazu braucht es bei einer „Ente“ nicht viel – zwei 10-Gang-Sporträder, KTM – Formula, zwei Schlafsäcke und ein paar Kleider. Wir reisten immer „leicht“. Das war ein Leitspruch, den ich von Rainer mitbekommen hatte: „In den Bergen zählt die Schnelligkeit.“ Rainer war sozusagen, obwohl er drei Jahre jünger ist als ich, mein alpiner Ziehvater. Er war es, der mich vier Jahre zuvor das erste Mal in die Berge mitgenommen hatte. Seither hatten wir viele alpine Klettertouren zusammen gemacht. Ich habe viel von ihm gelernt. Er machte immer so klare und verständliche Ansagen. Ich nenne sie Leitsprüche. Mein Lieblingsleitspruch stammt noch aus der Anfangszeit meiner „Bergkarriere“. Es war auf meiner allerersten Skitour, in der Silvretta. Ich habe damals ganz vorsichtig vorgebracht, daß meine Zehen seit Stunden eingefroren seien. Worauf Rainer antwortete: „In die Berge geht man nicht, um es „frey“ (bequem) zu haben.“ Das ist der allererste Leitspruch, den ich von ihm gelernt habe, und er erschien mir – zumindest damals – plausibel. Ein anderer ganz wichtiger Grundsatz war eben der mit dem „leicht Reisen“. „Wenn du schnell und beweglich bist, kannst du auf Wetterumschwünge reagieren“, erklärte er mir ständig. „Und schnell bist du nur, wenn du wenig Gepäck dabei hast.“ Wahrscheinlich war er nur zu faul, einen großen Rucksack mitzuschleppen. Aber Faulheit war nun mal kein Rechtfertigungsgrund. Deshalb mußte eine Weisheit her. In unserem Fall hieß „leicht reisen“, daß wir etwa die oben schon erwähnte Piz Buin-Schneeglocke-Tour in kurzen Hosen, T-Shirt, und Turnschuhen machten. Als Verpflegung hatten wir eine Manner-Schnitte dabei – keine Trinkflasche, keinen Rucksack. Bei der Wiesbadner Hütte gab es Wasser, das mußte reichen.

Wir fühlten uns nie als reine Sportler. Sportler versuchen unter Laborbedingungen ihre Leistungsfähigkeit hochzuschrauben. Sportler brauchen einen Trainingsplan, ausreichend Schlaf, ausgeklügelte Ernährung, isotonische Getränke. Wer seinen Körper an solche Idealbedingungen gewöhnt, funktioniert nur unter Idealbedingungen, dachten wir. Unser Ziel aber waren Berge und ferne Länder. In Bergen und fernen Ländern würde es vorkommen, daß man auch ohne Nahrung und ohne Schlaf funktionieren muß. Deshalb wollten wir unsere Körper gar nicht erst mit dem ganzen Firlefanz verwöhnen. Auch bei unserer Jugoslawien-Reise haben wir mit der Ausrüstung nicht geprotzt: Kein Zelt, keinen Kocher, keine Schlafsackunterlage, nicht einmal eine Jacke hatte ich dabei. Im Süden, dachte ich, ist es immer warm. Da mußten zwei T-Shirts, zwei leichte Pullover und ein Regenponcho reichen. Wir hatten geplant mit dem Auto gemächlich bis nach Sarajewo zu tuckern. Dort wollten wir mit dem Rad durch die Berge fahren, ein paar Gipfel besteigen und so eine schöne „Ausdauersaison“ ausklingen lassen. Wenn Rainer dann nach zwei Wochen wieder zurück nach Österreich mußte, wollte ich weiter in die Türkei radeln, nach Antalya. Charly, ein Freund von mir, machte dort Anfang November Urlaub. Ich hatte geplant, mich am 1. November mit ihm in Antalya zu treffen und am Ende seines Urlaubs mit ihm nachhause zu fahren.

 Rainer mit spartanischer Ausrüstung an der jugoslawischen Küste

imm-002

Unsere erste Tagesetappe führte uns zu Rainers Freunden in eine Studentenwohnung in Innsbruck. Rainers Freunde waren allesamt Bergsteiger – nicht nur in Innsbruck, überhaupt. Nicht alle Bergsteiger sind Rainers Freunde, aber alle seine Freunde sind Bergsteiger, sonst geht das nicht. Worüber sollen sie sonst mit ihm sprechen?
Ich ging auch oft in die Berge und kletterte regelmäßig, aber so etwas hatte ich bis dahin noch nicht gekannt. An dem Abend und wahrscheinlich auch an so manch anderem Abend, von dem ich aber nichts weiß, gab es in dieser Wohnung nur Berge. Die Typen, vermute ich, dachten nur Berge. Ich glaube, die träumten nur Berge. Für mich waren das Extreme. Ich bin auf dem Fußballplatz sozialisiert worden. Keiner meiner Freunde – außer Rainer – hatte mit Bergen etwas am Hut. Für Rainer aber war das, was da geschah, Normalität. Die richtig Extremen, die wären ganz anders, erklärte er mir. Irgendwann hingen sie alle an der Klimmzugstange rum. Diese Stange schien in der ansonsten eher spartanisch eingerichteten Wohnung sowieso das wichtigste Möbelstück zu sein. Die hingen aber nicht dran wie andere Leute und machten zehn Klimmzüge und verzogen dabei das Gesicht vor Anstrengung. Die hatten eine Bierflasche in der einen Hand, zogen sich mit der anderen hoch, nahmen einen Schluck aus der Flasche und ließen sich wieder runter. Ich habe damals noch nicht gewußt, daß so etwas unter Kletterern ganz normal ist. Rainer und ich trainierten ja auch ab und zu. 20 Stück hätten wir wohl auch noch irgendwie zusammengemurkst, und ich hatte bis dahin sogar geglaubt, das sei eh ganz gut. An jenem Abend hielt ich mich aber bescheiden zurück und mied die Nähe der Klimmzugstange. Dabei war das, was die da machten, gar nicht so schwierig, wenn man ihnen glauben wollte. „Du mußt dich nur regelmäßig an die Stange hängen, dann geht so ein einarmiger Klimmzug plötzlich ganz von selbst“, erklärte mir einer seine Trainingsphilosophie. Also nicht nur Rainer hatte einprägsame Weisheiten von sich zu geben, auch seine Freunde. Wahrscheinlich lieben Bergsteiger klare, einfache Statements. Wenn ich nach Hause käme, würde ich mich dann ab und zu an die Stange hängen. Vorerst öffnete ich aber noch ein Bier und schaute verwundert zu. Ich hatte nicht erwartet, daß mich schon am ersten Tag so viel Exotik erwarten würde. Die Reise fing gut an.

Am nächsten Tag, um ca. fünf Uhr nachmittags, näherten wir uns dem kleinen kroatischen Städtchen Karlobag. Man kam langsam vorwärts mit der „Ente“. Wir rückten schon ungeduldig auf unseren Sitzen hin und her. Den ganzen Tag bewegungslos im Auto: Wir hatten nicht gerechnet, wie hart das sein kann. 14 Stunden durch die Berge stiefeln, das war kein Problem, das machte schließlich Sinn. Aber im Auto den ganzen Tag absitzen. Wir rechneten hoch, wie lange es bis Sarajewo dauern würde. Das Ergebnis der ersten Hochrechnung demoralisierte uns. All unser Mut und Abenteuergeist drohte uns zu verlassen. „Nein, das geht wirklich nicht“, beschloß Rainer und parkte das Auto auf einem öffentlichen Parkplatz mit Blick aufs Meer. Rainer ist ein friedliebender, handzahmer, ausgeglichener Mensch, wenn er in Bewegung ist. Aber eben nur, wenn er in Bewegung ist. In Ruhe läuft er Gefahr, sein seelisches Gleichgewicht zu verlieren. Auch ich bewege mich gerne. Im Verhältnis zu Rainer aber habe ich einen geradezu  meditativen Charakter, wenn ich auch zugeben muß, daß auch meine meditative Seite an jenem Tag in der „Ente“ langsam an ihre Grenzen stieß. Rainer schlug vor, erst mal kurz auszusteigen, um über unser weiteres Vorgehen zu beraten. Ob das mit Sarajewo wirklich eine gute Idee sei, stellte er seine Zweifel in den Raum. „Das mit Sarajewo grundsätzlich schon“, antwortete ich. „Nur das mit dem Auto nicht.“ Rainer schloß sich meiner Analyse an. Es gebe wahrscheinlich nur eine Lösung, diesen Urlaub zu retten: Wir müßten uns wahrscheinlich wieder einmal bewegen und zwar jetzt, auf der Stelle. Wir nahmen die Fahrräder aus dem Auto, packten unsere sieben Sachen zusammen – so eine „Ente“ würde sicher niemand klauen – und fuhren los. Es war knapp nach fünf. Der einfachste Weg in den Süden, dort wo unsere Berge standen, hätte der Küste entlang geführt. Aber wir wollten uns ja bewegen. Unmittelbar von der Küste stieg eine schmale Straße in gemächlicher Steigung in die Berge. Wir konnten nicht widerstehen. Der Urlaub war gerettet, gerade noch bevor die Stimmung zu kippen gedroht hatte. Als wir eine Anhöhe überquert hatten, wurde es langsam dunkel. Wir suchten eine geeignete, flache Stelle, um unsere Schlafsäcke auszubreiten. Wir hatten in Karlobag nichts eingekauft, bevor wir losgefahren waren. Wir wollten einfach weg. Es würde, so hofften wir, schon irgendwann „was“ kommen. Es kam nichts. Wo nichts kommt, kann man auch nichts einkaufen. Das ist, wenn es auch so klingen mag, keine Weisheit von Rainer, das ist ein Naturgesetz. Trotzdem hatte ich Glück. Ich habe es schon erwähnt: Rainer ist ein ausgeglichener, freundlicher Mensch, wenn er sich bewegt. Die paar Höhenmeter, die wir am Abend noch schnell gemacht hatten, waren völlig ausreichend. Er benötigte nicht mehr. Rainer packte zu meiner Überraschung einen Apfel aus. Ich hätte nichts gesagt, hätte er ihn allein gegessen. Er hatte ihn auch alleine da hoch geschleppt. Aber er dachte nicht einmal daran. Er brach ihn und reichte ihn mit den Worten: Sonst habe ich nichts dabei.
Am nächsten Morgen wurden wir für unsere Askese reichlich entlohnt. Wenn mir etwas von Jugoslawien in Erinnerung geblieben ist, dann ist es das knusprige, warme Weißbrot zum Frühstück. Man kaufte es in den kleinen Dörfern in der Bäckerei. Es gab dort nur dieses eine Weißbrot zu kaufen, sonst nichts, gar nichts, und man mußte dafür oft in einer Schlange anstehen. Nach dieser ersten Nacht schmeckte es ganz besonders gut. Wir hatten richtig Hunger. Weißbrot mit Schafkäse an einem sonnigen Herbstmorgen auf einer Gartenmauer in einem jugoslawischen Bergdorf: Ich kann mir nichts Besseres vorstellen.

Abwechselnd fuhren wir mal  an der Küste, dann wieder im hügeligen Hinterland Richtung Durmitor Nationalpark.

Nach einer kurzen Etappe durch die Bergdörfer, fuhren wir wieder zur Küste runter, schwammen ausgiebig im Meer, genossen das touristische Leben und die überdimensionalen Grillplatten, die spottbillig waren, und wechselten dann wieder über ein einsames Bergsträßchen ins Hinterland, nur um am nächsten Tag wieder ans Meer runter zu fahren. Bei Kotor verließen wir die Küste endgültig auf einer herrlichen Paßstraße. Schon bald erreichten wir die Berge des Durmitor Nationalparks. Wir wollten Zabljak, den Hauptort des Nationalparks, durch die Hintertür, auf einer Nebenstraße, die auf unserer Karte nur als hauchdünner Strich zu erkennen war, erreichen. Der unscheinbare Kartenstrich entpuppte sich als schönes Bergsträßlein. „Eine wirklich gute Wahl, dieser Nebenweg“, dachten wir, und waren auch ein bißchen stolz auf unsere vorzügliche Routenplanung. Keine Autos – die waren damals in jener Gegend sowieso eine Rarität -, keine Menschen, keine Hunde und bald eben auch keine Straße mehr – zumindest nichts, was man bei uns, auch bei großzügigster Auslegung, als Straße bezeichnet hätte. Wir könnten ja weiterschieben, überlegten wir uns, als wir von einer Waldlichtung ins Tal hinunterschauten. Aber wir zweifelten, ob der Weg wirklich irgendwo hinführen würde. Eigentlich war uns das auch egal. Wir wollten uns sowieso etwas in der Gegend umschauen. Ob wir einen Tag früher oder später nach Zabljak kämen, das spielte keine Rolle.
„Da hätten wir gleich zuhause bleiben können, das ist ja gleich wie im Nenzinger Himmel“, bemerkte Rainer trocken, als er auf seinem Brot rumkaute. Hätte ich Rainer nicht gekannt, ich hätte der Bemerkung etwas Resignation und Enttäuschung entnommen, vielleicht sogar einen Anflug von Heimweh. Aber ich kannte Rainer und ich kannte seine Art, Komplimente zu machen. Die äußert sich in feinen Nuancen. Er pflegt einen sehr restriktiven Umgang mit schönen Worten. Überschwang ist nicht seine Sache. Er mochte den Nenzinger Himmel. Bevor die Straße für Radfahrer gesperrt worden war, sind wir manchmal dorthin gefahren. Eigentlich hatte er nur sagen wollen: „Schön hier!“ Aber, ob schön oder nicht, es nutze alles nichts. Schlußendlich rollten wir doch auf dem Sträßchen wieder ins Tal und fuhren auf der „Hauptstraße“ ins Durmitor-Gebiet.

 Im Durmitor Nationalpark

Am nächsten Tag starteten wir von Zabljak, dem Hauptort der Region, zum Bobotov Kuk. Wir hatten uns zuhause informiert. Wir mußten uns in Richtung „Jezero“ halten. In Zabljak gab es richtige Wanderschilder. Und tatsächlich fanden wir auf diesen unser „Jezero“. Wir folgten stets der Beschilderung. Die war überraschend gut. Wir überholten einen jungen Deutschen, der auch zum Bobotov Kuk wollte. Bald sahen wir nichts mehr von ihm. Nach einer langen Bergwanderung endete die Beschilderung bei einem See. Da führte kein Weg mehr weiter. Wir ahnten nun langsam, was später Gewißheit werden sollte: Dieses „Jezero“, von dem wir zuhause in einem Jugoslawienführer gelesen hatten, war gar kein Ort. „Jezero“ war die jugoslawische Bezeichnung für See. Es gibt viele schöne Seen im Durmitor Nationalpark, und einen davon hatten wir hiemit besucht. Wir waren spät aufgebrochen. Wir waren mit unseren Rädern erst gegen Mittag in Zabljak angekommen. Es war zu spät, um umzukehren. In jener Nacht merkte ich erstmals, daß es auch im Süden, wo es doch nach meiner Einschätzung immer warm sein sollte, richtig ungemütlich werden kann. Wir waren gar nicht mal besonders hoch. Trotzdem war, als wir am Morgen erwachten, das Wasser in unseren Trinkflaschen zu Eis gefroren. Wegen der Kälte waren wir schon früh wach und stiegen auch gleich ins Tal ab. Bei einem großen See, ganz nah bei Zabljak, fanden wir schließlich die richtige Beschilderung. Nach ein paar Stunden trafen wir auch unseren Deutschen wieder. Eigentlich sahen wir nur sein Nachtlager. Er hatte da oben biwakiert. Jetzt kroch er irgendwo tief unten in einer Höhle herum. Was er da unten mache, schrien wir in die Höhle hinunter. Er suche nach Wasser. Wir wunderten uns, weshalb er nicht einfach auf den Gipfel ging – soweit war der auch nicht -, anstatt seine Energie in so einer Höhle zu verschwenden. In Zabljak könnte er dann noch genug trinken. Hier bewahrheitete sich Rainers Leitsatz wieder: „In den Bergen zählt die Schnelligkeit.“ Der Deutsche kannte ihn nicht, deshalb mußte er in einer dunklen, feuchten Höhle rumkriechen. Wir hatten nichts zu essen dabei. Unseren Proviant hatten wir am Vorabend an unserem „Jezero“ aufgebraucht. Und jetzt lag da eine offene Kekspackung vor uns, und ihr Besitzer war tief unten in der Höhle. Nie hätte ich etwas weggenommen, auch wenn ich richtig Hunger hatte. „Das tut man nicht“, hatten mich meine Eltern gelehrt. Rainers Eltern hatten ihn dasselbe gelehrt. Trotzdem stibitzte er einen Keks.
„Das tut man nicht“, habe ich ihn gemaßregelt.
„Der sieht das sowieso nicht“, meinte er. Als ob das einen Einfluß darauf hätte, ob man etwas tut oder nicht.
„Schau mal, was der an Gepäck mit hat. Der kann drei Tage hier oben überleben. Der merkt das doch nicht“, sagte er, als er den zweiten nahm. „Im Gegenteil, der kann doch froh sein, wenn sein Rucksack etwas leichter wird.“ Einen habe ich auch weggenommen, nur einen einzigen, dann schickten wir noch einen Abschiedsgruß in die Unterwelt und waren wieder weg, ohne unseren Spender zu Gesicht bekommen zu haben. Bald schon waren wir auf dem Gipfel.

Rainer mit Funktionsnylonsack auf dem Gipfel des Bobotv Kuk. Die Rucksäcke blieben im Tal. Wir waren stets „leicht“ unterwegs.

imm-014Beim Abstieg haben wir den Deutschen wieder getroffen. Mein Gott, hatte der Gepäck auf dem Buckel. Der würde wohl nochmals biwakieren müssen, bedauerten wir den armen Kerl. Nach diesem Gipfelsieg mußte Rainer schon an seine Rückreise denken. Er wollte mit dem Fahrrad zurück nach Karlobag. Bei einer Wegkreuzung, etwas außerhalb von Zabljak, blieben wir kurz stehen.
„In vier, fünf Wochen bin ich auch wieder zurück. Vielleicht auch schon früher. Ich melde mich, wenn ich wieder im Land bin“, sagte ich.
„O.k. Bis später. Tschau.“
Er fuhr rechts, ich links. Die Verabschiedung war kurz und formlos.

Irgendwie war es ein komisches Gefühl, plötzlich so allein in die Welt hinaus zu radeln und zu wissen, daß er schon in wenigen Tagen wieder zuhause sein wird. Auch wenn ich schon viel gereist war, war ich doch ein waschechter Vorarlberger geblieben, den das Heimweh in solchen Situationen nie ganz in Ruhe ließ. Wenn ich jetzt schon nicht nachhause „durfte“, dann wollte ich wenigstens so schnell wie möglich in die Türkei. Schon ein paar Jahre zuvor hatte ich die Türkei mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereist. Ich wußte, in der Türkei ist das Reisen einfach: Freundliche Leute, gutes Essen und Bier selbst in den kleinsten Dörfern. Zudem konnte ich mich mit den Leuten verständigen, weil ich etwas Türkisch sprach. Wenn man allein reist, macht es einen riesigen Unterschied, wenn man sich zumindest ein wenig mit den Leuten unterhalten kann. Ich machte Kilometer. Es gibt nicht viele Gründe, vom Fahrrad zu steigen, wenn man allein ist. Mit Rainer war das anders. Da konnten wir schon einen halben Nachmittag am Meer verbringen. Aber alleine und dann noch im Kosovo! Da gibt es kein Meer. Nun ist es nicht so, daß es mir im Kosovo nicht gefallen hätte. Ganz im Gegenteil. Ich genoß die Fahrt durch das ruhige, ländliche Gebiet auf Straßen fast ohne Verkehr. Aber in einem der kleinen, gottverlassenen Weiler absteigen? Nein, ich hätte wirklich nicht gewußt, was ich da hätte machen sollen. Obwohl ich den ganzen Tag auf dem Rad saß, kam ich in Skopje zum Schluß, daß ich es nicht bis zum ersten November nach Antalya schaffen würde. Der erste November war der Tag, an dem ich mich mit Charly in Antalya verabredet hatte. Deshalb beschloß ich, die 220 Kilometern bis ins griechische Saloniki noch am Abend mit der Bahn zurückzulegen. Insgeheim war ich ganz froh, daß mir die Zeit knapp wurde. Es war nämlich eiskalt in Jugoslawien. Ich hatte ja keine warme Jacke dabei. Wer braucht schon eine Jacke, wenn er gegen Süden fährt?  Am Morgen, wenn ich mein obligatorisches Weißbrot mit Schafskäse zum Frühstück verdrückte, lief ich ständig bibbernd neben dem Fahrrad auf und ab. Im Sitzen wollte sich keine entspannte Frühstücksatmosphäre einstellen.

Griechenland

Ein paar Kirchen und etwas Meer, und schon lag Griechenland wieder hinter mir.

Wenn ich nun gemeint hatte, in Griechenland hätte sich noch ein letzter kleiner Rest vom Sommer versteckt, dann hatte ich mich geirrt, es sei denn, er hätte sich wirklich richtig gut versteckt. Die Badeorte entlang meiner Reiseroute waren verlassen. In den Restaurants war ich der einzige Gast. Ich hasse diese „End-of-season-Stimmung“.  Traurig schauten sie aus, die Orte, ohne jedes Leben, als ob sie sich auf einen langen, einsamen Winterschlaf vorbereiteten. Der Vorhang wurde runtergezogen bis zum nächsten Jahr. Was machen all die Leute in dieser Zeit. Verlassen und langweilig stelle ich mir das Dasein der wenigen Zurückgebliebenen vor. Die müssen hier bleiben. Ich kann weg. Ich habe ein Fahrrad. Wie glücklich war ich darüber. Selbst wenn mich die Griechen warnten: „In die Türkei? Alleine? Das ist gefährlich!“ Wenn ich abends in einem kleinen Restaurant mein Bier trank, versuchten sie alle, der Kellner, der Koch, falls zufälligerweise noch ein Gast anwesend war, auch dieser, mich von meinem  waghalsigen Unternehmen abzubringen. Keiner von denen wäre jemals allein in die Türkei gefahren. Herr Bush hat einmal von der Achse des Bösen geredet. Ich bin mir sicher, die Griechen werden ihn nicht verstanden haben. Irak, Iran, Nordkorea: Mag ja recht und gut sein. Aber die Türkei? Weshalb hat dieser Bush, der offensichtlich keine Ahnung hat von der Weltpolitik, die Türkei vergessen. Die Türkei, der Hort allen Bösen. Und ich wollte genau dorthin, mit einem Fahrrad. Nicht einmal ein Messer hatte ich bei mir. Sie schauten ungläubig. Ich zeigte ihnen meine Plastikfahrradpumpe und schwang sie durch die Luft. Die würde ich meinen potentiellen Angreifern über den Kopf ziehen, versicherte ich ihnen. Tatsächlich habe ich die Pumpe, wenn ich draußen im Freien schlief, immer in Griffweite neben meinen Schlafsack gelegt, für den Fall, daß mir doch einmal so ein unliebsamer Geselle etwas zu nahe käme. Sie vermittelte ein Gefühl der Sicherheit. Man lag dann nicht ganz „nackt“ und wehrlos da draußen in der bösen Welt. Ich bin mir nicht sicher, ob der gegebenenfalls so Malträtierte eine Beule davongezogen hätte, bei dem leichten Plastikteil. Wahrscheinlich nicht! Ich wollte darüber nicht nachdenken. Ich machte mir über solche Sachen überhaupt nie besondere Gedanken. Ich begann stets schon wenige Kilometer vor dem Ende einer Tagesetappe eine günstige, abgelegene Stelle für die Nacht zu suchen. War ich fündig geworden, fuhr ich meist noch in die nächste Siedlung, um, falls es ein Restaurant gab, etwas zu essen und ein Bier zu trinken. Meist kehrte ich danach in der Dunkelheit an den zuvor ausgesuchten Platz zurück. Dabei achtete ich darauf, daß ich von niemandem beobachtet wurde. So fühlte ich mich immer sicher. Und sollte ich, was manchmal vorkam, doch entdeckt werden, dann wäre es, so meine Vermutung, doch ein großer Zufall, wenn gerade der auf die Idee verfallen sollte, mich zu meucheln. Ich überlegte, was ich zuhause machen würde, würde ich nachts über so einen Globetrotter in seinem Schlafsack stolpern. Nichts – vielleicht würde ich ihn auch für die Nacht nachhause einladen. Was würden meine Freunde machen? Genau dasselbe. Weshalb sollte das in den Dörfern Jugoslawiens, Griechenlands oder der Türkei anders sein? Deshalb war ich mir sicher, daß meine Plastikpumpe noch allemal zum Schutz meines Leibes sowie meines Lebens ausreichte. Die Griechen waren, wenn ich sie so durch die Luft schwang, nicht meiner Meinung. Nicht für die Türkei! Ich war ein Verrückter. Darüber mußte man sowieso nicht lange reden, allein schon, wenn einer mit dem Fahrrad nach Griechenland kommt. Aber ein winzig kleines Bißchen bewunderten sie mich auch. Ich war in ihren Augen nämlich ein wagemutiger Verrückter. Ich möchte nicht verheimlichen, daß die Türken dasselbe dachten. Das weiß dort jedes Kind, daß man den Griechen nicht trauen soll, selbst wenn sie Geschenke, Holzpferde und solche Dinge, dir bringen.

 

Türkei

Die Türken musterten mich von oben bis unten, als ich aus Griechenland ankam. Es fehlten weder Hände noch Füße, und die Nase war auch nicht krummer als die ihre, selbst all mein Geld hatte ich noch, wie ich ihnen glaubhaft versicherte. Konnte der von „drüben“ kommen? Ein leichter Zweifel hing stets in der Luft. Wenn ich sie aber einmal von der Wahrheit überzeugt hatte, dann wandelte sich die Skepsis in Bewunderung. Ich war nun mal ein wagemutiger Verrückter.

Dabei lagen meine wahren Feinde ganz woanders, wo sie kein Türke vermutet hätte. Ein Türke käme nie auf die Idee, auf einem Rad quer durchs Land zu fahren. Deshalb konnten sie auch nicht wissen, was sie uns Fernradlern mit ihren Billigstraßen antaten. Die Straße zwischen Canakkale, dem türkischen Grenzort, und Izmir, das war wirklich ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Man nehme eine Ladung großer, spitzer Steine, verstreue sie auf dem Boden und leere dann achtlos eine Ladung Teer darüber, um sie zu fixieren. Im Nu ist so eine Fernstraße gemacht. Manche Steine schauen mit ihren Spitzen nach oben – inschallah -, manche nach unten – ebenfalls inschallah. Die, die er – eben dieser Allah –  nach oben schauen lassen wollte, waren für mich ein Problem. Was für einen indischen Fakir sein Nagelbrett, war für mich die Straße nach Izmir – mit dem einen Unterschied: Der geübte Fakir trägt weniger Blessuren davon als meine Reifen. Dreimal mußte ich in zwei Tagen flicken. Ich verdammte diese Straße.

Eine zweite „Plage“ waren die Menschen. Diese Plage muß natürlich in Anführungszeichen gesetzt werden. Türken sind überaus gastfreundlich. Gastfreundschaft ist grundsätzlich ein schöner Wesenszug, den ich auf meinen Türkeireisen immer genossen habe. Aber sie kann das Fortkommen ordentlich verzögern. Und ich hatte nun mal einen Termin in Antalya. Überall wurde ich zum Essen eingeladen. Manchmal versuchte ich, mich an den kleinen Weilern am Straßenrand vorbei zu schleichen. Nur nicht hinsehen, wenn einer am Straßenrand steht. Aber dann hat er dich doch erwischt, und kurz darauf sitzt man im Kreise einer türkischen Großfamilie am Boden und ißt Salat, gefüllte Paprika und diese vor Fett triefenden Auberginen, die ich so liebte. Dabei war der Magen noch von der letzten Einladung voll. Wie bringt man einem Türken bei, daß man nicht mehr essen kann, daß es ganz einfach nicht mehr geht, daß der Magen letztendlich auch nur ein hundsgewöhnlicher Sack ist und daß es ein Naturgesetz ist, daß man in einen Hohlraum nicht beliebig Nahrungsmittel stopfen kann – wobei, meinen Magen in der Türkei als Hohlraum zu bezeichnen, der Situation nicht gerecht geworden wäre. Hohl war der nie. Aber probier‘ einmal einer, eine Einladung abzulehnen. Viel passierte in der Gegend nicht. Einen Fernseher habe ich bei meinen Gastgebern nie gesehen. Ich war das Fernsehprogramm. An mir konnte man seinen Hunger nach Unterhaltung und seine Neugier an der Welt außerhalb des Dorfes abarbeiten. Den Fremden, sein Fahrrad, die Ausrüstung etwas inspizieren: Das hätte ihnen vollkommen ausgereicht. Aber ich bot mehr. Mit mir konnte man sich unterhalten. Die Gastfreundschaft stieg ins Grenzenlose, sobald ich die ersten türkischen Phrasen radebrechte. Dann ging’s erst richtig los:  Früchte, picksüße Desserts, Cay. Ablehnen unmöglich. Ich mußte das alles – im wahrsten Sinne des Wortes  – selbst auslöffeln.

Knapp vor Izmir suchte ich mir wieder einmal eine Stelle zum Schlafen. Es wurde schon dunkel, ich hatte kein Wasser mehr, und ein Dorf, wo ich etwas kaufen hätte können, war auch nicht in Sichtweite. Deshalb klopfte ich bei einer einsam gelegenen, armseligen Hütte an, mit der Bitte, meine Wasserflasche aufzufüllen. Der Bewohner war nur wenig älter als ich, knappe 30. Er lebte allein in der Hütte und er saß in einem Rollstuhl. Es sei schon dunkel, wo ich  noch hin wolle. Nicht mehr weit. Ich würde bald irgendwo da draußen schlafen. Daß das in der Türkei nicht geht, versteht sich von selbst. Ich könne bei ihm übernachten. Nicht in einem Bett – er hatte kein zweites Bett und auch keine Couch. Überhaupt war der Raum sehr spartanisch eingerichtet: Kahle Wände, nackte Glühbirne, Betonboden, ein Tisch, ein paar Stühle und ein einfacher Herd. Aber ich könne ja auf dem Boden schlafen, dann hätte ich wenigstens ein Dach über dem Kopf. Das sei schließlich immer noch besser als da draußen im Freien. Nein, war es nicht. Ich liebte es, unter einem Sternenhimmel zu schlafen. Aber der Typ war sehr sympathisch. „Ja, das ist wahr, viel besser“, erwiderte ich, um seine Gastfreundschaft entsprechend zu würdigen. Er war Lehrer. Ich konnte mir nicht vorstellen, wo. Wo sollte da eine Schule stehen. Da gab es nicht einmal Häuser in der Umgebung. Und er, in seinem Rollstuhl? Er schlug ein paar Eier in die Pfanne, die wir zusammen mit Weißbrot verspeisten. Es schmeckte köstlich, vor allem vor dem Hintergrund, daß ich mich mangels Einkaufsmöglichkeiten schon darauf vorbereitet hatte, mit leerem Magen zu Schlafsack zu gehen.
Nach dem Essen trudelten nach und nach seine Freunde ein, es waren vielleicht zehn, alles junge Männer, kaum älter als ich. Wieder wunderte ich mich, woher die kamen. Die hatten keine Mopeds, schon gar keine Autos, und Häuser, wie schon gesagt, konnte ich nirgends entdecken. Egal woher sie auch gekommen sein mögen, sie waren da, sie tranken Tee und sie kauten Unmengen von Kürbiskernen. Sie nahmen die Kerne zwischen die vorderen Zähne, bissen die Schale auf und pickten sich mit der Zunge den essbaren Kern heraus. Die Schale spukten sie auf den Boden. Die machten das unglaublich schnell. Sie versuchten, es mir beizubringen, aber ich stellte mich ungeschickt an.
Vieles wollten sie von mir wissen, vor allem aber, ob es bei uns genug Frauen gäbe. Was für eine Frage! Ob es genug Frauen gäbe!? Ich hatte mir das noch nie überlegt. Ich meine, die Frauen waren da. Ob es nun genug sind, darüber hatte ich mir bis dahin den Kopf noch nie zerbrochen. Vielleicht hatte ich sie nur falsch verstanden. Mein Türkisch war ja doch sehr mangelhaft. Vielleicht wollten sie mich fragen, ob ich genug von den Frauen habe. Immerhin war ich 27 und allein mit einem Fahrrad unterwegs, was für einen Durchschnittstürken schon ein gewichtiges Indiz war, daß da etwas nicht stimmen konnte. Ob ich verheiratet sei, ob ich Kinder hätte und wie ich es aushalten würde, so allein mit meinem Fahrrad ohne Frau, das waren immer die ersten Standardfragen bei jeder Begegnung. Manchmal gab ich mir – weil es für die Menschen so unverständlich war, daß ich immer noch ledig war – eine idyllische Kleinfamilie, meist mit einem Jungen und einem Mädchen, das fand ich selbst auch irgendwie ganz nett. Aber das konnten sie auch wieder nicht verstehen. Wie konnte ich die solange allein lassen? Was ich auch machte, es war nicht richtig. In diesem speziellen Kontext türkischer Familien- und Lebensplanung – was nach meinen Erfahrungen sowieso ein und dasselbe war – erschien mir ihre Frage nun doch wieder völlig verständlich. Ein Türke würde nicht mit dem Rad von zuhause abhauen, hätte er nicht genug von den Frauen. Zur Sicherheit fragte ich aber doch nochmals nach. Nein, ich hatte sie schon richtig verstanden. Ob wir in Österreich genug Frauen hätten – ganz einfach. Mehr wollten sie nicht wissen. Ich finde, wir haben genug. Manche könnten vielleicht noch etwas schöner sein. Aber ich will nicht klagen. Wenn man im Glashaus sitzt, soll man nicht mit Steinen werfen. „Ja, wir haben genug“, gab ich mit fester Stimme zurück. Sie hätten da nämlich ein Problem. Nun ließen sie die Katze endlich aus dem Sack. Sie seien alle arm. Um aber eine Frau abzubekommen, sollte man etwas Geld in der Tasche haben. Sie hätten alle zusammen, so wie sie da säßen, keine Aussicht, jemals eine zu bekommen. Wenn wir in Österreich ja genug hätten, ob ich ihnen nicht ein paar bringen könnte. Ich hätte nicht besonders viel Einfluß auf die Frauen in Österreich, sagte ich ihnen. Die machten meist, was sie wollten. Was hatten die für ein Bild von „unseren“ Frauen. Die sollten öfter fernsehschauen. Aber wie auch. Die armen Schlucker hatten nicht nur keine Frau, kein Moped und keine Ahnung, die hatten nicht mal einen Fernseher. Einzig Zeit hatten sie, und das im Übermaß. Aber, ob man damit Frauen locken kann? Ich stellte mir vor, wie junge österreichische Damen reagieren würden, wenn man sie ungefragt in diese Hütte mit den kürbiskernkauenden Männern in ihren abgetragenen, grauen Anzugjacken setzen würde, wie sie das Gesicht verziehen würden, müßten sie alle aus dem gemeinsamen Topf essen, wie sie sich zieren würde, etwas anzugreifen, am besten noch mit ihren frisch lackierten Fingernägeln. Nein, das war nicht das Ambiente, nach dem sich junge Österreicherinnen sehnen. Mit Männern wäre das schon wesentlich unkomplizierter. Wären da anstatt junger Männer junge hübsche Damen gesessen, ich hätte ihnen auf der Stelle eine Busladung von Männern schicken können, und wären sie – die Damen – auch noch so arm gewesen. Aber Männer waren ja nicht gefragt, von denen hatten sie ja selbst im Überfluß. In der Frage konnte ich ihnen definitiv nicht helfen.

Zu Gast beim Lehrer. Ob sich junge österreichische Damen hier wohlfühlen würden?

imm-022

In Izmir habe ich einen jungen Deutschen getroffen, der, wie ich, mit dem Fahrrad unterwegs war. Er wollte weiter nach Ägypten und quer durch Afrika nach Kapstadt. Wenn man unterwegs ist, trifft man andauernd auf solche Typen mit den verrücktesten Ideen im Kopf. Er machte mir mit seinen Reiseplänen den Mund wässrig. Nach dem dritten Bier war ich schon fast so weit, daß ich mich ihm angeschlossen hätte. Aber ich hatte einen Termin in Antalya, und überhaupt haben mir die ganzen Impfungen und Visa gefehlt. Afrika ist ein wenig kompliziert. Da fährt man nicht einfach so von einem Tag auf den anderen hin. Ich buk kleinere Brötchen. Er wollte sich Ephesos anschauen. Zumindest bis dahin wollte ich ihn begleiten.

Ephesos

Es gibt noch viel zu sehen in Ephesos. Man kann erkennen, daß dort einmal eine blühende Stadt gestanden haben muß. Unser Paulus, der Apostel, der einmal vom Pferd gefallen ist, hatte auch einmal dort gepredigt. Die Tempelanlagen, in der die –aus Paulus‘ Sicht – Götzin Artemis verehrt worden war, und die Hafenstraße und vieles mehr war noch recht gut erhalten. Man konnte schon glauben, daß es dort vor 2 Jahrtausenden eine Hochkultur gegeben hatte, die der unsrigen weit überlegen war. Und 2000 Jahre später, wie ich so durch das Land fuhr, drängte sich schon die Frage auf, wo sie geblieben war. Irgendwo müßte sie sich doch finden lassen. Jedenfalls nicht in dem kleinen anatolischen Nest nahe der Stadt Denizli, das nach Ephesos auf meinem Besuchsplan stand. Cavit stammte aus diesem Nest. Cavit lebte in Vorarlberg. Wir haben eine Zeit lang zusammen gearbeitet. Ich habe ihm Deutsch beigebracht, er mir Türkisch. Sein altes Wörterbuch, das er mir damals geschenkt hatte, hat mir auf der Reise gute Dienste geleistet. Einer seiner Brüder lebte noch zuhause, in seinem Heimatort. Sollte ich in die Gegend kommen, meinte Cavit, solle ich ihn doch besuchen. Der Bruder – um ehrlich zu sein – hat mich nicht brennend interessiert. Mir ging es mehr darum, einmal zu sehen, wo dieser Mann, der seit vielen Jahren bei uns lebte und zu einem normalen Vorarlberger geworden zu sein schien, herkommt. Die komplizierte Wendung „geworden zu sein schien“ bezieht sich auf – für österreichische Geister – befremdliche Vorgänge im Zusammenhang mit seiner Hochzeit. Weil es seinem älteren Bruder nicht paßte, mußte er eine langjährige Beziehung zu einer Österreicherin aufgeben und eine „passendere“ Frau aus der Türkei heiraten. Daß es solche Dinge gibt, wußte ich. Das war nicht das Befremdliche an den Vorgängen. Befremdlich war, daß Cavit, er war ein Jahr jünger als ich, das ohne Widerspruch mit sich machen hatte lassen. Er hatte sich wie ein junger Österreicher benommen. Er spielte mit uns Fußball, er ging in Discos, er schien ein Österreicher zu sein. Nach dem Abstecher in sein Heimatdorf wurde mir klar, wie weit sein Weg nach Österreich war. Wenn man von Izmir nach Denizli fährt, fährt man durch Anatolien. Wenn man bei der Abzweigung, die mir Cavit aufgezeichnet hatte, auf die schmale holprige Nebenstraße abzweigt, fährt man durch tiefes Anatolien. Es war schon früher Abend, als ich in einem kleinen Städtchen am Ende der Asphaltstraße ankam. Hier also, hier am Arsch der Welt, so glaubte ich, ist Cavit aufgewachsen. Das erklärte so Manches. Ich fragte bei alten Männern, die vor einem Restaurant saßen, nach Cavits Bruder. Sie kannten ihn. Überhaupt schienen ihn in dem Dorf alle zu kennen. Man werde ihn holen. Nach 15 Minuten stand er da, begrüßte mich auf Deutsch – er hatte auch eine Zeit lang in Österreich gearbeitet – und lud mich in sein Haus ein. Es liege ein Stück entfernt im nächsten Dorf. Auf einem holprigen Güterweg radelten wir in einen abgelegenen Weiler. Ich hatte mich getäuscht: Das Dorf am Ende des Asphalts war gar nicht der Arsch der Welt, das war für die Leute am Ende des Holperwegs der Nabel. Bevor wir nachhause fuhren, besuchten wir das einzige Teehaus am nun tatsächlichen Arsch der Welt. Es war gut besucht, alles Männer, alle in denselben alten Anzughosen, denselben Sonntagshemden, die man hier auch werktags trug. An den meisten Tischen wurde Tavla gespielt, ein Brettspiel. Viele saßen nur da und schauten zu, manche unterhielten sich mit ihren Nachbarn, manche aber machten gar nichts, die redeten nichts, die saßen und schauten. Zwei, drei Mal machte der Wirt Tee. Dann wurden ungefragt alle Gläser gefüllt. Alle tranken Tee, ausschließlich und nur dann, wenn der Wirt für alle einen neuen machte. Jeder schien jeden zu kennen. Für die meisten schien das Teehaus eine Art Wohnzimmer zu sein. Wir blieben bis spät in die Nacht, bis das Teehaus schloß. Am nächsten Tag saßen wir schon gegen Mittag wieder im selben Teehaus. Da waren auch schon wieder all die Männer vom Vorabend. An den meisten Tischen wurde Tavla gespielt. Viele saßen nur da und schauten zu, manche unterhielten sich mit ihren Nachbarn, manche aber machten gar nichts, die redeten nichts, die saßen und schauten. Zwei, drei Mal  machte der Wirt Tee. Dann wurden ungefragt alle Gläser gefüllt. Alle tranken Tee, ausschließlich und nur dann, wenn der Wirt für alle einen neuen machte. Wir blieben bis spät in die Nacht, bis das Teehaus schloß. Ich könnte dieselben Sätze wohl in einer Endlosschleife wiederholen und das Leben in jenem kleinen Dorf am Arsch der Welt wäre zur Genüge erklärt – zumindest das männliche. Als ich nämlich am frühen Abend das Lokal verließ, um mir die Füße zu vertreten, sah ich erstmals auch Frauen. Sie saßen mit wehenden Kopftüchern auf der Ladefläche eines Lkw. Sie kamen von der Feldarbeit zurück. Cavit wird nie ein Österreicher werden. Das weiß ich jetzt. Cavit ist nämlich ein Alien. Nicht wie Alf, eine außerirdische Lebensform, der man das Außerirdische auf den ersten Blick ansieht und die mit Vorliebe Katzen verspeist, nein, ein Außerirdischer im Herzen, der aussieht wie du und ich. Zuhause hatte mir Cavit einmal vorgeträumt, daß er, wenn er in einigen Jahren genügend Geld habe, in sein Dorf zurückkehre, sich dort ein paar Schafe kaufe und in seiner Heimat seinen Lebensabend verbringen werde. Ein spleeniger Öko-Landwirt, denkt man als Österreicher, der im Supermarkt einkauft, möglicherweise etwas fair-trade und bio, der abends mit Freunden in einer „angesagten“ Bar ein kleines Bier trinkt, weil es dort keine großen gibt, und sich hin und wieder eine Auszeit nimmt auf einer schönen, grünen Alpe, auf der jeden Tag Touristen vorbeischauen oder – für die ganz harten unter den Selbstverwirklichungsschafzüchtern – eben keine. Wer hat nicht schon darüber nachgedacht und es nie umgesetzt. Aber hier? Da erhält das Selbstverwirklichen eine asketische Note. In diesem Dorf gibt es nur  Steine – was fressen die Schafe hier eigentlich – und grau-schwarze Anzüge. In diesem Dorf passiert nichts. Im Leben dieser Leute scheint auch nichts passieren zu müssen, damit es Sinn macht. Eineinhalb Tage habe ich durchgehalten, dann mußte ich weg. Es lag sicher nicht an den Menschen. Die haben mich freundlich aufgenommen. Meinen Tee selbst zu bezahlen war soundso ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ich hätte das nicht einen Tag länger ausgehalten. Man kann doch nicht einfach nur sitzen und warten. Wenn man wenigstens wüßte, worauf, damit das Warten zumindest Sinn macht. Und da wollte einer wie Cavit, der ausschaute wie wir alle, zurück, um Schafe zu züchten. Man muß nicht darüber reden, daß er das nie gemacht hat. Aber er träumte zumindest von dieser tödlichen Langeweile in dieser trostlosen Einöde am Arsch der Welt, ein junger Mann von 26 Jahren, eben ein Alien.

Auf dem Weg nach Antalya machte ich einen Abstecher zu den Sinterterrassen von Pamukkale.

Ich mußte nur wenige Kilometer fahren, und war doch um hundert Jahre nach vorne gereist. Die Türkei hat zwei verschiedene Gesichter: die Dörfer im anatolischen Hochland und die modernen Städte wie Istanbul, Izmir oder Antalya. Wenn ich auf meiner Fahrt durch die Türkei jemandem erzählt habe, daß ich nach Antalya fahre, haben mich die Menschen verstanden. Das war ein klar definiertes Ziel. Mit dem „der-Weg-ist-das-Ziel-Argument“, mit dem „einfach-so-in-die-Welt-hinaus-Radeln“, damit mußte man ihnen nicht kommen. Diese Menschen – wenn sie nicht dasaßen und warteten – arbeiteten um ihr tägliches Brot. Die standen mit beiden Beinen fest im Alltag. Was sie machten, erfüllte einen klar erkennbaren Zweck. Ihr Weg war immer ein Weg zu einem Ziel. Ohne Ziel gab es auch keinen Weg. Ohne Ziel verharrten sie regungslos auf einer Bank und warteten. Antalya war in ihren Augen ein Ziel, ein würdiges sogar. In Antalya gibt es Palmen und feine Restaurants, in Antalya wachsen Orangen, in Antalya ist es immer warm und in Antalya gibt es, so wurde mir zumindest allseits versichert, viele hübsche Mädchen. Ich bezweifle, daß die Mädchen in Antalya schöner sind als anderswo in der Türkei. Aber wie soll man das als flüchtig Durchreisender beurteilen. Auf dem Land waren die jungen Frauen so verpackt, daß es schwer fiel, ihre Schönheit auszumachen. Das war in Antalaya anders. Da liefen sie auf der Straße rum, wie bei uns zuhause.

Nicht nur in Antalya gibt es schöne Mädchen.

imm-029

„Nimm doch den Bus, dann bist du schneller dort“, rieten mir alle Türken, die, wäre es ihnen möglich gewesen, auf dem schnellsten Weg in diese gelobte Stadt gefahren wären. Daß ich nach Antalya wollte, war für alle einsichtig, daß ich mit dem Fahrrad dorthin fuhr, keinem.

Der Yachthafen von Antalya

imm-041

Gleich bei meiner Ankunft, es war der 30. Oktober, fuhr ich zur Post, um mit Charly zu telefonieren. Der wartete mit einer Überraschung auf. Er habe keinen Flug mehr für den 1. November bekommen. Er komme eine Woche später. Da hätte ich mich nicht so beeilen müssen. Jetzt saß ich eine Woche fest. Keine verlockende Aussicht. Das Paradies der Türken war nämlich, wie all die anderen Badeorte, durch die ich auf meiner Reise gekommen war, im Winterschlaf. Ich bezog ein Zimmer in einem Hotel am Konalti-Beach, im Westen der Stadt. Einen großen Teil des Tages saß ich in einem kleinen, benachbarten Restaurant. Ich war meist der einzige Gast. Deshalb hatte Erdogan, der Besitzer, er war gleich alt wie ich, sehr viel Zeit für mich. Meist gesellte sich noch Mehmet zu uns. Er war Erdogans bester Freund und Besitzer eines Eissalons, der jetzt, außerhalb der Saison, geschlossen hatte. Die beiden erkannten bald, daß ich ihnen sehr nützlich sein könnte. In einer Bar im Jachthafen arbeitete eine junge Engländerin, die es den beiden sehr angetan hatte. Aber die Engländerin sprach zu ihrem Leidwesen kein Wort Türkisch, und die beiden Jungunternehmer kein Wort Englisch. Es war ein Dilemma. Ein unüberwindbares Hindernis stand zwischen ihnen. Nun aber witterten sie ihre Chance. Gleich am zweiten Tag schleppten sie mich mit in die Bar, wo ich für sie den Dolmetscher machen sollte. Barbara war eine in jeder Hinsicht robuste junge Dame. Sie hatte alleine die ganze Türkei bereist, bis in den äußersten Osten, in die Kurdengebiete. Ich bewunderte ihren Mut. Oder war es Naivität? Es ist nicht das, was man als Frau alleine machen sollte. Die Sitten da im Osten waren manchmal doch etwas merkwürdig. Die Jungen hielten noch lange das Brauchtum des Steinewerfens hoch. Zweimal war ich ganz im Osten und zweimal bin ich mit diesem unangenehmen „Brauch“ konfrontiert worden. Das erste Mal, als ich aus dem Bus in Erzurum ausgestiegen bin, das zweite Mal, als ich mit dem Rad Richtung Agri fuhr. Es hatte mehr symbolhaften Charakter. Wenn die Jungs wirklich gezielt hätten, hätten sie mich wahrscheinlich getroffen. Vielleicht war das eine Art Begrüßungsritual. Als blonde Frau wäre ich mir nicht ganz sicher gewesen, was da irgendwelche Schwachköpfe darüber hinaus noch an Ritualen auf Lager haben könnten. Aber Barbara war nun mal nicht das, was man eine zierliche Frau nennt. Doch gerade das schien die beiden besonders anzusprechen. Türken haben manchmal, so erschien es mir, durchaus einen Hang zum „Handfesten“. Kleiner Busen und großer Hintern, so sollte eine Frau sein, meinte einer von den beiden. Es ist für einen Österreicher oft schwer, die Türken zu verstehen, auch wenn er ihre Sprache spricht. Mit meiner Hilfe hatten Mehmet und Erdogan nun die Möglichkeit, Barbara alles zu sagen, was schon lange in ihren Herzen brannte. Mehmet hatte ein Auto. Wir holten Barbara am nächsten Tag ab, und die beiden zeigten uns die schönsten Flecken der Umgebung.

Sightseeing mit Erdogan, Mehmet und Barbara

Eines Abends – ich saß wieder allein mit Erdogan in seinem Restaurant – betraten drei junge Englisch sprechende Männer den Gastraum. Sie hatten Verständigungsschwierigkeiten, und Erdogan bat mich, ihm ein wenig auszuhelfen. Wie ich da mein bestes Englisch auspackte, sprach mich einer auf Deutsch an: „Das klingt aber schon sehr österreichisch, was du da von dir gibst.“ Der das sagte, war Reiner, schon wieder ein Reiner, aber zumindest einer mit „ei“. Er kam aus dem Schwarzwald und zwar wie ich mit dem Fahrrad. Wie ich wartete auch er auf seinen Freund. Die beiden waren vor über zwei Monaten in Deutschland aufgebrochen, um mit dem Fahrrad das Mittelmeer zu umrunden. Mit Reiner verstand ich mich vom ersten Augenblick an ausgezeichnet. Am Morgen gingen wir, um unsere Wartezeit nicht nutzlos verstreichen zu lassen, zusammen am Meer joggen. Der Kerl war ganz fit. So einen könnte ich gut brauchen. In meinem Hinterkopf rumorte nämlich eine fixe Idee. Ich wollte einmal Tibet mit dem Rad durchqueren. Schon drei Jahre zuvor, als ich in Nepal trekken war, hatte ich den Plan gefaßt, einmal, so die Grenzen für Ausländer geöffnet werden sollten, nach Tibet zu gehen. Als ich damals nachhause gekommen war, hatte ich begonnen, Tibetisch zu lernen. Ganz in der Nähe meines Heimatorts, in Feldkirch, etwa 15 Kilometer entfernt, gab es ein Kloster mit tibetischen Mönchen, die aus China geflohen waren. Dorthin ging ich ein bis zweimal die Woche. Aber das Land blieb für Ausländer noch lange geschlossen. Vor einem halben Jahr jedoch waren die Einreiseformalitäten erleichtert worden. Ich war damals gerade mit meinem Mountainbike in Nepal und versuchte, als ich von der neuen Möglichkeit erfahren hatte, eines der bei Globetrottern sehr gefragten, aber nur sehr spärlich vergebenen Visa zu ergattern. Ich gehörte damals noch nicht zu den Glücklichen. Aber der Plan lebte weiter. Sollte ich eine Möglichkeit erhalten, das war mir immer klar, dann würde ich sofort zuschlagen. Nun war da Reiner. Er hatte die nötige Fitness, die man für ein solches Unternehmen benötigte, und ich konnte mir sehr gut vorstellen, länger mit ihm unterwegs zu sein.

Was ihn am Mittelmeer so interessiere, fragte ich ihn. Ägypten, Tunesien und das Ganze, das kenne eh schon jeder. Das sei kein richtiges Abenteuer. Ob er nicht lieber mit mir nach Tibet ginge. Reiner war in geografischen Dingen eher unbedarft und hatte daher keine Ahnung, was ihn dort erwarten würde. Ich schilderte ihm das Land in den schönsten Farben und in allen Details, als hätte ich es selbst schon oft bereist. Dabei hatte ich es erst einmal von einer Anhöhe in Nepal gesehen. Aber ich hatte alle Bücher über Tibet gelesen, von Tichy über Harrer bis zu den Entdeckungsgeschichten der Pundits, den indischen Landvermessern, die das Land für die Engländer erforscht hatten. Reiner war sehr unkompliziert. Ja, er könnte sich das sehr gut vorstellen, meinte er noch beeindruckt von meinen Schilderungen, wenn es doch, wie ich meinte, am Mittelmeer so langweilig sei und da im Osten das große Abenteuer warte. Er war erst 21 und wollte noch etwas erleben. Da kam ihm dieses Tibet gerade recht. Aber er müsse noch mit seinem Freund sprechen. Sie hatten sich in Griechenland getrennt. Offensichtlich hatte es zwischen den zweien auf der Fahrt Spannungen gegeben und sie waren zum Schluß gekommen, es wäre besser, wenn sie für eine kurze Zeit alleine fahren würden. Nach wenigen Tagen kam Armin in Antalya an. Er war nicht ganz so flexibel wie Reiner, aber als Sturkopf hätte ich ihn denn auch nicht bezeichnet. Was das denn solle, fragte er Reiner empört, als der ihn mit den neuen Tibet-Plänen konfrontierte. Sie seien aufgebrochen, um das Mittelmeer zu umrunden, und dabei bleibe es. Als die erste Empörung, die weniger eine Empörung über den neuen Plan war, als vielmehr darüber, daß er von Reiner einfach übergangen worden war, abgeflacht war, gestand er, daß die Idee irgendwie schon einen Reiz auf ihn ausübe. Der Reiz mußte nicht lange auf ihn ausüben. Schon am selben Tag sagte er zu. Aber eines bedinge er sich aus: Sie müßten noch zusammen bis nach Israel fahren, weil er dort seine Eltern treffen wolle, die in Eilat Urlaub machen würden. Er hatte das schon vor der Abfahrt mit seinen Eltern ausgemacht. Mir kam das recht. Ich brauchte nämlich noch etwas Zeit. Schließlich sollte in wenigen Tagen Charly ankommen. Und dann wollte ich mit ihm noch zwei Wochen lang die Türkei anschauen.

Wir stellten nun einen gemeinsamen Plan auf. Die beiden sollten vorausfahren, nach Israel. Sobald Charly wieder weg sein würde, würde ich nachkommen. Wir brauchten einen Ort, wo wir uns treffen konnten. Nach Israel wollte ich nicht. Das schien mir zu langweilig. Wir zogen Armins Nahostkarte zu Rate und wurden fündig. Nuweiba, auf dem Sinai, das klang allemal abenteuerlicher als Tel Aviv und war gar nicht so weit von Israel entfernt. Nun hatten wir den Ort, aber noch nicht den genauen Treffpunkt. Wir kannten uns in Nuweiba ja nicht so gut aus. Eine Post, so mutmaßten wir, gäbe es wohl auch in Nuweiba. Damit hatten wir auch unseren Treffpunkt. Jetzt brauchten wir noch einen dem Ort und Anlaß würdigen Zeitpunkt. Da war der 24.12., Weihnachten, gerade gut genug, um 12 Uhr. Das war vorerst der gesamte Plan. Wie wir vom Sinai nach Tibet kommen würden, darüber zu sprechen würde in Nuweiba noch genug Zeit sein. Bis Weihnachten waren es noch sechs Wochen. In sechs Wochen, das wußten auch wir trotz unseres jugendlichen Optimismus, konnte noch viel passieren. Deshalb verabredeten wir, falls es irgendwelche Schwierigkeiten geben sollte, postlagernde Briefe in den großen Städten wie etwa Mersin, Damaskus oder Amman zu hinterlassen. Das war der Weg, wie Globetrotter in den Achtzigerjahren, also in der informationstechnologischen Steinzeit, miteinander kommunizierten. Noch aber wollten sich die beiden ein wenig ausruhen in Antalya.

Unsere morgendlichen Joggingrunden machten wir nun zu dritt. Wir waren immer sehr gemütlich unterwegs, obwohl die beiden behaupteten, aktive Marathonläufer zu sein, und von ganz ambitionierten Zeiten – 34 min für 10 km und Marathonzeiten deutlich unter der 3-Stunden-Marke – sprachen. Diese Zeiten konnte ich nur sehr schwer mit unserem Lauftempo in Übereinstimmung bringen. Waren die beiden auch überaus angenehme Zeitgenossen, so waren es halt doch noch immer typische Piefkes, die gerne etwas dick auftragen, resümierte ich. Auch wenn ich damals, als die Deutschen noch nicht die beliebtesten Europäer waren, die in Österreich herrschende Abneigung gegenüber allem Deutschen keineswegs teilte und zum Mißfallen meiner Freunde ein erklärter Fan von Bayern München einerseits und der deutschen Nationalmannschaft andrerseits war, hatte auch ich mir ein paar Vorurteile bewahrt. Und eines davon schien sich zu bewahrheiten. Groß reden können sie ja, die Deutschen. Bei den beiden wird wohl auch nur die Hälfte stimmen. Ich entschuldige mich an dieser Stelle hochoffiziell für meine abfälligen Gedanken. Alles war wahr, was sie mir erzählt hatten. Die beiden waren schlichtweg völlig ausgepowert, als sie in der Türkei ankamen. Sie hatten mir gegenüber nämlich einen riesengroßen Nachteil. Sie hatten Rainer und seine Weisheiten nie kennengelernt. Sie hatten keine Ahnung vom „leichten Reisen“. Sie wußten nicht, daß „Schnelligkeit zählt.“ Ich dagegen hatte diese Leitsätze verinnerlicht. Eine Radreise wird erst durch Entsagung zum Genuß. Mit leichtem Gepäck ist man beweglich. Man erreicht – fast – immer eine Siedlung, in der es etwas zu essen gibt. Man muß keinen Kocher mitschleppen, keine Essensvorräte und auch kein Zelt. Das wußten die beiden aber noch nicht. Es war ihre erste große Reise. Ihre voll bepackten Räder wogen über 50 Kilo. Sie konnten sie, so erzählten sie mir, zuhause nicht allein über die Kellerstiege hochschieben. Und den ganzen Hausrat haben sie mit eigener Kraft nach Antalya geschleppt, im Stile eines Umzugsunternehmens. Sisyphos hätte nicht mehr gejammert, hätte er ihre vollbeladenen Bikes je gesehen. Am Arlberg seien sie wegen des Gewichts einmal kurz abgestiegen. Und der Arlberg, das war nun wirklich kein schwieriger Paß, das wußte ich, das war nämlich mein „Heimpaß“.

Solche Sachen gaben mir zu denken. Ich konnte endlich verstehen, daß die beiden schwere Beine hatten. Ihnen wiederum gab zu denken, daß ich auf dem Weg nach Antalya fast doppelt so schnell unterwegs gewesen war wie sie. Armin inspizierte ganz akribisch meine Ausrüstung, dann begann das große Ausmisten. Was nicht absolut notwendig war, wurde in einem großen Paket nachhause geschickt oder, sofern der Wert kleiner als die Transportkosten war, verschenkt. Es wurde um jedes Gramm gefeilscht. Armin der unkonventionellem Verhalten stets offen gegenüber steht, sägte auch noch den Griff seiner Zahnbürste ab. Die Schlafsackunterlage wurde ab dem Gesäß abgeschnitten. Es sollte ab jetzt reichen, wenn der Oberkörper bequem liegt. Ich riss mir gleich den abgeschnittenen Teil unter den Nagel. Ich hatte bis dahin stets ohne solche Unterlage auf dem harten Boden geschlafen. Nur meinen Regenponcho hatte ich nachts unter den Schlafsack gelegt, um zumindest trocken zu liegen. Mit dieser neuen Oberkörperunterlage versprach die Reise in Hinkunft einen luxuriösen Fortgang zu nehmen.

Vorerst blieben wir alle noch ein paar Tage in Antalya. Alle, das waren nicht nur Reiner, Armin und ich. Da waren noch David, ein Neuseeländer, der mit seinem Fahrrad gerade ganz Europa durchquert hatte und in Antalya seine Reise beendete, und Claude, ein Franzose, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Ägypten reiste. Mittlerweile war auch Charly eingetroffen. Zusammen bildeten wir eine bunte Runde.

Abendessen mit Charly, Claude, Reiner, Armin und David

imm-043

Die Tage in Antalya waren kurzweilig. Ein Höhepunkt war unser Fußballmatch gegen die Jungtürken, die wir aus den Restaurants der Umgebung kannten. Sie hatten uns herausgefordert. Wider Erwarten waren alle in unserer Runde gute Fußballspieler – selbst die Radfahrer, die ja normalerweise mit dem Ball nicht auf gutem Fuße stehen. Schon bald gewann die internationale Globetrottertruppe  die Oberhand im Spiel. Die Türken mußten sich meist damit begnügen, dem Ball hinterher zu laufen. Das ließ Charly etwas übermütig werden. Wenn er am Ball war, machte er mit den Händen eine einladende Geste, wie es auch die Händler vor ihren Geschäften zu tun pflegten, und bat seinen Gegenspieler mit einem freundlichen „buyurun“, näher zu treten. Wer schon einmal in der Türkei war, kennt dieses „buyurun“. Es ist das Unwort, mit dem die Türken schon Abertausende von Touristen vergrämt haben, das wahrscheinlich schon viele davon abgehalten hat, ein zweites Mal in dieses Land zu fahren. Es dröhnt durch alle Bazare, aus allen Geschäften, aus den dunkelsten, unscheinbarsten Löchern, in denen noch irgendwelcher Kleinkram verscherbelt wird. Wenn du nur einen kurzen Augenblick stehenbleibst, vielleicht nur, um dir die Hose hochzuziehen, weil du die Hosenträger zuhause vergessen hast, und du dich gar nicht für den Tand interessierst, der da zufällig gerade an dem Ort, an dem du stehenbleibst, in einer Auslage ausgestellt ist, oft sogar, wenn du gemessenen Schrittes an eben einer solchen Auslage vorbeigehst und du gequält in eine andere Richtung schaust, um jedem, der dich beobachtet – und du kannst sicher sein, daß du in der Nähe eines Geschäfts oder Restaurants immer beobachtet wirst – kund zu tun: „nein, es interessiert mich nicht“, egal, was du auch machst, es wird über dich kommen in der Türkei, hundertfach, unentrinnbar wie eine der biblischen Plagen, dieses „buyurun“: „Tritt näher, kauf ein, setz dich an den Tisch hier, bestelle.“ Wie ist das Wort uns allen schon auf den Wecker gegangen. Und nun, auf dem Spielfeld, holte Charly zum Gegenschlag aus: „Treten sie näher, kommen Sie“, und wenn sie näher kamen, spielte er zu seinem Nebenspieler weiter. Der machte dasselbe. Und plötzlich hörte man auf dem ganzen Feld nur noch „buyurun effendim“, sobald einer von uns am Ball war, und alle lachten dabei – nicht nur wir, auch die Türken. Sie hatten ganz gut verstanden, was da abging. Sie lachten auch über sich selbst. Sie wußten: Jetzt zahlen sie es uns einmal gehörig heim, die Touristen. Aber die hatten gut lachen. Sie wußten nämlich auch: Das war nur ein Spiel. Der türkische Ernst würde uns früh genug wieder ereilen, wir würden immer in der Unterzahl sein. Und dann würden sie uns mit ihrem „buyurun“ wieder den letzten Nerv rauben.

Die illustre Runde zerstreute sich nach ein paar Tagen in alle Welt: nach Neuseeland, nach Ägypten, nach Israel. In ein paar Wochen sollten wir uns wieder sehen. Ich schaute mir zusammen mit Charly die Südküste der Türkei an. Er fuhr mit dem Bus eine Etappe voraus, ich kam mit dem Fahrrad hinterher. Meist trafen wir uns am Abend an einem vorher vereinbarten Ort.

Mit Charly unterwegs zwischen Antalya und Mersin

Mersin sollte der Endpunkt unserer gemeinsamen Reise sein. Wir hatten nur noch wenige Tage. Charly fuhr ein großes Stück voraus, das ich an einem Tag nicht schaffen würde. Als ich am zweiten Tag zum vereinbarten Zeitpunkt in Mersin beim Postamt ankam, war da kein Charly. Ich wartete und wartete. Niemand tauchte auf. Ich ging etwas essen und schaute von Zeit zu Zeit wieder am vereinbarten Ort vorbei. Als er am nächsten Tag immer noch nicht aufgetaucht war, schaute ich im Postamt, ob er mir eine Nachricht in Form eines postlagernden Briefs hinterlassen hatte. Wie mit Reiner und Armin hatte ich auch mit ihm diese Form der „Notfallkommunikation“ vereinbart. Tatsächlich fand ich einen an mich adressierten Brief  – aber nicht von Charly. Er stammte von Armin und Reiner. Sie lägen nun schon seit Tagen mit fiebriger Durchfallerkrankung in einem Hotel in Mersin. Am 19. 11. würden sie die Reise wieder fortsetzen. Es war der 18. Ich machte mich sofort auf den Weg in ihr Hotel. Ich erzählte ihnen die Geschichte mit Charly. Ich würde ja sehr gerne mit ihnen weiterfahren, aber solange ich Charly nicht gefunden hätte, würde ich in Mersin bleiben, erklärte ich ihnen. Das war für die beiden kein Problem. Von nun an, so beschlossen sie, würden wir gemeinsam fahren. Sie wollten mir bei der Suche behilflich sein. Noch am selben Tag ging ich zur Polizei, um nachzufragen, ob die letzten Tage ein Unfall mit einem Ausländer passiert sei. Bei der Polizei wußte man nichts. Als ich ihnen die Geschichte geschildert hatte, beruhigten sie mich: „Der ist ganz sicher nach Zypern rübergefahren. Was soll er hier bei uns? Da drüben gibt es Sonne und viele hübsche Mädchen.“ Für die Leute in Mersin war Zypern das Paradies, das Antalya für die übrigen Türken ist. Gemeint war natürlich der griechische Teil. Das war unschwer mit dem Hinweis auf die Mädchen zu erkennen. Das war nämlich nach der „Familienstandsfrage“ immer die zweite Frage. Wie sind die Frauen in Österreich? Ist das eine übliche Frage, die man Touristen in Österreich stellt? Die Vorstellungen über europäische – sprich: christliche – Frauen konnten das Blut von ein paar Polizisten in Mersin durchaus in Wallung bringen. Charlys Vorstellungen bezüglich christlicher Frauen waren realistischer, das wußte ich. Deshalb war er auch nicht nach Zypern abgehaut. Ist ja völlig idiotisch, der Gedanke. Ich kannte Charly. Der war immer zu 100% verläßlich. Das sagte ich ihnen auch ganz klar. Sie ließen sich davon nicht beeindrucken.

Es war drei Uhr nachts, als mich lautes Klopfen an der Tür aus dem Schlaf riß. Es war der Hotelbesitzer. Da wären drei Herren im Empfangsraum, die mit mir sprechen wollten. Um diese Zeit? Ich hatte keine Vorstellung, was das jetzt werden sollte. Man kennt ja all die Räubergeschichten, die sich Reisende erzählen. Und das Hotel, in dem ich wohnte, eine Absteige, die man nur in diesen Gefilden als Hotel bezeichnete, würde sich gut als Kulisse für so eine Räubergeschichte machen. Ich war auf alles gefaßt, als ich dem Hotelchef durch die düsteren Gänge folgte.  Im Empfangsraum wurde ich von drei Herren in langen Trenchcoats begrüßt. Sie seien von der Kriminalpolizei und hätten mir ein paar Fragen zu stellen. Nachts um drei! Die Fragen drehten sich allesamt um Charly: wann ich ihn zuletzt gesehen hätte, ob er Französisch spreche, was er von Beruf sei, usw… Wenn ich eine Zwischenfrage stellte, übergingen sie diese, als ob sie sie gar nicht gehört hätten. Ich wurde etwas ungehalten: „Ich möchte jetzt wissen, was mit meinem Freund los ist“, unterbrach ich sie. Was antworteten die darauf! Die hatten nun tatsächlich all die alten amerikanischen Kriminalschinken gesehen – nicht nur wegen ihrer Mäntel. Nein, die Antwort hatte ich schon oft gehört. Sie sagten tatsächlich: „Die Fragen stellen wir.“ Basta! Als sie genug gefragt hatten, baten sie mich, am nächsten Morgen auf die Polizeistation zu kommen. Sie verabschiedeten sich ausgesprochen höflich, gaben mir aber keine Auskunft.
Auf der Station hoffte ich mehr zu erfahren. Mein Türkisch war sehr mangelhaft. Es reichte gerade mal aus, einzelne zusammenhangslose Wörter aufzuschnappen, wenn Türken untereinander sprachen. Auf der Polizeistation bekam ich mit, daß ein Tourist, ein Lehrer, ermordet worden war, und auch, daß dieser Tourist Französisch sprach. Charly war Lehrer und er konnte sich ganz passabel auf Französisch unterhalten. In meinem Bild entstand in Windeseile ein Bild vom Tathergang. Charly hatte gerade an jenem Abend, an dem er alleine in Mersin auf mich warten mußte, Geburtstag. Charly war kein Kind von Traurigkeit. Wenn er gut drauf war und zufällig noch eine Gitarre in die Hände bekam, dann konnte er ein ganzes Lokal alleine unterhalten. An Festtagen, läßt er sich nicht lumpen. Da sitzt seine Geldtasche locker. Ich malte mir aus, wie er den Türken, die mit ihm feierten, die seiner Ansicht nach eh kein Geld hatten, Runde um Runde spendierte. Ein ganz Böser im Lokal hat gesehen, wie er mit dem Geld um sich schmiß, und schwubbs war’s um ihn geschehen. Niemand auf dem Präsidium wollte mir bestätigen, daß er umgebracht worden war – das Gegenteil aber auch nicht.
Uns blieb nichts anderes übrig, als zu suchen. Wir ließen nichts aus, nicht den Bahnhof, kein Restaurant, überhaupt keinen Platz, an dem sich ein Tourist hätte aufhalten können. So ergab es sich, daß wir auch im Puff nachschauten. Charly hatte ja Geburtstag gehabt, und ich trete ihm wahrscheinlich nicht zu nahe, wenn ich es zumindest in Erwägung gezogen habe, daß er an seinem Geburtstag – so ganz allein in der Fremde – etwas „menschliche Wärme“ gesucht haben könnte. So ganz an den Haaren hergezogen war die Idee auch wieder nicht. Während der gesamten Reise ist er mir schließlich mit dem Puff von Mersin in den Ohren gelegen. Das sei immerhin das größte in Vorderasien, von Stambul bis Bagdad. Ja, so hat er es gesagt: Von Stambul bis Bagdad. Charly hatte viel Karl May gelesen. Mit der Zeit ist er mir damit schon richtig auf die Nerven gegangen. Er hatte das von den Jungtürken in Vorarlberg gehört. Charly war der Typ Straßenkicker, ein Straßenkind. Er kannte alle Türken in seinem Heimatort. Wir haben oft gegen die Türken Fußball gespielt. Wir haben sie, das soll nicht unerwähnt bleiben, nicht nur in Antalya besiegt. Als sie hörten, daß er in die Türkei fahre, gaben sie ihm manch guten Tip mit auf den Weg. Das mit dem Puff in Mersin war einer von den guten Tips. Charly ist gern unter Menschen, vor allem unter weiblichen. Deshalb haben ihn diese Geschichten vom legendären Puff von Mersin ganz besonders fasziniert. Ich konnte in Erfahrung bringen, daß dieses Etablissement – wenn ich mich richtig erinnere – im Stadtteil Karaköy liege. Sollte mich meine Erinnerung täuschen, so ist es zumindest ein guter Name für einen solchen Ort. Karaköy bedeutet Schwarzes Dorf. Ich habe mir nichts gedacht, als ich an der Bushaltestelle eine junge Frau, die gerade zum offenen Fenster herausschaute, nach einem Bus nach Karaköy fragte. Karaköy schien mir eine unverdächtige Bezeichnung für einen Stadtteil zu sein. Istanbul hat ja auch sein Karaköy. In Mersin jedoch scheint der Name eindeutig negativ besetzt zu sein. Die Frau schlug empört das Fenster vor meiner Nase zu und drehte sich angewidert weg. Tatsächlich schien mir der Charakter Karaköys hauptsächlich durch dieses, in türkischen Kreisen berühmte Etablissement geprägt zu sein. Das Gebäude war schlicht und funktionell. Man mußte es durch einen engen Einlaß, ähnlich einem Eingang zu einem Fußballstadion betreten. Es war kurz nach Arbeitsschluß, als wir ankamen. Offensichtlich war der Arbeitstag anstrengend gewesen und verlangte nach Entspannung. Wir mußten in einer Warteschlange anstehen. Am Eingang wurde man auf Waffen überprüft. Mein Vordermann, ein dunkelhäutiger Seemann, hatte ein langes Messer abzugeben. Als ich an der Reihe war, fragte ich, ob vor kurzem ein Tourist, ein kleiner, schwarzer, hier gewesen sei. Ein kleiner, schwarzer: In dem Augenblick, als ich die Frage gestellt hatte, wurde mir bewußt, wie blöd diese Frage gewesen war. Ich schaute mich um: Ich war in der Türkei. Ein kleiner, schwarzer? Sie habe nur kleine Schwarze gesehen.
Da wir nun schon einmal da waren, wollten wir natürlich auch unsere Neugier befriedigen und machten eine Sightseeing-Tour, die man in keinem Touristenprospekt angeboten bekommt. Da saßen sie nun, die Objekte der Begierde, in kahlen Räumen, und lockten durch die Schaufenster mit ihren verborgenen Reizen. Ich jedenfalls habe nur verborgene gesehen, insofern man solche überhaupt sehen kann, die offenen blieben mir verborgen. Meist waren sie zu dritt im Raum, zwei nicht mehr ganz junge Frauen und eine ältere, die am Eingang an einer noch älteren Registrierkassa saß. In dem wenig einladenden Raum gab es einen alten, eisernen Holzofen und eine Couch. Die Frauen saßen in ihren Unterröcken oder Nachthemden, oder in irgendeinem anderen wenig anregenden Aufzug völlig desinteressiert da, als ob sie das Ganze nichts anginge. Manche strickten, einige schauten fern. Es schaute aus, wie wenn es sich ältere Frauen zuhause gemütlich machen. Ich habe nun wirklich nichts gegen ältere Frauen, die es endlich geschafft haben, sich dem jugendlichen Schönheitsdiktat zu entziehen. Es ist deren gutes Recht, ein paar Kilos an den sogenannten „falschen Stellen“ zuzunehmen. Aber es gibt nun mal Orte, wo das nicht paßt. Und dies war definitiv einer der Orte. Es war schrecklich. Als ich mir alle Schaufenster angesehen hatte – ich hatte keines ausgelassen, in der Hoffnung einen herzerwärmenden Lichtblick zu finden –, kam ich zum Schluß, die älteren Damen an den Kassen, würden kein Geld kassieren, sondern welches auszahlen, wenn man sich aus Mitleid einer der Damen annähme. Ich bekam meine Vermutung nirgends bestätigt. Armin erging es nicht besser als mir. „Was mußt du für ein armes Schwein sein, wenn du gezwungen bist, da rein zu gehen“, sagte er, als wir wieder draußen standen. Es schien hier viele von diesen armen Schweinen zu geben. Vor dem Eingang gab es eine Reihe von gut besuchten Imbißständen, an denen man sich wieder stärken konnte.

Auch die weitere Suche im „normalen“ Mersin nahm ungewöhnliche Formen an. Wir lernten die Leiterin des Goethe Instituts, eine Deutsche, kennen, die, da sie nun schon einmal drei original Deutschsprachige zu fassen bekam, die Gelegenheit beim Schopf packte. Schon am gleichen Abend standen wir in ihrer Deutschstunde und beantworteten jungen Türken alles Wichtige, was sie schon lange einmal über unsere Länder hatten wissen wollen. Mich, zum Beispiel, fragten sie mit leicht mahnendem Unterton, wie es sein könne, daß wir einen Bundespräsidenten hätten, der sich an den Nazigreueln beteiligt habe. Unser Kurt Waldheim war lange UN-Generalsekretär gewesen, dann gab er jenes eher unbedeutende Amt ab und wurde österreichischer Bundespräsident. Daraufhin wurde seine Lebensgeschichte erstmals durchleuchtet, und es stellte sich heraus, daß er in Jugoslawien für Erschießungskommandos zuständig gewesen sein soll. Der Zeitpunkt für diese Aufdeckungsgeschichte war etwas ungünstig gewählt, da ich justament zur selben Zeit auf großer Tour war und ich mich als Österreicher nun, wo ich auch hinkam, so als gäbe es auf dieser Welt keine anderen Probleme, genötigt sah, mich ständig vor moralisch gefestigten, politisch interessierten Weltbürgern rechtfertigen zu müssen. Da ich hauptsächlich durch Länder reiste, in denen es den Menschenrechten schon richtig gut ging, wenn sie nur hin und wieder mal mit den Füßen getreten wurden, ging mir das manchmal echt auf den Wecker. So auch damals. Ja, ich würde oft danach gefragt, antwortete ich, aber ich könnte mir vorstellen, daß es in diesem Land wichtiger sei, über Kurdistan zu sprechen, wo noch heute fast täglich Menschen ums Leben kämen, oder…Ich wollte noch Armenien mit ins Spiel bringen, aber dazu kam es erst gar nicht. Unsere Gastgeberin sprang wie von einer Biene gestochen von ihrem Sitz und unterbrach mich: „Darüber dürfen wir hier nicht sprechen.“ Damit war auch das Thema Waldheim gegessen. Es wurde weiter in friedlicher Runde über das Wetter und anderes Unverdächtiges gesprochen.

Alles in allem hatten wir wohl einen guten Eindruck hinterlassen. Am nächsten Vormittag schlenderte ich an einem bewachten Regierungsgebäude vorbei, als einer der Wachsoldaten rumzufuchteln begann und mir deutete, ich solle zu ihm die Stiegen raufkommen. Er durfte sich ja nicht wegbewegen. „Kennst du mich nicht mehr“, fragte er.
„Nein, eigentlich nicht.“
„Gestern, im Goethe Institut! Ich lerne dort Deutsch.“
Weiter konnte unsere Unterhaltung leider nicht gedeihen. Denn mit einem Mal schubste er mich aufgeregt hinter die Tür und nahm Haltung an. Da sah ich auch schon einen Mann die Stiege runterkommen. Er ging direkt auf meinen Wachsoldaten zu und sprach ihn an. Er hatte mich gerade noch gesehen. Er erkundigte sich, was da los sei, und holte mich aus meinem Versteck. Er war der Chef des Hauses, nicht nur des Hauses, des ganzen Distrikts, sozusagen der Landeshauptmann. Aber wenn auch alle ziemlichen Respekt vor ihm zeigten, war er doch ein ganz patenter Kerl. Er wollte wissen, was ich hier mache. Ich erzählte von unserer Reise und kam so auch auf unsere Suche nach Charly zu sprechen. Er werde schauen, wie er mir behilflich sein könne, meinte er, und bat mich, am Nachmittag in sein Büro zu kommen. Als ich am Nachmittag unbekümmert die Stiege zum Büro hochgehen wollte, überkreuzten zwei Wachen, die zu beiden Seiten des Stiegenaufgangs postiert waren, wortlos, wie auf Kommando, ihre Gewehre vor meiner Nase. Das wirkte im ersten Augenblick etwas martialisch. Aber ich wußte ja, daß das die Typen vom Goethe Institut oder vom Fußballplatz und so waren. Jetzt, bei der Arbeit, mußten sie hin und wieder etwas finster dreinschauen. Sobald man mit ihnen redete, waren sie ganz nett. Sie fragten, wohin ich wolle. Ich erklärte, daß ich einen Termin beim Chef habe. Als ob damit etwas von dessen Autorität auf mich übergegangen wäre, zogen sie wiederum wie auf ein verstecktes Kommando ruckartig und völlig synchron die Gewehre zurück und standen stramm. Es hätte mich geehrt, wenn sie jetzt auch noch die Füße zusammengeschlagen und salutiert hätten. Aber dafür war mein Aufzug wahrscheinlich zu wenig respekteinflößend. Wie schon erwähnt: Ich reiste „leicht“. Da nutzte es auch nichts, daß ich zum Landeshauptmann geladen war. Nun, dem Herrn Landeshauptmann machte das gar nichts aus. Man schätzt solche Menschen gerne falsch ein, wenn sie sich mit dem ihrem Stand gebührenden Habitus durch die Welt bewegen. Er wollte viel über unsere Reise wissen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, er würde gerne das Büro schließen und selbst mitfahren. Zum Abschluß des Gesprächs rief er eine Dolmetscherin ins Zimmer. Sie sollte mich bei meiner Suche unterstützen. Zusammen stiefelten wir nun vom Bahnhof zum Busbahnhof und weiter zu allen Orten, an denen sich ein Tourist hätte aufhalten können. Die Dolmetscherin sprach kaum besser Deutsch als ich Türkisch. Am wichtigsten war aber, daß ich nun nicht mehr abgewimmelt wurde, wenn ich irgendwo eine Auskunft wollte. So lernte ich bei meiner Suche auch noch den Bürgermeister der Stadt kennen. Er war so freundlich wie der Landeshauptmann und bot mir an, ich könne jederzeit von seinem Büro aus mit meinen Eltern telefonieren. Da saß ich dann im Bürgermeisteramt einer türkischen Großstadt auf dem Sessel des Bürgermeisters und erklärte meinen Eltern, daß wahrscheinlich etwas Schlimmes mit Charly passiert sein müsse. Ich bat meine Eltern, sie möchten vielleicht einmal bei Charlys Mutter vorbeifahren und ihr zumindest erklären, daß ihr Sohn derzeit nicht auffindbar sei. Sie gingen zusammen hin und klingelten, und wer machte ihnen da in aller Frische auf? Charly! Ihnen fiel ein Stein vom Herzen – mir auch, als ich das am nächsten Tag am Telefon erfuhr. Aber nachdem der Stein auf dem Boden aufgeschlagen hatte, war da plötzlich nur noch Verärgerung. Ist der Typ einfach abgehaut, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Mag sein, daß er, wie er meinte, sonst seinen Rückflug in Istanbul versäumt hätte. Selbst wenn er wegen Heimweh plötzlich abgereist wäre, es wäre mir wurscht gewesen. Aber einen Brief hätte er hinterlassen können. Ich gebe zu, daß gerade zur selben Zeit ein Urlauber, zudem noch ein Lehrer, ermordet worden war, was meine Sorgen nicht gerade kleiner machte, dafür konnte er nichts. Aber, daß wir eine Woche in dieser Stadt festgesessen sind und jeden Stein umgedreht haben, das war seine Schuld. Ein wenig hätte er zumindest krank sein können oder ein kleiner Unfall, nichts Schlimmes. Aber so? Was sollten wir nun all den Menschen erklären, die uns behilflich gewesen waren? Wir kauften einen Strauß Blumen, gingen damit zur Leiterin des Goethe Instituts, die für uns viele Hebel in Bewegung gesetzt hatte, entschuldigten uns kleinlaut und verdrückten uns so schnell wir konnten aus der Stadt. Charly hatte Glück, daß ich erst in Monaten wieder nachhause kommen sollte. Wir schrieben ihm eine Karte. Darauf stand einzig eine kurze Passage aus einem Buch von Thomas Mann, das Reiner während unseres Aufenthalts in Mersin las – es ging in dem Buch, wie sooft in den Büchern aus jener Zeit, um die Mannesehre. Uns ging es um dasselbe:
„Was soll man dazu sagen? Dazu kann man gar nichts sagen! Da kann man nur noch fragen: Hat er sich schon erschossen?“

Syrien

Durch den ungeplanten Aufenthalt in Mersin waren wir etwas in Verzug geraten. Mittlerweile waren die Visa von Reiner und Armin schon beinahe abgelaufen. Deshalb mußten wir von Mersin ein kurzes Stück mit dem Zug fahren, um rechtzeitig aus dem Land zu sein. Selbst als wir die Türkei verlassen hatten, durften wir nicht trödeln, da Armin schon bald in Israel sein sollte, wo er sich ja mit seinen Eltern treffen wollte. Wir schauten, daß wir so schnell wie möglich nach Amman in Jordanien kamen. Bald waren wir wieder in unserem gewohnten Reiserhythmus. Wir waren viel zu lange faul in Mersin rumgesessen. Wir drei waren alle vom gleichen Schlag. Wir hielten es nicht lange an einem Ort aus. Bei uns mußte sich ständig etwas ändern. Wenn es nicht nötig war, blieben wir nie länger als einen Tag an ein und demselben Ort. An Ruhetagen, die wir hin und wieder einschoben, waren wir meist schon am Abend wieder kribbelig und freuten uns, daß es bald wieder weiter ging. Durch die Suche nach Charly sind wir aber acht Tage festgesessen. Wir hatten uns jeden Tag mit Essen vollgestopft. Unsere legendären Frühstücksorgien in Mersin, die nie unter zwei Stunden abliefen, hatten Spuren hinterlassen. Alle drei hatten wir – erstmals in unserem Leben – einen Bauch. Und das gerade auf einer Fahrradweltreise! Armin traf das am härtesten: „Der Bauch muß weg! Wenn mich meine Eltern in Eilat sehen, die glauben mir nicht, daß ich mit dem Rad da runter gefahren bin.“ Daraufhin haben wir tatsächlich ernsthaft begonnen, am Ende des Tages auf unseren Schlafplätzen Sit-ups zu machen und Liegestütze und Klimmzüge… Mit Radfahren, so hatten wir feststellt, verliert man zwar Gewicht, aber der Bauch bleibt. Wir fühlten uns zu jung für einen Bauch.

On the road again (Reiner hier noch mit Mtb, das er in Jordnien gegen ein Sportrad eintauschte. Es fährt sich einfach leichter mit schmalen Reifen.)

imm-041

 

Bald waren auch die Mersin-Frühstücke wieder vergessen, und wir erfreuten uns wieder bescheidenerer Genüsse.  Eines Morgens, beispielsweise, in Syrien, auf einer ausgedörrten Stoppelwiese, wachte Armin auf und rief hocherfreut: „Jungs, das Frühstück ist angerichtet.“ Wir wunderten uns doch ein wenig. Man muß wissen, daß wir selten Vorräte mitschleppten und nur das aßen, was es in den Dörfern gab, und es deshalb am Morgen oft recht lange dauern konnte, bis wir den ersten Bissen zwischen die Zähne bekamen. Man muß aber auch wissen, daß Armin schon seit Jahren Survival-Training gemacht hatte. Wo wir einfach nur „Nichts“ sahen, entdeckte er mit seinem geschulten Auge alle nur erdenklichen Dinge, die der Mensch so zum Überleben braucht. Das konnte überall sein, auch im verschneiten Wald. Einmal hatte er bei einer Übung nur mit einem Messer bewaffnet zehn Tage im Winter alleine draußen im Schwarzwald überleben müssen. Das sei gar nicht so schwer, hat er gemeint. „Was hast du denn da zum Essen gefunden?“, fragte ich. In meiner Frage schwang ein leichter Anflug von Bewunderung mit, da ich wußte, daß ich in einem Winterwald, sofern ich nicht vorher erfröre, mit Sicherheit verhungerte. „Eigentlich, wenn ich ganz ehrlich bin“, antwortete er, „überhaupt gar nichts. Ich habe einfach nichts gegessen.“ Aber diesmal hatte er wirklich etwas entdeckt. Über ihm, im Baum, hing eine ganze Menge schrumpeliger, ausgetrockneter Feigen. Das war es, was ihn so erfreute. Wir hatten in Mersin auch Feigen zum Frühstück gehabt. Aber die hier waren anders. Sie waren zäh und trocken. Manche waren wurmstichig. Das störte einen Survivaler wie Armin nicht. Reiner und ich, wir konnten seine Begeisterung nicht teilen. Aber so hart wie er waren wir schon lange. Wir plünderten die kahlen Bäume und verdrückten, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, auch die mit Wurm. „Da ist dann auch noch das Eiweiß drin, das man als Radfahrer braucht“, meinte der Survival-Experte. Ich habe die eiweißreiche und die normale Variante probiert. Ich bevorzuge die normale. Überhaupt fand ich die Frühstücke in Mersin besser. Aber wir wollten ja unsere Bäuche wieder loswerden.

Schon am ersten Tag unseres Aufenthalts in Syrien wurden wir von einem Studenten „aufgegriffen“. Er lud uns zu sich nach Hause ein und stellte uns seiner Mutter vor. Die saß gerade im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Haus und bereitete Gemüse fürs Essen vor. Als sie hörte, wie lange wir schon unterwegs waren, fragte sie, ob unsere Mütter nicht traurig gewesen seien, als wir sie verlassen hatten. Ich hatte mir bis dahin keine großen Gedanken darüber gemacht. Ich glaube eher nicht. Ich glaube, meine war eigentlich ganz froh, daß sie mich wieder eine Zeit lang los war. Ich meine, wir haben uns ja immer sehr gut verstanden. Da gibt’s gar nichts. Aber in unserem Haus hatte alles seine Ordnung. Da gab es feste Strukturen und Abläufe, und die stimmten nicht immer mit den meinen überein. Nein, ich glaube ihre Sehnsucht nach mir hielt sich – solange sie mich gesund wußte – in Grenzen. Bei Reiner und Armin war das offensichtlich dasselbe. Das sagten wir unserer Gastgeberin auch so. Sie konnte es nicht verstehen. In Syrien würde jede Mutter weinen, wenn ihr Sohn sie verließe. Wenn unsere Mütter schon nicht um uns weinten, dann würde sie es nun an deren Stelle tun. Daraufhin legte sie los mit lautem Wehklagen und Weinen. Das schaute richtig echt aus. Hätten wir es nicht besser gewußt, wir  hätten geglaubt, sie hätte soeben ihre gesamte Familie durch einen Bombenangriff verloren, was in diesen Regionen nicht einmal so undenkbar gewesen wäre.  Reiner schwor stock und steif, er hätte gesehen, wie ihr echte Tränen über die Wangen gelaufen seien. Ich kann das nicht bestätigen. Ich bin kurzsichtig.

Damaskus: Blick aus dem Hotelzimmer und Markt

In Syrien waren die Menschen so freundlich wie überall, nur die ständigen Kontrollen nervten. Es gab immer einen Grund, weshalb man wieder irgendjemandem den Paß zu zeigen hatte. Mit drei von den Aufpassertypen hatten wir eine ganz schlechte Erfahrung gemacht. Sie wollten unsere Pässe sehen. Zunächst waren sie sehr freundlich und luden uns auf einen Kaffee in ihr Büro. Wir hatten ihre volle Sympathie, weil wir ja aus demselben Land kamen wie Hitler. Die Geschichte mit Waldheim kam natürlich auch wieder. Nur mußte ich mich dieses Mal nicht rechtfertigen. Nach diesen etwas abstrusen Freundschaftsbekundungen  wollten sie mehr von uns wissen: woher wir kämen, wohin wir gingen und warum, und und… Nach den anfänglichen Solidaritätsbekundungen wurde der Ton zunehmend dienstlicher und forscher. Wir fühlten uns nicht mehr wohl und suchten tausend Gründe, um wieder zu gehen. Aber sie wollten uns nicht ziehen lassen. Im Laufe des Gesprächs erklärten sie uns, sie seien vom Geheimdienst. Wir wußten nicht, wo wir dran waren. War das nur ein Spaß? Ständig wurde hin und her telefoniert. Er hätte den Chef am Apparat, sagte der mit dem Telefonhörer in der Hand. Die Stimmung war definitiv nicht mehr gut. Er legte den Hörer auf, zog eine Pistole aus der Tasche und drückte sie Armin an die Schläfe: „Ihr seid verhaftet. Befehl vom Chef!“ Mit unserer Reaktion hatten die Spaßvögel nicht gerechnet. Wir sprangen von unseren Sitzen auf und brüllten die Typen an. „Jetzt ist der Spaß aber aus. Was denkt ihr eigentlich, ihr Vollidioten. Geht ihr hier, in Syrien, so mit Gästen um. Schämt ihr euch nicht?“ Die drei schauten blöd aus der Wäsche. Mit viel Geschimpfe liefen wir davon. Die drei hinter uns her. Sie entschuldigten sich. Es sei ja alles nur Spaß gewesen. Als wir wieder draußen unter den Menschen waren, atmeten wir tief durch. Wir hatten keine Ahnung, was das jetzt wieder gewesen war.

Jordanien

In Amman trennten sich unsere Wege für kurze Zeit. Armin wollte über die Grenze nach Israel, wo seine Eltern am Meer Urlaub machten. Reiner und mich zog es in den Süden des Landes. Am jordanischen Grenzübergang hatten wir ein Plakat mit einer wunderschönen Wüstenlandschaft gesehen. Auf unsere Nachfrage hatte man uns erklärt, daß es sich um das Wadi Rum handle und dieses mit dem Auto von Amman aus in einem Tag zu erreichen sei. Damit hatten auch wir unseren Plan für die zwei Wochen, in denen Armin in Israel sein würde.

Bevor wir uns trennten, stand noch die weitere Planung unserer Reise an. Wir hatten unser eigentliches Reiseziel, Tibet, nicht aus den Augen verloren. Den Abstecher nach Arabien machten wir ja nur wegen Armin. Danach sollte es auf schnellstem Weg nach Hongkong gehen, von wo wir nach Tibet hochfahren wollten. Wir gingen in ein Reisebüro, um einen Flug nach Hongkong zu buchen, damit wir nach Armins Rückkehr nach Amman gleich losfliegen konnten. Dort allerdings erfuhren wir, daß Flüge nach Hongkong sauteuer seien. Der Flugpreis sprengte deutlich das geplante Budget. Ob es denn nichts Billigeres in die Gegend gäbe, fragten wir nach. Kuala Lumpur sagte sie, die freundliche, hübsche Dame auf der anderen Seite des Tisches, das wäre im Augenblick richtig billig. „Warum eigentlich nicht“, schlug ich den anderen vor. Ich hatte schon in der Volksschule ständig den Atlas studiert und alle Hauptstädte der Welt auswendig gelernt. Kuala Lumpur war damals eine meiner Lieblingshauptstädte neben Ulan Bator und Addis Abeba. Wäre irgendwie doch auch schön, mal dorthin zu kommen. Man könnte dann ja nach Bangkok fahren und möglicherweise über Laos nach China einreisen. Reiner und Armin konnten mit Kuala Lumpur nicht viel anfangen. Sie hatten in ihrer Kindheit nie Hauptstädte auswendig gelernt. Bevor sie der neuen Reiseplanung zustimmten, wollten sie wenigstens wissen, wo Kuala Lumpur liegt. Die Angestellte des Reisebüros brachte uns eine Karte, damit die zwei nachschauen konnten, wo es als nächstes hingehen sollte. Ich bleib dabei: Mit den zweien konnte man eine Reise planen. „He, das ist echt lässig. In den Tropen war ich noch nie“, freute sich Reiner. Wenige Minuten später war der Flug nach Kuala Lumpur gebucht.

Armin verabschiedete sich nach Israel, Reiner und ich radelten gegen Süden. Bis ins Wadi Rum waren es in etwa 300 Kilometer. Die ersten 220 Kilometer auf der Verbindungsstraße  zwischen Amman und Akaba muß man sich als Radfahrer nicht unbedingt geben: Eine lange Gerade durch eine endlose Einöde. Abwechslung brachten einzig die vielen Lkw, die man ständig im Auge behalten mußte, wenn sie sich aus der Weite näherten. Radfahrern kommt in der sozialen Hierarchie dieses Highways eine untergeordnete Rolle zu.

Auf dem Amann-Akaba-Highway

imm-058

Die Stimmung änderte sich, als wir nach einer eiskalten Nacht, die wir als Schutz vor den Blicken vorbeidonnernder Lkw-Fahrer hinter ein paar Ölfässern verbracht hatten, auf das schmale Asphaltsträßlein, das geradewegs ins Wadi Rum führte, abbogen. Zu beiden Seiten tauchten Berge aus der Sandwüste auf. Wir hatten die Straße für uns allein. Abgesehen von ein paar vereinzelten Pritschenwagen gab es auf dieser Straße keinen Verkehr. Wir rollten ganz gemütlich nebeneinander fahrend und schwatzend durch eine Bilderbuch-Wüstenlandschaft, als es – ausgerechnet in der Wüste! – zu regnen begann. Unweit der Straße entdeckten wir im Fels in etwa zwei Meter Höhe eine mannshohe, höhlenartige Öffnung. Wir stiegen von den Rädern und schoben sie durch den Sand zu den Felsen, um in der Höhle Schutz vor dem Regen zu suchen. Als wir hinein kletterten, sahen wir, daß sie in ihrem Inneren völlig eben mit weichem Sand ausgelegt war. Der Innenraum war so groß, daß wir beide Fahrräder mit hochnehmen konnten und dennoch genug Platz für unsere Schlafsäcke hatten. Geschützt vor dem Regen lagen wir in unseren warmen Schlafsäcken und genossen die Wüstenkulisse, über die sich nun auch noch ein farbiger Regenbogen wölbte. Manchmal ist die Natur tatsächlich so kitschig, wie sie auf den Ansichtskarten dargestellt wird. Es war erst früher Nachmittag, aber wir entschieden uns trotzdem, für den Rest des Tages in unserer Höhle zu bleiben. Der Platz war grandios.

Unsere Wohnhöhle am Weg ins Wadi Rum

Schlafplätze sind während so einer Reise immer etwas Besonderes. Wenn ich nach längeren Radreisen schon vieles vergessen hatte, so konnte ich den Streckenverlauf trotzdem meist fast lückenlos anhand der Schlafplätze nachvollziehen. Die Fremde ist in der Nacht eindrücklicher als bei Tageslicht. Es gibt Nachtstimmungen, die sich für immer in meine Erinnerung eingeprägt haben. Einige Wochen zuvor, im Kosovo, das war so eine: Ich lag tief vermummt auf einer abgelegenen Bergwiese. Nur eine kleine Atemluke blieb offen. Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ich öffnete den Schlafsack ein wenig und schaute hinaus. Es war Vollmond. Die Wiese und auch mein Schlafsack waren von Raureif überzogen. Im Mondlicht glitzerte und funkelte dieser wie Abertausende leuchtender Kristalle. Solche Stimmungen lassen sich bei Sonnenlicht nicht erzeugen. Ich könnte noch von vielen solchen Reise-Nächten erzählen. Beispielsweise damals am Pisang Peak in Nepal. Es hatte, ohne daß ich etwas bemerkt hatte, geschneit. Alles war von einer weichen Neuschneeschicht bedeckt, die im Mondlicht glänzte. Ich lag in meinem schneebedeckten Schlafsack inmitten einer lieblichen Weihnachtslandschaft und blickte hinüber auf das mir gegenüber liegende 8000 m hohe Annapurnamassiv, das in der Nacht noch gewaltiger und bedrohlicher wirkte als am Tag. Es war unwirklich. Narnia! Eine Landschaft, wie es sie nur in Fantasy-Filmen gibt. Der Tag eines Radreisenden dauert 24 Stunden. Man vergißt immer auf die Nächte. Dabei sind die Nächte im Freien ein wichtiger Teil des Gesamterlebnisses. Ich habe es, wenn es sich machen ließ, immer bevorzugt, ohne Zelt unter freiem Himmel zu schlafen. Allerdings, wenn ich so nachdenke und dabei bemerke, daß die einprägsamsten Nächte meines Lebens meist solche waren, in denen ich alleine irgendwo im Schlafsack lag, dann gibt mir das schon etwas zu denken. Aber das ist sowieso ein ganz anderes Thema, das an dieser Stelle nicht Inhalt näherer Betrachtung werden soll.

Wir waren am folgenden Tag noch nicht weit gefahren, als wir an einem Beduinenzelt vorbeikamen, vor dem ein paar junge Burschen Fußball spielten. Wir stiegen von unseren Rädern ab. Wann immer auf einem Flecken dieser Welt Fußball gespielt wurde, und wir gerade an diesem Flecken vorbeikamen, mußten wir dabei sein. Die Jungs, vielleicht 13, 14 Jahre alt, hatten eine Mordsgaudi, als wir Ausländer mit ihnen durch den Sand fetzten. Allerdings spielten wir nicht lange. Schon bald blieben sie stehen und deuteten uns, daß sie uns etwas zeigen wollten. Wir verstanden nicht, worum es ging, aber, so aufgeregt wie sie waren, mußte es sich um etwas Außergewöhnliches handeln. Sie liefen zu den Felsen. Wir folgten ihnen. Wir kraxelten 20 Minuten hinter ihnen her. In einem Felskessel blieben sie stehen, zeigten nach vorne. Vor uns lag inmitten dieser trockenen Steinwüste ein großes steinernes Becken gefüllt mit glasklarem Wasser. „Ma, Ma“, wiederholten die Jungs ständig. „Ma“ ist das arabische Wort für Wasser. Es war ein ganz besonderer Ort. Es war der Ort, wo sie ihr Wasser her hatten. Einer nach dem anderen legten sie sich fast ehrfürchtig am Rand des Beckens auf den Bauch, berührten mit den Lippen ganz leicht die Oberfläche des Wassers und tranken. Auch wir tranken ein paar Schluck und deuteten ihnen, daß es sehr gutes Wasser sei. Danach machten wir uns auf den Rückweg. Allein hätten wir in dem weglosen Gelände sicher nicht zurück gefunden. Als wir wieder beim Zelt ankamen, wartete ihre Mutter schon mit dem Mittagessen. Wir setzten uns im Schneidersitz auf den im Zelt ausgelegten Teppich und aßen Reis mit etwas Hühnerfleisch und sehr viel Sand, der zwischen den Zähnen knirschte. Es schmeckte köstlich. Die Jungs waren völlig aufgedreht. Sie wollten uns alles aus ihrer Welt zeigen und erklären. Leider war die Verständigung recht mühsam. Schon bald verabschiedeten wir uns wieder von der freundlichen Familie und nahmen die letzten Kilometer ins Wadi Rum in Angriff.

Nach dem Besuch der Wasserstelle gab es Mittagessen im Beduinenzelt.

Die Siedlung war kein Schmuckstück: Eine langweilige, verhüttelte Wellblechsiedlung. Ein unansehnlicher, massiv gebauter, einstöckiger Betonklotz am Ortseingang fiel stilistisch etwas aus der Rolle. Im ästhetischen Erscheinungsbild des Ortes verhielt er sich allerdings neutral. Weder wurde der Ort durch den Bau hässlicher, noch gewann er durch ihn an Schönheit. Der Betonklotz war, wie uns erklärt wurde, das Touristcenter. Das Touristcenter wirkte etwas verwaist, was wohl der Tatsache geschuldet war, daß es in dem Ort keine Touristen gab. Das sollte sich aber schon bald ändern. Wir saßen gerade gelangweilt im Sand und gähnten mit den Kamelen neben uns um die Wette, als eine Touristengruppe in bestens ausgerüsteten, modernen Geländewagen diese friedliche Idylle jäh zeriß. Wir hatten stets versucht, etwas intelligenter dreinzuschauen als die Kamele. Das glückte uns in jenem Moment wohl nicht mehr. Mit einer derartigen Invasion hatten wir in dem verschlafenen Nest nicht gerechnet. Die Überraschung wurde noch größer, als wir erfuhren, woher diese Touristen kamen. Das waren meine Nachbarn. Sie kamen aus Rüthi, einem kleinen Schweizer Ort jenseits des Rheins, gerade mal 15 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Es waren Kletterer. In den umliegenden Felsen hatten die Brüder Remy, zwei Altmeister der Schweizer Kletterszene, ein paar Routen eingebohrt. Seitdem verirrten sich  ganz sporadisch einzelne Klettergruppen ins Wadi Rum. Die Schweizer wollten ihren Weihnachtsurlaub in diesem noch wenig bekannten, exotischen Klettergebiet verbringen. Es ließ sich nicht vermeiden, daß wir einen Blick ins Wageninnere warfen. Was die alles dabei hatten! Beste Schweizer Ware vom Migros. Ein Stück Heimat hatte sich in dieses abgelegene Kaff im südlichen Arabien verirrt. Als wir noch klein waren, sind wir mindestens einmal die Woche in die Schweiz zum Einkaufen gefahren. All die leckeren Dinge, die wir damals bei unseren Einkaufsfahrten gekauft hatten, lagen da hinter der Scheibe im Geländewagen. Sogar das Geschirrspülmittel war dasselbe, das meine Mutter zuhause verwendete. Da waren wir so weit gefahren, und dann stand gerade rechtzeitig zu den Weihnachtstagen ein Migros-Verkaufswagen mit bestens ausgesuchtem Sortiment vor uns. Wenn ich da an das Angebot im örtlichen Laden dachte! Da gab es trockene Biscuits und Dosenfisch. Auf der Fischdose, die da verkauft wurde, stand auch noch „Geschenk der Bundesrepublik Deutschland“. Aber wir sollten dafür bezahlen! Ich machte mich noch über Reiner lustig: „Ihr Deutschen seid ja schon schön blöd. Zuerst schenkt ihr denen das ganz Zeugs, und dann kaufst du es später wieder zurück.“ Ich bin allerdings nicht ganz sicher, ob das wirklich so im Sinne der deutschen Entwicklungshilfe gewesen ist. Jedenfalls war das Warensortiment der Schweizer wesentlich besser als jenes des örtlichen Ladens. Ich stellte fest, daß die Schweizer nicht nur dieselben Produkte konsumierten wie ich, sie waren in den letzten Jahren auch in denselben Kletterrouten an den Südwänden des Rätikons unterwegs gewesen. Sie kannten alles von der Neumann-Stanek über Schweizerpfeiler und Haldejohli bis zur Via Pardutz. Bei so vielen Gemeinsamkeiten ging uns der Gesprächsstoff nicht aus. Vielleicht ergäbe es sich, meinten sie, daß ich mal eine kurze Route hier im Wadi mit ihnen klettern könnte.

Wüstenpolizisten und Kamele im Wadi Rum

Am folgenden Morgen, als wir aufstanden, waren die Schweizer, die im Touristcenter wohnten, schon unterwegs zu den Wänden. Wir frühstückten gemütlich in der Sonne. Es gab, wie schon am Abend zuvor, salzige Kekse, eine Dose Entwicklungshilfefisch und Wasser. Danach wanderten wir gemütlich hinüber zu den Felsen, um uns ein wenig umzusehen. Wir fanden bald einen Zugang, über den man höher steigen konnte. Nachdem wir ein paar Felsblöcke überklettert hatten, standen wir auf einer kleinen Ebene, die von steilen Wänden abgeschlossen wurde. Wieder fanden wir einen leichten Weg, um auch jene Felsstufe zu überwinden und landeten in einem schattigen Felskessel. In der Mitte des Kessels befand sich ein kleiner Wassertümpel, dessen Rand spärlich mit grünen Pflanzen bewachsen war. Wenige Meter entfernt lag ein Ziegenskelett, daneben ein Raubtierschädel. Wo Wasser war, war das Leben. Und wo Leben war, war der Tod. Stufe um Stufe kraxelten wir höher, von einer Ebene zur anderen, von einem Felskessel zum nächsten. Diese schattigen Kessel waren eine Art  Miniaturoasen. Es war eine kleine, von der Außenwelt durch Felsen abgeschlossene, fast schon mystische Wunderwelt, durch die wir uns da bewegten – völlig anders als die Wüste da draußen. Stundenlang stiegen wir völlig euphorisiert durch die Felsen, immer weiter, immer gespannt, was wir nach der nächsten Stufe vorfinden würden. Die Schwierigkeiten bewegten sich meist im 1. bis 2. Schwierigkeitsgrad. Nur einmal, in einem kleinen Kamin, der sich unmittelbar über einem Wasserbecken erhob, wurde es für zwei, drei Meter deutlich schwieriger. Reiner, der bis dahin noch nie im Fels geklettert war, wußte nicht mehr weiter. Es fehlten ihm nur noch ein, zwei Griffe zum Ausstieg. Glücklicherweise hatte ich mein Allzweck-Beduinenkopftuch dabei. Wir hatten diese Tücher im Bazar von Damaskus gekauft. Seither hatten sie uns stets gute Dienste geleistet: als Kopf- und Gesichtsschutz an heißen Tagen, als zusätzliche Schlafsackunterlage in kalten Nächten, als Handtuch genauso wie auch als Geschirrtuch und als Essensunterlage, wenn wir im Freien groß auftischten. Und nun mußte mein Tuch auch noch als Kletterseil herhalten. Ich wickelte es fest um meinen Unterarm, legte mich am Ausstieg auf den Bauch und ließ es zu Reiner runter. Damit hatte er den Griff, den er brauchte, und überwand so auch diese kurze Kletterstelle problemlos. Als wir am höchsten Punkt waren, sahen wir, daß man auf der hinteren Seite des Massivs ohne Schwierigkeiten wieder ins Tal absteigen konnte. Wir waren doch sehr erleichtert, als wir das sahen. Es wäre eine langwierige Prozedur geworden, hätten wir den ganzen Aufstiegsweg zurücksteigen müssen. Den Abstieg auf der hinteren Seite hatten wir sehr schnell geschafft. Allerdings wartete im Tal noch ein langer Rückweg auf uns, da wir nun das Felsmassiv, das wir überquert hatten, umrunden mußten. Nach neun Stunden kraxeln und wandern waren wir wieder zurück in der Oase.

Improvisierte „Kraxeltour“ im Wadi Rum

Unser erster Weg führte uns zu den Schweizern. Wir hatten auf unsere „Klettertour“ nichts mitgenommen und waren sehr durstig. Die Schweizer hatten fließendes Wasser. Wir baten sie, unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Die Frauen waren schon am Kochen. Die Männer waren von ihrer Klettertour noch nicht zurückgekehrt. Als wir den ersten Durst gestillt hatten, gingen wir zu unserem Laden, um die obligatorischen salzigen Biscuits und Fisch zu kaufen. Der Ladenbesitzer saß mit anderen Männern vor dem offenen Ladeneingang. Er deutete auf die Uhr und gab uns zu erkennen, daß er schon geschlossen habe. Wir deuteten auf unsere nicht mehr vorhandenen Bäuche und gaben zu erkennen, daß wir sehr hungrig seien. Wir hatten seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Der Ladenbesitzer hätte nur die Hand ausstrecken müssen, dann hätte er zumindest die Biscuits erreicht.  Das hätte uns schon gereicht. Er hatte Feierabend, das verstanden wir. Unseretwegen hätte er nicht von seinem Stuhl aufstehen müssen. Aber zumindest Biscuits hätten wir gebraucht, eine ganze Menge sogar. Wir hatten nämlich geplant, am nächsten Morgen schon sehr früh nach Akaba weiterzufahren. Aber es ging hier nicht ums Aufstehen. Es ging hier ums Prinzip. Wer deutsche Fischdosen verkauft, darf sich auch deutsche Prinzipien aneignen. Geschlossen ist geschlossen! Wir gaben uns redlich Mühe, das zu verstehen. Es gelang uns nicht vollends. Wir konnten uns ein mißmutiges „So-ein-Arschloch“ nicht verkneifen, als wir unverrichteter Dinge wieder abzogen.

Wir legten uns in unsere Schlafsäcke hinter dem Touristcenter und studierten die Karte. Es gab zwei Wege nach Akaba, einen langen über Asphalt und einen kurzen durch die Wüste. Auf unserer Vorderasien-Karte im Maßstab 1:4 000 000 war diese kurze Route einzig als dünner Strich eingezeichnet, der nicht viel an Informationen hergab. Reiner maß die Strecke mit dem Finger ab, kam zum Schluß, daß es etwa 50 Kilometer sein müßten, nahm eine Marathonzeit von 3 Stunden als Grundlage, multiplizierte diese mit zwei – wir würden wahrscheinlich viel im Sand rumstapfen – und kam zum Schluß, daß das auch bei ungünstigsten Bedingungen an einem Tag zu schaffen sein müßte. Der erste Teil unserer Routenplanung wäre damit einmal erledigt gewesen. Allerdings sagte dieser dünne Strich auf der Karte reichlich wenig über den Verlauf der Piste aus. Wir konnten der Karte einzig entnehmen, daß sich die Piste etwas außerhalb der Oase verzweigen würde. Eine Piste führte nach Saudi Arabien, die andere war die unsere. Während aber unsere Karte zwei – und nur zwei! – klar und deutlich erkennbare Pisten auswies, wußten wir von unserem Ausflug, daß die Realität völlig anders ausschaute. Da draußen gab es unzählige undeutliche Spuren. Bei den vielen Spuren war es recht schwer auszumachen, was die Hauptstraßen hätten sein sollen. Nachdem Reiner schon die Zeitfrage geklärt hatte, fühlte ich mich verpflichtet, mich um die Orientierung zu kümmern. Ich joggte noch gemütlich eine Stunde in die Wüste hinaus, um die Abzweigungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Unter all den Spuren, die von der „Saudi-Arabien-Spur“ abzweigten, schien sich eine etwas hervorzuheben. Ich beschloß, daß dies am nächsten Morgen unser Weg sein würde.

Als ich von der Erkundungstour zurück kam, erzählte mir Reiner als erstes, daß die Männer nun auch zurück seien. Er hätte sich bei der Rückkehr noch kurz mit ihnen unterhalten. Diese Info war sehr wichtig, weil wir insgeheim auf ein „He-kommt-doch-einen-Sprung-rein-Ihr-könnt-doch-nicht-allein-da-draußen-im-Sand-liegen“  hofften. Und wenn wir einmal drin wären, dachten wir, dann würden schon auch ein paar Krümel für uns abfallen. Als wir nämlich bei den Frauen Wasser geholt hatten, da sind uns fast die Augen übergegangen. Man kann in Worten nicht beschreiben, welche Schätze in der Küche lagerten. Von solchen Dingen hatten wir die letzten Wochen bestenfalls geträumt.
Nun, sie waren also zurück. Das nutzte uns aber reichlich wenig, denn sie hatten sich fest in ihrem Bau eingeigelt. Sie machten auch keine Anstalten, sich zu uns, nach draußen, zu bewegen. Wir wußten über jede ihrer Bewegungen Bescheid. Unser Schlafplatz war nämlich hinter dem Touristcenter, unterhalb des Küchenfensters. Da es schon dunkel war, konnten wir sie durchs Fenster beobachten, ohne daß sie uns sahen. Wir standen am Fenster und schauten ihnen beim Essen zu. Wir schauten direkt ins Schlaraffenland. „He, schau dir den Bergkäse an. Und die Tomaten erst. Richtige Schweizer Schokolade! Der Whisky ist auch nicht gerade der billigste….“ So ging das die ganze Zeit. Wir hatten eh nichts Besseres vor. Zum Schlafen war es noch zu früh. Und immer noch lebte die Hoffnung.
Die hatten tatsächlich Käsknöpfle gemacht, meine Lieblingsspeise. Der Geschmack gebackener Zwiebeln lag in der Luft – nicht nur in der Luft, auch in unseren Nasen. Ich habe mal – so zum Spaß – den Koran gelesen. Ich glaube, dort gelesen zu haben, Allah sei gnädig. Das hier, Wadi Rum, das war sein Territorium. Aber von Gnade keine Spur. Ich glaube auch, mich erinnern zu können, daß Reiner an jenem Abend nochmals von Arschlöchern sprach und daß er irgendwann zu fortgeschrittener Stunde, als wir wieder mal einen Blick in die Küche warfen, sagte, daß er, wenn ihm nun einer von denen etwas anbieten würde, „von denen“ – wie er das schon sagte – nichts mehr annehmen würde, auch nicht den kleinsten Bissen, von den…- und schon wieder war jenes Wort, das ich von nun an nie mehr wiederholen werde, in seinem Munde, und schon wieder hatte er recht.

Am nächsten Morgen waren wir früh auf den Beinen. Der Lebensmittelladen war noch geschlossen, was, wenn man die Welt von der positiven Seite betrachten wollte, den Vorteil mit sich brachte, daß wir keine Zeit mit dem Frühstück vertrödelten. Schon fünf Minuten, nachdem wir aus den Schlafsäcken gekrochen waren, waren wir unterwegs nach Akaba. Als Proviant führte jeder von uns drei Liter Wasser mit sich. Etwas außerhalb der Oase kamen uns vier Soldaten in einem Geländewagen entgegen.
„Wo wollt denn ihr hin“, fragten sie.
„Nach Akaba!“
„Kennt ihr euch hier aus?
„Nein!“
„Habt ihr einen Kompaß?“
„Nein!“
„Dann hoffen wir, ihr habt ein Visum für Saudi Arabien. Die sind da drüben nämlich recht streng.“
Daraufhin lachten sie laut und herzlich. Es waren fröhliche Soldaten. Sie waren schon am frühen Morgen gut gelaunt. Kurz nach dieser Begegnung bogen wir rechts auf eine Nebenpiste ab, die zwischen den Bergen durchführte. Auf der Hauptpiste hatten wir noch – wenn auch mehr schlecht als recht – fahren können. Daran war nun gar nicht mehr zu denken. Der Untergrund wurde immer tiefer und die Piste immer undeutlicher zu erkennen. Wir hatten keine Ahnung, ob wir auf dem richtigen Weg waren. Genauso gut war es möglich, daß wir irgendwo im Nichts landeten und am nächsten Morgen denselben Weg wieder zurückgehen mußten. Unsere 3 Liter Wasser waren für den Weg nach Akaba völlig ausreichend. Ende Dezember wird es auch in dieser Gegend tagsüber nicht extrem heiß. Wenn wir aber am nächsten Tag wieder zurück nach Wadi Rum mußten, dann hatte das auch zu klappen, sonst würde es knapp werden. Mir war klar: Es brauchte nur einen etwas stärkeren Wind in der Nacht und von unseren Spuren wäre nichts mehr zu sehen. Deshalb blieb ich immer wieder stehen und baute kleine Steinmännchen. Reiner stapfte in seiner jugendlichen Unbekümmertheit – was sechs Jahre ausmachen können – völlig unberührt von solch defätistischem Gedankengut vorne weg und bemerkte nicht einmal, was ich da hinten machte. Ich war schon sehr froh, als wir irgendwann tief unter uns einen breiten, gut erkennbaren Weg entdeckten. Ich wäre nur sehr widerwillig den ganzen Weg wieder zurückgegangen. Wir verließen unseren Weg und stiegen querfeldein zu der besseren Piste ab. Als wir sie erreicht hatten, sahen wir, daß sie mit Ölfässern markiert war. Es mußte sich demnach um einen wichtigen Weg handeln. Und wichtige Wege konnten unserer Meinung nach nur nach Akaba führen. Man konnte auf diesem Weg sogar ganz passabel fahren. Allerdings währte die Freude nicht sehr lange. Ich habe ein Loch in der Piste übersehen und dabei mein Vorderrad demoliert. Die Felge hatte einen tiefen Schlag abbekommen. Es war unmöglich, mit dem Rad auch nur einen Meter weiter zu fahren. Wir haderten ein wenig mit unserem Schicksal. Da lag endlich eine ordentliche Piste vor uns, und schon wieder mußten wir schieben. Nach einiger Zeit mündete die Piste in eine Asphaltstraße und ein Schild zeigte uns an, daß es noch 18 Kilometer nach Akaba waren.

Vom Wadi Rum nach Akaba (Bild 2 stammt von eine Tour ins Wadi Rum, die ich Jahre später mit Armin gemacht habe.)

Noch weitere 18 Kilometer dieser endlosen Trotterei! Da hatte uns der gerade noch gefehlt. Er stand Wache vor einer Kaserne. Es war ihm offensichtlich langweilig und er wollte sich wichtig machen. Er hielt uns an: „Passport!“
„Ich zeig‘ dem jetzt sicher nicht schon wieder meinen Paß“, raunzte Reiner. Sein Blutdruck stieg blitzartig. Er hatte eine Allergie gegen Behörden. Er war ein Rebell. Er verbog sich vor niemandem, schon gar nicht vor staatlicher Obrigkeit. Er hätte einen guten Wutbürger abgegeben, hätte es die damals schon gegeben. Armin und ich waren in seinen Augen Arschkriecher. Schon in Syrien hatte er sich bei einer der vielen Kontrollen mit einem Typen in Zivil angelegt. Hätte er uns, die Arschkriecher, damals nicht dabei gehabt, er säße wohl immer noch in Syrien. Armin und ich waren in solchen Dingen pragmatischer. Wir gingen stets den Weg des geringsten Widerstands. Wir wollten auf unseren Reisen radfahren, nicht für die Menschrechte kämpfen. Dieses eine Mal aber stimmte ich Reiner zu. Die Hatscherei zehrte an der Vernunft. Wir zuckten mit der Schulter und schauten dumm. Er wiederholte: „Passport, Passport.“ Wir antworteten: „No understand.“ Das ging die längste Zeit so: „Passport“, „No understand“, „Passport“, „No understand“…Schließlich verlor er die Geduld und rief seinen Vorgesetzten. Dasselbe Spiel wiederholte sich nun in anderer Besetzung. Als die beiden langsam etwas unwirsch wurden, und wir einsahen, daß wir auch in einer Stunde nicht weiterkommen würden, sagten wir: „Ahhh Passport.“ Die beiden glänzten: „Yes passport!“ Wir zeigten die Pässe und trotten weiter. Nur noch 6 Kilometer. Sie winkten uns freundlich hinterher. Wir drehten uns nochmals um, und winkten ebenso freundlich zurück. Wir Dummköpfe hatten fast 15 Minuten verloren.
Im Dunkeln erreichten wir Akaba. Zuerst wurde eingekauft. Wir hatten seit 36 Stunden nichts mehr gegessen. Zu unserer Überraschung entdeckten wir ein Weingeschäft. Wein in Arabien! Wir waren – zwangsläufig – lange schon abstinent. Es standen viele verschiedene Sorten zur Auswahl. Nachdem wir sowieso nichts lesen konnten, griffen wir wahllos zu. Im Zimmer öffneten wir als erstes die Flasche. Die Wüstendurchquerung mußte begossen werden. Reiner nahm den ersten Schluck. Er war der Weinkenner unter uns. Seine Familie produzierte im Schwarzwald eigenen Wein. „Wähh, der Hund ist aber sauer.“ Er verzog sein Gesicht, als er den ersten Schluck genommen hatte. Der Wein im Schwarzwald schien besser zu sein. Dann gab er mir den Wein. Ich nahm einen Schluck und spuckte ihn sofort wieder aus: „Das ist doch kein Wein. Das ist Essig. Was seid ihr für Weinbauern im Schwarzwald?“ Damit war auch dieses arabische Geheimnis gelöst. Alkohol in Akaba?!? Essig! In all den verlockenden Flaschen war nur Essig!

Am nächsten Morgen brachten wir mein Rad in eine Autoreparaturwerkstätte, um die Felge zu reparieren. Es war ja damals in Akaba unmöglich, eine neue zu bekommen. Mit einem Hammer schlug der Automechaniker  die Felge in eine runde Form. Er stellte sich sehr geschickt an. Ich hätte nicht gedacht, daß die Felge noch zu retten ist. Ein kleiner Schlag blieb zurück. Aber damit konnte ich gut leben. Auf der Innenseite der Felge hatte es die Speichen durchgedrückt. Ich schnitt mit einem Messer ein Stück von der Schlafsackunterlage ab und klebte es über die vorstehenden Speichenspitzen, damit der Schlauch nicht verletzt wird. Man konnte damit fahren. Ich ging davon aus, daß das Provisorium nicht lange hält. Bei der nächsten Möglichkeit, wollte ich eine neue Felge kaufen. Daß diese Improvisation noch mehr als 4000 Kilometer auf manchmal wildesten Pisten durchhalten würde, hätte ich mir damals nicht vorstellen können.

Von Akaba fuhren wir mit dem Bus zurück nach Amman. Den Highway wollten wir nicht noch einmal machen. Ich stieg mit einem schlechten Gefühl in den Bus. Das schlechte Gefühl kam aus dem Bauch. Der war aufgebläht wie ein Ballon. Das Thema mag etwas unappetitlich sein, aber es gehört zum Globetrotteralltag. Nirgendwo sonst auf der Welt wird über die Konsistenz des Stuhls so unbefangen, so ausführlich und so häufig diskutiert wie unter Globetrottern. Wer sich das erste Mal auf Weltreise begibt, muß wissen, es erwarten ihn neben Palmen und blauem Meer noch andere, unangenehmere Realitäten. Zu diesen gehört eine lange Busfahrt mit rebellierenden Gedärmen. Wir saßen unmittelbar hinter dem Busfahrer. Ich konzentrierte mich, so stark ich konnte. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß mir ein Wind entfleuchte. Ich wollte mich gerade entschuldigen, da regte sich Reiner auch schon auf. „Mensch, der da vor uns hat einen fahren lassen, das hält ja kein Schwein aus.“ Ich stimmte ihm zu: „Ein bißchen könnte er sich schon zusammennehmen.“ Mein Problem war gelöst. Ein Schuldiger war gefunden. Aller Scham entbunden, konnte ich meine – im wahrsten Sinne des Wortes – krampfhafte Zurückhaltung aufgeben. Während der gesamten Fahrt zogen wir gemeinsam über den armen Fahrer her, daß es mir eine Freude war. Kritisch wurde es, als Reiner den Platz wechseln wollte. Es ist mir gelungen, dies mit guten Argumenten zu verhindern, und so konnten wir fröhlich weiterschimpfen. Von dem kleinen Geheimnis unserer Busfahrt nach Amman weiß Reiner bis heute noch nichts. Ich habe es – wie sagt man das in so einem Fall am besten – ich habe es nicht gelüftet.

Nach einer Woche Abwesenheit waren wir wieder zurück in Amman. Und es würde noch eine Woche dauern, bis Armin zurückkäme. Eine Woche in Amman: Das klang in unseren Ohren schon fast wie eine gefährliche Drohung. Noch eine ganze Woche Arabien! Nein, das ging einfach nicht. Ich möchte die Tage in Arabien nicht missen, aber irgendwann ist es auch genug. Wir freuten und nun auf Südostasien. Wir gingen ins Reisebüro und ließen den Flug um eine Woche vorverlegen. Armin informierten wir einem postlagernden Brief, daß wir schon mal vorausgefahren seien.

Malaysia

Kuala Lumpur war eine schöne Stadt, in der wir uns – einmal abgesehen von der Hitze, die wir nach dem kalten Arabien nicht mehr gewohnt waren – pudelwohl fühlten. Nach einem Tag in der Stadt hatten wir aber wieder dasselbe Problem wie in Amman. Wir waren der Ansicht, alles gesehen zu haben. Wir wurden unruhig. Wir wollten wieder aufs Rad. „Komm, wir schreiben Armin noch einen zweiten Brief. Wir fahren los Richtung Thailand. Er kann ja mit dem Bus nachkommen“, schlug Reiner vor. Ich fand das Armin gegenüber schon etwas fies. Aber auch ich wäre liebend gerne weiter gefahren. Ich suchte eine Ausrede, um mein Gewissen zu beruhigen. Eigentlich, so dachte ich mir, wollen wir ja möglichst schnell nach Tibet. Wenn Armin uns mit dem Bus hinterherfährt, sparen wir uns einiges an Zeit. Mit dieser Begründung konnte ich gut leben. Beiden fiel ein Stein vom Herzen, als wir die Entscheidung gefällt hatten. Als wir uns wieder bewegten, stellte sich die Abenteuerlust wieder ein, die sich beim Warten in den Städten so schnell verflüchtigt. Das Leben ist einfach spannender, wenn man am Morgen noch keine Ahnung hat, wo man am Abend sein wird. Beide genossen wir die Fahrt durch die üppig grünen Landschaften, aber auch die entspannte Atmosphäre in den kleinen Dörfern. Der Kontrast zum kargen und hektischen, manchmal sogar etwas aggressiven Arabien hätte nicht größer sein können. Allein das Klima sorgte für ein paar kleinere Unannehmlichkeiten. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, daß die Flicken nicht mehr klebten. Selbst alte Flicken aus der Türkei und Arabien lösten sich. Deshalb ließen wir in Malaysia die Reifen immer in Autowerkstätten flicken. Die hatten dort offensichtlich geeigneteres Material. Das war aber kein wirkliches Problem. Mehr Schwierigkeiten hatte ich mit den Nächten. In unseren Schlafsäcken war es nachts viel zu heiß. Wenn wir sie aber öffneten, wurden wir von Myriaden von Mücken überfallen. Sobald man auch nur die kleine Zehe aus dem Schlafsack streckte, machten sich die gierigen Bestien darüber her. Wir hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder man ließ sich von den Mücken bei lebendigem Leib auffressen oder man schmorte im eigenen Saft. Ich gab meist der zweiten Variante den Vorzug. Reiner erging es etwas besser. Er hatte eine Hose und Jacke aus dünnem, atmungsaktivem Goretex dabei. Nachts zog er das Regenzeug samt Kapuze an und legte sich ohne Schlafsack auf die Schlafsackunterlage. So konnte er zumindest ein wenig schlafen. Ich dagegen mußte an Schlaf gar nicht denken. Jeden Morgen war der Schlafsack klatschnaß von meinem Schweiß. Nach wenigen Tagen war ich völlig kaputt. Erst als wir das Meer erreichten, wurde es besser. Sooft es möglich war, übernachteten wir am Strand. Der kühle Meerwind vertrieb die lästigen Mücken. Ich konnte wieder mit offenem Schlafsack schlafen. Damit waren alle Voraussetzungen für eine wunderschöne Zeit gegeben.

Traumhafte Radtage an Malaysias unberührter Ostküste

Der Tourismus hatte zu jener Zeit die Ostküste Malaysias noch nicht entdeckt. Wir gondelten durch eine wunderschöne Tropenlandschaft von Fischerdorf zu Fischerdorf. Große Städte gab es nicht, und die Strände, an denen wir zwischendurch Rast machten, waren fast unberührt. Die Ostküste Malaysias war ein wahres Radlerparadies. Aber selbst die perfekteste Welt kann nicht ohne Makel sein. Und die Geißel des Paradieses sind bekanntermaßen die Schlangen. Derer gibt es in Malaysia viele. Wir haben sie nicht gesehen, aber sie wahrscheinlich uns. Uns war das lange Zeit gar nicht bewußt geworden. Wir stapften völlig unbekümmert barfuß durchs Gras. Wir waren fest davon überzeugt, daß sich Schlangen sowieso sofort verdrücken, wenn sie unser Getrampel spüren. Und die sollen ja, sagt man, alles spüren. Als wir wieder einmal abseits des Strandes, im Landesinneren, übernachten mußten, legten wir uns völlig sorglos mit unseren Schlafsäcken ins hohe Gras einer Wiese. Kaum lagen wir in den Schlafsäcken, kam ein Einheimischer aus einer der in Sichtweite stehenden Hütten angestapft. Er fuchtelte mit Händen und Füßen herum und erklärte uns mit ein paar Brocken Englisch, daß wir in dem Gras keinesfalls schlafen dürften. Das sei lebensgefährlich. Es wimmle dort vor Schlangen. Wir sollten lieber zu ihm, in seine Hütte, kommen. Auch wenn wir seinem Angebot gerne folgten, glaubten wir doch, daß er ein wenig übertreibe. Trotzdem betraten wir das Gras danach etwas vorsichtiger. Daß wir gut daran getan hatten, wurde mir erst ein paar Jahre später bewußt. Während einer Radtour durch Thailand hatte ich ein dringendes Bedürfnis zu erledigen. Ich folgte einer kaum erkennbaren Trampelspur durch kniehohes Gras zu ein paar Büschen. Als die Spur nicht mehr auszumachen war, stoppte ich und schaute mich etwas um. Den Pfad konnte ich nicht entdecken, dafür eine dünne, giftgrüne Schlange, die vielleicht 30 Zentimeter vor mir an einem dünnen Ästchen hing und mich anzüngelte. Hätte ich nicht zufällig gestoppt, mit dem nächsten Schritt hätte es eine sehr unliebsame Begegnung mit dieser Schlange gegeben. Es soll ja in der Gegend ein paar der giftigsten Schlangen dieser Welt geben.
Ich bin mir sicher, daß sich auch in Malaysia viele dieser unsichtbaren, grünen Dinger im Gras getummelt haben, und wir mit unserem naiven Verhalten mehr Glück als Verstand gehabt hatten. Welch ein Zufall, daß uns der Mann von seiner Hütte aus gesehen hatte. Die Nacht wäre ansonsten wahrscheinlich die gefährlichste unserer Reise geworden. Ich weiß nicht, was mich damals geritten hatte. Das war wohl das Dümmste, was ich je auf einer meiner Reisen gemacht habe.

Zu einem richtigen Paradies gehören nicht nur Schlangen, sondern auch die Versuchung. Die folgte in einem Straßencafe. Wir tranken zwei Coke. Wir waren die einzigen Gäste. Plötzlich tauchten im Hintergrund zwei Mädchen auf. Sie unterhielten sich mit dem Wirt. Der gestikulierte aufgeregt mit den Armen. Die Mädchen verschwanden wieder, so wie sie gekommen waren. Keine zehn Minuten später standen sie wieder im Lokal, in ihren schönsten Kleidern, herausgeputzt, als wären sie zu einer Hochzeit geladen. Der Wirt kam zu uns und setzte sich. Er machte keine langen Umschweife. Er habe zwei Töchter, sagte er, ob wir sie nicht mitnehmen wollten nach Europa. Ein kurzer prüfender Blick zu den Mädchen. Man muß ja wissen, worüber man verhandelt. Die waren sehr jung, keine zwanzig, und wirklich hübsch. Hätten wir bei dem Angebot zugegriffen – ich weiß nicht, ob das in diesem Zusammenhang der passende Ausdruck ist -, ich bin mir sicher, wir hätten die Coke nicht zahlen müssen. Aber da gab es nun mal dieses leidige Transportproblem. Wie er sich das vorstelle, fragten wir, wir könnten sie ja schlecht auf dem Gepäckträger mitnehmen. Das sah er auch so. Aber wir seien wahrscheinlich eh nur ein paar Wochen unterwegs. Wir könnten am Ende des Urlaubs nochmals bei ihm vorbeikommen und sie abholen. Man darf so ein Angebot nicht einfach so vom Tisch wischen. Wann bekommt man im Leben jemals zwei hübsche Mädchen auf dem Präsentierteller serviert, quasi wie im Supermarkt, nur, daß wir nichts zahlen hätten müssen. Aber wir kannten die Geschichte ja. Auf den ersten Blick schauen die Dinge immer sehr schön aus. Gibt man der Versuchung aber einmal nach, folgt die Vertreibung aus dem Paradies. Sein Angebot sei erstklassig, sagten wir. Wir hätten es gerne angenommen. Aber der Zeitpunkt sei einfach der falsche. Wir wollten noch weiter nach Tibet. Es ginge jetzt ganz einfach nicht. Er konnte es nicht wirklich verstehen. Wenn er gewußt hätte, wie kalt und öd es in Tibet sein würde, er hätte an unserem Verstand gezweifelt – und viele andere wahrscheinlich auch.

In Kota Bahru, einem kleinen Nest an der Grenze zu Thailand, blieben wir dann endgültig und warteten auf  Armin. Es gab dort eine gemütliche Unterkunft, wie man sie überall in Südostasien entlang der „Globetrotter-Highways“ finden konnte. Seit wir Kuala Lumpur verlassen hatten, hatten wir keinen einzigen Touristen getroffen. In dieser Stadt aber kamen sie alle aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Kota Bahru hatte Trichterfunktion. Das war einer der Orte, durch den man mußte, wenn man nach Thailand wollte. Wer noch kein Visum für Thailand hatte, konnte es sich in Kota Bahru besorgen.

Markt in Kota Bahru

Ich mochte diese Globetrottertreffpunkte. Wenn man länger draußen war, abseits der touristischen Infrastruktur, waren sie Oasen der Erholung. Sie hatten sich den westlichen Lebensgewohnheiten angepaßt. Es gab saubere Duschen, gefiltertes Wasser, guten Kaffee und westliches Essen. Müsli und Pancake waren an solchen Orten obligatorisch. Man traf dort auch immer dieselben Typen, Rucksacktouristen, die meist monatelang durch Asien tingelten. Alle hatten sie die Bibel der Globetrotter, den Lonely Planet, im Gepäck. Von ihm ließen sie sich durch Asien führen. Es war kein Zufall – es wird heute immer noch dasselbe sein -, wenn man jemanden, den man in Kathmandu kennen gelernt hatte, zwei Monate später in Bali wieder traf. So individuell, wie sie sich gerne gaben, waren die Individualreisenden nun auch wieder nicht. Thamel in Kathmandu, die Khaosan Road in Bangkok, Chungking Mansions in Hongkong: überall in Südostasien lagen diese Globetrottertreffpunkte verstreut. Unsere Lodge in Kota Bharu war so eine Nebenstation auf der „Lonely-Planet-Route. Dementsprechend kurzweilig waren die Tage. Tagsüber joggten wir zum wenige Kilometer entfernten Strand, abends saßen wir in der Lodge mit den anderen Reisenden zusammen und tauschten Erfahrungen aus.

Nach wenigen Tagen traf Armin ein. Er war anfangs etwas kratzbürstig – so wie damals in Antalya, als Reiner ihm offenbart hatte, daß er doch lieber nach Tibet fahre. Man muß ihn verstehen. Er kam in Jordanien an und mußte erfahren, daß wir schon in Malaysia waren. Dann in Malaysia dasselbe Spiel. Zwischendurch hat man ihm auf dem Flughafen noch das Geld geklaut. Da wäre manch anderer auch schlecht aufgelegt gewesen. Aber mit den beiden hatte ich einen Lottosechser gemacht. Da war alles so unkompliziert. Es wurde kurz geraunzt, und dann war auch alles schon wieder in Butter.

Armin (links) ist in der Lodge in Kota Bahru angekommen.

imm-092

Wir brauchten ein Visum für Thailand. Als wir die Lodge verließen, um aufs Konsulat zu gehen, pfiff uns der Lodgebesitzer zurück. „Das geht so nicht, nicht in kurzen Hosen. Wir sind hier in einem muslimischen Land“, erklärte er uns. Wir gingen zurück ins Zimmer. Dabei mußten wir durch den Aufenthaltsraum, in dem einige Reisende saßen. Kurze Zeit später tauchten wir in unserer besten Ausgehkleidung wieder auf. War das ein Gelächter! Meine zerschlissene Trainingshose war wirklich nicht ausgehtauglich. Armin war auch nicht viel besser. Den Vogel aber schoß Reiner ab. Er trug eine ehemals weiße lange Unterhose und darüber eine bunte kurze Hose mit Blumenmustern. „Viel Glück auf dem Konsulat“, riefen uns die anderen Reisenden unter großem Gejohle hinterher. Auf dem Konsulat war unser Aufzug kein Thema. Unsere Beine waren keusch verdeckt. Das reichte.

                                      Thailand

In Thailand fand das Genußradeln, das schon in Malaysia begonnen hatte, seine Fortsetzung. Die Straßen waren gut, die Leute die freundlichsten, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Von westlichen Einflüssen wie in Kota Bahru war im Landesinneren nichts mehr zu spüren. Es gab dort keine Touristen mehr. Die konzentrierten sich auf ein paar wenige Inseln. Es war die Zeit, als selbst Koh Samui noch ein Globetrotter-Geheimtip war. In den Dörfern konnte man noch das unverfälschte Thailand kennenlernen. Auf den örtlichen Märkten gab es Obststände mit einer riesigen Auswahl an tropischen Früchten, von denen wir einige zum ersten Mal in unserem Leben sahen. Überall in den Städten und Dörfern fand man kleine Imbißstände, an denen man unbekannte, meist köstliche und oftmals höllisch scharfe Sachen probieren konnte. Wenn wir unterwegs Durst hatten, holten wir uns Kokosnüsse von den Bäumen. Als Kletterer fiel das in meine Zuständigkeit. Es war ziemlich kraftraubend, an den rauhen Stämmen hochzuklettern. Anfangs suchte ich mir noch die kleinsten Palmen aus. Aber ich wurde schnell besser und die Palmen, die ich auswählte, immer höher. Wenn man am Stamm hochgeklettert war, mußte man sich oben mit einer Hand halten, mit der anderen drehte man an der Kokosnuß, bis sie runterfiel. Das Klettern entwickelte sich immer mehr zu einem Sport. Mich interessierte die Höhe der Palme mehr als die Kokosnuß. Bei einem meiner „Rekordversuche“ bemerkte ich ganz oben auf der Palme beim Abdrehen der Kokosnuß, daß mir die Kraft langsam ausging. Ich ließ die Kokosnuß, wo sie war, und begann abzuklettern. Ich wußte, es ist noch ein weiter Weg nach unten. Ich kam vielleicht bis zur Hälfte, dann war alle Kraft weg und ich begann zu rutschen. So fest ich konnte, drückte ich Schenkel und Arme gegen den Stamm. Der Abgang ging bis auf leichte Verbrennungen an Armen und Oberschenkeln glimpflich aus. Allerdings gab es ab jenem Tag keine Kokosmilch mehr in den Pausen. Klettern ging mit den Wunden nicht mehr.

Wir haben die Kokosmilch geliebt. Es gibt nichts Besseres gegen den Durst. Wir haben uns langsam herangetastet. Schließlich sind die Stämme immer höher geworden. Mit dem Pflücken ist es noch nicht getan. Die Dinger sind unzerstörbar.

Anders als in anderen Gegenden taten wir uns in Thailand oft schwer, abgelegene Schlafplätze zu finden. Das konnte manchmal etwas nervig sein, da man keine Ruhe fand. Andrerseits ergab sich dadurch manch lustige Begegnung mit den Einheimischen. Natürlich suchten wir uns gute Plätze außerhalb der Dörfer, aber egal wie weit wir von den Häusern weg waren, es kam immer jemand von irgendwoher spaziert. Als wir an einem  – wie wir meinten – abgelegenen Strand schliefen, waren es ein paar etwas beleibte, nicht mehr ganz junge, dafür aber umso lebensfrohere Damen. Sie konnten nicht verstehen, daß junge Kerle wie wir schon so früh zu Bett gingen und forderten uns auf, aufzustehen und mit ihnen zu feiern. Keinem von uns stand der Sinn nach einem Oldie-Ball. Da legten sie eben alleine los, begangen zu singen und tanzten um unsere Schlafsäcke rituelle Fruchtbarkeitstänze. Das zog wieder andere Gutgelaunte an, und ehe wir uns versahen, waren wir in unseren Schlafsäcken Anlaß und Mittelpunkt einer kleinen thailändischen Party.

Am nächsten Morgen, die Sonne war noch gar nicht lange aufgegangen und wir noch in tiefem Schlaf, da standen schon die ersten „Hello-Mister-Good-Morning-Mister-Typen“ um uns herum. Ich habe die Leute gar nicht gesehen. Den Stimmen entnahm ich, daß es sich um junge Burschen handeln mußte. Ohne die Augen auch nur aufzumachen, verkroch ich mich tiefer in den Schlafsack. Man lernte in Thailand damit zu leben, daß man ständig von Neugierigen umringt ist. Ich habe die Leute, so gut es ging, ignoriert und weitergeschlafen. Die anderen zwei haben es auch so gemacht. Die Leute konnten reden, wie sie wollten: keine Reaktion von unserer Seite. Daraufhin verloren sie scheinbar das Interesse an uns und verschwanden. Ich war erstaunt. Die hatten schnell aufgegeben. Asiaten waren normalerweise, wenn sie einem auf den Wecker gehen wollten, ausdauernder. Aber ich hatte die Typen unterschätzt. Ich döste wieder in seliger Ruhe vor mich hin, als mich plötzlich ein lautes Kikeriki unmittelbar neben meinem Ohr aus dem Halbschlaf riß. Da hatten die Typen tatsächlich einen Hahn geholt, sich angeschlichen  und neben unsere Schlafsäcke gestellt. Neben mir hörte ich, wie Armin in seinen Schlafsack murmelte: „ Okay Jungs, ich glaube, wenn der Hahn kräht, ist es endgültig Zeit zum Aufstehen.“ Wir krochen aus unseren Schlafsäcken, schauten noch etwas schlaftrunken in die Runde. Um uns herum lauter junge Buschen und Mädchen mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.

Eine besondere thailändische Besonderheit sind die Bushäuschen. Sie sind eine segensreiche Einrichtung für Radler. Man findet sie überall entlang der Straße. Sie stehen leicht erhöht auf Stelzen, sind überdacht und nach allen Seiten offen, sodaß, falls es einen solchen in Thailand jemals geben sollte, ein kühler Wind durchblasen kann. In den Bushäuschen war man vor der Sonne geschützt, wenn man untertags eine Pause machte. Manchmal legten wir nach dem Mittagessen auf den Bänken eine kurze Siesta ein. In die Bushäuschen flohen wir, wenn es wieder einmal regnete. Das Bushäuschen war auch für einen halben Tag unsere Krankenstation, als Reiner leichtes Fieber hatte.

Die Bushäuschen als Kranken- und Raststation

Manchmal haben wir auch in solchen Bushäuschen geschlafen. Aber auch das lief nie ohne Besuch ab. Das eine Mal war es ein Polizist. Der blieb aber nur sehr kurz, da ich ihn den mit lautem Geschimpfe verjagt habe. Ich war aus dem Schlaf aufgewacht und hatte im Dunkeln eine Person über mir gesehen. Man sieht nachts, wenn man im Freien schläft, nicht gerne dunkle Gestalten über sich. In meinem Schreck habe ich den vermeintlichen Dieb derart wüst und aggressiv beschimpft, daß er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, auf dem Absatz kehrte und sich schleunigst aus dem Staub machte. Erst da habe ich erkannt, daß es sich um einen Polizisten handelte.
Das andere Mal waren es wieder ein paar Hausfrauen aus dem nahen Dorf, die sich auf ein Schwätzchen einstellten. Denen gefiel Armin sehr gut. Daß sie zu alt waren für einen Einundzwanzigjährigen, war auch ihnen klar. Deshalb schickten sie einen Burschen weg. Der kam mit einem hübschen ca.16jährigen Mädchen wieder. Die Frauen fragten Armin, wie sie ihm gefalle. „Hübsch“, natürlich, was sollte er sonst auch sagen. Dann war ja eh alles geregelt. Wenn er wolle, meinten sie, könne er mit ihr die Nacht verbringen. Nicht im Bushäuschen, im Haus gleich in der Nähe. Armin zierte sich. Aber, wenn er sie doch hübsch fände, dann würde doch eh nichts dagegen sprechen, fanden die Damen. Armin hätte sie nicht einmal nach Europa mitnehmen müssen. Von Geld war auch keine Rede. Wir konnten nichts Näheres über  die Beweggründe für das gastfreundliche Angebot in Erfahrung bringen. Bei den Eskimos, so ging die Legende, soll in früheren Zeiten Gästen die eigene Ehefrau als Geschenk angeboten worden sein. Daß es ähnliche Riten auch in Südostasien geben soll, davon hatte ich bis dahin noch nichts gehört gehabt. Vielleicht dachten die alten Damen in nostalgischer Erinnerung an bessere Zeiten einfach nur, daß die beiden ein schönes Paar wären. Armin schaute mit seinem Milchgesicht selbst auch aus, als wäre er höchstens 18. Nun, Armin blieb standhaft wie ein wahrer Freund und ließ uns nicht allein im Bushäuschen zurück.

Als wir auf Einladung eines Mönchs in einem Kloster übernachteten, war es zwar ruhig, dafür waren am Morgen unsere Schuhe, die wir vor dem Schlafraum abgestellt hatten, weg. Regen in der Wüste, geklaute Schuhe im Kloster: worauf kann man sich auf dieser Welt überhaupt noch verlassen. Nachdem wir am ersten Tag noch barfuß unterwegs waren, fanden wir am nächsten auf einem Markt schöne Badeschlappen der Marke abibas, mit denen wir bis Bangkok unterwegs waren. Sollte übrigens eine Ähnlichkeit mit einer anderen Schuhmarke Anlaß zu Verwechslungen geben, so war dies vom Erzeuger natürlich nicht beabsichtigt.

Gruppenbild mit und ohne Schuhe. Einen Tag lang radelten wir barfuß, dann bekamen wir unsere neuen Schlapper. (Erstes Bild v. links: Armin, Reiner, ich)

Am ruhigsten war es in Thailand dort, wo es normalerweise am lautesten ist: in einem Klassenzimmer. Nach einem Fußballspiel mit jungen Thailändern öffnete der Dorflehrer für uns die Schule, damit wir dort duschen konnten. Zwischenzeitlich holten die Jungs, mit denen wir gespielt hatten, ein komplettes Abendessen von zuhause, mit Reis, Hähnchen und Kokosnüssen. Das verzehrten wir im Klassenzimmer und legten uns dann unter der Schultafel zum Schlafen. Erstmals in unserem Leben durften wir ganz offiziell in einem Klassenzimmer schlafen.

Nach dem Fußballspiel in der Schule.

imm-116

Es ging uns immer gut in Thailand. Den ungewöhnlichsten Akt thailändischer Gastfreundschaft erlebte ich aber einen Tag, nachdem wir in der Schule übernachtet hatten. Wir spielten während der Reise oft Skat. Armin und Reiner hatten es mir beigebracht, als wir uns kennenlernten. Wir spielten immer mit hohem Einsatz. Es war nämlich so, daß wir abends meist etwas abseits von den Dörfern unser Nachtlager einrichteten. Wenn wir noch nichts gegessen hatten, mußte einer ins nächste Dorf fahren, um das Essen zu besorgen. Der eine war der, der das letzte Skatspiel verloren hatte. Nun, an dem besagten Abend in Thailand war ich an der Reihe. Ich radelte los, aber da kam lange nichts. Nach 11 Kilometern schließlich die ersten Häuser. Ich entdeckte bald ein einfaches Restaurant mit vielen Kochtöpfen auf dem Herd und einem Tisch im Freien. Mittlerweile hatte ich einen geschulten Blick für die kleinen Familienrestaurants. Die sind für einen Asienneuling manchmal kaum zu erkennen. Bevor ich für die anderen zwei einkaufte, wollte ich selbst etwas essen. Die Frau am Herd wollte wissen, was ich will. Leider sprach sie kein Wort Englisch. Ich ging zu den Töpfen, hob die Deckel, schaute rein und stellte mir aus den vielen Speisen mein Menü zusammen. Die Frau brachte mir einen reichlich gefüllten Teller an den Tisch. Als ich fertig war, wollte sie nochmals nachschöpfen. Aber ich war satt und wollte nur noch bezahlen. Sie dagegen weigerte sich, auch nur einen Cent anzunehmen. Mittlerweile hatte sich, wie in Thailand üblich, auch schon wieder das halbe Dorf eingestellt. Ich beharrte darauf, etwas zu bezahlen. Das Essen war erstklassig gewesen. Ich legte das Geld auf den Tisch. Sie steckte es mir wieder zu. Da mischte sich ein Junge aus den Zuschauern, der etwas Englisch konnte, ein: „Sie wird kein Geld nehmen“, sagte er. „Du bist ihr Gast. Das ist kein Restaurant. Sie war gerade am Kochen, da hast du dich an den Tisch gesetzt.“ Hatte mich mein Kennerblick tatsächlich getäuscht. Das war mir etwas peinlich. Geld wollte sie tatsächlich keines nehmen. Ich konnte mich nur bedanken. Es war schon lange dunkel, als ich zu den anderen zwei zurückkehrte. Die lagen schon in den Schlafsäcken und erwarteten mich – besser gesagt: das Essen – schon sehnsüchtig.
„Tut mir leid Jungs, heute ist Fasttag!“
Ich bin froh, daß es dunkel war, so mußte ich ihre Gesichter nicht anschauen. „Mein Gott der Ösi, Skat spielen kann er nicht, essen holen kann man ihn auch nicht schicken…“ Nach einem guten Mahl kann man mit Hohn und Spott recht gut umgehen.

In Bangkok lag das genüßliche  Leben, das wir seit Kuala Lumpur in den Dörfern geführt hatten, erst mal hinter uns. Dort mußten wir uns wieder Gedanken über unsere weitere Annäherung an Tibet machen. Wir wollten unbedingt mit dem Rad weiter. Allerdings hatte Thailand im Norden ein paar Nachbarn, die von Touristen gar nichts hielten: Burma, ein Militärregime, in Laos die Kommunisten und in Kambodschas politischer Landschaft kannte sich sowieso niemand aus. Laos schien uns am ehesten machbar. Auf normalem Weg würden wir ein Visum niemals bekommen, das war uns völlig klar. Deshalb versuchten wir es auf eine unkonventionelle Art. Armin und Reiner schrieben einen Brief an den Ministerpräsidenten von Baden Württemberg, Lothar Späth, mit der Bitte um ein offizielles Unterstützungsschreiben. Um ehrlich zu sein: Wir erwarteten uns keine Antwort. Aber wir wollten zu gerne durch Laos radeln  Da wollten wir nichts unversucht lassen. Zu unserer Überraschung kam ein Anruf der Deutschen Botschaft in unser Hotel. Es wurde uns mitgeteilt, ein Schreiben sei für uns eingetroffen, wir möchten doch auf die Botschaft kommen, um es entgegenzunehmen. Wir zogen wieder unsere beste Kleidung an. Ich muß an dieser Stelle nicht mehr erklären, wie die ausschaute. Der Förmlichkeit des Botschafters tat unser Aufzug keinen Abbruch. Er eröffnete uns, daß wir ein persönliches Schreiben des Ministerpräsidenten erhalten hätten, und bat uns dem Anlaß entsprechend, auf dem Plüschsofa Platz zu nehmen. Es wunderte mich, daß er nicht zuerst ein Zeitungspapier als Unterlage auf dem schönen Sofa ausgebreitet hatte. Aber wahrscheinlich empfand er ein solches Verhalten gegenüber Leuten, die ein persönliches Schreiben des Ministerpräsidenten erhalten hatten, als unziemlich. Er selbst setzte sich an seinen Arbeitstisch. Artig wie drei Erstkommunikanten und voll der Hoffnung saßen wir da, als er das Schreiben öffnete und uns in würdiger Haltung den Inhalt vortrug, der da in verkürzter Form lautete, er, der Ministerpräsident, beglückwünsche uns zu unserer schönen Reise, wünsche uns viel weiteren Erfolg, aber bedauere sehr, daß er uns in der Angelegenheit nicht weiterhelfen könne. Damit war klar, daß uns der Landweg über Laos verschlossen blieb. Es blieb nur noch der Weg übers Reisebüro. Wie in Amman war auch hier Hongkong wieder sauteuer. Sehr billig sei Kathmandu, hieß es diesmal. Nun, da mußten wir nicht lange nachdenken. Wir nahmen Kathmandu. Wenige Tage später saßen wir im Flugzeug nach Nepal. Das Bordessen war köstlich. Wir verputzten alles mit „Butz und Stiel“. Es fiel uns schwer, mitanzusehen, was die anderen Passagiere alles zurückschickten. Als die Stewardess wieder einmal mit einem halbvollen Tablett an uns vorbei ging, faßte sich Armin ein Herz: „If you have anything left over, dont through it away.“ Die Stewardess konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen und stellte uns das Tablett hin. Andere Passagiere hatten das auch mitbekommen. Von allen Seiten kamen Hände und brachten uns Brote, Kuchen, Käse und frisch verpackte Mahlzeiten. Die hätten sich nie vorstellen können, was drei so dünne Bürscherl, die ja nun schon längere Zeit keinen Bauch mehr hatten, alles verdrücken können.

Nepal

Kathmandu

Kathmandu war damals neben Hongkong der Ort, an dem man sich ein Visum für China besorgte. Es war noch kein Jahr her, daß ich das letzte Mal in Nepal gewesen war und auf der chinesischen Botschaft um ein Visum angesucht hatte. Nachdem die Einreise nach Tibet bis dahin seit der chinesischen Invasion völlig unmöglich gewesen war, sind damals die ersten Anträge positiv beurteilt worden. Meiner war bei jenem ersten Versuch noch nicht dabei. Mittlerweile waren die Einreisebestimmungen aber weiter gelockert worden, und es war sehr wahrscheinlich, daß es dieses Mal klappen würde. Die Bearbeitung des Antrags konnte sehr lange dauern, das wußte ich vom letzten Mal. Daher hatten wir noch etwas Zeit für Nepal. Ich machte den beiden, da wir nun schon mal da waren, einen Vorschlag: „Wie wär’s, wenn wir Dolpo versuchen würden?“ Dolpo war eine unberührte, abgeschieden hinter hohen Pässen liegende, von Tibetern bewohnte Region. Dolpo war eigentlich der wahre Grund, weshalb ich mit den beiden in Nepal stand. Gegen Ende meiner Studienzeit, als ich mit Bergen und Reisen noch absolut gar nichts am Hut hatte und nur auf Fußballplätzen rumhing, bin ich durch Zufall an ein Buch mit dem Titel „Land der namenlosen Berge“ geraten, in dem der österreichische Abenteurer Herbert Tichy eine Durchquerung Westnepals im Jahr 1963 beschreibt. Das Buch faszinierte mich. Ich habe mir damals vorgenommen, selbst einmal nach Westnepal zu fahren. Ein Jahr nach Abschluß des Studiums buchte ich schließlich einen Flug nach Nepal. Zwischenzeitlich hatte ich ja auch Rainer und mit ihm die Berge kennengelernt, sodaß ich mir eine anspruchsvolle Trekkingtour durchaus zutraute. Natürlich bekam ich keine Genehmigung für Dolpo. Kein Normalsterblicher bekam damals ein Permit für Dolpo. Aber diese erste Reise nach Nepal wurde dennoch zu einem einzigartigen Erlebnis. Ich wanderte damals um den Annapurna und bestieg dabei einen einfachen Sechstausender. Danach fuhr ich in den äußersten Westen und machte dort einen abgelegenen Trek. Zwischendurch schaute ich mir im Süden bei einer Wanderung durch den Dschungel von einem wackligen Baum, auf den wir geflüchtet waren, meine ersten Nashörner an, und ich spielte natürlich jeden Tag, den ich in Kathmandu verbrachte, Fußball mit den Nepali. Nepal hat mich in den 10 Wochen, die ich dort verbracht hatte, vollends in seinen Bann gezogen. Nach jener Reise gab es in meinem Leben nur noch ein Thema: Ich studierte alle Himalaya-Karten, die ich in die Hände bekommen konnte, ich verschlang reihenweise Reiseberichte über die Region und ich begann Tibetisch zu lernen. Ich wollte einmal in meinem Leben nach Dolpo, und ich wollte einmal in meinem Leben nach Tibet, das damals noch hermetisch nach außen abgeriegelt war.
Und jetzt war ich wieder angekommen. Ein Permit für Dolpo zu bekommen, war immer noch unmöglich. Aber ich hatte von einer Möglichkeit gelesen, wie man, ohne daß man irgendwelche Checkpoints passieren mußte, in das Land hätte kommen können. Nicht, daß ich wirklich eine Ahnung gehabt hätte, was uns auf der Route erwartet. Aber die beiden brauchten keine Details. Sie waren dabei. Egal, was man den beiden vorschlug, sie waren immer dabei. Das war sehr angenehm. Wir liehen uns in den Bergsportgeschäften Kathmandus eine halbwegs bergtaugliche Ausrüstung aus – Bergschuhe, warme Schlafsäcke, Zelt, Eispickel, ein kurzes Seil – und fuhren mit dem Bus nach Pokhara.

Busfahrt nach Pokhara. Die Busse sind prinzipiell überfüllt. Der Mann im gelben Hemd klettert über die Sitze nach hinten, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Durch das hinter Fenster steigt er aufs Dach (Bild 3) und kontrolliert dort weiter. Verpflegen kann man sich an kleinen Imbißständen.

 

Pokhara war in den Achtziger-Jahren ein wunderschönes, ruhiges kleines Städtchen – mein Lieblingsort in Nepal. Von Pokhara hat man einen Blick auf die Achtausender Dhaulagiri und Annapurna sowie den Machapuchare. Damals begann die Stadt noch beim See. Heute wuchert sie kilometerweit über die damaligen Grenzen hinaus.

 

Nach einer weiteren kurzen Etappe mit dem Jeep ging es zu Fuß weiter durch das Karnali Tal Richtung Jomsom. Wir befanden uns auf dem beliebtesten Treck Nepals, dem Annapurna Trek. In Birethanti, einem Dorf ganz am Anfang  unserer Tour, wurde ich von einer jungen Frau auf Englisch begrüßt:
„Hallo, du bist wieder zurück?“
„Du kennst mich noch? Da kommen doch unzählige Touristen vorbei“, fragte ich verwundert.
„Dich werde ich mein ganzes Leben nie vergessen. Du warst der erste, der mit einem Fahrrad in unser Dorf gekommen ist“, erwiderte sie.
Es war die Frau des Dorfschullehrers. Ich hatte sie auch sofort wieder erkannt. Zehn Monate zuvor war ich, nachdem mein Visa-Antrag für Tibet abgelehnt worden war, mit meinem Bike um den Annapurna gefahren. Wobei „fahren“ schon in großes Wort ist für das, was ich da gemacht hatte. Ich hatte hauptsächlich geschoben und getragen. Mein Bike war ein 19 kg schweres, klobiges Stahlteil ohne jede Federung, und meine Fahrtechnik grottenschlecht. In Birethanti hatte ich mich damals schon länger mit der Frau des Lehrers unterhalten. Es freute mich, daß sie mich noch kannte. Als ich mich von ihr verabschiedete, wiederholte sie nochmals, daß sie mich nie vergessen werde, dieses Mal aber mit einem denkwürdigen Nachsatz:
„I will never forget you. You are a strong man!“
Und das sagte nicht irgendeine Frau, das sagte die Frau des Dorfschullehrers, zweifelsohne eine hochintelligente Frau. Ich denke, man darf das so wirken lassen.
An einem der folgenden Tage betraten wir eine Lodge, um einen Tee zu bestellen. Ein junges Mädchen, vielleicht 11 Jahre alt, bediente gerade ein paar Touristen. Als sie uns erblickte, rannte sie wie von einer Biene gestochen in die Küche. Kurz darauf kam sie mit dem Vater zurück an unseren Tisch.
„Du bist doch der mit dem Fahrrad?“, fragte er.
Viele Leute an dem Trek hatten noch nie zuvor ein Fahrrad gesehen. Deshalb wurde ich oft wiedererkannt. Reiner sollte später in einem Brief an seine Eltern schreiben: „Werner ist hier bekannt wie ein roter Hund.“

Bilder der Biketour um den Annapurna, die ich 10 Monate zuvor gemacht hatte. (Noch ein Ausrüstungsdetail am Rande: Der Jogging High von adidas, der Schuh der 80er Jahre. Das war noch Qualität. Der war auf der Annapurna-Runde dabei, 10 Monate später wieder auf der Weltreise und dazwischen auf allen möglichen Bergen. Wahrscheinlich läuft heute noch irgendein Mönch mit ihm in Thailand herum.)

In Tukche bestätigten mir Leute auf meine Nachfrage, daß es von dort einen Weg nach Dolpo gebe. Dieser sei aber schwer zu finden und führe über hohe Päße. Wir fanden bald einen Yakhirten, der uns führen wollte, was mich einigermaßen erstaunte, denn im Vorjahr, als ich mit dem Bike in Jomsom war, hatte ich einem Pferdehändler, der regelmäßig in Dolpo Handel trieb, ordentlich was geboten, wenn er mich mitnähme. Der hatte mit Verweis auf einen Checkpoint außerhalb von Jomsom abgelehnt. Auf der Route ab Tukche, versicherte man uns, gebe es keine Checkpoints. Schon am nächsten Morgen zogen wir los. Aber aus Dolpo sollte auch dieses Mal nichts werden. Yakhirten hatten früher einmal alle meine Hochachtung. Damit ist es jetzt vorbei. Schon bei der ersten Querung einer etwas steileren Schneeflanke zierte sich unser Führer. Erst als ich ihm meinen Pickel gab, erklärte er sich bereit, weiter zu gehen. Als wir dann aber die Schneegrenze erreichten, war endgültig Schluß. Er zeigte in irgendeine Richtung, in der nur Schnee zu sehen war und sonst gar nichts, und sagte lapidar: „Das ist eure Richtung.“ Er, mit seiner Ausrüstung, könne da nicht mehr weiter. Daraufhin kehrte er um. Damit war auch das Ende unserer groß angelegten „Dolpo-Expedition“ besiegelt. Ohne Karte und ohne jede Information planlos in diese verschneiten Weiten los zu stapfen, wäre etwas für richtige Abenteurer gewesen, solche, die weder Schmerz noch Tod fürchten. Wir stellten unser Zelt auf und legten uns in den Schlafsack. Die Sache ließ mir keine Ruhe. Sehr früh am Morgen – Rainer und Armin schliefen noch – ging ich dann doch los. Ich wollte schauen, wie es etwas weiter vorne ausschaut. Ich hoffte, etwas zu finden, was auf einen Weg hindeutet. Nach 10 Minuten erreichte ich die Schneegrenze. Ich wühlte vielleicht 45 Minuten durch den tiefen Schnee, dann kehrte ich wieder um. Das war völlig zwecklos. Ich hatte kaum Strecke gemacht. Nach den 45 Minuten Schufterei konnte ich das Zelt noch immer sehen – ich, eine kurzsichtige, blinde Eule.
Es war sehr schön da oben. Wir blieben noch einen Tag. Wir sammelten Yakdung und versuchten, damit Schnee zu schmelzen. Das war viel mühsamer, als es in den Büchern, die ich gelesen hatte, beschrieben wurde. Das Zeug brannte nicht. Es rauchte und, wenn wir Glück hatten, glomm es sogar. Der Heizwert war grenzwertig wie auch unser Ertrag. Wir waren den ganzen Tag ausschließlich mit Schneeschmelzen beschäftigt, um den Durst auch nur einigermaßen zu löschen. Als die Sonne unterging, wurde es schlagartig eiskalt. Es war Jänner irgendwo nicht weit unterhalb der 5000 m-Grenze. Wir zogen uns ins Zelt zurück und legten das mühsam gewonnene Wasser zwischen unsere Schafsäcke. Als wir nach einer halben Stunde etwas trinken wollten, war das Wasser in der Flasche zu einem einzigen, festen Eisklumpen gefroren.

Nach dem Abstieg, der sich ohne Führer in dem weglosen Gelände schwierig gestaltete, kehrten wir auf schnellstem Weg zurück nach Kathmandu. Als wir dort ankamen, waren unsere Visa für China schon fertig. Auf dem „Friendship-Highway“ radelten wir aufwärts Richtung Tibet. Wir waren schon nahe der Grenze, da kamen uns drei Männer entgegen.
„Danger man!“, riefen sie uns zu.
Das Thema hatten wir schon einmal. Vor allem in Grenznähe gibt es immer viele Gefahren. Daß die Gefahren stets jenseits der Grenze liegen, versteht sich von selbst. Und, daß die Chinesen gefährlich sein konnten, auch wenn sie einen Freundschafts-Highway bauen, konnten wir uns leicht vorstellen. Wir waren ja unterwegs in ein besetztes Land. Als wir unbekümmert weiterfuhren, schrien sie uns nochmals hinterher: „Danger man! Danger man!“
Die Männer waren kaum außer Sichtweite, die Hütten der Grenzsiedlung schon sehr nah, da krachte es gewaltig über unseren Köpfen. Im selben Augenblick flogen uns faustgroße Gesteinsbrocken um die Ohren und schlugen wie Geschoße neben uns am Boden ein. Wie schnell wir plötzlich radfahren konnten! Wir staunten selbst, was da noch an Reserven vorhanden war. Mit eingezogenen Köpfen hielten wir in vollem Tempo auf die erste Hütte zu. Ein zweiter Kracher. Wir warfen die Räder auf den Boden und retteten uns unter das Vordach der Hütte. Als der Steinregen etwas nachließ, rannten wir zur Eingangstür. Sie war offen. Wir waren in Sicherheit. Oder doch nicht? In der Mitte des Raums lag ein fußballgroßer Stein, der das Dach durchschlagen hatte. Aber es blieb ruhig. Ein lauter Hupton. Die Sprengarbeiten waren vorerst beendet. Die Bewohner des Ortes hatten sich unter dem Betondach der nahen Grenzstation in Sicherheit gebracht und kehrten in ihr Dorf zurück. Sie machten ein entgeistertes Gesicht, als sie uns vor der Hütte auf der Stiege sitzend sahen.

Die Straße war hinter dem Dorf für ein kurzes Stück durch einen Erdrutsch unterbrochen. Wir mußten unsere Räder über einen steilen Pfad zur Grenzstation hochtragen. Wir teilten den Weg mit langen Trägerkolonnen. Der gesamte Güterverkehr zwischen China und Nepal wurde auf jenem Teilstück auf den Rücken von Lastenträgern abgewickelt. Die Lkw-Fracht wurde in Nepal, am Ende der befahrbaren Straße, abgeladen, zur Grenze hochgetragen und dort auf die wartenden Lkw aufgeladen.

 

Tibet

An der chinesischen Grenze eröffnete uns ein Beamter, daß wir mit unseren Rädern nicht einreisen dürften. Daß man ein Visum für China hatte, hieß nicht, daß man sich auch frei in dem Land bewegen durfte. Es gab eine Liste offener Städte, in denen sich Ausländer aufhalten durften. Man durfte mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einer offenen Stadt zur anderen reisen. Außerhalb dieser Städte durfte man sich nicht aufhalten. Offiziell war es nicht erlaubt, zwischendurch auszusteigen. Da war es natürlich eine logische Konsequenz, daß man nicht einfach so per Fahrrad durch die Lande tingeln durfte. Weiß Gott, was man da alles sehen hätte können. Nachdem ich schon einmal mit dem Fahrrad in China unterwegs gewesen war, wußte ich, daß das mehr Theorie als Praxis war. Man mußte nur die Grenze hinter sich bringen, dann konnte man sich, wenn man nicht gerade der Public Security in die Hände lief, recht frei bewegen. Nachdem die PBS-Büros meist in Städten waren, galt es, diese zu meiden. Wir mußten uns also nur etwas für diese Grenzbeamten einfallen lassen und – und das war fast noch schwieriger – Reiner im Zaum halten.

Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Armin und ich wollten unbedingt nach Tibet. Selbst nach zwei Tagen waren wir stets freundlich und gelassen. Reiner schimpfte, wir würden den Chinesen in den Arsch kriechen, und meinte, wir hätten keinen Charakter. Wir nahmen Reiner nicht mehr mit zu den Verhandlungen. Es schaute trotzdem nicht gut aus mit der Einreise. Dann aber hatte Armin eine blendende Idee. Wir gingen zu einem Schneider und ließen die Fahrräder in Säcke einnähen. Die Naht wurde an der Grenze plombiert. Was das hätte nützen sollen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Man kann jede Naht öffnen, auch wenn eine Plombe drauf ist. Aber offensichtlich war mit einer Plombe den formalen Erfordernissen Genüge getan. Ganz ehrlich gesagt: Ich glaube, wir sind den Zöllnern ebenso auf die Nerven gegangen wie sie uns. Wir hatten ihnen nicht wirklich Anlaß zur Hoffnung gegeben, daß wir freiwillig nach Nepal zurückkehren würden.

Unser weiterer Plan war, mit dem Bus nach Lhasa zu fahren, dort die Naht zu öffnen und weiter Richtung China zu radeln. Der Bus stand schon da, die Räder hatten wir schon aufs Dach geladen, allein die Abfahrt verzögerte sich, da die umliegenden Pässe zugeschneit waren. Keiner hatte die geringste Ahnung, wann die Straße wieder befahrbar sein würde. Das konnte ewig dauern. In diesem Kaff! Das war einer der ödesten Orte, die ich kannte. Auf der rechten Seite der Straße steile, unbebaute Hänge, auf der linken, über den Abhängen, entlang der Straße ein paar Bretterverschläge. In einem dieser Verschläge kochte eine Tibeterin Momos, mit Gemüse gefüllte Teigtaschen, in einem anderen Verschlag hausten wir und unsere Zimmerkollegin eine langbeinige Spinne ansehnlicher Größe. Es gab keine Toilette. Wenn wir nicht gerade im tiefen Matsch die Straße auf und ab gingen oder bei der Tibeterin heißen Tee tranken, lagen wir in unseren Schlafsäcken. Es war kalt. Manchmal regnete es, manchmal schneite es. Das Wetter konnte sich nicht entscheiden. Es gab in unserem Zimmer keine Heizung. Der einzige gemütliche Ort in dieser Siedlung war der Schlafsack. Es gab in dem Ort viele Leute, vor allem Lkw-Fahrer und  Buspassagiere. Alle steckten sie hier fest. Bei aller Ödnis, irgendwie mochte ich die Stimmung. Der Ort hatte etwas Pionierhaftes. In diesen Ort kam niemand, um zu bleiben. Er war ein Außenposten der Zivilisation. In Jack Londons Goldgräbergeschichten hatte es solche Orte auch gegeben. Dahinter wartete etwas Abenteuerliches. Am fünften Tag waren wir die Straße oft genug auf und ab gelaufen. Die Räder ließen wir auf dem Bus und gingen – zusammen mit Detlef, einem Deutschen, der auch nach Lhasa wollte, und einem jungen Exil-Tibeter, der erstmals die Heimat seiner Eltern besuchte – zu Fuß los. Wenn der Bus uns auf der Strecke überholen sollte, wollten wir zusteigen. Es gab nur eine Straße und fast keine Fahrzeuge. Da war es schwer, eines zu übersehen.

Zu Fuß unterwegs Ri. Lhasa

Wir waren von morgens bis abends ständig auf der Straße. Die Nächte konnten wir hin und wieder in Wegmacherhäuschen verbringen. Diese Häuschen standen in Abständen von 10 – 20 Kilometern an der Straße und waren meist von einem Ehepaar bewohnt, das auf dem jeweiligen Streckenabschnitt die Straße in Ordnung zu halten hatte. In diesen Wegmacherhäuschen konnten wir nicht nur schlafen. Oft bekamen wir auch – gegen Bezahlung – ein einfaches Essen, meist Nudelsuppe. Die Leute schienen über unseren Besuch meist glücklich zu sein. Sie lebten weit weg von den Dörfern in der absoluten Einöde. Wir brachten ihnen einen Hauch der weiten Welt in ihre Stuben.

Straßenräumtrupp

imm-039

Auch am Ende unseres fünften Wandertags erreichten wir so ein Wegmacherhäuschen. In diesem Häuschen lebte ein Ehepaar mit seiner siebzehnjährigen Tochter. Diese wollte, wenn sie schon mal Gäste von draußen hatte, denen auch was bieten. Sie kramte ein paar Musikkassetten aus einer Truhe. Ihre Musik in diesem abgelegenen Winkel eines abgelegenen Landes, so vermutete ich, das würden wohl irgendwelche tibetische Schlager sein. Weit gefehlt: In dem Häuschen gab es an diesem Abend nur noch westlichen Disco-Sound zu hören. Armin und Reiner ließen sich nicht lange bitten und begannen zwischen Unterhosen und Handtüchern, die in Kopfhöhe an einer Wäscheleine aufgehängt waren, zu der Musik zu tanzen. Papa gefiel das ganz besonders. Er lachte laut und öffnete eine Schnapsflasche – vielleicht war die Reihenfolge auch umgekehrt. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Die Flasche wurde an dem Abend gemeinsam geleert, und so hatten alle, ob Disco-Fans oder nicht, ihren Spaß.

Disco in einem Wegmacherhäuschen

Als Folge des nächtlichen Umtrunks kamen wir am Morgen etwas später aus den Federn als gewohnt. Wir waren noch beim Frühstück, als wir Motorengeräusche hörten. Wir rannten zur Straße runter. Direkt vor unserer Nase fuhren zwei Lkw und unser Bus vorbei. Wir winkten noch, aber sie sahen uns nicht mehr. Da gingen sie dahin unsere Fahrrader, und wir wanderten weiter.

Schon einen Tag nachdem uns der Bus mit unseren Rädern überholt hatte, erwischten wir auf der Strecke einen Bus, der uns nach Lhasa mitnahm. In Shigatse, dem zweitgrößten Ort Tibets, machten wir Zwischenstopp. Wir schauten uns Trashilunpo, eines der bedeutendsten Klöster Tibets, an und  – was uns wichtiger war – wir spielten mit ein paar jungen Burschen Fußball. Mittlerweile waren wir ein ganz ordentliches Team. Detlef hatte in jüngeren Jahren in der Berliner Jugendauswahl zusammen mit einem Pierre Littbarski gespielt. Wenn man mit einem spielt, der schon einmal mit einem Littbarski gespielt hat, dann steht einem Sieg gegen ein paar tibetische Jungs nichts mehr im Wege. Aber wir hatten einen Gegner, mit dem wir nicht gerechnet hatten: die Höhe. Der Fußballplatz lag auf knapp 4000 m Höhe. Die jungen Tibeter hatten keine Ahnung davon, daß der Sauerstoffgehalt in diesen Höhen schon recht mager ist. Das hat denen niemand gesagt. Die rannten und rannten. Wenn wir aber einmal zu einem Dribbling ansetzten, standen wir danach vornübergebeugt auf dem Platz und rangen um Luft. Das traf ganz besonders mich, da ich ein egoistischer Dribbler bin. Es war ein hartes Akklimatisationsprogramm, das wir da durchführten.

Klosterbesuch und Fußball in Shigatse

Von Shigatse fuhren wir mit vielen Stopps über einen 5030 m hohen Paß mit Blick auf den wunderschönen Yamdroksee nach Lhasa.

Auf dem Weg nach Lhasa machten wir Zwischenstopp in Gyantse.

Wir hätten unsere Ankunft in Lhasa nicht besser planen können. Es war die Zeit des tibetischen Neujahrs, des wichtigsten Fests der Tibeter. 1987 wurde anläßlich der Neujahrsfeierlichkeiten das Monlam-Gebetsfest wieder in alter Pracht durchgeführt. Nach dem Einmarsch der Chinesen in Lhasa, in den Fünfzigerjahren, war das Fest verboten worden. Ein Jahr vor unserer Ankunft hatte es erstmals wieder stattgefunden. Ein Jahr später wurde die Gebetsfeier nach Protesten tibetischer Mönche dann auch schon wieder untersagt. Zum Monlam versammelten sich über tausend Mönche aus den umliegenden Klöstern in Lhasa. Von überall kamen die Pilger in die Stadt – aus Ladakh, aus Buthan, aus der Mongolei oder aus den Grassteppen des Ostens -, um die Feierlichkeiten miterleben zu können. Wir konnten uns ein wenig mit einer Pilgergruppe aus Buthan unterhalten. Sie hatten zu Fuß verschneite Pässe überqueren müssen, um nach Tibet zu kommen. Hunderte dieser Pilger bevölkerten in ihren landesüblichen Trachten die Stadt. Im Jokhang Tempel saßen die Mönche in ihren roten Roben in langen Zweierreihen am Boden und beteten. An Marktständen wurden riesige, in Tücher eingewickelte Ballen Butter,  getrocknetes Yakfleisch und allerlei Tand verkauft. Inmitten der Menge ordinierte der Zahnarzt mit einem pedalbetriebenen Bohrer. Die Behandlungen waren ein Publikumsmagnet. Es war, als hätte man für uns noch einmal für kurze Zeit die Tür ins alte Tibet einen kleinen Spalt weit geöffnet. Schon ein Jahr später, nach den Aufständen, wurde der Spalt dann für immer geschlossen.

Am Barkhor, jener Straße, auf der die Pilger den Jokhang Tempel umrunden, hätte man meinen können, in Tibet sei alles noch so wie zu Harrers Zeiten. Wir schienen die einzigen Ausländer in dem bunten zentralasiatischen Bevölkerungsgemisch zu sein. Selbst Chinesen waren am Barkhor nur sporadisch anzutreffen. Außerhalb des Barkhors dagegen war die chinesische Präsenz unübersehbar. Die Chinesen wurden durch allerlei Vergünstigungen nach Tibet gelockt. So wurde versucht, die Tibeter zu Fremden im eigenen Land zu machen. Das führte zu  Spannungen, die sich immer wieder in tibetischen Aufständen entluden. In einem chinesischen Restaurant erhielten wir einen Einblick in das problembeladene Zusammenleben von Chinesen und Tibetern. Wir waren zusammen mit einem älteren Tibeter die einzigen Gäste im Restaurant. Der Tibeter hatte offensichtlich etwas zu tief ins Glas geschaut. Obwohl er niemanden störte, bugsierte ihn der chinesische Ober auf erniedrigende Weise unsanft aus dem Restaurant. Keine fünf Minuten später betrat ein Khampa-Hüne das Lokal. Die Khampas leben als Nomaden im östlichen Grasland Tibets. In Tibet hatten sie seit jeher den Ruf wilder Krieger. Sie waren es, die den Widerstandskampf gegen die Chinesen angeführt hatten. Die Khampas sind große, kräftige Männer. In ihren dicken Yakfellmänteln und mit ihren langen Haaren, die sie mit roten Bändern zusammen binden, erscheinen sie noch hünenhafter und wilder, als sie sowieso schon sind. So ein Riese stand nun vor dem kleinen chinesischen Ober. Es fiel kein Wort. Dem Chinesen stand der Schrecken in die Augen geschrieben. Mit der rechten Hand versetzte der Khampa dem Chinesen einen Stoß. Die Linke nahm er gar nicht erst aus der Manteltasche. Der Chinese fiel rückwärts in die Tische. Als er sich wieder aufrappelte, ging der Khampa, die Linke noch immer in der Manteltasche, langsam ein paar Schritte auf ihn zu. Ein zweiter Stoß. Der Chinese lag drei Meter weiter zwischen den Stühlen. Es war, als sei eine Naturgewalt über ihn hereingebrochen. Auch wenn mir sein Verhalten nicht gefallen hatte, nun tat er mir Leid, der Chinese, in seiner hoffnungslosen Unterlegenheit. Der Khampa stand schon wieder vor ihm, um zum nächsten Schlag auszuholen. Doch just in dem Moment, als der Khampa zum nächsten Stoß ansetzte, betraten zwei gut gekleidete Chinesen den Raum. Der Khampa hielt inne. Die Chinesen sprachen ihn an. Sie brauchten nicht viele Worte. Alles verlief ganz ruhig. Der Khampa stand regungslos da. Er schien zu wissen, was ihn erwartete. Ohne jede Gegenwehr ließ er sich abführen. Die öffentliche Ordnung war wieder hergestellt – kurz und lautlos, ohne jede Auflehnung. Eine Diktatur duldet keine Auflehnung.

Wir holten die Räder am Busbahnhof ab (in den braunen Säcken) und bauten sie wieder zusammen. (Auf dem ersten Bild sieht man meine neuen nepalesischen Leinenturnschuhe – sehr schön, aber nicht wirklich tauglich für 5000er-Pässe im Februar/März. Auch die Trainingshose – die einzige lange Hose, die ich dabei hatte – schneidig im Schnitt aber wenig funktionell.)

 

Während die Tibeter Neujahr feierten, bereiteten wir unsere Weiterfahrt vor. Wir holten die Rader am Busbahnhof ab, öffneten die Nähte und bauten sie im Hotelzimmer zusammen. Wir gingen mit ihnen nicht ins Freie. Niemand sollte sehen, daß wir Räder bei uns hatten. Das Gebiet östlich von Lhasa war sowieso schon touristisches Sperrgebiet, und dann noch mit einem Fahrrad. Bei unserer Fahrt nach Lhasa hatten wir gesehen, daß bei einem Kontrollposten etwas außerhalb der Stadt alle Fahrzeuge angehalten und kontrolliert wurden. Wir gingen davon aus, daß es einen solchen Kontrollposten an jeder Ausfallstraße geben würde. Mit dem Fahrrad wären wir an dem Posten nie vorbeigekommen. Deshalb verließen wir die Stadt in einem Bus. Wir konnten nur hoffen, daß die Räder auf dem Dach bei der Kontrolle nicht auffielen. Als der Wagen beim Posten hielt, drehten wir unsere Gesichter von der Scheibe weg, damit wir nicht gleich als Ausländer erkannt werden. Der Stop war völlig unproblematisch. Der Fahrer zeigte seine Fahrzeugpapiere vor. Der Kontrolleur warf einen kurzen, uninteressierten Blick in die Runde und winkte uns durch. Im folgenden Ort verließen wir den Bus. Die Fahrradreise ging weiter. Wir betraten nun Neuland. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwartete. Über den Abschnitt zwischen Kathmandu und Lhasa gab es schon damals erste Reiseinfos. Über das, was nun kam, gab es schlicht und einfach nichts – keine Bücher, keine Infos. In Kathmandus Globetrotterkreisen ging das Gerücht um, zwei Australier hätten diesen Abschnitt von China aus kommend im vorangegangenen Herbst erstmals durchquert. Näheres hatten wir darüber nicht in Erfahrung bringen können. Wer mehr über diesen Teil Tibets wissen wollte, konnte bei Alexandra David-Neel nachlesen, die 1924 als Nonne verkleidet von China nach Lhasa gewandert war. Aber solche Infos waren auch nicht gerade zeitgemäß. Alles, was wir an Informationsmaterial dabei hatten, war eine Weltkarte, auf der zwei Straßen, ein paar Orte und ein paar sehr hohe Pässe zwischen Lhasa und Chengdu eingetragen waren.

Aufbruch ins Unbekannte Reiner (hinten) hatte als einziger richtig gute Schuhe, seine lange Hose, allerdings, war um keinen Deut besser als die meinige. Neben dieser langen Unterhose hatte er noch eine dünne Regenhose dabei.

imm-036

Eine erste wichtige Erkenntnis über dieses Land gewannen wir schon nach wenigen Tagen: Wir waren zur falschen Zeit mit der falschen Ausrüstung unterwegs. Eigentlich hatten wir ja nur in die Türkei bzw. rund ums Mittelmeer fahren wollen. Jetzt aber überquerten wir im Spätwinter die höchsten Pässe der Welt.
Der dramaturgische Aufbau einer Paßbefahrung war eigentlich immer derselbe: Anfangs leichter Anstieg auf einer holprigen Straße. Die Straße war fahrbar. Die Reifen unserer 10-Gang-Sporträder waren zu schmal. Wir hätten Mountainbikes gebraucht. Sobald wir uns setzten, schlugen die Steine auf die Felge durch. Wir fuhren deshalb möglichst viel im Stehen. Um das Gewicht vom Hinterrad zu nehmen, trug ich das Gepäck in Tibet stets im Rucksack auf dem Rücken. Hatte man genug Höhe gewonnen, hatte das Holpern ein Ende. Man war dann nämlich in der Matschzone angelangt. Die Straße war in der Matschzone vom geschmolzenen Schnee derart aufgeweicht und tief, daß man sich guten Gewissens auf den Sattel setzen konnte. Allerdings hatte man in der Matschzone ständig das Gefühl, gegen ein Gummiband anzufahren. Glücklicherweise dauerte der Zustand nie lange an, denn bald schon hatte man die Schneegrenze erreicht. Nun hieß es oft stundenlang schieben. Nach längerem Schieben setzte sich der Schnee an den Laufrädern fest, sodaß sie sich nicht mehr drehten. Dann blieben wir stehen, suchten Steine, klopften die Felgen und Zahnräder frei und schoben weiter, bis die Räder wieder blockierten. Es gab fast keinen Tag, an dem wir unsere Räder nicht schoben. Selbst wenn wir nach einer Paßüberquerung abwärts fahren hätten können, kam es immer wieder vor, daß wir abstiegen, um ein Stück zu Fuß zu gehen, weil unsere Füße bis über die Knöchel eingefroren waren. Das war der nächste Punkt: Unsere Ausrüstung war absolut mittelmeertauglich. Ich trug dünne Stoffturnschuhe, die ich mir um ein paar Dollar in Nepal gekauft hatte. Die einzige lange Hose, die ich dabei hatte, war eine Trainingshose, der einzige Luxusgegenstand eine billige, viel zu kleine Daunenjacke, bei der schon nach wenigen Tagen die Daune zusammenklumpte. Ich hatte die Jacke auf einem Markt in Lhasa gekauft. Als Handschuhe verwendete ich ein paar Ersatzsocken. Als wir in Lhasa losfuhren, wog mein Gepäck 7 Kilogramm.

Nach ein paar Tagen lagen wir in unseren Schlafsäcken und diskutierten. Armin und Reiner waren im Begriff zu meutern: „Wir kehren um“, schlossen sie die Diskussion. „Zu dieser Zeit ist es zu hart. Da kommen wir nie durch.“
„Ja, es ist anstrengend“, erwiderte ich. „Aber ich genieße jede Sekunde, die ich in Tibet bin. Und wenn ihr umkehrt, fahre ich allein weiter.“ Das konnten sie nicht verstehen.
„Das kann auch dir keinen Spaß machen. Entweder du lügst uns an oder du bist ein harter Hund.“
Keines von beidem stimmte. Es gab einen großen Unterschied zwischen uns. Die beiden sind zu Tibet gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Es hätte genauso gut der Tschad sein können oder die Mongolei. Ich dagegen hatte schon Jahre auf dieses Ziel hingearbeitet. Ich hatte Informationen gesammelt, ich hatte Bücher über Tibet gelesen und ich hatte fleißig Tibetisch gelernt. Ich hatte in den Jahren davor kein anderes Ziel gehabt. Und nun, da ich endlich in Tibet war, fühlte es sich an wie in meinen  Büchern. Es war anstrengend, wir mußten uns vor der Polizei verstecken, wir wußten nicht, wo wir waren, und wir hatten keine Ahnung, was noch kommen würde. Wir mußten uns Tibet erarbeiten. Mehr hatte ich nicht gewollt. Ich wollte mich anstrengen. Tibet hätte mich nicht interessiert, wenn ich es auf dem silbernen Tablett serviert bekommen hätte.
Darüber hinaus ist mir Tibet wohl auch rein physisch etwas leichter gefallen als den beiden. Die beiden waren topfit, da gab es keine Zweifel. Aber Marathon ist etwas anderes als Tibet bei winterlichen Bedingungen. Für die Bedingungen in Tibet benötigte man einen robusten Traktor, keinen Ferrari. Was Rainer und ich in den vorangegangenen Jahren zuhause gemacht hatten, war die ideale Vorbereitung für eine solche Tour: viele lange Bergtouren und unzählige Höhenmeter – auch bei schlechtem Wetter, im Schnee, mit schlechter Ausrüstung und mit spärlichster Verpflegung. So war das, wenn man mit Rainer in die Berge ging. Das Jahr 86, schließlich, hatte schon kalt begonnen, am 1.Jänner mit einer Winterbegehung der Neumann Stanek (6-) an der Sulzfluh, dann zwei Monate mit dem Bike in Indien und Nepal, während der ich u.a. das Bike im knietiefen Schnee über den 5415 m hohen Thorong Paß geschleppt habe, extrem lange Bike & Hike-Touren im Sommer und im Herbst mit dem Rad schon wieder unterwegs in die Türkei. Hätte man sich für Tibet noch besser vorbereiten können?

imm-084

Ich wollte, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, nicht alleine weiterfahren. Die beiden waren ein wichtiger Teil der Reise, vielleicht sogar der wichtigste. Wir waren zu einem richtig guten Team geworden. Ohne sie wäre die Reise nicht einmal der halbe Spaß gewesen. Wir einigten uns auf einen Kompromiß: Wir fahren ein paar Tage mit den Rädern. Danach suchen wir uns einen Lkw und fahren mit dem einen Tag lang weiter, um etwas Strecke zu machen. Armin und Reiner hatten recht: Wir waren bis dahin kaum vorwärts gekommen. Mehr als 50 Kilometer an einem Tag war in Tibet immer ein Riesenerfolg. An unserem schlechtesten Tag hatten wir gerade mal 18 Kilometer geschafft. Davon sind wir keinen einzigen gefahren. Trotzdem, ich hätte es sehr gerne mit dem Rad probiert. Im Nachhinein weiß ich, daß es so besser war. Wir hätten es wahrscheinlich allein mit unseren Rädern nicht geschafft.

Es gab in Tibet in den Flußtälern hin und wieder etwas größere Orte, in denen es sehr einfache Unterkünfte und Restaurants gab. In diesen Orten aber gab es auch Chinesen und mit ihnen den zugehörigen Behördenapparat, vor allen Dingen die Public Security. Deshalb beschränkten wir die Aufenthalte in diesen Orten auf das Notwendigste. Unser Leben in Tibet spielte sich hauptsächlich in tibetischen Dörfern außerhalb dieser „Zentren“ ab. Immer wieder wurden wir von den Dorfbewohnern zum Essen eingeladen. Geld haben sie nie dafür genommen. Anfangs war das Essen durchaus eine Aufgabe. Da mußten wir langsam reinwachsen. Buttertee und Tsampa, Tsampa und Buttertee…Die Tibeter schienen sich von Buttertee und Tsampa zu ernähren. Für einen europäischen Magen ist das echt harte Kost. Eigentlich klingt es gar nicht so schlimm: Tee mit Butter und Salz. Ich habe Buttertee im tibetischen Kloster in Vorarlberg, in dem ich Tibetisch gelernt habe, getrunken. Das war okay. Allerdings gibt es in Vorarlberg Kühlschränke, nicht aber in Tibet. Deshalb ist dort die Butter ranzig und zwar richtig stinkig ranzig. Das verleiht dem Tee eine eigene, unverkennbare Geschmacksnote. Fast noch schlimmer als den Buttertee fand ich den Tsampa, gemahlene geröstete Gerste. Buttertee ist flüssig. Den kann man einfach so runter rinnen lassen. Aber Tsampa muß man aktiv schlucken. Die Tibeter haben ihren Tsampa immer und überall in kleinen Säckchen dabei. Wenn sie auf Reisen sind, brauchen sie nur etwas Wasser. Sie vermischen den Tsampa mit Wasser, formen ihn zu einem kleinen Klumpen und fertig ist das Festmahl. Die sind da perfekt. Die hatten am Ende immer einen homogenen, ansehnlichen, fast schon appetitanregenden Klumpen in der Hand. Bei uns klebte das Zeug am Ende immer an den Fingern. Wir aßen den Tsampa nicht wie anständige Tibeter, wir schleckten ihn uns von den Fingern. Nachdem wir unsere Hände in Tibet nur sehr selten wuschen, war das Mineralstoffproblem damit auch gelöst. Tsampa mit Wasser fand ich nicht mal extrem schlecht. Üblicherweise nimmt man anstatt Wasser aber Buttertee. Dann wird die Sache schon anstrengender. Einmal konnten wir in einem „Chinesenort“ – so nannten wir die größeren Orte, in denen auch Chinesen lebten –  eine Konservendose mit uns unbekannten Früchten kaufen. Wir haben den Tsampa mit dem süßen Fruchtsaft vermischt. Das war dann eine wirklich noble Kombination, die fast schon schmeckte.

Das Essen war die eine Seite. Hin und wieder haben wir in den Dörfern auch geschlafen. Ich habe andernorts die Thailänder für ihre freundliche Art gelobt. Bei den Tibetern müßte ich vielleicht noch ein Schippchen drauflegen. Man konnte von ihnen alles haben, was man wollte. Sie waren immer gut drauf, immer lustig, immer freundlich, aber nie aufdringlich. Die Kommunikation verlief völlig unkompliziert. Die Gastfreundschaft war weniger von Ritualen und Regeln geprägt als andernorts. Wir fühlten uns in den Dörfern richtig wohl. Allerdings waren ihre Lebensbedingungen für uns – gelinde gesagt – ungewohnt. Es wäre eine Illusion, wenn man glaubte, daß man nach einer Übernachtung in einem tibetischen Dorf auch wirklich erholt sein könnte. Man sitzt den ganzen Abend in einem rauchigen Raum am Boden ums Feuer. Einer läßt die Tür immer offen. Folglich ist es vorne heiß, der Rücken aber eiskalt. Wird die Tür geschlossen, ist es auch nicht viel besser. Dann hat man eben den ganzen Rauch in der Nase. Einen Rauchabzug gibt es in den Häusern nicht. Wenn es Zeit zum Schlafen ist, werden Decken am Boden ausgelegt. Die ganze Familie schläft im selben Raum. Man legt sich mit seinem Schlafsack irgendwo dazwischen. Das Feuer verglimmt. Der Rauch steht im Raum. Und das, obwohl in Höhen jenseits der 3000-m-Marke der Sauerstoff eh schon ein knappes Gut ist. Schönheitsschlaf schaut anders aus. Wenn man Pech hat, drückt nachts der Buttertee auf die Blase. Zuerst versucht man, bis zum Morgen durchzuhalten. Man will ja nicht alle aufwecken. Irgendwann ist aber Schluß. Man tastet sich im Dunkeln zur Tür und versucht dabei, nicht über die schlafenden Leiber der Gastgeber zu stolpern und – überhaupt – ganz still zu sein. Natürlich knarrt die Tür, daß sich alle im Raum umdrehen. Dann geht man höchstens einen Meter von der Eingangstür weg und verrichtet sein Geschäft. Dabei hält man wachsam die Umgebung im Auge. Nachts sind nämlich die Hunde frei.

Die Tibeter zählten zu den freundlichsten, unkompliziertesten und – trotz harter Lebensbedingungen – fröhlichsten Menschen, die ich auf meinen Reisen kennengelernt habe.

Wenn man ein paar Paßüberquerungen hinter sich hat und zwei, drei Aufenthalte in diesen Dörfern, kann es schon passieren, daß man, so wie Reiner, die wahren Schönheiten dieser Welt nicht mehr erkennt. Wir standen auf einem 5000-m-Paß. Die Sonne schien. Die Temperatur war angenehm. Wieder war ein Anstieg geschafft. Ein Überfluß an Gründen, um zu frohlocken. Wir drehten uns im Kreis. Soweit wir sehen konnten nur hohe verschneite Berge, 360° nur Berge bis zum Horizont. Es war nirgends ein markantes Tal auszumachen. „Schaut euch das an!“, seufzte Reiner wohl noch etwas unter dem Eindruck des langen Anstiegs stehend. „Ein einziges Labyrinth! Wie soll ich da wieder rauskommen? Mit Buttertee und Tsampa? Ich brauch‘ was Richtiges. Ich brauch‘ Fleisch!“
Ich will an dieser Stelle den Ereignissen etwas vorgreifen. Es war etwa zwei Wochen nach jener Paßüberquerung. Wieder Reiner nach einem anstrengenden Tag: „Wißt ihr, auf was ich mich jetzt freue. Ihr glaubt es nicht. Auf einen heißen Buttertee.“ Es war tatsächlich so. Mit der Zeit hatten wir uns gut an die tibetischen Verhältnisse gewöhnt.

Irgendwo hinter diesen Bergen liegt China. Aber wo soll da eine Straße durchgehen?
14 Pässe über 4000 bzw. 5000 m haben wir – sofern wir richtig gezählt haben – in Tibet überquert. (ein paar davon mit Lkw und Bus)

imm-087

Trotzdem, es kam der Tag, an dem wir einfach einen erholsamen Ruhetag benötigten. Wir waren bis auf die Knochen fertig. Einmal wollten wir es wagen, in einem Chinesenort zu übernachten und dort einen Ruhetag zu verbringen. Wieder einmal richtig schlafen und vielleicht wieder einmal ein „normales“ Essen – so etwas mit Nudeln, vielleicht, wenn’s ganz gut kommt, sogar noch ein wenig Gemüse, das hätte uns genügt. Der nächste Chinesenort kam und wir übernachteten in einer Bauarbeiterbaracke, dem einzigen „Hotel“ vor Ort, in einem richtigen Bett. Wir schliefen herrlich. Ich stand als erster auf und ging ins Freie, um mein Fahrrad, das sichtlich auch schon unter Tibet gelitten hatte, ein wenig aufzupäppeln – ein bißchen Öl, ein paar Schrauben anziehen. Da tauchte ein Chinese auf. Er wollte mit mir sprechen. Ging aber nicht. China ist das einzige Land auf der Welt, in dem man mit niemandem sprechen kann. Auf der ganzen Welt sonst gibt es irgendwelche Wörter, meist englische, oder Gesten, mit denen man die nötigsten Infos transportieren kann. In China habe ich das nie geschafft. Mein Gegenüber gehörte offensichtlich dem Bildungsbürgertum an. „Permit! Permit!“, wiederholte er ständig und wurde dabei immer aufgeregter. Ich hatte noch nichts gefrühstückt. Die Sonne schien. Ich freute mich auf einen schönen Ruhetag. Ich brauchte diesen Ruhetag. Und dann kam der. Ich hatte keine Lust auf den ganzen Kram. Ich wußte eh, was jetzt kommen würde. Ich zuckte mit den Schultern und arbeitete weiter am Fahrrad. Er stand daneben und wiederholte ständig dieses „Permit! Permit“. Dabei deutete er, ich solle mit ihm kommen. Ich antwortete ebenso beständig: „No understand!“ Ich hätte auch etwas anderes, irgendein Phantasiewort, sagen können. Er verstand mich sowieso nicht. Ich fand es aber anständiger, wenn ich ihm etwas Richtiges antwortete. Ich hatte eh nichts gegen den Mann. Es war halt so, daß in jenem Augenblick unsere Interessen kollidierten. Ich wollte durch Tibet fahren. Er wollte, daß ich nicht durch Tibet fahre. Dabei war ich freiwillig an dem Ort. Er nicht. Kein Chinese geht, wenn er es sich anders leisten kann, freiwillig in die tibetische Einöde. Trotzdem: Ich würde ihn nicht erhören. Das stand fest.
Reiner hatte Stimmen gehört und kam raus. Er stand unter der Tür und fragte, wie ich finde, etwas despektierlich. „Was will der da?“
„Der ist von der Public Security. Er will, daß ich mit ihm aufs Büro komme.“
„Und warum gehst du dann nicht mit?“
„Ich habe jetzt keine Lust.“
„Okay, dann geh‘ ich halt.“ Reiner begrüßte den Mann freundlich mit Handschlag und deutete ihm, zu gehen. Der Mann freute sich sichtlich, daß ihn wenigstens einer verstand. Gerade Reiner!!!
Kurz darauf stand Armin unter der Tür. „Wo ist Reiner?
„Auf der Public Security. Da war so ein Typ da.“
„Und warum bist du nicht mitgegangen?“
„Halt einfach so.“
„Spinnst du? Du kannst doch Reiner nicht allein auf die Polizei schicken. Das weißt du doch auch!“
Klar habe ich das gewußt. Manchmal zipft einen etwas aber einfach so an, daß einem die ganze Vernunft den Buckel runter rutschen kann. Armin schüttelte den Kopf und weg war er, hinter den beiden her. Nach zwanzig Minuten kamen die beiden wieder zurück.
„Das war jetzt aber gerade auf den letzten Drücker. Der Chinese war schon richtig gereizt“, erzählte Armin. Die Stimmung war am Kippen, als er ins Büro kam. Reiner saß da, schaute provokant in die Luft und pfiff ein Liedchen vor sich hin. Armin glättete die Wogen. Armin kann das. Armin ist sozialkompetent. Sie hatten ein paar Fragen zu beantworten. Es gab da einen Bogen, auf dem die nötigsten Fragen, die man im Polizeialltag so braucht, auf Englisch und Chinesisch geschrieben standen. Zum Beispiel: „Wo kommst du her?“, „Wo willst du hin?“ oder – und das erheiterte die beiden ganz besonders  – „Did you kiss her?“

Das Ergebnis der Fragestunde war: Wir mußten zurück nach Lhasa und zwar auf der Stelle. Wir mußten nicht lange diskutieren. Es war eh klar: Wir fahren sicher nicht zurück nach Lhasa. Wir packten unsere Sachen, aufs Frühstück mußte nun mal verzichtet werden, und keine 15 Minuten später saßen wir auf unseren Rädern. Auf einem Nebenweg radelten wir aus dem Ort. Wir wollten der Public Security nicht nochmals in die Hände laufen. Hinter dem Ort begann gleich wieder ein Anstieg. Wir wußten mittlerweile aus Erfahrung, wenn man in Tibet einmal aufwärts fährt, dann hört man damit erst auf einem Paß wieder auf. Die Frage war nur: Ist es ein hoher oder ein sehr hoher. Am späten Nachmittag war klar: Es ist ein sehr hoher.

Ein typischer Paßanstieg in Tibet. Hier die Vormittags- und Nachmittagsansicht sowie die Paßhöhe

Wir waren seit dem Vormittag unterwegs und ein Ende zeichnete sich nicht ab. Bei einem Viehunterstand wollten Rainer und Armin über Nacht bleiben. Wir waren alle müde, und am Himmel schaute es aus, als würde es bald regnen oder schneien. Der Viehunterstand war nicht mehr als vier Pfähle mit einem Bretterdach darüber. Er hätte zumindest als Schutz vor Niederschlägen gedient. Aber ich wollte nicht: „Wir haben nichts zu essen. Wenn ich da hungrig die ganze Nacht durchfriere, erhole ich mich auch nicht. Da laufe ich lieber weiter, dann bleib‘ ich wenigstens warm.“ Wir befanden uns auf einer Straße, nicht in der Wildnis. Irgendwann findet man an einer Straße irgendetwas, eine Hütte vielleicht, oder man ist über dem Paß. Das leuchtete den beiden auch ein. Es ging nicht mehr lange, dann hatten wir die Schneegrenze erreicht. Mittlerweile hatte es zu schneien begonnen. Stundenlang trotteten wir durch den Schnee, der immer tiefer wurde. Ständig mußten wir die blockierenden Räder mit Steinen freiklopfen. Das nervte. Es begann schon zu dunkeln, als wir einen aus der Gegenrichtung kommenden Bus passierten. Er hatte einen Motorschaden. Die Passagiere, allesamt Tibeter, standen im Schnee herum und froren. Die mußten wahrscheinlich die Nacht da oben im Bus verbringen. Ich hätte nicht an deren Stelle sein wollen. Alles eine Sache der Perspektive. Sie dachten wahrscheinlich dasselbe über uns. Ein chinesischer Militärkonvoi mit fünf Lkw kam vom Paß herunter. Die dachten gar nicht daran, den Buspassagieren zu helfen. Ohne auch nur langsamer zu werden, fuhren sie an den Leuten vorbei. „Das sind doch A…“, sagte Reiner und er hatte wieder einmal recht. Als wir im Schneegestöber den Paß erreichten, dachten wir, daß die Schieberei abwärts einfacher werden würde. Wenn es denn richtig abwärts gegangen wäre, hätte das auch gestimmt. Aber das Gefälle war nur minimal und wir kamen kaum schneller vorwärts als beim Aufwärtsgehen. Wir stellten uns langsam darauf ein, daß es eine lange Nacht werden könnte. Und dann, es war schon 20 Uhr, ein Licht. Ein Wegmacherhäuschen! Wir klopften an. Die Leute waren einigermaßen überrascht, uns zu sehen. Mit ausländischen Radfahrern hatten sie um diese Zeit nicht mehr gerechnet. Wir durften in einem Nebengebäude, in einem Holzschuppen, schlafen. Aber erst machte uns die Frau des Hauses eine dicke Nudelsuppe. Es war richtig heimelig in der warmen Stube. Unsere Gastgeberin stellte einen großen Suppentopf auf den Tisch. Reiner nahm einen Löffel voll, dann legte er den Löffel wieder auf den Tisch. Es kam aus dem tiefsten Inneren, als er sagte: „Es tut so gut, wenn man etwas bekommt, was man sich schon solange gewünscht hat.“ Es war nun doch schon mehr als einen Tag her, seit wir das letzte Mal etwas gegessen hatten. Und das an unserem Ruhetag!

Am nächsten Tag, als wir aufstehen wollten, klappte das nicht bei allen einwandfrei. Kaum stand Armin, mußte er sich wieder hinsetzen. Irgendetwas an seinem Kreislauf paßte nicht. Die letzten Tage hatten bei uns allen an der Substanz gezehrt. Nach ein paar Versuchen konnte er etwas gehen. Fahren ging noch nicht. Also schoben wir. Immer wieder mußte er sich am Straßenrand hinsetzen, weil ihm schwindlig wurde. Das machte keinen Sinn. Wir stoppten einen Lkw. Armin legte sich in seinem Schlafsack auf die Ladefläche. Er sollte im nächsten Ort auf uns warten.

Am Nachmittag kamen wir im ersten Dorf an. Armin war mittlerweile wieder pumperlgesund. Aber es war eindeutig die Zeit gekommen, um wieder einmal mit einem Lkw etwas Strecke zu machen. Wir fanden bald eine Gruppe von Lkw-Fahrern, die uns gegen ein kleines Entgelt mitnehmen wollten. Von diesen Fahrern konnten wir anhand unserer Weltkarte erstmals auch feststellen, wo wir waren. Es gibt durch Tibet eine Süd- und eine Nordroute. Beide Routen waren auf unserer Karte eingezeichnet. Allerdings ist uns die Abzweigung, an der sich die beiden Routen trennten, nie aufgefallen. Wir hatten lange Zeit keine Ahnung, auf welcher Route wir uns befanden. Die Fahrer klärten uns auf. Wir waren auf der Nordroute unterwegs.
Auf der Ladefläche waren wir nicht allein. Da waren schon viele Tibeter, allesamt in dicke Fellmäntel eingehüllt. Es war damals in Tibet üblich, mit Lastwagen zu reisen. Das konnten ohne weiteres auch lange, mehrtägige Reisen sein. Unsere Fahrer befuhren die Stecke Lhasa – Chengdu. Chengdu war die erste große Stadt in China, wenn man von Tibet kam. Meist fuhren die Lkw in kleinen Konvois. Die Reisen waren stets kleine Abenteuer. So eine Fahrt konnte zwei Wochen dauern, sie konnte aber auch, wenn viel Schnee lag oder Straßen verschüttet waren, mehr als einen Monat dauern. Die Lkw-Fahrer mußten sich durch das Land kämpfen, wie wir es taten. Die blieben auf hohen Pässen im Schnee stecken. Dann mußten sie selbst im größten Schneetreiben raus in die Kälte und schaufeln. Dann wieder steckten sie irgendwo im Schlamm fest oder die Straße war durch Erdrutsche verlegt. Es gab immer was zu tun. Auf unserer Fahrt war an einer Stelle die Straße soweit abgerutscht, daß zwischen dem Reifen und dem Abgrund gerade noch fünf Zentimeter Straße waren. Der Beifahrer stieg aus, postierte sich beim Hinterrad und klopfte mehrmals auf die Ladefläche. Der Fahrer fuhr langsam los, Zentimeter für Zentimeter. Der Beifahrer klopfte ständig weiter. Sobald er aufhörte, blieb auch der Fahrer stehen. Er stieg aus. Man schaute sich gemeinsam die Sache an, diskutierte ein wenig. Die Passagiere, die alle abgestiegen waren, gaben auch noch ihren Senf dazu. Der Fahrer stieg wieder ein. Dann wurde wieder geklopft, und der Lkw tastete sich ganz behutsam, wie auf rohen Eiern vorwärts. Als man die brenzlige Stelle gemeistert hatte, war das auf alle Fälle einen kräftigen Schluck wert. Der Beifahrer reichte während der Fahrt einen Kanister mit Schnaps aus dem Fenster nach hinten. Der machte unter den Reisenden die Runde und ging beim Fahrer wieder zurück in die Fahrerkabine. Der Kanister drehte noch manche Runde. Es wurde lustig in der Fahrerkabine. Fetzen tibetischer Gesänge drangen zu uns nach hinten auf die Ladefläche und verliehen der Fahrt eine folkloristische Note. Wir waren zwei Tage mit denselben Fahrern und denselben Reisenden unterwegs. Da wächst man zu einer verschworenen Truppe zusammen. Es gibt so viele Schwierigkeiten gemeinsam zu bewältigen. Da sitzen alle in einem Boot.

Ich habe diese Etappen auf den Lkw geliebt. Man lag gemütlich im Schlafsack und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen. Das war eine wesentlich entspanntere Perspektive als auf dem Fahrrad. Die Fahrradperspektive war manchmal doch sehr eingeschränkt, den Blick auf die Straße fixiert. Auf der linken Seite könnten etwas weniger Löcher sein, glaubte man immer, wenn man auf der rechten fuhr. Man wechselte auf die linke Straßenseite, dann war zufälligerweise die rechte Seite wieder besser. Solche Probleme hatte man auf einem Lkw nicht. Wenn sich draußen nichts tat, schloß man die Augen ein wenig und döste vor sich hin. Wenn’s aufwärts Richtung Schnee ging, kam meist Bewegung auf die Ladefläche. Die Tibeter verkrochen sich unter dicke Decken. Wir zogen die Kapuzen tief ins Gesicht und schloßen die Schlafsäcke.

Ich habe an anderer Stelle geschrieben, wir seien zur falschen Zeit unterwegs gewesen sein. Das stimmt nur bedingt. Klar war es im Spätwinter schwierig, voran zu kommen. Andrerseits war die Landschaft in jener Übergangszeit viel schöner als im Sommer. 20 Jahre nach unserer Reise habe ich einen interessanten Diavortrag von zwei Vorarlbergern gesehen, die Tibet auf der gesamten Länge von West nach Ost durchquert hatten. Der größte Teil des Vortrags konzentrierte sich auf den extremeren Streckenteil westlich von Lhasa. Ich aber wartete auf „mein“ Tibet ganz im Osten. Und als jene Bilder dran waren, erkannte ich das Gebiet nicht mehr. Alles gleichförmig braun und grau, bis zum Horizont. Was hatten wir dagegen für Panoramen erlebt. Wenn wir bei Sonnenschein auf einen Paß kamen, blickte man über eine einzigartige, verschneite Hochgebirgslandschaft. Und dann der Blick auf den tief verschneiten Namche Barwa. Eines der schönsten Landschaftsbilder, die ich je gesehen habe. Wir fuhren von einem hohen Paß weit abwärts ins Tal des Tsangpo, und plötzlich eröffnete sich uns der Blick in eine andere Welt. Unter uns der türkisblaue Tsangpo, jener Fluß, der, wenn er Tibet verläßt, seinen Namen ändern wird und dann zum Bhramaputra wird. An den Ufern des türkisblauen Wasser saftig grüner, subtropisch anmutender Regenwald. In den Ästen der Bäume spielten Affen. Aus dem Regenwald erhob sich ein blendend weißer, tief verschneiter, gewaltiger Berg, der Namche Barwa. Darüber ein wolkenloser, stahlblauer Himmel. Der Namche Barwa ist 7782 m hoch und war zu jener Zeit der höchste noch unbestiegene Gipfel der Welt. Das wußten wir damals noch nicht. Wir hatten von dem Berg noch nie etwas gehört. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, wo wir waren. Aber Affen in Tibet! Wir nannten das Gebiet das Affental. Wir waren uns einig. Hierher müssen wir wieder einmal zurückkehren. Wir wollten wissen, wie es hinter diesem Berg aussieht. Als ich wieder zuhause war, beschäftige ich mich dann intensiv mit der Region. Das Gebiet hieß Pemakö. In den Zwanzigerjahren war es von einer Expedition englischer Biologen besucht worden. Das war die einzige Quelle, die ich auftreiben konnte. Deshalb besuchte ich Heinrich Harrer, der damals in Liechtenstein lebte. Ich erzählte, daß ich nach Tibet wolle. Bevor ich etwas über mein Ziel, Pemakö, sagen konnte, unterbrach er mich und sagte: „Dann solltest du unbedingt nach Pemakö gehen.“ Er erzählte, daß er während seiner Zeit in Tibet dreimal versucht hatte, dorthin zu gelangen, es aber nie geschafft hatte. Auch ich bin später nochmals mit dem Ziel Pemakö nach Tibet aufgebrochen. Ich bin aber nicht einmal in die Nähe gekommen. Schon an der Grenze zu Tibet bin ich zur Umkehr gezwungen worden. Das war also unser „Affental“ Ende Februar. Im Sommer wäre die Reise weniger beschwerlich gewesen. Aber solche Impressionen wären uns verwehrt geblieben.

Begegnung auf einem abgelegenen Paß

imm-092

Eigentlich hätten wir gar nicht in dem Land sein dürfen. Wir dachten, daß das jeder Chinese wüßte – zumindest jeder in Uniform. Daraus ergab sich ein Problem. Die Public Security konnte man umgehen. Die war nur in größeren Orten situiert. Es gab aber noch die Miltärkasernen, die über ganz Tibet verstreut waren und meist einsam in der Einöde standen. Es ist nur logisch, daß Kasernen einer Straßenanbindung bedurften. Da es aber in weitem Umkreis nur „unsere“ Straße gab, war es mindestens so logisch, daß wir unmittelbar an diesen Kasernen vorbei mußten. Das bereitete uns stets ein wenig Kopfzerbrechen, und es ließ sich nicht vermeiden, daß wir irgendwann doch einmal entdeckt wurden. Ein Soldat grüßte – nicht dienstlich, eher interessiert und durchaus freundlich. Wir grüßten ebenso freundlich, schauten unschuldig und machten, daß wir weiter kamen. Doch der Soldat gab uns zu erkennen, daß wir stehen bleiben sollten. Es schien uns vernünftig, den Wünschen chinesischer Soldaten in Tibet zu entsprechen. Der Mann wirkte symphatisch. Er wollte nicht einmal den Paß sehen. Er redete auf uns ein, und wir schauten wohl etwas blöd, weil wir ein schlechtes Gewissen hatten und nicht wußten, was jetzt schon wieder kommt, und weil man – wie schon vorher gesagt – mit Chinesen nicht reden kann. Während des Gesprächs, das eher ein Monolog war, gesellte sich ein zweiter Soldat zu uns. Er schien ein hohes Tier zu sein. Er sprach, was in China äußerst selten vorkam, ein paar Worte Englisch. Er fragte, ob wir Hunger hätten. Das fragte er UNS! Wir hatten schon im Flug nach Kathmandu gesagt „If you have anything left over, dont throw it away!“ Da kamen wir aus dem paradiesischen Thailand. Jetzt aber waren wir schon seit Wochen in Tibet. Wir hatten in Tibet Tag und Nacht Hunger. Wenn wir nachts in den Schlafsäcken lagen und über irgendein beliebiges Thema sprachen, landeten wir irgendwann beim Apfelkuchen von Reiners Mutter oder bei den Käsknöpfle meiner Mutter oder…Alle unsere Gespräche drifteten über kurz oder lang, ohne daß wir es bemerkten, aufs Essen ab. In unseren Köpfen gab es nur ein Thema. Und dann fragte der, ob wir Hunger hätten. Es stellte sich heraus, daß wir in der Kaserne gegen Bezahlung essen konnten und auch schlafen. Wir trauten unseren Ohren kaum. Schließlich wollte er aber doch noch unsere Pässe sehen. Ein kurzer Moment der Unsicherheit. Aber es war wohl mehr ein Formalakt. Jeder, der eine Uniform trug, wollte unsere Pässe sehen. Er konnte mit lateinischen Buchstaben nicht viel anfangen und gab sie uns auch gleich wieder zurück. Ein Soldat zeigte uns das Zimmer. Es war ein schlichtes, aber sauberes Zimmer mit richtiger, sauberer Bettwäsche. Es war das erste Mal seit Langem, daß wir nicht in unseren Schlafsäcken schliefen. Kaum war der eine Soldat verschwunden, kam ein anderer und brachte uns Tee und eine Thermoskanne mit heißem Wasser. Zur Essenszeit holte uns ein Soldat ab und führte uns in den Speisesaal. Zusammen mit den  Soldaten standen wir in einer Reihe und fassten das Essen aus. Da wurde kein Unterschied zwischen Touristen und Soldaten gemacht. Eine Stunde zuvor hatten wir befürchtet, unsere Tibetreise stünde auf der Kippe, stattdessen saßen wir nun inmitten einer Kompanie Soldaten und aßen mit ihnen Abendbrot. Das Essen war wohl das beste, das wir in Tibet bekommen haben. Danach blieben wir mit einigen der Soldaten sitzen. Es war jammerschade, daß wir nicht mit ihnen sprechen konnten. Sie holten ihre Erinnerungsfotos aus den Zimmern. Sie zeigten uns ihre Kinder, die Frauen und Freundinnen, manchmal die ganze Verwandtschaft. Viele kamen aus dem Süden. Sie zeigten uns Bilder mit grünen Reisfeldern und auch vom Urlaub am Meer. Sie deuteten an, wie schön es dort sei und wie kalt in Tibet. Sie waren – und das war nun wahrlich nicht schwer zu verstehen – nicht freiwillig in diesem Land. Mit Tibet verband sie keine Abenteuerromantik. Für sie war Tibet eine Vorstufe zur Hölle. Sie sehnten sich nach ihrer Heimat. Wir gingen schon früh ins Bett und schliefen so erholsam wie schon lange nicht mehr. Als wir uns am Morgen verabschiedeten, winkten uns die Soldaten freundlich hinterher.

Mit dieser kleinen Episode ist uns klar geworden, daß wir uns zu wichtig nahmen. Einzig die Public Security war über die Ausländervorschriften informiert. Für das Militär waren die paar Touristen, die sich neuerdings nach Tibet verirrten, kein Thema. Die hatten andere, größere Probleme.

Die Kasernen waren Oasen der Zivilisation im abgelegenen Tibet. Ich hatte in Tibet tagelang starke Zahnschmerzen. Wenn Armin und Reiner aßen, spazierte ich die Straße auf und ab und wenn sie schliefen spazierte ich wieder auf und ab. Nach ein paar schlaflosen Nächten und reiflicher Überlegung – mir war der Zahnarzt in Lhasa mit seinem pedalbetriebenen Bohrer noch in lebhafter Erinnerung – kam ich zur Überzeugung, daß man diese Oasen der Zivilisation nicht nur zum Essen nutzen sollte. „Ich laß‘ mir jetzt den Zahn reißen. So kann das nicht mehr weitergehen“, eröffneten ich den beiden, als wir wieder an einer  Kaserne vorbeikamen. Der Entschluß war mir wirklich schwer gefallen. Weiß Gott, was die da für Quacksalber ins tibetische Exil abgestellt hatten. Armin’s Mitleid hielt sich in Grenzen. Sichtlich erfreut fragte er: „Darf ich das fotografieren?“
„Das ist mir wurscht“, antwortete ich.
„Hey, super! Das gibt Bilder.“
Zu zweit gingen wir dann von der Straße hinunter zur Kaserne. Ich sprach nicht viel. Armin dagegen tänzelte voller Vorfreude aufgeregt um mich herum. Wir fragten uns bis zum Arzt durch. Wir klopften an die Tür. Niemand öffnete. Der Arzt war unauffindbar. Ich merkte, wie mir ein Stein vom Herzen fiel.
„Warten wir noch ein wenig“, schlug Armin vor.
„Sicher nicht. Ich will weiter. Es gibt schon wieder einmal eine Gelegenheit. Und im Übrigen ist der Zahn im Augenblick eh wieder ganz gut.“ Ich hatte festgestellt, daß, je näher ich dem Arztzimmer kam, der Schmerz immer weniger wurde. Das ist ein altbekanntes Phänomen. Ungewöhnlich allerdings war, daß ich ab jenem Zeitpunkt den Zahn nie wieder spürte. Ich gehe davon aus, daß er abgestorben war. Ich hatte das schon einmal während eines Urlaubs erlebt. Das hatte sich ähnlich angefühlt. Aber der Zeitpunkt seines vermutlichen Ablebens verwunderte mich doch ein wenig.

Improvisiertes Nachtlager. Mit unseren Fahrradsäcken und meinem Regenponcho bauten wir einen Schutz gegen den Regen. Reiner und Armin schlafen noch unter der Isomatte, die wir uns über die Köpfe gelegt hatten.

imm-083

Bald erreichten wir die tibetische Grenze. Wir wußten, daß dies wieder eine Schlüsselstelle auf unserer Reise sein würde, da wir dort einen Kontrollposten zu passieren hatten. Wir konnten schlecht mit den Fahrrädern dort vorfahren und sagen: „Grüß Gott, wir kommen aus Lhasa.“ Das hätten sie uns bestimmt übel genommen. Deshalb suchten wir uns für die Grenzpassage einen Lkw. Die Fahrer wußten Bescheid. Sie selbst hatten uns auf die Kontrollen aufmerksam gemacht. Als wir zustiegen, war die Ladefläche schon gut ausgebucht. Kurz vor dem Dunkelwerden, blieb der Fahrer stehen, stieg auf den Hinterreifen, gab uns ein paar Decken und salutierte. Wir nickten, um zu zeigen, daß wir verstanden hatten. Es war soweit. Wir legten die Decken über unsere Schlafsäcke und zogen sie hoch ins Gesicht. Die Ladefläche war gut gefüllt mit Tibetern, die ebenfalls allesamt unter dicken Decken lagen. Zwischen all den vor sich hin dösenden Menschen waren wir nur schwerlich als Artfremde auszumachen. An der Grenze stieg der Fahrer aus. Wir hörten, daß er mit jemandem diskutierte. Kurz darauf stieg einer der Kontrolleure auf das Hinterrad und warf einen kurzen Blick auf die Ladefläche. Es gab da oben keine Besonderheit, nur schlafende Tibeter. Er gab das Zeichen zur Weiterfahrt.

Der neuralgische Punkt, der uns während der Fahrt durch Tibet am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte, lag hinter uns. Wir hatten die Autonome Provinz Tibet verlassen. Das hieß nicht, daß wir damit auch Tibet verlassen hatten. Nach der Besetzung Tibets wurden große Teile Osttibets chinesischen Provinzen zugeschlagen. Nach Überqueren der Grenze befanden wir uns zwar in der Provinz Sichuan, aber in Wahrheit hatte sich gar nichts geändert. Wir waren noch immer im tiefsten Tibet. Es gab dieselben hohen Pässe, dieselben Menschen, dieselbe Verpflegung.

Klöster und Nomaden in Osttibet

Yunnan

Erst als wir nach vielen weiteren Tagen von Kangding Richtung Süden fuhren, hatten wir das Gefühl, Tibet tatsächlich zu verlassen. Die Landschaft wurde zusehends grüner. Es war mittlerweile Frühling geworden. Alles blühte. Die Temperaturen waren angenehm. Wir waren in Yunnan angekommen. Bei einem einsamen Bergbach machten wir Rast, zogen uns aus und wuschen uns von Kopf bis Fuß. Es war jener Moment, als Reiner sagte: „Heute wechsle ich das erste Mal seit einem Monat meine Unterhose!“ Mit welchen Worten hätte man unsere Tibetreise besser charakterisieren können.

Die erste große Körper- und Kleidungswäsche seit Wochen. Reiner wechselt die Unterhosen!!!

imm-120

Wir hatten uns gewaschen und frisch angezogen. Ein Gefühl der Erleichterung machte sich in uns breit. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten hatten wir die Tage in Tibet zu lieben gelernt. Tibet hatte die Reise zu etwas Besonderem gemacht. Und doch genossen wir es, daß die Anstrengungen hinter uns lagen. Wir hatten keine konkreten Vorstellungen, was als nächstes kommen würde. Aber wir waren in China.  Die Zivilisation, so glaubten wir, hatte uns wieder. Da hatten wir uns aber gehörig getäuscht.

Das nördlich Yunnan ist sehr gebirgig und ebenso abgelegen wie Tibet. Mich faszinierte die Gegend, die wir nun durchquerten um nichts weniger als Tibet, das gerade hinter uns lag. Ich gab dem Land einen Namen: „Das Land hinter den sieben Bergen.“ In einer solchen Welt, eingebettet zwischen hohen Bergen, weit weg von der unsrigen, in einer Welt, von der niemand etwas wußte, mußte Schneewittchen aufgewacht sein. Wir überquerten einen Paß und betraten ein weitläufiges, grünes Tal mit sprudelnden Bergbächen, das ringsherum von Bergen eingeschlossen war. Die Menschen, die in dem Tal wohnten, trugen bunte Trachten. Sie schauten fremdartig aus. Es waren weder Chinesen, noch waren es Tibeter. Der Talkessel war schnell durchquert. Wir verließen ihn über einen weiteren Paß und landeten wiederum in einem grünen, von Bergen eingeschlossenen Tal. Alles schaute aus wie in dem vorhergehenden Tal, nur daß die Menschen völlig andere Trachten trugen. In Yunnan leben 36 verschiedene Ethnien, die sich in ihren Traditionen, in der Sprache und auch in der Art, sich zu kleiden, oftmals sehr stark voneinander unterscheiden. In den schwer zugänglichen nördlichen Bergregionen, die wir durchquerten, haben manchmal sogar einzelne Dörfer in ihrer Isolation ihre eigenen Bräuche entwickelt.

In einem etwas größeren Ort in dem „Land hinter den sieben Bergen“, wollten wir auf dem Markt etwas einkaufen. Als die Menschen uns sahen, strömten sie aus allen Ecken zusammen. Um uns drängten sich Hunderte Menschen. Das Marktleben brach zusammen. Wir standen ein paar Meter auseinander. Unsere Köpfe ragten etwas aus der Masse heraus. Nur über die Köpfe der Menschen hinweg konnten wir uns miteinander unterhalten. Hin und wieder wagte es einer, im Gedränge unser Haar oder unsere Haut zu berühren. Armins helle Haare waren besonders beliebt. Bei einem derartigen Tumult ließ die Polizei natürlich nicht lange auf sich warten. Alle Gassen waren verstopft. Nichts ging mehr. Der Handel war zum Erliegen gekommen  Zwei Beamte bahnten sich einen Weg zu uns. Freundlich aber doch so bestimmt, daß wir nicht gewagt hätten, ihnen zu widersprechen, geboten sie uns, den Ort zu verlassen, da sonst ein geregelter Ablauf auf dem Markt nicht möglich sei.

 

Auch im Yunnan war es Ausländern nicht erlaubt auf eigene Faust zu reisen. Jedoch gab es weniger Kontrollen als in Tibet. Wir konnten uns frei bewegen. Nur ein einziges Mal, als wir in einer Kleinstadt in einem Hotel übernachteten, bekamen wir Besuch von der Polizei. Sie kamen gleich fünf Mann hoch. Sie schauten sich pro forma unsere Pässe an. In Wahrheit aber galt ihr ganzes Interesse uns, den Ausländern. Sie waren sehr gastfreundlich und lustig. Sie brachten zum Einstand eine Flasche Schnaps  mit, die wir zusammen tranken, wobei den Herren von der Polizei der Löwenanteil zukam. Bei aller Gastfreundschaft war doch ihre Unsicherheit zu spüren. Sie hatten keinerlei Erfahrung mit Ausländern. Durften wir überhaupt in ihrer Stadt sein. Sie schienen es selbst nicht zu wissen. Zwischendurch fragten sie uns nach unseren Permits. Es war ihnen fast etwas peinlich, ihre ausländischen Gäste damit zu behelligen. Aber Dienst ist Dienst. Wir nickten und zeigten ihnen unsere Pässe mit den chinesischen Visa. Das beruhigte sie fürs erste. Es wurde wieder Schnaps nachgeschenkt und gelacht. Sie wollten wissen, wo wir herkämen. „Germany“, antworteten wir. Damit konnten sie nichts anfangen. Daraufhin versuchten wir es mit „Alemannia“. Wieder verständnisloses Achselzucken. Plötzlich ging einem ein Licht auf: „Albania“, rief er erfreut. „Yes, Albania“, bestätigte ich, und die Polizisten klatschten vor Freude in die Hände. Klar, wir kamen aus Albanien. Uns hätte nichts Besseres passieren können. Das kommunistische Albanien war zu jener Zeit ein enger Verbündeter Chinas. Wir waren kommunistische Brüder aus dem fernen Europa. Da wurde natürlich nochmal nachgeschenkt und auf die Freundschaft angestoßen. In Hinkunft, wenn man uns in China nach der Herkunft fragte, kamen wir immer aus Albanien. Bei aller kommunistischen Freundschaft: ganz wohl war unseren Besuchern mit den Ausländern in ihrer Stadt denn doch nicht. Bei ihrem Abschied machten sie uns nämlich klar, daß wir am folgenden Tag sofort die Stadt verlassen müßten.

In Yunnan mußte nun eine Entscheidung über den weiteren Verlauf unserer Reise fallen. Ich hatte unbeschränkt Zeit. Armin und Reiner mußten aber am 1. Mai zum Zivildienst einrücken. Wenn wir nun mit dem Rad bis Hongkong gefahren wären und von dort nachhause geflogen, wäre sich das leicht ausgegangen. Aber ganz besonders Armin wollte sich noch Amerika anschauen. „Wenn ich schon so weit gekommen bin, will ich jetzt auch um die ganze Welt reisen.“ Reiner tendierte auch zu Amerika, während ich die andere Variante bevorzugt hätte. Aber eigentlich interessierte mich Amerika auch. Asien kannte ich sehr gut. In Amerika dagegen war ich noch nie gewesen.  Die gemeinsame Entscheidung fiel auf Amerika. Wir fuhren noch ein paar Tage mit den Fahrrädern Richtung Kunming, der Hauptstadt Yunnans. Dann aber wurde es Zeit in den Bus umzusteigen.

Am Busbahnhof einer Kleinstadt wollten Reiner und ich die Tickets für die Busfahrt  kaufen. Wir  redeten und deuteten. Die Frau am Schalter verstand absolut nichts. Sie schaute uns nur groß an. Da klopfte uns Armin von hinten auf die Schulter: „Komm, laßt mich mal.“ Er nahm seinen Zettel heraus, auf dem er sich ein einige wichtige Phrasen in chinesischer Lautschrift aufgeschrieben hatte.
„Du glaubst doch nicht etwa, daß die auch nur eine Silbe von deinem Chinesisch versteht.“ Wir hatten das ehrliche Gefühl, er sei jetzt übergeschnappt. Er hatte ja auch diese Schwindelanfälle in Tibet gehabt. Wer weiß, was das für Nachwirkungen hat. Für eine objektive Beurteilung seines geistigen Zustands muß man wissen, daß ich in China nicht fähig war, ein Bier zu bestellen, obwohl ich genau wußte, was Bier heißt. Ich bekam immer Schnaps. Dabei konnte ich den Unterschied deutlich erkennen. Das eine heißt bitschu, das andere beitschu oder halt so ähnlich. Ich konnte das nicht. Und dann ging Armin hin und las einen vollständigen chinesischen Satz vor, mit allem, mit Subjekt und Prädikat. Wie auf Kommando legte die Schalterbeamtin los und wir hatten unsere Tickets. Das mit der Abfahrtszeit hatten wir aber nicht so ganz mitbekommen. Wir warteten eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden… Schließlich waren wir die letzten Fahrgäste im Warteraum, was uns etwas stutzig machte. Wir holten die Schlafsäcke raus und legten uns auf die Bänke. Es war schon dunkel, als ein Mann mit Besen und Kehrschaufel kam. Er wollte putzen, aber da lagen noch die drei Ausländer faul herum. Er wollte wissen, was wir hier noch machten. Wir zeigten ihm, daß wir auf den Bus warteten und er zeigte, daß es keinen Bus mehr gebe. Wir zeigten ihm unsere Fahrscheine. Er schüttelte den Kopf und begann mit seinen Erklärungen. Schlußendlich begriffen wir, daß wir Zugfahrkarten gekauft hatten.

Wer in China mit dem Zug fährt, sollte keine Platzangst haben. Es stellte sich als Vorteil heraus, daß wir in den vorangegangenen Wochen etwas Gewicht verloren hatten. So konnten wir uns in ein paar Zwischenräume quetschen, die eigentlich gar nicht vorhanden waren. Nach ein paar Stationen ergatterte ich sogar einen Sitzplatz. Als ich mich mühsam auf den freien Platz zwängte, sinnierte ich wieder einmal über die Klugheit der Natur, die sich gerade in diesem Zug so deutlich offenbarte. In einem überbevölkerten Land wie China haben kleine Menschen einen Vorteil im Kampf um die knappen Ressourcen. Und Sitzplätze waren in den Zügen dieses Landes bei Gott eine knappe Ressource. So hat es die Natur in ihrer allumfassenden Weisheit eben eingerichtet, daß in China die Menschen klein sind und jeweils zu viert auf Dreiersitzbänken Platz finden. Ich aber war groß, zu groß für China. Ich konnte auf diesen Bänken zusammengequetscht wie eine Sardine nicht stundenlang sitzen. Langfristig hätte ich in diesem Land dem evolutionären Druck nicht standgehalten und wäre wegselektioniert worden. Bevor das aber geschehen konnte, verflüchtigte ich mich selbst. Ich holte meinen Schlafsack raus und legte mich unter die Sitzbank, den Kopf unter der einen, die Füße unter der anderen Bank. Über mir hingegen die Beine der Sitzenden. So ließ es sich gut aushalten, obgleich ich kurzfristig durch ein etwas verstörendes Intermezzo aus dem Halbschlaf gerissen wurde. Des Nachts sollte nämlich das kleine Kind, das eine junge Frau auf ihrem Schoß trug, aufs Klo. Bei der Menschenmenge war es aber schier unmöglich, sich bis zur Toilette durchzukämpfen. Deshalb zog ihm die Mutter an Ort und Stelle die Hose runter und hielt es 20 Zentimeter neben mir über den Boden. Das Kind, eindeutig noch zu jung, um dabei geringste Scham zu empfinden, verrichtete nun unbekümmert sein Geschäft. Neben mir rann ein Brünnlein zu Boden und verteilte sich dort gleichmäßig. Ich rückte, so gut man zwischen all den Beinen rücken konnte, etwas zur Seite. Allerdings, zur Gänze konnte ich den Flüssigkeitskontakt nicht verhindern. Nichtsdestotrotz, insgesamt war die Nacht okay. Die anderen zwei hatten es schlechter erwischt. Reiner kauerte irgendwo am Boden und Armin war ins Gepäcknetz hochgeklettert und hatte sich dort oben, wie er mir sagte, eine Scheiß-Nacht um die Ohren geschlagen.

Am Vormittag mußten wir umsteigen. Nachdem wir die Bahnhofschilder nicht lesen konnten, wiederholten wir bei jeder Station den Namen unserer Station, bis einer unserer Mitreisenden uns andeutete, daß unsere Zeit gekommen war. Es war nicht möglich, bis zum Ausgang zu kommen. So kletterten wir kurzerhand zum Fenster raus. Wir holten unsere Räder aus dem Gepäckswagen und erfuhren, als wir gerade erleichtert durchatmeten, daß wir doch weiterfahren mußten. Räder retour und wieder rein in den Zug. Der Sitzplatz war natürlich dahin. Zuerst stand ich ein paar Stunden im Verbindungsgang zwischen den Wagons oberhalb der Anhängerkupplung. Schließlich wurde der Platz vor der Klotür frei. Auf dem Boden sitzend, den Rücken an die Wand gelehnt und die Beine gegen die Klotür gestemmt verbrachte ich die nächsten 12 Stunden. Der Platz war gar nicht mal so übel, da ich leichten Durchfall hatte. Nachts um 12 machte der Zug etwas länger Station. Wir rannten raus, zum Fahrdienstleiter, und fragten, ob es nicht möglich sei, einen Liegewagen für die Nacht zu bekommen. Das klappte sehr gut und schnell. Die Plätze kosteten ein paar Euro. Kein Problem für uns. Für den Durchschnittschinesen allerdings waren sie unerschwinglich. Es waren nur ein paar Schritte zu den vorderen Wagons und doch wechselten wir in ein anderes China. Keine Menschen, alles war ruhig. Es war, als hätte man der Welt einen Schalldämpfer vorgesetzt. Wir hatten ein Abteil für uns allein. In den Lautsprechern spielte leise chinesische Musik. Vor den Fenstern hingen Vorhänge. Ein Schaffner brachte uns heißes Wasser für den Tee. Die Teekanne und drei saubere Tassen standen schon auf der Ablage bereit. Die Betten waren mit sauberem Bettzeug überzogen. Wir waren Dantes Inferno entkommen und im chinesischen Himmel gelandet. Wir bestellten noch etwas zu essen, dann legten wir uns nieder. Die letzten Wochen hatten richtig Substanz gekostet. Jetzt aber waren wir wirklich angekommen. Völlig entspannt lehnten wir uns zurück und schliefen auch gleich ein. Wir schliefen 12 Stunden, ohne auch nur einmal aufzuwachen. Ich hatte die Leute bis zu jener Nacht nie verstanden, die mir stets erklärt hatten, in kommunistischen Regimen sei der Abstand zwischen Arm und Reich geringer als bei uns. Jetzt wußte endlich auch ich, was sie meinten. Der Abstand betrug in China gerade mal eine Wagonlänge.

Es gab uns zu denken, als die junge Dame den Mundschutz anzog, hatte Reiner doch seine Unterhosen schon in Yunnan gewechselt.

imm-012

In Shenzen, an der Grenze zu Hongkong, verließen wir den Zug. Shenzen ist heute eine Großstadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Als wir dort ankamen, war es noch ein unbedeutendes Provinzkaff, in dem man sich am besten per Fahrrad bewegte. Nur wenige Jahre vor unserer Ankunft hatte Shenzen gerade mal 30 000 Einwohner gehabt.

Wir fuhren vom Bahnhof in die Stadt und suchten einen Schneider. Bei diesem ließen wir unsere Fahrräder wieder in die Säcke einnähen und machten uns auf zur Grenze. Der Zöllner warf nur einen kurzen Blick auf die Plomben, die wir nicht angetastet hatten, und winkte uns durch.

                                       Hongkong

In Hongkong stürzten wir uns als erstes auf die Supermärkte der Stadt. Da gab es alles, was es zuhause auch gab, vor allem „richtiges“ Brot und Käse.  Weniger heimelig war unsere Unterkunft. Wie immer, wenn ich in Hongkong war, lebten wir in den Chungking Mansions. Die Chungking Mansions waren Billigunterkünfte in der Stadtmitte, in denen man überwiegend Pakistani, Inder, Araber aber eben auch Globetrotter, die auf der Sparschiene unterwegs waren, fand. In unserem Zimmer standen dicht an dicht fünf Stockbetten, in denen Rucksackreisende aus der ganzen Welt schliefen. Es war ein Zimmer in einer kleinen Privatwohnung. Tür an Tür mit den Rucksackreisenden lebte in der Wohnung eine kleine Familie, die Eltern mit zwei Töchtern im Alter von 16 und 17 Jahren. In keinem der Zimmer gab es ein Fenster. Den ganzen Tag brannten die Lichter. Man wußte nicht, ob es Tag war oder Nacht, ob die Sonne schien, oder ob es regnete. Es war ein Leben in der Unterwelt. Der Vater hatte einen Stuhl und einen Tisch im Stiegenhaus vor dem Wohnungseingang aufgestellt. Das war quasi die Hotelrezeption. Wenn  alle Stockbetten besetzt waren, schlief die ganze Familie in einem Zimmer. Wenn aber bei uns eines der Stockbetten frei wurde, zogen die Mädchen in unser Zimmer um und schliefen in den frei gewordenen Stockbetten. Es gab in dem Haus keine Privatsphäre. Wir benutzten dasselbe Klo und dieselbe Dusche wie die Familie. Das Leben dieser Familie in den Chungking Mansion war für mich um nichts weniger befremdlich, als jenes in den entlegensten tibetischen Dörfern. Die Menschen in dieser Wohnung lebten in einem Bunker. Wenn sie vor die Tür gingen, standen sie an einer mehrspurigen Straße mitten in der Stadt. Für uns war es ein zeitweiliger Aufenthalt. Wir benötigten nur ein Bett zum Schlafen. Sie aber lebten in dieser Unterwelt wie die Morlocks. Ich ging von unserem Zimmer ein paar Schritte weiter. Die Tür zum nächsten Zimmer stand offen. Drinnen saßen – wie immer, wenn ich an dem Zimmer vorbeikam – die Mädchen im dunkeln Raum vor dem Fernseher. Es war früher Nachmittag. Draußen schien die Sonne.

In Hongkong sind wir mit einem Journalisten ins Gespräch gekommen. Dem gefiel unsere Geschichte so sehr, daß wir am nächsten Tag in der größten Zeitung der Stadt auf dem Titelbild und mit großer Begleitgeschichte im Sportteil zu sehen waren. Wo wir nun auch waren in Hongkong, überall trafen wir auf unsere eigenes Geschichte.

imm-015

Nach Hongkong waren immer schon viele Touristen gekommen. Die aber waren alle mit dem Flugzeug angereist. Seit neuestem aber, und das war die Sensation, tröpfelten immer wieder Touristen in die Stadt, die Hongkong über Land erreichten. Diese ersten Anzeichen einer Öffnung Chinas nach Jahrzehnten der Abschottung wurden in Hongkong genau beobachtet und waren eine groß aufgemachte Berichterstattung wert.

USA

Nach wenigen Tagen flogen wir weiter nach Seattle, in die USA. Als Abschluß unserer Reise wollten wir die USA von West nach Ost durchqueren. Während der letzten Wochen in China, nachdem wir Tibet verlassen hatten, gab es immer wieder kleine Differenzen zwischen Reiner und Armin. Es war nie ein richtiger Streit. Es gab auch nie einen richtigen Grund dazu. Sie gingen sich einfach etwas auf die Nerven. Wir hatten nun doch schon mehr als ein halbes Jahr auf engstem Raum zusammengelebt. Da kann so etwas schon mal passieren. Das soll ja in den besten Ehen vorkommen, habe ich gehört. Und in welcher Ehe pickt man Tag und Nacht so nah aufeinander? Um den Streit nicht eskalieren zu lassen, beschlossen die beiden, in Amerika eine Zeit lang getrennt zu fahren. Nachdem ich mich mit beiden gut verstand, mußte ich mich entscheiden, mit wem ich weiterfahre. Reiner war das Geld ausgegangen. Er wollte sich von zuhause etwas nach Amerika nachschicken lassen. Deshalb mußte er einen Tag in Seattle bleiben. Armin dagegen wollte sofort los. Das erleichterte meine Entscheidung. Ich schloß  mich Armin an. Nach ein paar Tagen, nachdem wir im Park einer Kleinstadt gefrühstückt hatten, blieb ich auf der Parkbank sitzen. Armin fuhr allein weiter. Ich hatte mit Reiner vereinbart, daß ich auf der Strecke auf ihn warten werde, um ein paar Etappen mit ihm zu fahren. Man kennt das ja, wenn man als Außenstehender in einen Ehestreit hineingezogen wird. Da muß man seine Gunst gerecht verteilen, damit keiner beleidigt ist. Für mich war es schwierig. Beide waren vom Typus her grundverschieden, aber beide waren richtig angenehme Typen. Reiner war der Bodenständige, Gradlinige, mit leicht allergischen Reaktionen gegenüber Vertretern der Obrigkeit. Armin war der „Esoteriker“ unter uns. Armin war einer, der homöopathische Kügelchen schluckt und einer, der dich zur Begrüßung herzlich in die Arme nimmt und an sich drückt. Damit ist eh schon alles gesagt. Bitteschön, das waren doch die Achtzigerjahre. Heute ist das üblich. Aber damals! Soviel Liebe war ich nicht gewohnt. Wenn ich meine Freunde traf, hieß es „hoi“, und wenn ich wieder ging „zeavas“. Und wenn ich auf eine lange Reise ging eben umgekehrt: „zeavas“, wenn ich ging, und „hoi“, wenn ich nach Monaten zurückkam. Als ich nach 8 Monaten von dieser Reise zurückkam, reichte mir mein Vater zur Begrüßung die Hand. Ich hatte Angst, er sei krank, etwas wirklich Ernstes, etwas was Anlaß zu Sentimentalitäten gibt. Aber es war nichts. Es war einzig ein Ausdruck überschwenglicher Freude. Armin war ganz offensichtlich anders aufgewachsen. In seinem Reisetagebuch konnte man auch mal eine Sonne finden oder ein Blümchen und am Ende eines Briefes ein lustiges Männlein. Das Leben war schön. Aber man durfte das nicht so ernst nehmen. Das war alles irgendwie Show. Eigentlich war er ein harter Knochen, der nie jammerte. Er wußte immer, was er wollte, und zog das auch konsequent durch, auch wenn’s einmal mühsam wurde. Da standen die Blümchen auf verlorenem Posten. Äußerlich waren wir alle drei völlig verschieden. Trotzdem sind wir über mehrere Monate hinweg zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, wie es sie sonst nur in Jugendbüchern gibt. Wir haben auf unserer Reise viel erlebt, wir haben Wüsten gesehen, Tropenwälder und sind wochenlang durch die eine einzigartige Hochgebirgslandschaft gefahren. Allein wäre all das nur die halbe Miete gewesen. Jetzt, da die Schwierigkeiten hinter uns lagen, begann die Gemeinschaft zu bröckeln. Der Alltag hielt langsam wieder Einzug. Ich bedauerte das sehr.

Ein paar USA-Bilder sind noch erhalten geblieben. Die meisten sind auf dem Postweg verloren gegangen. Als ich schon lange wieder zuhause war, erhielt ich ein Paket mit Loch. Darauf stand „Missent to Australia“.

Am Abend traf Reiner in der Stadt ein und wir konnten unseren Weg gemeinsam fortsetzen. Unterwegs erzählte man uns in den Geschäften, daß ein, zwei Tage vor uns ein Engländer ebenfalls mit dem Rad durchgekommen sei. Er wolle nach Patagonien runterfahren. Reiner und Armin mußten bald nachhause. Ich aber war noch voll im Reisefieber. „Wenn wir den einholen, und ich versteh mich mit ihm, dann fahr ich mit dem weiter“, sagte ich zu Reiner. Ich bin nicht der Typ, der lange alleine durch die Lande reist. Aber zu zweit, da hätte mich Südamerika schon sehr gereizt. Es rollte sich gerade so locker durch die Welt. Zwei Tage lang hörten wir immer wieder von dem Engländer. Er fuhr offensichtlich denselben Rhythmus wie wir. Am Abend des dritten Tages, es dunkelte schon, sahen wir endlich einen einsamen Radler vor uns. Wir zogen nochmals an, und als wir ihn eingeholt hatten, war es kein Engländer, sondern Armin. Er war gerade auf der Suche nach einem guten Schlafplatz. Das Team war wieder vollständig. Ich freute mich. Reiner und ich lagen schon lange in den Schlafsäcken, als Armin immer noch wie ein Waldschratt im Unterholz herumstreunte. Er tauchte mit einer Ladung Tannenzweige im Schlepptau aus dem Wald auf und verschwand wieder zwischen den Bäumen. Der Reißverschluß seines Schlafsacks sei seit ein paar Tagen kaputt, erklärte er uns. Deshalb decke er sich nachts immer mit einer zusätzlichen Schicht Tannenzweige zu. Es schaute schon etwas komisch aus, wie Armin so vergraben unter einem Haufen Grünzeug dalag. Damit hätte er auf jedem Grünmüllplatz eine gute Figur gemacht. Wir hatten ihn wieder. Das war unser Armin, der Survivalmann.

Gemeinsam hielten wir auf den Yellowstone Nationalpark zu. Die Fahrt durch Amerika hatte sich bis dahin gemütlich und unbeschwert angefühlt. In Amerika war alles etwas einfacher als in Asien. Die Straßen waren gut, man konnte sich überall gutes Essen kaufen, man konnte das Wasser ohne Bedenken trinken, man hatte keine Menschenmassen um sich und auch keine lästigen Beamten, die einen ständig mit sinnlosen Vorschriften piesackten. Die amerikanischen Tage waren gemütliche, ereignislose Tage. Die Fahrt durch den Yellowstone brachte einen ersten Höhepunkt. Die erste Nacht verbrachten wir in den westlichen Ausläufern des Parks, unmittelbar neben einem Fluß. Es war eine kalte Nacht. Armin war mit seinem Schlafsack ein armes Schwein. Es gab am Fluß kaum Tannenzweige. Im Yellowstone war es selbst Ende April mancherorts noch sehr kalt. Wir hatten unsere Schlafsäcke bis auf eine kleine Atemlücke gut geschlossen, ausgenommen Armin, natürlich. Am Morgen hörten wir ein Auto, das auf der Straße oberhalb unseres Schlafplatzes anhielt. Die Tür ging auf. Jemand stieg aus. Keiner von uns öffnete den Schlafsack, um nachzuschauen, wer sich da rumtrieb. Es war zu kalt, um vorsichtig zu sein. Wenn man sooft nicht umgebracht worden war, lernt man zu vertrauen, daß es beim nächsten Mal auch so sein wird. Es war eine kurze Zeit still. Dann schlug die Autotür wieder zu, und der Wagen fuhr weiter. Zum Glück! Nachdem es mit den ersten Sonnenstrahlen erst richtig gemütlich wurde in unseren Schlafsäcken, hatten wir noch keine Lust verspürt, aufzustehen. Etwa eine halbe Stunde später hielt wieder ein Auto. Diesmal konnten wir ausmachen, daß jemand von der Straße in unsere Richtung ging. Jetzt wollten wir natürlich wissen, wer das ist, und verbreiterten unsere Atemluke auf Sichtweite. Ich meine, man wußte ja, wieviele Amerikaner ein Trauma aus Vietnam mit nachhause gebracht hatten. Vielleicht war es ja einer mit einem Trauma. Bei einem mit einem Trauma will man schon wissen, was er macht. Als wir unsere Köpfe rausstreckten, wurden wir zum Glück mit einem freundlichen „Good morning!“ begrüßt. Es war ein Parkranger ohne Trauma. Er sagte, er hätte uns vorhin, als er vorbeigefahren sei, hier liegen gesehen und sich gedacht, die könnten bei der Kälte sicher einen heißen Kaffee vertragen. Er stellte drei Becher auf den Boden und schenkte aus einer Thermoskanne Kaffee ein. Er hatte ihn aus der Station geholt. Da mußte ich doch um die halbe Welt radeln, bis mir einmal jemand einen Kaffee ans Bett serviert. Als die Becher leer waren, schenkte er nach. Danach räumte er zusammen und machte sich wieder an seine Arbeit, nicht ohne uns noch einen Tip mit auf den Weg zu geben: Wir sollten nächstes Mal nicht mehr am Fluß schlafen. Dort sei es wegen der Luftfeuchtigkeit kälter. Das leuchtete mir ein. Warum aber mußte uns das ein amerikanischer Ranger sagen. Ein Outdoor-Profi, der sich nachts mit Tannen zudeckt, hätte das doch auch wissen können.

Die Begegnung mit dem Ranger war typisch für unsere Fahrt durch Amerika. Die Amerikaner sind im Herzen alle noch Pioniere. Selbst wenn sie den ganzen Tag im Büro arbeiten und nie eine asphaltierte Straße verlassen, lieben sie es, in bulligen Geländewagen rumzukutschieren. Leute wie wir verkörperten in ihrer Phantasie die „Go-West-Mentalität“, selbst wenn wir gegen Osten fuhren. Das imponierte ihnen. Das verschaffte uns viele – manchmal auch kuriose – Einladungen. Einmal wurden wir vor einem Supermarkt von einem Pärchen angesprochen. Wir saßen auf unserem Brot, aßen ein wenig und tranken Schokolademilch. Bevor ich mit unserem Pärchen fortfahre, sollte ich vielleicht das mit dem Brot noch erklären. Amerikanisches Brot war weich wie Zopfbrot, in Scheiben geschnitten und in Nylonsäcke verpackt. So weich das Brot war, so hart war der Boden vor den Supermärkten. Nachdem das Brot in unseren Gepäckstaschen zu viel Platz einnahm, setzten wir uns beim Essen immer drauf. Damit hatten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wir hatten ein weiches Kissen und das Brot ein besseres Packmaß. Aber nun zurück zu unserem Pärchen. Wir erzählten, daß wir durch Asien gereist seien und nun die USA von Seattle nach New York durchqueren wollten. Sie fielen aus allen Wolken: „Von Seattle mit dem Fahrrad bis hierher?!“ Unter Asien konnten sie sich nichts vorstellen. Das wurde nicht einmal registriert. Aber die 1500 Kilometer von Seattle bis zu ihnen, das sprengte alle Dimensionen ihrer Vorstellungskraft. Ich weiß nicht, wie wir ausgeschaut haben. Jedenfalls machten sie uns einen großartigen Vorschlag. Wir könnten uns bei ihnen zuhause einmal richtig waschen, meinten sie. So ein Angebot nahmen wir nur zu gerne an. Wir hatten schon lange nicht mehr geduscht. Wir ließen die Räder beim Supermarkt stehen und fuhren mit ihnen nachhause. Dort erklärten sie uns erst mal die Dusche. Es war eigentlich keine Dusche, sondern eine ganz gewöhnliche Badewanne mit einer Brause. Wenn wir am linken Knopf drehten, käme warmes Wasser, am rechten kaltes, erklärten sie uns. Wenn es zu heiß würde, könnten wir beides mischen und so fort… Ob wir so etwas zuhause auch hätten, fragten sie uns. Demnach war ihnen nicht nur Asien kein Begriff, sondern auch Europa. Nach der Dusche machten sie uns einen Kaffee. Als wir den getrunken hatten, brachten sie uns gut duftend wieder zurück zum Supermarkt. Der Duft hielt nicht lange.

Aber nun zurück zum Yellowstone, auf den wir uns sehr gefreut hatten. Wir hatten schon einige sehr schöne Prospekte von dem Nationalpark gesehen. Nur die Bären machten uns etwas Sorgen. Es gab im Yellowstone viele Grizzlybären. Überall bekam man Tips, wie man sich im Falle eines Bärenangriffs zu verhalten habe. Man mußte sich auf den Boden legen und durfte sich nicht bewegen. Das hätte schwierig werden können. Wir waren Radfahrer. Wir mußten uns ständig bewegen. Das mit den Bären könnte demnach echt ein Problem werden. Um es vorweg zu nehmen: Wir bekamen keinen zu sehen. Dafür viele andere Tiere, aus nächster Nähe. Wir fuhren an einem Bison vorbei, das am Straßenrand stand und uns mit großen Augen ansah. Aus der Nähe sind die Tiere riesig. Ich hätte ihm die Stirn kraulen können, wenn ich die Hand ausgestreckt hätte. Es war schön in dem Park. Da waren die Tiere die Menschen gewöhnt. Sie zeigten keinerlei Scheu. Ein anderes Mal kreuzten ein paar Elche im Gänsemarsch vielleicht fünf Meter vor uns die Straße. Wir stiegen ab und warteten. In Nationalparks haben Elche Vorfahrt. Auch die Elche waren in echt viel größer, als ich vermutet hatte. Auf einer Waldlichtung neben der Straße sahen wir Hirsche äsen. Wir hielten an und beobachteten sie eine Zeit lang. Das war ein bißchen wie Disneyland. Wo sonst konnte man vom Fahrrad aus solche Tiere sehen. Es war sicher ein Vorteil, daß wir mit unseren Fahrrädern leise unterwegs waren und noch kaum andere Leute im Park waren. Der Schnee war noch nicht zur Gänze geschmolzen. Manche Seen waren noch zugefroren. Der Nationalpark liegt in Höhen von über 2000 m. Wir erreichten die Hauptsehenswürdigkeit, den Old Faithful, einen der größten Geysire der Welt, der bei seinen Eruptionen das Wasser 30 – 50 Meter hochschleudert. Dort gab es nun doch einige Touristen. Wir schauten dem Geysir beim Spucken zu und unterhielten uns mit einem Ranger. Wieder kamen wir auf die gefährlichen Grizzlybären zu sprechen. Die Bären seien gar nicht das Problem. Am meisten Unfälle gäbe es mit Bisons. Die würden manchmal recht aggressiv auf Besucher regieren. 50 km/h könnten die über längere Zeit laufen. Ich glaube, da hätten wir schlecht ausgeschaut. Auch den Elchen sollten wir am besten nicht zu nah kommen. Ich war froh, daß ich das nicht vorher gewußt hatte. Ich wäre um ein paar unbeschwerte Tiererlebnisse ärmer gewesen. Und wie wären wir, hätten wir um seine Unberechenbarkeit gewußt, auf der schmalen Straße überhaupt an dem Bison vorbeigekommen?

Nachdem wir den Nationalpark verlassen hatten, trafen wir in Casper, der Hauptstadt Wyomings auf einen Journalisten, der sich für unsere Geschichte interessierte. Am nächsten Morgen standen wir, wie schon in Hongkong, auf der Titelseite des Casper Tribune.  Die neu erlangte Prominenz öffnete Türen, die uns sonst mit Sicherheit verschlossen geblieben wären. Ein Autofahrer erkannte uns auf der Straße. Er hielt an und fragte, ob er uns zu sich nachhause zum Essen einladen dürfe. Nachdem wir uns in Amerika ausschließlich vom Supermarkt ernährten, nahmen wir gerne an. Nach dem Essen nahm er uns mit auf den Golfplatz. Schon bei einem unserer ersten Hindernisse, einem Wassergraben, schafften wir alle drei ein klassisches Hole-in-one. Die Bälle landeten allesamt im Wasser und wurden nie mehr gesehen. Letztendlich blieben wir aber doch deutlich über Par, was unseren Gastgeber nicht davon abhielt, uns abends auf eine Party ins Clubheim mitzunehmen – nicht ohne uns zuerst unter die Dusche zu schicken. Wenn schon unsere Kleidung nicht den Ansprüchen des Anlasses gerecht wurde, so sollten wir wenigstens geruchlich den Erfordernissen des Abends entsprechen. Trotz mangelhafter Performance auf dem Green waren wir die unumstrittene Attraktion auf der Party. Es schien keinen zu geben, der den Artikel im Casper Tribune nicht gelesen hatte. Das Gespräch drehte sich an jenem Abend im Clubheim hauptsächlich um unsere Reise, während unser Interesse vorwiegend dem exklusiven Buffet galt, das sowohl in seiner Zusammensetzung als auch in der Art der Präsentation stark mit unserer Supermarktkost kontrastierte.

Das Buffet war dann auch fast schon eine Art Abschiedsessen. Armin wollte noch Freunde in der Nähe von Chicago besuchen. Dafür wollte er eine Route nördlich der unsrigen fahren. Es blieben uns nur noch wenige Kilometer zu dritt. Als wir die Straßengabelung, an der seine Route abzweigte, erreichten, ging eine lange gemeinsame Reise, wie man sie nur einmal im Leben erlebt, zu Ende. Wir fuhren nebeneinander her. Armin deutete auf die Abzweigung: „Da vorne ist mein Weg. Macht’s noch gut.“ „Du auch!“, antworteten wir. Wir stiegen nicht ab. Wir wurden nicht einmal langsamer. Armin fuhr links, wir geradeaus. Wir hoben nochmals die Hände zum Abschied und riefen: „Bis bald in Deutschland.“

Aus dem spätwinterlichen Yellowstone fuhren Reiner und ich nun geradewegs in den Backofen Nebraskas.  Nebraska, das waren ewig lange gerade Highways und Getreidefelder, soweit das Auge reicht. Als wir dort waren, litten die Menschen unter einer Hitzewelle. Temperaturen nahe der 40° Celsius Marke waren keine Seltenheit. Allerdings hatten in Nebraska nur wenige Menschen unter dieser Hitzewelle zu leiden. Es gab nämlich – zumindest in jenem Teil, in dem wir uns aufhielten – kaum welche. Man fuhr in Nebraska manchmal 80 Kilometer oder gar 100 von einer Siedlung zur anderen. Und auch in den spärlich gesäten Ansiedlungen wurde man nicht von Menschenmassen erschlagen. Manche Orte hatte 5 Einwohner, andere wiederum 7 oder gar 22. Auf den Ortsschildern war die Anzahl der Bewohner angeschrieben. Der kleinste Ort, durch den wir kamen, war mit „Pop 2“ (population 2) angegeben. Es handelte sich um eine Tankstelle mit einem Lebensmittelladen, die von einem älteren Ehepaar betrieben wurde.

imm-028

Wenn in Nebraska schon wenig Menschen lebten, so gab es zumindest, sofern man den Nebraskanern – oder wie die auch heißen mögen – glauben darf, zumindest Klapperschlangen im Übermaß. Es gab keinen, der dir nicht eine schaurige Klapperschlangen-Geschichte erzählen konnte. Am besten gefiel mir die von dem Mann, der, als er auf dem Weizenfeld arbeitete, von so einem Untier gebissen wurde. Glücklicherweise trug er hohe Stiefel und die Zähne drangen kaum ins Fleisch durch. Allerdings, und das war jetzt der Nachteil dieser Stiefel, den der Mann nicht bedacht hatte, blieb die Schlange mit den Zähnen im Leder hängen und konnte sich nicht mehr befreien. Also stieg der Mann mit der Schlange am Bein ins Auto und fuhr damit ins Krankenhaus. Das Happy End der Geschichte: Der Mann überlebte – sonst hätte er uns diese Geschichte nicht erzählen können –, die Schlange eher nicht. Ich weiß es aber nicht genau. Ich habe nicht danach gefragt. Es drängten sich mir bei der Geschichte andere Fragen auf. Die aber blieben aus Anstand und weil sie diese schöne Geschichte eh nur kaputt gemacht hätten, ungefragt.

Wenn man durch Amerika fährt, findet man überall entlang der Highways überdachte, betonierte  Rastplätze mit Bänken und Tischen. Manchmal gibt es an diesen Plätzen sogar fließendes Wasser. Sie waren unsere bevorzugten Schlafplätze. Wenn der Himmel nicht nach Regen ausgeschaut hat, haben wir uns meist ins Gras neben diese „Häuschen“ gelegt, weil es dort weicher war als auf dem Betonboden. Diesen Luxus haben uns aber diese Geschichtenerzähler ordentlich vermiest. Wenn man genau hinhört, raschelt immer irgendetwas, wenn man im Freien schläft. Mit der Zeit gewöhnt man sich das Hinhören aber ab. Nach diesen Schlangen-Stories war da draußen aber plötzlich wieder viel mehr los.
„Hast du das gehört?“, fragte Reiner, als ich schon fast am Einschlafen war.
„Nee, was denn?“ Ich hatte wirklich gar nichts gehört.
„Das Rascheln! Irgendwie fast schon ein Klappern. Schau dir das Gelände an. Hier gibt’s mit Sicherheit Schlangen.“
Das konnte stimmen. Ich war schon am Nachmittag im letzten Moment einer Schlange ausgewichen, die sich am Straßenrand gesonnt hatte. Also Schlangen gab es mit Sicherheit und das Rascheln habe ich dann bei genauerem Hinhören auch gehört. Das hatte aber nicht im Entferntesten etwas mit dem Klappern einer Klapperschlange zu tun. Ein bißchen kannte ich mich da schon aus. Ich hatte in meinem Leben schon einige Western mit Klapperschlangen gesehen. Meist wurden sie in letzter Sekunde mit einem gezielten Pistolenschuß getötet – nicht nur die Klapperschlangen, alle Bösen. Selbst Reiner erkannte, daß er sich getäuscht hatte. Wir verkrochen uns wieder in unsere Schlafsäcke und schliefen weiter. Oder besser: Wir versuchten zu schlafen. Nach einiger Zeit stand ich auf und sagte zu Reiner: „Du bist echt ein Idiot, mit deinen Schlangen. Ich kann hier nicht mehr schlafen.“ Ich nahm meinen Schlafsack und legte mich auf den Betonboden des Rasthäuschens. Ich glaube, Reiner hatte nur darauf gewartet. Er wollte nur kein Feigling sein. Er kam mit seinem Schlafsack hinter mir her.
„Und du glaubst, das macht einen Unterschied, die zehn Zentimeter, die wir jetzt höher liegen“, fragte er.
Ich war mir da auch nicht so sicher. Mir fiel wieder die Schlange vom Nachmittag ein. Ich kroch noch einmal aus dem Schlafsack und legte mich auf den Tisch. Reiner fand das vernünftig und legte sich auf den Nebentisch.

Wir waren nicht die einzigen, die die Tische auf den Rastplätzen entgegen der ihnen zugedachten Funktion verwendeten. Eines Nachts lagen wir auf einem Rastplatz in unseren Schlafsäcken, dieses Mal aber unter einem Tisch. Wir hatten den Platz unter dem Tisch gewählt, da man uns dort von der Straße nicht sehen konnte. Mitten in der Nacht stoppte ein Auto. Türen gingen auf. Ein Mann und eine Frau, hörbar vergnügt und angetrunken, stiegen aus und machten es sich, ohne uns bemerkt zu haben, auf dem Tisch, unter dem wir lagen, gemütlich – soweit man es sich eben auf einem harten Holztisch gemütlich machen kann. Sie haben uns nicht gesehen, wir sie auch nicht, dafür aber umso deutlicher gehört. Was sie gemacht haben, war unanständig. Wir haben aber nichts gesagt. Wir wollten ihnen die Freude nicht verderben.

Ob da noch Regen kommt?

imm-030

Reiner hatte sich schon in Seattle mit seiner Bank in Verbindung gesetzt, um sich Geld in eine Stadt, die an unserer Route lag, nachschicken zu lassen. Als er am vereinbarten Ort zur Bank ging, war da aber noch kein Geld. Wir hätten warten müssen. Aber wir hatten damals in Malaysia auf Armin nicht gewartet und wir wollten auch nicht auf das Geld warten. Warten war nicht unsere Stärke. Also gab Reiner den Auftrag, das Geld in die nächst größere Stadt, die wir in ein paar Tagen erreichen sollten, weiterzuleiten. Unser Problem aber war, daß wir auf unseren Fahrrädern immer schneller waren als das Geld. Auch in der nächsten und der übernächsten Stadt, in die er sich das Geld nachsenden ließ, war das Geld noch nicht angekommen. Wahrscheinlich war der Geldbote in Amerika damals noch zu Fuß unterwegs und hechelte wie ein Verrückter hinter uns her. Wir kamen uns vor wie in einem Entwicklungsland. Selbst in Nepal ging das schneller. Als Reiners Geld aufgebraucht war, hielten wir uns mit meinen bescheidenen Resten über Wasser. Aber auch die gingen rasch zu Neige. Bei unseren Einkaufsentscheidungen wurde zunehmend das Kalorien/Preis-Verhältnis zum entscheidenden Kriterium. Wir durchstöberten die Supermärkte und rechneten uns aus, bei welchen Lebensmitteln man am meisten Kalorien pro Dollar bekam. Dabei schnitt die Kombination Schokolademilch und Weißbrot sehr gut ab. Billigkäse lag auch noch sehr gut im Rennen. Das war dann auch unser Menü für mehrere Tage. Auf diese Weise konnte man in Amerika unglaublich billig leben, so billig wie in Thailand oder China. Als wir keine 5 Dollar mehr hatten, blieben wir an einem Ort und warteten.

Während wir auf das Geld warteten schliefen wir im örtlichen Park. Dort wurden wir von einem sechzehnjährigen Mädchen entdeckt. Sie wollte uns ihren Freunden vorstellen und lud uns deshalb zum „Cruisen“ ein. Alle ihre Freunde würden am Abend „cruisen“. Wir wußten nicht, was „cruisen“ ist, aber wenn’s alle machen, sogar sechzehnjährige Mädchen, kann’s ja nicht so schlimm werden, dachten wir und sagten zu. Sie ging nachhause und kam bald darauf mit einem riesigen Straßenkreuzer zurück. Was für ein Bild: Dieses zierliche Mädchen in dem überdimensionalen Auto. Zusammen rollten wir langsam durch die Straßen der Kleinstadt. Da waren auch noch andere Junge, die mit ihren Autos die Straßen auf und ab fuhren. Wenn einer ihrer Bekannten unseren Weg kreuzte, blieben beide Autos stehen. Die Scheiben wurden runter gedreht und es wurde gequatscht. Wir „cruisten“ solange, bis sie uns allen ihren Freunden vorgestellt hatte.

Am folgenden Tag traf das Geld ein. Wir hatten zu dem Zeitpunkt gerade noch 2,20 Dollar in der Tasche. Für Reiner war in Illinois, in der Nähe von Peoria, die Zeit abgelaufen. Er fuhr mit dem Bus nach Chicago, von wo er nachhause fliegen mußte. Damit war bei mir auch etwas die Luft raus. Reiner und Armin hatten zu dieser Reise gehört. Als sie weg waren, war für mich die Reise auch vorbei. Ich wollte eigentlich nur noch die Durchquerung Amerikas fertig machen. Bis nach New York waren es noch etwa 1500 Kilometer. Ich setzte mich am Morgen aufs Rad und fuhr den ganzen Tag in meinem Rhythmus durch. Auch wenn es mich nun immer stärker nachhause zog, fand ich immer noch Gefallen am Reisen. Aber es war völlig anders als zuvor. Die monotone Treterei nahm nun schon leicht meditative Züge an. Ich summte ständig dieselben Lieder vor mich hin und genoß die Landschaft, die wie in einem Film an mir vorbei zog. Es war immer noch sehr heiß. Da es in der Nacht kaum mehr abkühlte, schmorte ich wieder – fast schon wie in Malaysia – im eigenen Saft. Im Gefühl eh schon fast zuhause zu sein, warf ich den letzten unnötigen Ballast ab. Meine schicke Trainingshose und anderes unnötiges Kleinzeug flogen in den Abfall. Jetzt reiste ich wirklich leicht. Ich hatte nur noch eine kurze Hose, zwei T-Shirts, einen Pullover und einen kaputten Anorak. Bekannte Namen flogen an mir vorbei: Indiana, Ohio, Virginia, Pennsylvania. Aber in Gedanken war ich schon zuhause. In einem Reisebüro, das ich am Straßenrand entdeckte, buchte ich einen Billigflug nach Luxemburg. Ich wählte den Termin so, daß ich am Tag meiner Ankunft in New York gleich weiterfliegen konnte. Ich spulte täglich meine 200 Kilometer runter. Gegen Mittag des achten Tages stieg ich bei einer Bushaltestelle etwas außerhalb von New York vom Rad und fuhr mit dem Bus direkt zum Flughafen. New York mit dem Fahrrad, das wollte ich mir nicht antun.

imm-032

Luxemburg/Deutschland

Ca. 24 Stunden, nachdem ich in New York vom Rad gestiegen war, setzte das Flugzeug in Luxemburg zum Landeanflug an. Noch am selben Nachmittag fuhr ich die ersten 80 Kilometer Richtung Heimat. In der Hitze Amerikas hatte ich vergessen, daß es in Deutschland im Mai noch kühl sein kann. Es nieselte. Ich hätte die langen Hosen vielleicht doch noch behalten sollen. Aber es machte nicht viel aus. Das machte diese Reise aus. Man lebte in den Tag hinein. Manchmal war es eben ein wenig zu kalt, manchmal ein bißchen zu warm, manchmal fiel das Essen etwas zu knapp aus, manchmal fiel es auch ganz aus. Abends kauerte man sich zum Schlafen in irgendeinen Winkel. Man lebte auf der Straße. Man kaufte im Supermarkt ein und setzte sich zum Essen gleich davor auf den Boden. Den Deutschen gefiel das nicht so gut wie den Amerikanern. Die Deutschen sind keine Ranger. Da wurden schon ein paar Nasen gerümpft, wenn man mit seinem Brot in doch schon leicht abgerissenem Zustand auf dem Gehsteig saß. Aber es gab auch hier, wie überall auf der Welt, nette Begegnungen. Als ich in einer Bäckerei Brot kaufte, schenkte mir die Bäckerin einen ganzen Nußstollen. Ihr Sohn, sagte sie, mache auch gerne große Reisen. An meinem zweiten Tag in Europa stieg ich gar nicht mehr vom Fahrrad und spulte mehr als 300 Kilometer runter. Gegen Abend begann es wieder zu regnen. Ich suchte mir ein trockenes Plätzchen für die Nacht. Bei einer Kirche fand ich beim Hintereingang ein kleines Vordach. Ein paar Stufen führten dort abwärts zum Eingang. Das Regenwasser rann über die Stufen. Vor der Eingangstür gab es einen Gully. Zwischen der Tür und dem Gully war es trocken. Ich zog meine Füße ein und kauerte mich in der Breite ganz nah an die Tür. Wenige Zentimeter neben mir plätscherte das Regenwasser in den Gully. Solange ich mich nicht zu stark bewegte, blieb ich trocken. Es war eine unangenehme Nacht. Aber sie paßte perfekt als Abschluß für diese Reise. So hatte ich acht Monate gelebt, so hatte es mir gefallen, vom ersten Tag bis zum letzten: völlig frei und ungebunden. Ich hatte das Leben einfach so genommen, wie es gekommen war. Schon früh am nächsten Tag stand ich am Grenzübergang in Lindau. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich war für acht Monate aus der Wirklichkeit ausgestiegen. Die schönsten acht Monate meines Lebens lagen hinter mir. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die kann man nicht verbessern.

 

 

 

Nachtrag:
Oft werde ich nach den Kosten gefragt. Ich benötigte für die knapp 8 Monate öS 32 000 (€ 2300). In dem Betrag sind alle 4 Flüge – Amman/Kuala Lumpur, Bangkok/Kathmandu, Hongkong/Seattle, New York/Luxemburg – inbegriffen.