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Altach – Peking 96

Aktualisiert: 7. Feb. 2021



1996, 10 Jahre nachdem ich mit Armin um die Welt geradelt war, haben wir nochmals eine große Radreise geplant. Beide waren wir in der Zwischenzeit immer wieder per Rad und zu Fuß unterwegs gewesen, u.a. im Himalaya, in Tibet, in Mittelamerika und Kurdistan. Zwei mehrwöchige Radreisen hatten wir zusammen gemacht, durch Burma und Vietnam sowie durch Jordanien , Israel und Sinai. Auch sonst standen wir über all die Jahre in ständigem Kontakt. Zusammen hatten wir das Laufsportmagazin „Running“ gegründet, das wir zu jener Zeit noch als Zweierteam auf den Markt brachten. 1996 war dann die Zeit gekommen, gemeinsam nochmals etwas Großes  zu machen:  Altach – Peking per Rad. Wir wollten  nicht irgendwie auf dem kürzesten Weg nach China fahren. Vielmehr planten wir dabei die Gesamtdurchquerung Tibets, von Kashgar nach Chengdu, „mitzunehmen“, ein Projekt, das mir seit unserer gemeinsamen Tibettour unter den Nägeln brannte.

Die geplante Reise stand in jeder Hinsicht in starkem Kontrast  zu unserer ersten Reise. Die 86er Reise war ein reines Zufallsprodukt. Wir ließen uns ziellos durch die Welt treiben. Wir hatten nur eine grobe Zielvorgabe: Tibet. Die Peking-Tour dagegen war bis ins Detail durchgeplant. Aufgrund unserer Medientätigkeit hatten wir Zugang zu Sponsoren.  Die Reise war von allem Anfang zur Gänze finanziert. Das brachte Verpflichtungen mit sich. Sponsoren wollen verständlicherweise eine Gegenleistung. Es ging nicht mehr an, sich einfach treiben zu lassen. Wir sollten, wenn möglich, schon irgendwann einmal  in China ankommen – zumindest sollte aus der Tour eine Geschichte rauskommen, die sich in den Medien vermarkten ließ.

Bei unserer ersten Reise waren wir zeitlich kaum eingeschränkt gewesen.  Auch das war nun anders.  Unser Magazin erschien damals noch vierteljährlich.  Wir hatten eine Ausgabe bis zur Druckreife vorproduziert. So blieben uns vier Monate für die Tour. Im schlimmsten Fall hätten wir noch zwei, drei Wochen drauflegen können. Mehr spielte sich nicht, sonst wäre die nächste Ausgabe ausgefallen.

Und dann gab es noch einen ganz gewichtigen Unterschied, der allein mich betraf: 86 war ich topfit. Als ich damals auf Tour ging, war ich „pumperlgsund“. Ich wußte damals kaum mehr, wie sich eine Erkältung anfühlt.  Ich war, wie ich im Bericht über jene Reise schrieb, ein „robuster Traktor“. Das war 96 anders. 1990 hatte ich eine Radreise durch die indonesische Inselwelt wegen Atemproblemen abbrechen müssen. Seither kam ich von jeder Reise krank zurück, zuhause fing ich jeden Virus ein, ich sprang von einem Krankheitsbild zum nächsten, ich stürzte und brach mir irgendwelche Knochen. Kurzum: Ich war gesundheitlich nicht „stabil“. Die rein sportliche Leistungsfähigkeit war nicht einmal so schlecht. Ich hatte als Test noch einen 5000-Höhenmeter-Bikemarathon absolviert. Das ging noch völlig problemlos. Allerdings mit dem Typ von 86 konnte ich schon lange nicht mehr mithalten. Das war eine völlig andere Person, an die ich mich kaum mehr erinnerte. Aber ich hatte brav trainiert. Die Reise traute ich mir noch allemal zu. Trotz alldem, ich war nun Mal kein robuster Traktor mehr. Die Ärzte konnten nichts finden. Mit der Zeit glaubte ich, ich sei ein Hypochonder.  Andere machen in solchen Fällen Yoga oder sie besuchen Selbsterfahrungskurse oder… Das war nicht mein Ding. Ich setzte mich lieber aufs Fahrrad. Ich wollte das machen, was mich am meisten faszinierte. Ich wollte mein wichtigstes „Projekt“ realisieren.  Es gab für mich zu jenem Zeitpunkt keine größere Motivation als eine Radreise durch Tibet.


Start in Altach am 4. März

Wer sich über die Bürokratie bei uns zuhause beklagt, sollte es mit einer Reise nach Peking versuchen.  Wir besorgten uns Zweitpässe, um die Antragsverfahren bei  verschiedenen Botschaften parallel  laufen zu lassen.  Als wir nach einem Jahr alle Visa in den Pässen hatten, war das turkmenische schon wieder abgelaufen, und wir mußten von vorne anfangen. Manchmal mußten wir auch ungewöhnliche Methoden anwenden, um den Verfahrensgang zu beschleunigen. So bei den Iranern. Armin mußte persönlich auf der Botschaft in München vorsprechen. Er fuhr von Freiburg nach München. Und dann – überheblich, wie diese Bürokraten waren – wollten sie ihn tatsächlich auf einen späteren Termin vertrösten. Da hatten sie aber nicht mit Armins Sturheit gerechnet. Er verlasse die Botschaft nicht ohne Visum, erklärte er, holte seinen Schlafsack und legte sich vor das Büro. Er bekam das Visum am selben Tag. Als wir am Nachmittag des 4.März alles beisammen hatten, stiegen wir auf die Räder, obwohl wir wußten, daß wir nicht mehr sehr weit kommen würden. Wir hatten den Start mehrmals verschoben. Nun wollten wir endlich weg.


In Stuben machten wir unsere erste Rast. Die Skisaison war noch voll im Gange. In einem Hotel durften wir gratis in einer “Besenkammer” übernachten. Danke! Am Morgen saßen wir mit den den Skifahrern beim Frühstück. “Wo wollt denn ihr hin um diese Zeit”, wurden wir immer wieder gefragt. “Nach Peking!” Die Antwort verwunderte uns selbst fast noch mehr als die Touristen. Inmitten des Skibetriebs klang das irgendwie unwirklich.


Übernachtung in Stuben/Der Arlbergpaß war noch tief verschneit.

Bis zum Brenner machten wir noch eine tolle Figur. Alles lief völlig problemlos. Wir hatten keine Ahnung, daß diese ersten Kilometer für die nächsten 3500 Kilometer die einzigen “normalen” sein würden.


Brenner

Im Pustertal begann der Gegenwind. Er sollte bis in den Iran unser größter Feind sein. Die Kälte, die im Lesachtal dazukam, war nur eine lästige Draufgabe.

Armin schien zu ahnen, was auf ihn zukommt, als er auf seiner Leberkässemmel rumkaute. Zuversicht schaut anders aus. Kurz nach dieser Mahlzeit, im Lesachtal, gefror der Orangensaft in unseren Trinkflaschen während der Fahrt zu einem festen Eisklumpen.

Das Essen diente vorwiegend der Aufrechterhaltug der Energiebilanz. Wir hatten eine kleine Lenkertasche vorne angebracht. Die war ständig mit irgendwelchen kleinen Häppchen gefüllt. Während der Fahrt stopften wir pausenlos Futter in uns hinein. Früher hatten wir auf unseren Fahrten immer Gewicht und damit auch Kraft verloren. Das wollten wir auf dieser Reise vermeiden. Wir hatten ja nicht besonders viel Zeit und wollten deshalb zügig vorankommen. Das klappte wunderbar. Unsere Energiespeicher waren immer gefüllt. Wir hatten nie einen “Einbruch”, wie es während früherer Reisen gelegentlich hatte vorkommen können.