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Weltreise 86/87 Teil 1

Aktualisiert: 20. Okt. 2021


Prolog: Es war September 1986. Ich saß in Rainers Zimmer und blätterte im Atlas. Ein Sommer ging zu Ende. Es war unser „Kondi-Sommer“. Den ganzen Sommer über waren wir mit unseren Rädern in den Bergen unterwegs gewesen. Ein Ausdauerhammer nach dem anderen: 175 Kilometer mit dem Fahrrad von Altach auf die Bielerhöhe + Piz Buin, Silvrettahorn und Schneeglocke und wieder retour, an einem Tag. 125 Kilometer Rund um den Säntis mit anschließender Säntis-Altmann-Mutschen-Überschreitung. So ging das den ganzen Sommer durch, jedes Wochenende, selbst bei schlechtem Wetter, keine Tour unter 3000 Höhenmeter. Anfang Oktober wurde es auf den hohen Bergen langsam etwas unbequem. Deshalb suchten wir ein Ziel weiter im Süden, um unseren Bike & Hike-Sommer etwas zu verlängern. Wir waren gerade gut im Schuß. Da wollten wir noch nicht aufhören. Rainer hatte nur zwei Wochen Urlaub, deshalb mußte das Ziel leicht erreichbar sein. Zuerst kamen wir auf die Pyrenäen. Dann aber entdeckten wir im Atlas hohe Berge im Süden Jugoslawiens. Wir hatten bis dahin noch nie etwas von jenen Bergen gehört. Das weckte unseren Entdeckergeist. Bobotov Kuk, mit 2522 m der höchste Berg der Region: Allein der Name klang schon abenteuerlich. In der Nähe gab es noch weitere Berge von ansprechender Höhe. Das sollte eigentlich ausreichen für einen zweiwöchigen Bike & Hike-Urlaub. Jugoslawien Am 1. Oktober ging es los. Rainers „Ente“ war bis oben voll beladen. Dazu braucht es bei einer „Ente“ nicht viel – zwei 10-Gang-Sporträder, KTM – Formula, zwei Schlafsäcke und ein paar Kleider. Wir reisten immer „leicht“. „Wenn du schnell und beweglich bist, kannst du auf Wetterumschwünge reagieren“, erklärte er mir ständig. „Und schnell bist du nur, wenn du wenig Gepäck dabei hast.“ Wahrscheinlich war er nur zu faul, einen großen Rucksack mitzuschleppen. Aber Faulheit war nun mal kein Rechtfertigungsgrund. Deshalb mußte eine Weisheit her. In unserem Fall hieß “leicht reisen”, daß wir etwa die oben schon erwähnte Piz Buin-Schneeglocke-Tour in kurzen Hosen, T-Shirt, und Turnschuhen machten. Als Verpflegung hatten wir eine Manner-Schnitte dabei – keine Trinkflasche, keinen Rucksack. Bei der Wiesbadner Hütte gab es Wasser, das mußte reichen. Wir fühlten uns nie als reine Sportler. Sportler versuchen unter Laborbedingungen ihre Leistungsfähigkeit hochzuschrauben. Sportler brauchen einen Trainingsplan, ausreichend Schlaf, ausgeklügelte Ernährung, isotonische Getränke. Wer seinen Körper an solche Idealbedingungen gewöhnt, funktioniert nur unter Idealbedingungen, dachten wir. Unser Ziel aber waren Berge und ferne Länder. In Bergen und fernen Ländern würde es vorkommen, daß man auch ohne Nahrung und ohne Schlaf funktionieren muß. Deshalb wollten wir unsere Körper gar nicht erst mit dem ganzen Firlefanz verwöhnen. Auch bei unserer Jugoslawien-Reise haben wir mit der Ausrüstung nicht geprotzt: Kein Zelt, keinen Kocher, keine Schlafsackunterlage, nicht einmal eine Jacke hatte ich dabei. Im Süden, dachte ich, ist es immer warm. Da mußten zwei T-Shirts, zwei leichte Pullover und ein Regenponcho reichen. Wir hatten geplant mit dem Auto gemächlich bis nach Sarajewo zu tuckern. Dort wollten wir mit dem Rad durch die Berge fahren, ein paar Gipfel besteigen und so eine schöne „Ausdauersaison“ ausklingen lassen. Wenn Rainer dann nach zwei Wochen wieder zurück nach Österreich mußte, wollte ich weiter in die Türkei radeln, nach Antalya. Charly, ein Freund von mir, machte dort Anfang November Urlaub. Ich hatte geplant, mich am 1. November mit ihm in Antalya zu treffen und am Ende seines Urlaubs mit ihm nachhause zu fahren.

Rainer mit spartanischer Ausrüstung an der jugoslawischen Küste

Unsere erste Tagesetappe führte uns zu Rainers Freunden in eine Studentenwohnung in Innsbruck. Rainers Freunde waren allesamt Bergsteiger – nicht nur in Innsbruck, überhaupt. Nicht alle Bergsteiger sind Rainers Freunde, aber alle seine Freunde sind Bergsteiger, sonst geht das nicht. Worüber sollen sie sonst mit ihm sprechen? Ich ging auch oft in die Berge und kletterte regelmäßig, aber so etwas hatte ich bis dahin noch nicht gekannt. An dem Abend und wahrscheinlich auch an so manch anderem Abend, von dem ich aber nichts weiß, gab es in dieser Wohnung nur Berge. Irgendwann hingen sie alle an der Klimmzugstange rum. Diese Stange schien in der ansonsten eher spartanisch eingerichteten Wohnung sowieso das wichtigste Möbelstück zu sein. Die hingen aber nicht dran wie andere Leute und machten zehn Klimmzüge und verzogen dabei das Gesicht vor Anstrengung. Die hatten eine Bierflasche in der einen Hand, zogen sich mit der anderen hoch, nahmen einen Schluck aus der Flasche und ließen sich wieder runter. Rainer und ich trainierten ja auch ab und zu. 20 Stück hätten wir wohl auch noch irgendwie zusammengemurkst, und ich hatte bis dahin sogar geglaubt, das sei eh ganz gut. An jenem Abend hielt ich mich aber bescheiden zurück und mied die Nähe der Klimmzugstange. Ich öffnete noch ein Bier und schaute verwundert zu. Ich hatte nicht erwartet, daß mich schon am ersten Tag so viel Exotik erwarten würde. Die Reise fing gut an. Am nächsten Tag, um ca. fünf Uhr nachmittags, näherten wir uns dem kleinen kroatischen Städtchen Karlobag. Man kam langsam vorwärts mit der „Ente“. Wir rückten schon ungeduldig auf unseren Sitzen hin und her. Den ganzen Tag bewegungslos im Auto: Wir hatten nicht gerechnet, wie hart das sein kann. 14 Stunden durch die Berge stiefeln, das war kein Problem, das machte schließlich Sinn. Aber im Auto den ganzen Tag absitzen. Wir rechneten hoch, wie lange es bis Sarajewo dauern würde. Das Ergebnis der ersten Hochrechnung demoralisierte uns. All unser Mut und Abenteuergeist drohte uns zu verlassen. „Nein, das geht wirklich nicht“, beschloß Rainer und parkte das Auto auf einem öffentlichen Parkplatz mit Blick aufs Meer. Rainer ist ein friedliebender, handzahmer, ausgeglichener Mensch, wenn er in Bewegung ist. Aber eben nur, wenn er in Bewegung ist. In Ruhe läuft er Gefahr, sein seelisches Gleichgewicht zu verlieren. Auch ich bewege mich gerne. Im Verhältnis zu Rainer aber habe ich einen geradezu meditativen Charakter, wenn ich auch zugeben muß, daß auch meine meditative Seite an jenem Tag in der „Ente“ langsam an ihre Grenzen stieß. Rainer schlug vor, erst mal kurz auszusteigen, um über unser weiteres Vorgehen zu beraten. Ob das mit Sarajewo wirklich eine gute Idee sei, stellte er seine Zweifel in den Raum. „Das mit Sarajewo grundsätzlich schon“, antwortete ich. „Nur das mit dem Auto nicht.“ Rainer schloß sich meiner Analyse an. Es gebe wahrscheinlich nur eine Lösung, diesen Urlaub zu retten: Wir müßten uns wahrscheinlich wieder einmal bewegen und zwar jetzt, auf der Stelle. Wir nahmen die Fahrräder aus dem Auto, packten unsere sieben Sachen zusammen und fuhren los. Es war knapp nach fünf. Der einfachste Weg in den Süden, dort wo unsere Berge standen, hätte der Küste entlang geführt. Aber wir wollten uns ja bewegen. Unmittelbar von der Küste stieg eine schmale Straße in gemächlicher Steigung in die Berge. Wir konnten nicht widerstehen. Der Urlaub war gerettet, gerade noch bevor die Stimmung zu kippen gedroht hatte. Als wir eine Anhöhe überquert hatten, wurde es langsam dunkel. Wir suchten eine geeignete, flache Stelle, um unsere Schlafsäcke auszubreiten. Wir hatten in Karlobag nichts eingekauft, bevor wir losgefahren waren. Wir wollten einfach weg. Es würde, so hofften wir, schon irgendwann „was“ kommen. Es kam nichts. Trotzdem hatte ich Glück. Ich habe es schon erwähnt: Rainer ist ein ausgeglichener, freundlicher Mensch, wenn er sich bewegt. Die paar Höhenmeter, die wir am Abend noch schnell gemacht hatten, waren völlig ausreichend. Er benötigte nicht mehr. Rainer packte zu meiner Überraschung einen Apfel aus. Ich hätte nichts gesagt, hätte er ihn allein gegessen. Er hatte ihn auch alleine da hoch geschleppt. Aber er dachte nicht einmal daran. Er brach ihn und reichte ihn mit den Worten: Sonst habe ich nichts dabei. Am nächsten Morgen wurden wir für unsere Askese reichlich entlohnt. Wenn mir etwas von Jugoslawien in Erinnerung geblieben ist, dann ist es das knusprige, warme Weißbrot zum Frühstück. Man kaufte es in den kleinen Dörfern in der Bäckerei. Es gab dort nur dieses eine Weißbrot zu kaufen, sonst nichts, gar nichts, und man mußte dafür oft in einer Schlange anstehen. Nach dieser ersten Nacht schmeckte es ganz besonders gut. Wir hatten richtig Hunger. Weißbrot mit Schafkäse an einem sonnigen Herbstmorgen auf einer Gartenmauer in einem jugoslawischen Bergdorf: Ich kann mir nichts Besseres vorstellen.

Abwechselnd fuhren wir mal an der Küste, dann wieder im hügeligen Hinterland Richtung Durmitor Nationalpark.

Nach einer kurzen Etappe durch die Bergdörfer, fuhren wir wieder zur Küste runter, schwammen ausgiebig im Meer, genossen das touristische Leben und die überdimensionalen Grillplatten, die spottbillig waren, und wechselten dann wieder über ein einsames Bergsträßchen ins Hinterland, nur um am nächsten Tag wieder ans Meer runter zu fahren. Bei Kotor verließen wir die Küste endgültig auf einer herrlichen Paßstraße. Schon bald erreichten wir die Berge des Durmitor Nationalparks. Wir wollten Zabljak, den Hauptort des Nationalparks, durch die Hintertür, auf einer Nebenstraße, die auf unserer Karte nur als hauchdünner Strich zu erkennen war, erreichen. Der unscheinbare Kartenstrich entpuppte sich als schönes Bergsträßlein. „Eine wirklich gute Wahl, dieser Nebenweg“, dachten wir, und waren auch ein bißchen stolz auf unsere vorzügliche Routenplanung. Keine Autos – die waren damals in jener Gegend sowieso eine Rarität -, keine Menschen, keine Hunde und bald eben auch keine Straße mehr – zumindest nichts, was man bei uns, auch bei großzügigster Auslegung, als Straße bezeichnet hätte. Wir könnten ja weiterschieben, überlegten wir uns, als wir von einer Waldlichtung ins Tal hinunterschauten. Aber wir zweifelten, ob der Weg wirklich irgendwo hinführen würde. Eigentlich war uns das auch egal. Wir wollten uns sowieso etwas in der Gegend umschauen. Ob wir einen Tag früher oder später nach Zabljak kämen, das spielte keine Rolle. Schlußendlich rollten wir doch auf dem Sträßchen wieder ins Tal und fuhren auf der „Hauptstraße“ ins Durmitor-Gebiet.

Im Durmitor Nationalpark