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Weltreise Teil 2 (ab Tibet)

Aktualisiert: 1. Feb. 2021

Tibet




An der chinesischen Grenze eröffnete uns ein Beamter, daß wir mit unseren Rädern nicht einreisen dürften. Daß man ein Visum für China hatte, hieß nicht, daß man sich auch frei in dem Land bewegen durfte. Es gab eine Liste offener Städte, in denen sich Ausländer aufhalten durften. Man durfte mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einer offenen Stadt zur anderen reisen. Außerhalb dieser Städte durfte man sich nicht aufhalten. Offiziell war es nicht erlaubt, zwischendurch auszusteigen. Da war es natürlich eine logische Konsequenz, daß man nicht einfach so per Fahrrad durch die Lande tingeln durfte. Weiß Gott, was man da alles sehen hätte können. Nachdem ich schon einmal mit dem Fahrrad in China unterwegs gewesen war, wußte ich, daß das mehr Theorie als Praxis war. Man mußte nur die Grenze hinter sich bringen, dann konnte man sich, wenn man nicht gerade der Public Security in die Hände lief, recht frei bewegen. Nachdem die PBS-Büros meist in Städten waren, galt es, diese zu meiden. Wir mußten uns also nur etwas für diese Grenzbeamten einfallen lassen und – und das war fast noch schwieriger – Reiner im Zaum halten.

Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Armin und ich wollten unbedingt nach Tibet. Selbst nach zwei Tagen waren wir stets freundlich und gelassen. Reiner schimpfte, wir würden den Chinesen in den Arsch kriechen, und meinte, wir hätten keinen Charakter. Wir nahmen Reiner nicht mehr mit zu den Verhandlungen. Es schaute trotzdem nicht gut aus mit der Einreise. Dann aber hatte Armin eine blendende Idee. Wir gingen zu einem Schneider und ließen die Fahrräder in Säcke einnähen. Die Naht wurde an der Grenze plombiert. Was das hätte nützen sollen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Man kann jede Naht öffnen, auch wenn eine Plombe drauf ist. Aber offensichtlich war mit einer Plombe den formalen Erfordernissen Genüge getan. Ganz ehrlich gesagt: Ich glaube, wir sind den Zöllnern ebenso auf die Nerven gegangen wie sie uns. Wir hatten ihnen nicht wirklich Anlaß zur Hoffnung gegeben, daß wir freiwillig nach Nepal zurückkehren würden.

Unser weiterer Plan war, mit dem Bus nach Lhasa zu fahren, dort die Naht zu öffnen und weiter Richtung China zu radeln. Der Bus stand schon da, die Räder hatten wir schon aufs Dach geladen, allein die Abfahrt verzögerte sich, da die umliegenden Pässe zugeschneit waren. Keiner hatte die geringste Ahnung, wann die Straße wieder befahrbar sein würde. Das konnte ewig dauern. In diesem Kaff! Das war einer der ödesten Orte, die ich kannte. Auf der rechten Seite der Straße steile, unbebaute Hänge, auf der linken, über den Abhängen, entlang der Straße ein paar Bretterverschläge. In einem dieser Verschläge kochte eine Tibeterin Momos, mit Gemüse gefüllte Teigtaschen, in einem anderen Verschlag hausten wir und unsere Zimmerkollegin eine langbeinige Spinne ansehnlicher Größe. Es gab keine Toilette. Wenn wir nicht gerade im tiefen Matsch die Straße auf und ab gingen oder bei der Tibeterin heißen Tee tranken, lagen wir in unseren Schlafsäcken. Es war kalt. Manchmal regnete es, manchmal schneite es. Das Wetter konnte sich nicht entscheiden. Es gab in unserem Zimmer keine Heizung. Der einzige gemütliche Ort in dieser Siedlung war der Schlafsack. Es gab in dem Ort viele Leute, vor allem Lkw-Fahrer und  Buspassagiere. Alle steckten sie hier fest. Bei aller Ödnis, irgendwie mochte ich die Stimmung. Der Ort hatte etwas Pionierhaftes. In diesen Ort kam niemand, um zu bleiben. Er war ein Außenposten der Zivilisation. In Jack Londons Goldgräbergeschichten hatte es solche Orte auch gegeben. Dahinter wartete etwas Abenteuerliches. Am fünften Tag waren wir die Straße oft genug auf und ab gelaufen. Die Räder ließen wir auf dem Bus und gingen – zusammen mit Detlef, einem Deutschen, der auch nach Lhasa wollte, und einem jungen Exil-Tibeter, der erstmals die Heimat seiner Eltern besuchte – zu Fuß los. Wenn der Bus uns auf der Strecke überholen sollte, wollten wir zusteigen. Es gab nur eine Straße und fast keine Fahrzeuge. Da war es schwer, eines zu übersehen.


Zu Fuß unterwegs Ri. Lhasa



Wir waren von morgens bis abends ständig auf der Straße. Die Nächte konnten wir hin und wieder in Wegmacherhäuschen verbringen. Diese Häuschen standen in Abständen von 10 – 20 Kilometern an der Straße und waren meist von einem Ehepaar bewohnt, das auf dem jeweiligen Streckenabschnitt die Straße in Ordnung zu halten hatte. In diesen Wegmacherhäuschen konnten wir nicht nur schlafen. Oft bekamen wir auch – gegen Bezahlung – ein einfaches Essen, meist Nudelsuppe. Die Leute schienen über unseren Besuch meist glücklich zu sein. Sie lebten weit weg von den Dörfern in der absoluten Einöde. Wir brachten ihnen einen Hauch der weiten Welt in ihre Stuben.


Straßenräumtrupp


Auch am Ende unseres fünften Wandertags erreichten wir so ein Wegmacherhäuschen. In diesem Häuschen lebte ein Ehepaar mit seiner siebzehnjährigen Tochter. Diese wollte, wenn sie schon mal Gäste von draußen hatte, denen auch was bieten. Sie kramte ein paar Musikkassetten aus einer Truhe. Ihre Musik in diesem abgelegenen Winkel eines abgelegenen Landes, so vermutete ich, das würden wohl irgendwelche tibetische Schlager sein. Weit gefehlt: In dem Häuschen gab es an diesem Abend nur noch westlichen Disco-Sound zu hören. Armin und Reiner ließen sich nicht lange bitten und begannen zwischen Unterhosen und Handtüchern, die in Kopfhöhe an einer Wäscheleine aufgehängt waren, zu der Musik zu tanzen. Papa gefiel das ganz besonders. Er lachte laut und öffnete eine Schnapsflasche – vielleicht war die Reihenfolge auch umgekehrt. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Die Flasche wurde an dem Abend gemeinsam geleert, und so hatten alle, ob Disco-Fans oder nicht, ihren Spaß.


Disco in einem Wegmacherhäuschen


Als Folge des nächtlichen Umtrunks kamen wir am Morgen etwas später aus den Federn als gewohnt. Wir waren noch beim Frühstück, als wir Motorengeräusche hörten. Wir rannten zur Straße runter. Direkt vor unserer Nase fuhren zwei Lkw und unser Bus vorbei. Wir winkten noch, aber sie sahen uns nicht mehr. Da gingen sie dahin unsere Fahrrader, und wir wanderten weiter.