Weltreise Teil 2 (ab Tibet)

Tibet




An der chinesischen Grenze eröffnete uns ein Beamter, daß wir mit unseren Rädern nicht einreisen dürften. Daß man ein Visum für China hatte, hieß nicht, daß man sich auch frei in dem Land bewegen durfte. Es gab eine Liste offener Städte, in denen sich Ausländer aufhalten durften. Man durfte mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einer offenen Stadt zur anderen reisen. Außerhalb dieser Städte durfte man sich nicht aufhalten. Offiziell war es nicht erlaubt, zwischendurch auszusteigen. Da war es natürlich eine logische Konsequenz, daß man nicht einfach so per Fahrrad durch die Lande tingeln durfte. Weiß Gott, was man da alles sehen hätte können. Nachdem ich schon einmal mit dem Fahrrad in China unterwegs gewesen war, wußte ich, daß das mehr Theorie als Praxis war. Man mußte nur die Grenze hinter sich bringen, dann konnte man sich, wenn man nicht gerade der Public Security in die Hände lief, recht frei bewegen. Nachdem die PBS-Büros meist in Städten waren, galt es, diese zu meiden. Wir mußten uns also nur etwas für diese Grenzbeamten einfallen lassen und – und das war fast noch schwieriger – Reiner im Zaum halten.

Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Armin und ich wollten unbedingt nach Tibet. Selbst nach zwei Tagen waren wir stets freundlich und gelassen. Reiner schimpfte, wir würden den Chinesen in den Arsch kriechen, und meinte, wir hätten keinen Charakter. Wir nahmen Reiner nicht mehr mit zu den Verhandlungen. Es schaute trotzdem nicht gut aus mit der Einreise. Dann aber hatte Armin eine blendende Idee. Wir gingen zu einem Schneider und ließen die Fahrräder in Säcke einnähen. Die Naht wurde an der Grenze plombiert. Was das hätte nützen sollen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Man kann jede Naht öffnen, auch wenn eine Plombe drauf ist. Aber offensichtlich war mit einer Plombe den formalen Erfordernissen Genüge getan. Ganz ehrlich gesagt: Ich glaube, wir sind den Zöllnern ebenso auf die Nerven gegangen wie sie uns. Wir hatten ihnen nicht wirklich Anlaß zur Hoffnung gegeben, daß wir freiwillig nach Nepal zurückkehren würden.

Unser weiterer Plan war, mit dem Bus nach Lhasa zu fahren, dort die Naht zu öffnen und weiter Richtung China zu radeln. Der Bus stand schon da, die Räder hatten wir schon aufs Dach geladen, allein die Abfahrt verzögerte sich, da die umliegenden Pässe zugeschneit waren. Keiner hatte die geringste Ahnung, wann die Straße wieder befahrbar sein würde. Das konnte ewig dauern. In diesem Kaff! Das war einer der ödesten Orte, die ich kannte. Auf der rechten Seite der Straße steile, unbebaute Hänge, auf der linken, über den Abhängen, entlang der Straße ein paar Bretterverschläge. In einem dieser Verschläge kochte eine Tibeterin Momos, mit Gemüse gefüllte Teigtaschen, in einem anderen Verschlag hausten wir und unsere Zimmerkollegin eine langbeinige Spinne ansehnlicher Größe. Es gab keine Toilette. Wenn wir nicht gerade im tiefen Matsch die Straße auf und ab gingen oder bei der Tibeterin heißen Tee tranken, lagen wir in unseren Schlafsäcken. Es war kalt. Manchmal regnete es, manchmal schneite es. Das Wetter konnte sich nicht entscheiden. Es gab in unserem Zimmer keine Heizung. Der einzige gemütliche Ort in dieser Siedlung war der Schlafsack. Es gab in dem Ort viele Leute, vor allem Lkw-Fahrer und  Buspassagiere. Alle steckten sie hier fest. Bei aller Ödnis, irgendwie mochte ich die Stimmung. Der Ort hatte etwas Pionierhaftes. In diesen Ort kam niemand, um zu bleiben. Er war ein Außenposten der Zivilisation. In Jack Londons Goldgräbergeschichten hatte es solche Orte auch gegeben. Dahinter wartete etwas Abenteuerliches. Am fünften Tag waren wir die Straße oft genug auf und ab gelaufen. Die Räder ließen wir auf dem Bus und gingen – zusammen mit Detlef, einem Deutschen, der auch nach Lhasa wollte, und einem jungen Exil-Tibeter, der erstmals die Heimat seiner Eltern besuchte – zu Fuß los. Wenn der Bus uns auf der Strecke überholen sollte, wollten wir zusteigen. Es gab nur eine Straße und fast keine Fahrzeuge. Da war es schwer, eines zu übersehen.


Zu Fuß unterwegs Ri. Lhasa



Wir waren von morgens bis abends ständig auf der Straße. Die Nächte konnten wir hin und wieder in Wegmacherhäuschen verbringen. Diese Häuschen standen in Abständen von 10 – 20 Kilometern an der Straße und waren meist von einem Ehepaar bewohnt, das auf dem jeweiligen Streckenabschnitt die Straße in Ordnung zu halten hatte. In diesen Wegmacherhäuschen konnten wir nicht nur schlafen. Oft bekamen wir auch – gegen Bezahlung – ein einfaches Essen, meist Nudelsuppe. Die Leute schienen über unseren Besuch meist glücklich zu sein. Sie lebten weit weg von den Dörfern in der absoluten Einöde. Wir brachten ihnen einen Hauch der weiten Welt in ihre Stuben.


Straßenräumtrupp


Auch am Ende unseres fünften Wandertags erreichten wir so ein Wegmacherhäuschen. In diesem Häuschen lebte ein Ehepaar mit seiner siebzehnjährigen Tochter. Diese wollte, wenn sie schon mal Gäste von draußen hatte, denen auch was bieten. Sie kramte ein paar Musikkassetten aus einer Truhe. Ihre Musik in diesem abgelegenen Winkel eines abgelegenen Landes, so vermutete ich, das würden wohl irgendwelche tibetische Schlager sein. Weit gefehlt: In dem Häuschen gab es an diesem Abend nur noch westlichen Disco-Sound zu hören. Armin und Reiner ließen sich nicht lange bitten und begannen zwischen Unterhosen und Handtüchern, die in Kopfhöhe an einer Wäscheleine aufgehängt waren, zu der Musik zu tanzen. Papa gefiel das ganz besonders. Er lachte laut und öffnete eine Schnapsflasche – vielleicht war die Reihenfolge auch umgekehrt. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Die Flasche wurde an dem Abend gemeinsam geleert, und so hatten alle, ob Disco-Fans oder nicht, ihren Spaß.


Disco in einem Wegmacherhäuschen


Als Folge des nächtlichen Umtrunks kamen wir am Morgen etwas später aus den Federn als gewohnt. Wir waren noch beim Frühstück, als wir Motorengeräusche hörten. Wir rannten zur Straße runter. Direkt vor unserer Nase fuhren zwei Lkw und unser Bus vorbei. Wir winkten noch, aber sie sahen uns nicht mehr. Da gingen sie dahin unsere Fahrrader, und wir wanderten weiter.

Schon einen Tag nachdem uns der Bus mit unseren Rädern überholt hatte, erwischten wir auf der Strecke einen Bus, der uns nach Lhasa mitnahm. In Shigatse, dem zweitgrößten Ort Tibets, machten wir Zwischenstopp. Wir schauten uns Trashilunpo, eines der bedeutendsten Klöster Tibets, an und  – was uns wichtiger war – wir spielten mit ein paar jungen Burschen Fußball. Mittlerweile waren wir ein ganz ordentliches Team. Detlef hatte in jüngeren Jahren in der Berliner Jugendauswahl zusammen mit einem Pierre Littbarski gespielt. Wenn man mit einem spielt, der schon einmal mit einem Littbarski gespielt hat, dann steht einem Sieg gegen ein paar tibetische Jungs nichts mehr im Wege. Aber wir hatten einen Gegner, mit dem wir nicht gerechnet hatten: die Höhe. Der Fußballplatz lag auf knapp 4000 m Höhe. Die jungen Tibeter hatten keine Ahnung davon, daß der Sauerstoffgehalt in diesen Höhen schon recht mager ist. Das hat denen niemand gesagt. Die rannten und rannten. Wenn wir aber einmal zu einem Dribbling ansetzten, standen wir danach vornübergebeugt auf dem Platz und rangen um Luft. Das traf ganz besonders mich, da ich ein egoistischer Dribbler bin. Es war ein hartes Akklimatisationsprogramm, das wir da durchführten.


Klosterbesuch und Fußball in Shigatse



Von Shigatse fuhren wir mit vielen Stopps über einen 5030 m hohen Paß mit Blick auf den wunderschönen Yamdroksee nach Lhasa.


Auf dem Weg nach Lhasa machten wir Zwischenstopp in Gyantse.



Wir hätten unsere Ankunft in Lhasa nicht besser planen können. Es war die Zeit des tibetischen Neujahrs, des wichtigsten Fests der Tibeter. 1987 wurde anläßlich der Neujahrsfeierlichkeiten das Monlam-Gebetsfest wieder in alter Pracht durchgeführt. Nach dem Einmarsch der Chinesen in Lhasa, in den Fünfzigerjahren, war das Fest verboten worden. Ein Jahr vor unserer Ankunft hatte es erstmals wieder stattgefunden. Ein Jahr später wurde die Gebetsfeier nach Protesten tibetischer Mönche dann auch schon wieder untersagt. Zum Monlam versammelten sich über tausend Mönche aus den umliegenden Klöstern in Lhasa. Von überall kamen die Pilger in die Stadt – aus Ladakh, aus Buthan, aus der Mongolei oder aus den Grassteppen des Ostens -, um die Feierlichkeiten miterleben zu können. Wir konnten uns ein wenig mit einer Pilgergruppe aus Buthan unterhalten. Sie hatten zu Fuß verschneite Pässe überqueren müssen, um nach Tibet zu kommen. Hunderte dieser Pilger bevölkerten in ihren landesüblichen Trachten die Stadt. Im Jokhang Tempel saßen die Mönche in ihren roten Roben in langen Zweierreihen am Boden und beteten. An Marktständen wurden riesige, in Tücher eingewickelte Ballen Butter,  getrocknetes Yakfleisch und allerlei Tand verkauft. Inmitten der Menge ordinierte der Zahnarzt mit einem pedalbetriebenen Bohrer. Die Behandlungen waren ein Publikumsmagnet. Es war, als hätte man für uns noch einmal für kurze Zeit die Tür ins alte Tibet einen kleinen Spalt weit geöffnet. Schon ein Jahr später, nach den Aufständen, wurde der Spalt dann für immer geschlossen.


Am Barkhor, jener Straße, auf der die Pilger den Jokhang Tempel umrunden, hätte man meinen können, in Tibet sei alles noch so wie zu Harrers Zeiten. Wir schienen die einzigen Ausländer in dem bunten zentralasiatischen Bevölkerungsgemisch zu sein. Selbst Chinesen waren am Barkhor nur sporadisch anzutreffen. Außerhalb des Barkhors dagegen war die chinesische Präsenz unübersehbar. Die Chinesen wurden durch allerlei Vergünstigungen nach Tibet gelockt. So wurde versucht, die Tibeter zu Fremden im eigenen Land zu machen. Das führte zu  Spannungen, die sich immer wieder in tibetischen Aufständen entluden. In einem chinesischen Restaurant erhielten wir einen Einblick in das problembeladene Zusammenleben von Chinesen und Tibetern. Wir waren zusammen mit einem älteren Tibeter die einzigen Gäste im Restaurant. Der Tibeter hatte offensichtlich etwas zu tief ins Glas geschaut. Obwohl er niemanden störte, bugsierte ihn der chinesische Ober auf erniedrigende Weise unsanft aus dem Restaurant. Keine fünf Minuten später betrat ein Khampa-Hüne das Lokal. Die Khampas leben als Nomaden im östlichen Grasland Tibets. In Tibet hatten sie seit jeher den Ruf wilder Krieger. Sie waren es, die den Widerstandskampf gegen die Chinesen angeführt hatten. Die Khampas sind große, kräftige Männer. In ihren dicken Yakfellmänteln und mit ihren langen Haaren, die sie mit roten Bändern zusammen binden, erscheinen sie noch hünenhafter und wilder, als sie sowieso schon sind. So ein Riese stand nun vor dem kleinen chinesischen Ober. Es fiel kein Wort. Dem Chinesen stand der Schrecken in die Augen geschrieben. Mit der rechten Hand versetzte der Khampa dem Chinesen einen Stoß. Die Linke nahm er gar nicht erst aus der Manteltasche. Der Chinese fiel rückwärts in die Tische. Als er sich wieder aufrappelte, ging der Khampa, die Linke noch immer in der Manteltasche, langsam ein paar Schritte auf ihn zu. Ein zweiter Stoß. Der Chinese lag drei Meter weiter zwischen den Stühlen. Es war, als sei eine Naturgewalt über ihn hereingebrochen. Auch wenn mir sein Verhalten nicht gefallen hatte, nun tat er mir Leid, der Chinese, in seiner hoffnungslosen Unterlegenheit. Der Khampa stand schon wieder vor ihm, um zum nächsten Schlag auszuholen. Doch just in dem Moment, als der Khampa zum nächsten Stoß ansetzte, betraten zwei gut gekleidete Chinesen den Raum. Der Khampa hielt inne. Die Chinesen sprachen ihn an. Sie brauchten nicht viele Worte. Alles verlief ganz ruhig. Der Khampa stand regungslos da. Er schien zu wissen, was ihn erwartete. Ohne jede Gegenwehr ließ er sich abführen. Die öffentliche Ordnung war wieder hergestellt – kurz und lautlos, ohne jede Auflehnung. Eine Diktatur duldet keine Auflehnung.


Wir holten die Räder am Busbahnhof ab (in den braunen Säcken) und bauten sie wieder zusammen.

(Auf dem ersten Bild sieht man meine neuen nepalesischen Leinenturnschuhe – sehr schön, aber nicht wirklich tauglich für 5000er-Pässe im Februar/März. Auch die Trainingshose – die einzige lange Hose, die ich dabei hatte – schneidig im Schnitt aber wenig funktionell.)


Während die Tibeter Neujahr feierten, bereiteten wir unsere Weiterfahrt vor. Wir holten die Rader am Busbahnhof ab, öffneten die Nähte und bauten sie im Hotelzimmer zusammen. Wir gingen mit ihnen nicht ins Freie. Niemand sollte sehen, daß wir Räder bei uns hatten. Das Gebiet östlich von Lhasa war sowieso schon touristisches Sperrgebiet, und dann noch mit einem Fahrrad. Bei unserer Fahrt nach Lhasa hatten wir gesehen, daß bei einem Kontrollposten etwas außerhalb der Stadt alle Fahrzeuge angehalten und kontrolliert wurden. Wir gingen davon aus, daß es einen solchen Kontrollposten an jeder Ausfallstraße geben würde. Mit dem Fahrrad wären wir an dem Posten nie vorbeigekommen. Deshalb verließen wir die Stadt in einem Bus. Wir konnten nur hoffen, daß die Räder auf dem Dach bei der Kontrolle nicht auffielen. Als der Wagen beim Posten hielt, drehten wir unsere Gesichter von der Scheibe weg, damit wir nicht gleich als Ausländer erkannt werden. Der Stop war völlig unproblematisch. Der Fahrer zeigte seine Fahrzeugpapiere vor. Der Kontrolleur warf einen kurzen, uninteressierten Blick in die Runde und winkte uns durch. Im folgenden Ort verließen wir den Bus. Die Fahrradreise ging weiter. Wir betraten nun Neuland. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwartete. Über den Abschnitt zwischen Kathmandu und Lhasa gab es schon damals erste Reiseinfos. Über das, was nun kam, gab es schlicht und einfach nichts – keine Bücher, keine Infos. In Kathmandus Globetrotterkreisen ging das Gerücht um, zwei Australier hätten diesen Abschnitt von China aus kommend im vorangegangenen Herbst erstmals durchquert. Näheres hatten wir darüber nicht in Erfahrung bringen können. Wer mehr über diesen Teil Tibets wissen wollte, konnte bei Alexandra David-Neel nachlesen, die 1924 als Nonne verkleidet von China nach Lhasa gewandert war. Aber solche Infos waren auch nicht gerade zeitgemäß. Alles, was wir an Informationsmaterial dabei hatten, war eine Weltkarte, auf der zwei Straßen, ein paar Orte und ein paar sehr hohe Pässe zwischen Lhasa und Chengdu eingetragen waren.


Aufbruch ins Unbekannte 

Reiner (hinten) hatte als einziger richtig gute Schuhe, seine lange Hose, allerdings, war um keinen Deut besser als die meinige. Neben dieser langen Unterhose hatte er noch eine dünne Regenhose dabei.



Eine erste wichtige Erkenntnis über dieses Land gewannen wir schon nach wenigen Tagen: Wir waren zur falschen Zeit mit der falschen Ausrüstung unterwegs. Eigentlich hatten wir ja nur in die Türkei bzw. rund ums Mittelmeer fahren wollen. Jetzt aber überquerten wir im Spätwinter die höchsten Pässe der Welt. Der dramaturgische Aufbau einer Paßbefahrung war eigentlich immer derselbe: Anfangs leichter Anstieg auf einer holprigen Straße. Die Straße war fahrbar. Die Reifen unserer 10-Gang-Sporträder waren zu schmal. Wir hätten Mountainbikes gebraucht. Sobald wir uns setzten, schlugen die Steine auf die Felge durch. Wir fuhren deshalb möglichst viel im Stehen. Um das Gewicht vom Hinterrad zu nehmen, trug ich das Gepäck in Tibet stets im Rucksack auf dem Rücken. Hatte man genug Höhe gewonnen, hatte das Holpern ein Ende. Man war dann nämlich in der Matschzone angelangt. Die Straße war in der Matschzone vom geschmolzenen Schnee derart aufgeweicht und tief, daß man sich guten Gewissens auf den Sattel setzen konnte. Allerdings hatte man in der Matschzone ständig das Gefühl, gegen ein Gummiband anzufahren. Glücklicherweise dauerte der Zustand nie lange an, denn bald schon hatte man die Schneegrenze erreicht. Nun hieß es oft stundenlang schieben. Nach längerem Schieben setzte sich der Schnee an den Laufrädern fest, sodaß sie sich nicht mehr drehten. Dann blieben wir stehen, suchten Steine, klopften die Felgen und Zahnräder frei und schoben weiter, bis die Räder wieder blockierten. Es gab fast keinen Tag, an dem wir unsere Räder nicht schoben. Selbst wenn wir nach einer Paßüberquerung abwärts fahren hätten können, kam es immer wieder vor, daß wir abstiegen, um ein Stück zu Fuß zu gehen, weil unsere Füße bis über die Knöchel eingefroren waren. Das war der nächste Punkt: Unsere Ausrüstung war absolut mittelmeertauglich. Ich trug dünne Stoffturnschuhe, die ich mir um ein paar Dollar in Nepal gekauft hatte. Die einzige lange Hose, die ich dabei hatte, war eine Trainingshose, der einzige Luxusgegenstand eine billige, viel zu kleine Daunenjacke, bei der schon nach wenigen Tagen die Daune zusammenklumpte. Ich hatte die Jacke auf einem Markt in Lhasa gekauft. Als Handschuhe verwendete ich ein paar Ersatzsocken. Als wir in Lhasa losfuhren, wog mein Gepäck 7 Kilogramm.



Nach ein paar Tagen lagen wir in unseren Schlafsäcken und diskutierten. Armin und Reiner waren im Begriff zu meutern: „Wir kehren um“, schlossen sie die Diskussion. „Zu dieser Zeit ist es zu hart. Da kommen wir nie durch.“ „Ja, es ist anstrengend“, erwiderte ich. „Aber ich genieße jede Sekunde, die ich in Tibet bin. Und wenn ihr umkehrt, fahre ich allein weiter.“ Das konnten sie nicht verstehen. „Das kann auch dir keinen Spaß machen. Entweder du lügst uns an oder du bist ein harter Hund.“ Keines von beidem stimmte. Es gab einen großen Unterschied zwischen uns. Die beiden sind zu Tibet gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Es hätte genauso gut der Tschad sein können oder die Mongolei. Ich dagegen hatte schon Jahre auf dieses Ziel hingearbeitet. Ich hatte Informationen gesammelt, ich hatte Bücher über Tibet gelesen und ich hatte fleißig Tibetisch gelernt. Ich hatte in den Jahren davor kein anderes Ziel gehabt. Und nun, da ich endlich in Tibet war, fühlte es sich an wie in meinen  Büchern. Es war anstrengend, wir mußten uns vor der Polizei verstecken, wir wußten nicht, wo wir waren, und wir hatten keine Ahnung, was noch kommen würde. Wir mußten uns Tibet erarbeiten. Mehr hatte ich nicht gewollt. Ich wollte mich anstrengen. Tibet hätte mich nicht interessiert, wenn ich es auf dem silbernen Tablett serviert bekommen hätte. Darüber hinaus ist mir Tibet wohl auch rein physisch etwas leichter gefallen als den beiden. Die beiden waren topfit, da gab es keine Zweifel. Aber Marathon ist etwas anderes als Tibet bei winterlichen Bedingungen. Für die Bedingungen in Tibet benötigte man einen robusten Traktor, keinen Ferrari. Was Rainer und ich in den vorangegangenen Jahren zuhause gemacht hatten, war die ideale Vorbereitung für eine solche Tour: viele lange Bergtouren und unzählige Höhenmeter – auch bei schlechtem Wetter, im Schnee, mit schlechter Ausrüstung und mit spärlichster Verpflegung. So war das, wenn man mit Rainer in die Berge ging. Das Jahr 86, schließlich, hatte schon kalt begonnen, am 1.Jänner mit einer Winterbegehung der Neumann Stanek (6-) an der Sulzfluh, dann zwei Monate mit dem Bike in Indien und Nepal, während der ich u.a. das Bike im knietiefen Schnee über den 5415 m hohen Thorong Paß geschleppt habe, extrem lange Bike & Hike-Touren im Sommer und im Herbst mit dem Rad schon wieder unterwegs in die Türkei. Hätte man sich für Tibet noch besser vorbereiten können?




Ich wollte, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, nicht alleine weiterfahren. Die beiden waren ein wichtiger Teil der Reise, vielleicht sogar der wichtigste. Wir waren zu einem richtig guten Team geworden. Ohne sie wäre die Reise nicht einmal der halbe Spaß gewesen. Wir einigten uns auf einen Kompromiß: Wir fahren ein paar Tage mit den Rädern. Danach suchen wir uns einen Lkw und fahren mit dem einen Tag lang weiter, um etwas Strecke zu machen. Armin und Reiner hatten recht: Wir waren bis dahin kaum vorwärts gekommen. Mehr als 50 Kilometer an einem Tag war in Tibet immer ein Riesenerfolg. An unserem schlechtesten Tag hatten wir gerade mal 18 Kilometer geschafft. Davon sind wir keinen einzigen gefahren. Trotzdem, ich hätte es sehr gerne mit dem Rad probiert. Im Nachhinein weiß ich, daß es so besser war. Wir hätten es wahrscheinlich allein mit unseren Rädern nicht geschafft.

Es gab in Tibet in den Flußtälern hin und wieder etwas größere Orte, in denen es sehr einfache Unterkünfte und Restaurants gab. In diesen Orten aber gab es auch Chinesen und mit ihnen den zugehörigen Behördenapparat, vor allen Dingen die Public Security. Deshalb beschränkten wir die Aufenthalte in diesen Orten auf das Notwendigste. Unser Leben in Tibet spielte sich hauptsächlich in tibetischen Dörfern außerhalb dieser „Zentren“ ab. Immer wieder wurden wir von den Dorfbewohnern zum Essen eingeladen. Geld haben sie nie dafür genommen. Anfangs war das Essen durchaus eine Aufgabe. Da mußten wir langsam reinwachsen. Buttertee und Tsampa, Tsampa und Buttertee…Die Tibeter schienen sich von Buttertee und Tsampa zu ernähren. Für einen europäischen Magen ist das echt harte Kost. Eigentlich klingt es gar nicht so schlimm: Tee mit Butter und Salz. Ich habe Buttertee im tibetischen Kloster in Vorarlberg, in dem ich Tibetisch gelernt habe, getrunken. Das war okay. Allerdings gibt es in Vorarlberg Kühlschränke, nicht aber in Tibet. Deshalb ist dort die Butter ranzig und zwar richtig stinkig ranzig. Das verleiht dem Tee eine eigene, unverkennbare Geschmacksnote. Fast noch schlimmer als den Buttertee fand ich den Tsampa, gemahlene geröstete Gerste. Buttertee ist flüssig. Den kann man einfach so runter rinnen lassen. Aber Tsampa muß man aktiv schlucken. Die Tibeter haben ihren Tsampa immer und überall in kleinen Säckchen dabei. Wenn sie auf Reisen sind, brauchen sie nur etwas Wasser. Sie vermischen den Tsampa mit Wasser, formen ihn zu einem kleinen Klumpen und fertig ist das Festmahl. Die sind da perfekt. Die hatten am Ende immer einen homogenen, ansehnlichen, fast schon appetitanregenden Klumpen in der Hand. Bei uns klebte das Zeug am Ende immer an den Fingern. Wir aßen den Tsampa nicht wie anständige Tibeter, wir schleckten ihn uns von den Fingern. Nachdem wir unsere Hände in Tibet nur sehr selten wuschen, war das Mineralstoffproblem damit auch gelöst. Tsampa mit Wasser fand ich nicht mal extrem schlecht. Üblicherweise nimmt man anstatt Wasser aber Buttertee. Dann wird die Sache schon anstrengender. Einmal konnten wir in einem „Chinesenort“ – so nannten wir die größeren Orte, in denen auch Chinesen lebten –  eine Konservendose mit uns unbekannten Früchten kaufen. Wir haben den Tsampa mit dem süßen Fruchtsaft vermischt. Das war dann eine wirklich noble Kombination, die fast schon schmeckte.

Das Essen war die eine Seite. Hin und wieder haben wir in den Dörfern auch geschlafen. Ich habe andernorts die Thailänder für ihre freundliche Art gelobt. Bei den Tibetern müßte ich vielleicht noch ein Schippchen drauflegen. Man konnte von ihnen alles haben, was man wollte. Sie waren immer gut drauf, immer lustig, immer freundlich, aber nie aufdringlich. Die Kommunikation verlief völlig unkompliziert. Die Gastfreundschaft war weniger von Ritualen und Regeln geprägt als andernorts. Wir fühlten uns in den Dörfern richtig wohl. Allerdings waren ihre Lebensbedingungen für uns – gelinde gesagt – ungewohnt. Es wäre eine Illusion, wenn man glaubte, daß man nach einer Übernachtung in einem tibetischen Dorf auch wirklich erholt sein könnte. Man sitzt den ganzen Abend in einem rauchigen Raum am Boden ums Feuer. Einer läßt die Tür immer offen. Folglich ist es vorne heiß, der Rücken aber eiskalt. Wird die Tür geschlossen, ist es auch nicht viel besser. Dann hat man eben den ganzen Rauch in der Nase. Einen Rauchabzug gibt es in den Häusern nicht. Wenn es Zeit zum Schlafen ist, werden Decken am Boden ausgelegt. Die ganze Familie schläft im selben Raum. Man legt sich mit seinem Schlafsack irgendwo dazwischen. Das Feuer verglimmt. Der Rauch steht im Raum. Und das, obwohl in Höhen jenseits der 3000-m-Marke der Sauerstoff eh schon ein knappes Gut ist. Schönheitsschlaf schaut anders aus. Wenn man Pech hat, drückt nachts der Buttertee auf die Blase. Zuerst versucht man, bis zum Morgen durchzuhalten. Man will ja nicht alle aufwecken. Irgendwann ist aber Schluß. Man tastet sich im Dunkeln zur Tür und versucht dabei, nicht über die schlafenden Leiber der Gastgeber zu stolpern und – überhaupt – ganz still zu sein. Natürlich knarrt die Tür, daß sich alle im Raum umdrehen. Dann geht man höchstens einen Meter von der Eingangstür weg und verrichtet sein Geschäft. Dabei hält man wachsam die Umgebung im Auge. Nachts sind nämlich die Hunde frei.


Die Tibeter zählten zu den freundlichsten, unkompliziertesten und – trotz harter Lebensbedingungen – fröhlichsten Menschen, die ich auf meinen Reisen kennengelernt habe.


Wenn man ein paar Paßüberquerungen hinter sich hat und zwei, drei Aufenthalte in diesen Dörfern, kann es schon passieren, daß man, so wie Reiner, die wahren Schönheiten dieser Welt nicht mehr erkennt. Wir standen auf einem 5000-m-Paß. Die Sonne schien. Die Temperatur war angenehm. Wieder war ein Anstieg geschafft. Ein Überfluß an Gründen, um zu frohlocken. Wir drehten uns im Kreis. Soweit wir sehen konnten nur hohe verschneite Berge, 360° nur Berge bis zum Horizont. Es war nirgends ein markantes Tal auszumachen. „Schaut euch das an!“, seufzte Reiner wohl noch etwas unter dem Eindruck des langen Anstiegs stehend. „Ein einziges Labyrinth! Wie soll ich da wieder rauskommen? Mit Buttertee und Tsampa? Ich brauch‘ was Richtiges. Ich brauch‘ Fleisch!“

Ich will an dieser Stelle den Ereignissen etwas vorgreifen. Es war etwa zwei Wochen nach jener Paßüberquerung. Wieder Reiner nach einem anstrengenden Tag: „Wißt ihr, auf was ich mich jetzt freue. Ihr glaubt es nicht. Auf einen heißen Buttertee.“ Es war tatsächlich so. Mit der Zeit hatten wir uns gut an die tibetischen Verhältnisse gewöhnt.


Irgendwo hinter diesen Bergen liegt China. Aber wo soll da eine Straße durchgehen? 14 Pässe über 4000 bzw. 5000 m haben wir – sofern wir richtig gezählt haben – in Tibet überquert (ein paar davon mit Lkw und Bus).


Trotzdem, es kam der Tag, an dem wir einfach einen erholsamen Ruhetag benötigten. Wir waren bis auf die Knochen fertig. Einmal wollten wir es wagen, in einem Chinesenort zu übernachten und dort einen Ruhetag zu verbringen. Wieder einmal richtig schlafen und vielleicht wieder einmal ein „normales“ Essen – so etwas mit Nudeln, vielleicht, wenn’s ganz gut kommt, sogar noch ein wenig Gemüse, das hätte uns genügt. Der nächste Chinesenort kam und wir übernachteten in einer Bauarbeiterbaracke, dem einzigen „Hotel“ vor Ort, in einem richtigen Bett. Wir schliefen herrlich. Ich stand als erster auf und ging ins Freie, um mein Fahrrad, das sichtlich auch schon unter Tibet gelitten hatte, ein wenig aufzupäppeln – ein bißchen Öl, ein paar Schrauben anziehen. Da tauchte ein Chinese auf. Er wollte mit mir sprechen. Ging aber nicht. China ist das einzige Land auf der Welt, in dem man mit niemandem sprechen kann. Auf der ganzen Welt sonst gibt es irgendwelche Wörter, meist englische, oder Gesten, mit denen man die nötigsten Infos transportieren kann. In China habe ich das nie geschafft. Mein Gegenüber gehörte offensichtlich dem Bildungsbürgertum an. „Permit! Permit!“, wiederholte er ständig und wurde dabei immer aufgeregter. Ich hatte noch nichts gefrühstückt. Die Sonne schien. Ich freute mich auf einen schönen Ruhetag. Ich brauchte diesen Ruhetag. Und dann kam der. Ich hatte keine Lust auf den ganzen Kram. Ich wußte eh, was jetzt kommen würde. Ich zuckte mit den Schultern und arbeitete weiter am Fahrrad. Er stand daneben und wiederholte ständig dieses „Permit! Permit“. Dabei deutete er, ich solle mit ihm kommen. Ich antwortete ebenso beständig: „No understand!“ Ich hätte auch etwas anderes, irgendein Phantasiewort, sagen können. Er verstand mich sowieso nicht. Ich fand es aber anständiger, wenn ich ihm etwas Richtiges antwortete. Ich hatte eh nichts gegen den Mann. Es war halt so, daß in jenem Augenblick unsere Interessen kollidierten. Ich wollte durch Tibet fahren. Er wollte, daß ich nicht durch Tibet fahre. Dabei war ich freiwillig an dem Ort. Er nicht. Kein Chinese geht, wenn er es sich anders leisten kann, freiwillig in die tibetische Einöde. Trotzdem: Ich würde ihn nicht erhören. Das stand fest. Reiner hatte Stimmen gehört und kam raus. Er stand unter der Tür und fragte, wie ich finde, etwas despektierlich.

„Was will der da?“ „Der ist von der Public Security. Er will, daß ich mit ihm aufs Büro komme.“ „Und warum gehst du dann nicht mit?“ „Ich habe jetzt keine Lust.“ „Okay, dann geh‘ ich halt.“ Reiner begrüßte den Mann freundlich mit Handschlag und deutete ihm, zu gehen. Der Mann freute sich sichtlich, daß ihn wenigstens einer verstand. Gerade Reiner!!! Kurz darauf stand Armin unter der Tür. „Wo ist Reiner? „Auf der Public Security. Da war so ein Typ da.“ „Und warum bist du nicht mitgegangen?“ „Halt einfach so.“ „Spinnst du? Du kannst doch Reiner nicht allein auf die Polizei schicken. Das weißt du doch auch!“ Klar habe ich das gewußt. Manchmal zipft einen etwas aber einfach so an, daß einem die ganze Vernunft den Buckel runter rutschen kann. Armin schüttelte den Kopf und weg war er, hinter den beiden her. Nach zwanzig Minuten kamen die beiden wieder zurück. „Das war jetzt aber gerade auf den letzten Drücker. Der Chinese war schon richtig gereizt“, erzählte Armin. Die Stimmung war am Kippen, als er ins Büro kam. Reiner saß da, schaute provokant in die Luft und pfiff ein Liedchen vor sich hin. Armin glättete die Wogen. Armin kann das. Armin ist sozialkompetent. Sie hatten ein paar Fragen zu beantworten. Es gab da einen Bogen, auf dem die nötigsten Fragen, die man im Polizeialltag so braucht, auf Englisch und Chinesisch geschrieben standen. Zum Beispiel: „Wo kommst du her?“, „Wo willst du hin?“ oder – und das erheiterte die beiden ganz besonders  – „Did you kiss her?“

Das Ergebnis der Fragestunde war: Wir mußten zurück nach Lhasa und zwar auf der Stelle. Wir mußten nicht lange diskutieren. Es war eh klar: Wir fahren sicher nicht zurück nach Lhasa. Wir packten unsere Sachen, aufs Frühstück mußte nun mal verzichtet werden, und keine 15 Minuten später saßen wir auf unseren Rädern. Auf einem Nebenweg radelten wir aus dem Ort. Wir wollten der Public Security nicht nochmals in die Hände laufen. Hinter dem Ort begann gleich wieder ein Anstieg. Wir wußten mittlerweile aus Erfahrung, wenn man in Tibet einmal aufwärts fährt, dann hört man damit erst auf einem Paß wieder auf. Die Frage war nur: Ist es ein hoher oder ein sehr hoher. Am späten Nachmittag war klar: Es ist ein sehr hoher.


Obere Bilder: Ein typischer Paßanstieg in Tibet. (Hier die Vormittags- und Nachmittagsansicht)

Etwas gemütlicher waren die gelegentlichen Anstiege per Lkw.


Wir waren seit dem Vormittag unterwegs und ein Ende zeichnete sich nicht ab. Bei einem Viehunterstand wollten Rainer und Armin über Nacht bleiben. Wir waren alle müde, und am Himmel schaute es aus, als würde es bald regnen oder schneien. Der Viehunterstand war nicht mehr als vier Pfähle mit einem Bretterdach darüber. Er hätte zumindest als Schutz vor Niederschlägen gedient. Aber ich wollte nicht: „Wir haben nichts zu essen. Wenn ich da hungrig die ganze Nacht durchfriere, erhole ich mich auch nicht. Da laufe ich lieber weiter, dann bleib‘ ich wenigstens warm.“ Wir befanden uns auf einer Straße, nicht in der Wildnis. Irgendwann findet man an einer Straße irgendetwas, eine Hütte vielleicht, oder man ist über dem Paß. Das leuchtete den beiden auch ein. Es ging nicht mehr lange, dann hatten wir die Schneegrenze erreicht. Mittlerweile hatte es zu schneien begonnen. Stundenlang trotteten wir durch den Schnee, der immer tiefer wurde. Ständig mußten wir die blockierenden Räder mit Steinen freiklopfen. Das nervte. Es begann schon zu dunkeln, als wir einen aus der Gegenrichtung kommenden Bus passierten. Er hatte einen Motorschaden. Die Passagiere, allesamt Tibeter, standen im Schnee herum und froren. Die mußten wahrscheinlich die Nacht da oben im Bus verbringen. Ich hätte nicht an deren Stelle sein wollen. Alles eine Sache der Perspektive. Sie dachten wahrscheinlich dasselbe über uns. Ein chinesischer Militärkonvoi mit fünf Lkw kam vom Paß herunter. Die dachten gar nicht daran, den Buspassagieren zu helfen. Ohne auch nur langsamer zu werden, fuhren sie an den Leuten vorbei. „Das sind doch A…“, sagte Reiner und er hatte wieder einmal recht. Als wir im Schneegestöber den Paß erreichten, dachten wir, daß die Schieberei abwärts einfacher werden würde. Wenn es denn richtig abwärts gegangen wäre, hätte das auch gestimmt. Aber das Gefälle war nur minimal und wir kamen kaum schneller vorwärts als beim Aufwärtsgehen. Wir stellten uns langsam darauf ein, daß es eine lange Nacht werden könnte. Und dann, es war schon 20 Uhr, ein Licht. Ein Wegmacherhäuschen! Wir klopften an. Die Leute waren einigermaßen überrascht, uns zu sehen. Mit ausländischen Radfahrern hatten sie um diese Zeit nicht mehr gerechnet. Wir durften in einem Nebengebäude, in einem Holzschuppen, schlafen. Aber erst machte uns die Frau des Hauses eine dicke Nudelsuppe. Es war richtig heimelig in der warmen Stube. Unsere Gastgeberin stellte einen großen Suppentopf auf den Tisch. Reiner nahm einen Löffel voll, dann legte er den Löffel wieder auf den Tisch. Es kam aus dem tiefsten Inneren, als er sagte: „Es tut so gut, wenn man etwas bekommt, was man sich schon solange gewünscht hat.“ Es war nun doch schon mehr als einen Tag her, seit wir das letzte Mal etwas gegessen hatten. Und das an unserem Ruhetag!

Am nächsten Tag, als wir aufstehen wollten, klappte das nicht bei allen einwandfrei. Kaum stand Armin, mußte er sich wieder hinsetzen. Irgendetwas an seinem Kreislauf paßte nicht. Die letzten Tage hatten bei uns allen an der Substanz gezehrt. Nach ein paar Versuchen konnte er etwas gehen. Fahren ging noch nicht. Also schoben wir. Immer wieder mußte er sich am Straßenrand hinsetzen, weil ihm schwindlig wurde. Das machte keinen Sinn. Wir stoppten einen Lkw. Armin legte sich in seinem Schlafsack auf die Ladefläche. Er sollte im nächsten Ort auf uns warten.

Am Nachmittag kamen wir im ersten Dorf an. Armin war mittlerweile wieder pumperlgesund. Aber es war eindeutig die Zeit gekommen, um wieder einmal mit einem Lkw etwas Strecke zu machen. Wir fanden bald eine Gruppe von Lkw-Fahrern, die uns gegen ein kleines Entgelt mitnehmen wollten. Von diesen Fahrern konnten wir anhand unserer Weltkarte erstmals auch feststellen, wo wir waren. Es gibt durch Tibet eine Süd- und eine Nordroute. Beide Routen waren auf unserer Karte eingezeichnet. Allerdings ist uns die Abzweigung, an der sich die beiden Routen trennten, nie aufgefallen. Wir hatten lange Zeit keine Ahnung, auf welcher Route wir uns befanden. Die Fahrer klärten uns auf. Wir waren auf der Nordroute unterwegs. Auf der Ladefläche waren wir nicht allein. Da waren schon viele Tibeter, allesamt in dicke Fellmäntel eingehüllt. Es war damals in Tibet üblich, mit Lastwagen zu reisen. Das konnten ohne weiteres auch lange, mehrtägige Reisen sein. Unsere Fahrer befuhren die Stecke Lhasa – Chengdu. Chengdu war die erste große Stadt in China, wenn man von Tibet kam. Meist fuhren die Lkw in kleinen Konvois. Die Reisen waren stets kleine Abenteuer. So eine Fahrt konnte zwei Wochen dauern, sie konnte aber auch, wenn viel Schnee lag oder Straßen verschüttet waren, mehr als einen Monat dauern. Die Lkw-Fahrer mußten sich durch das Land kämpfen, wie wir es taten. Die blieben auf hohen Pässen im Schnee stecken. Dann mußten sie selbst im größten Schneetreiben raus in die Kälte und schaufeln. Dann wieder steckten sie irgendwo im Schlamm fest oder die Straße war durch Erdrutsche verlegt. Es gab immer was zu tun. Auf unserer Fahrt war an einer Stelle die Straße soweit abgerutscht, daß zwischen dem Reifen und dem Abgrund gerade noch fünf Zentimeter Straße waren. Der Beifahrer stieg aus, postierte sich beim Hinterrad und klopfte mehrmals auf die Ladefläche. Der Fahrer fuhr langsam los, Zentimeter für Zentimeter. Der Beifahrer klopfte ständig weiter. Sobald er aufhörte, blieb auch der Fahrer stehen. Er stieg aus. Man schaute sich gemeinsam die Sache an, diskutierte ein wenig. Die Passagiere, die alle abgestiegen waren, gaben auch noch ihren Senf dazu. Der Fahrer stieg wieder ein. Dann wurde wieder geklopft, und der Lkw tastete sich ganz behutsam, wie auf rohen Eiern vorwärts. Als man die brenzlige Stelle gemeistert hatte, war das auf alle Fälle einen kräftigen Schluck wert. Der Beifahrer reichte während der Fahrt einen Kanister mit Schnaps aus dem Fenster nach hinten. Der machte unter den Reisenden die Runde und ging beim Fahrer wieder zurück in die Fahrerkabine. Der Kanister drehte noch manche Runde. Es wurde lustig in der Fahrerkabine. Fetzen tibetischer Gesänge drangen zu uns nach hinten auf die Ladefläche und verliehen der Fahrt eine folkloristische Note. Wir waren zwei Tage mit denselben Fahrern und denselben Reisenden unterwegs. Da wächst man zu einer verschworenen Truppe zusammen. Es gibt so viele Schwierigkeiten gemeinsam zu bewältigen. Da sitzen alle in einem Boot.


Ich habe diese Etappen auf den Lkw geliebt. Man lag gemütlich im Schlafsack und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen. Das war eine wesentlich entspanntere Perspektive als auf dem Fahrrad. Die Fahrradperspektive war manchmal doch sehr eingeschränkt, den Blick auf die Straße fixiert. Auf der linken Seite könnten etwas weniger Löcher sein, glaubte man immer, wenn man auf der rechten fuhr. Man wechselte auf die linke Straßenseite, dann war zufälligerweise die rechte Seite wieder besser. Solche Probleme hatte man auf einem Lkw nicht. Wenn sich draußen nichts tat, schloß man die Augen ein wenig und döste vor sich hin. Wenn’s aufwärts Richtung Schnee ging, kam meist Bewegung auf die Ladefläche. Die Tibeter verkrochen sich unter dicke Decken. Wir zogen die Kapuzen tief ins Gesicht und schloßen die Schlafsäcke.

Ich habe an anderer Stelle geschrieben, wir seien zur falschen Zeit unterwegs gewesen sein. Das stimmt nur bedingt. Klar war es im Spätwinter schwierig, voran zu kommen. Andrerseits war die Landschaft in jener Übergangszeit viel schöner als im Sommer. 20 Jahre nach unserer Reise habe ich einen interessanten Diavortrag von zwei Vorarlbergern gesehen, die Tibet auf der gesamten Länge von West nach Ost durchquert hatten. Der größte Teil des Vortrags konzentrierte sich auf den extremeren Streckenteil westlich von Lhasa. Ich aber wartete auf „mein“ Tibet ganz im Osten. Und als jene Bilder dran waren, erkannte ich das Gebiet nicht mehr. Alles gleichförmig braun und grau, bis zum Horizont. Was hatten wir dagegen für Panoramen erlebt. Wenn wir bei Sonnenschein auf einen Paß kamen, blickte man über eine einzigartige, verschneite Hochgebirgslandschaft. Und dann der Blick auf den tief verschneiten Namche Barwa. Eines der schönsten Landschaftsbilder, die ich je gesehen habe. Wir fuhren von einem hohen Paß weit abwärts ins Tal des Tsangpo, und plötzlich eröffnete sich uns der Blick in eine andere Welt. Unter uns der türkisblaue Tsangpo, jener Fluß, der, wenn er Tibet verläßt, seinen Namen ändern wird und dann zum Bhramaputra wird. An den Ufern des türkisblauen Wasser saftig grüner, subtropisch anmutender Regenwald. In den Ästen der Bäume spielten Affen. Aus dem Regenwald erhob sich ein blendend weißer, tief verschneiter, gewaltiger Berg, der Namche Barwa. Darüber ein wolkenloser, stahlblauer Himmel. Der Namche Barwa ist 7782 m hoch und war zu jener Zeit der höchste noch unbestiegene Gipfel der Welt. Das wußten wir damals noch nicht. Wir hatten von dem Berg noch nie etwas gehört. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, wo wir waren. Aber Affen in Tibet! Wir nannten das Gebiet das Affental. Wir waren uns einig. Hierher müssen wir wieder einmal zurückkehren. Wir wollten wissen, wie es hinter diesem Berg aussieht. Als ich wieder zuhause war, beschäftige ich mich dann intensiv mit der Region. Das Gebiet hieß Pemakö. In den Zwanzigerjahren war es von einer Expedition englischer Biologen besucht worden. Das war die einzige Quelle, die ich auftreiben konnte. Deshalb besuchte ich Heinrich Harrer, der damals in Liechtenstein lebte. Ich erzählte, daß ich nach Tibet wolle. Bevor ich etwas über mein Ziel, Pemakö, sagen konnte, unterbrach er mich und sagte: „Dann solltest du unbedingt nach Pemakö gehen.“ Er erzählte, daß er während seiner Zeit in Tibet dreimal versucht hatte, dorthin zu gelangen, es aber nie geschafft hatte. Auch ich bin später nochmals mit dem Ziel Pemakö nach Tibet aufgebrochen. Ich bin aber nicht einmal in die Nähe gekommen. Schon an der Grenze zu Tibet bin ich zur Umkehr gezwungen worden. Das war also unser „Affental“ Ende Februar. Im Sommer wäre die Reise weniger beschwerlich gewesen. Aber solche Impressionen wären uns verwehrt geblieben.

Eigentlich hätten wir gar nicht in dem Land sein dürfen. Wir dachten, daß das jeder Chinese wüßte – zumindest jeder in Uniform. Daraus ergab sich ein Problem. Die Public Security konnte man umgehen. Die war nur in größeren Orten situiert. Es gab aber noch die Miltärkasernen, die über ganz Tibet verstreut waren und meist einsam in der Einöde standen. Es ist nur logisch, daß Kasernen einer Straßenanbindung bedurften. Da es aber in weitem Umkreis nur „unsere“ Straße gab, war es mindestens so logisch, daß wir unmittelbar an diesen Kasernen vorbei mußten. Das bereitete uns stets ein wenig Kopfzerbrechen, und es ließ sich nicht vermeiden, daß wir irgendwann doch einmal entdeckt wurden. Ein Soldat grüßte – nicht dienstlich, eher interessiert und durchaus freundlich. Wir grüßten ebenso freundlich, schauten unschuldig und machten, daß wir weiter kamen. Doch der Soldat gab uns zu erkennen, daß wir stehen bleiben sollten. Es schien uns vernünftig, den Wünschen chinesischer Soldaten in Tibet zu entsprechen. Der Mann wirkte symphatisch. Er wollte nicht einmal den Paß sehen. Er redete auf uns ein, und wir schauten wohl etwas blöd, weil wir ein schlechtes Gewissen hatten und nicht wußten, was jetzt schon wieder kommt, und weil man – wie schon vorher gesagt – mit Chinesen nicht reden kann. Während des Gesprächs, das eher ein Monolog war, gesellte sich ein zweiter Soldat zu uns. Er schien ein hohes Tier zu sein. Er sprach, was in China äußerst selten vorkam, ein paar Worte Englisch. Er fragte, ob wir Hunger hätten. Das fragte er UNS! Wir hatten schon im Flug nach Kathmandu gesagt „If you have anything left over, dont throw it away!“ Da kamen wir aus dem paradiesischen Thailand. Jetzt aber waren wir schon seit Wochen in Tibet. Wir hatten in Tibet Tag und Nacht Hunger. Wenn wir nachts in den Schlafsäcken lagen und über irgendein beliebiges Thema sprachen, landeten wir irgendwann beim Apfelkuchen von Reiners Mutter oder bei den Käsknöpfle meiner Mutter oder…Alle unsere Gespräche drifteten über kurz oder lang, ohne daß wir es bemerkten, aufs Essen ab. In unseren Köpfen gab es nur ein Thema. Und dann fragte der, ob wir Hunger hätten. Es stellte sich heraus, daß wir in der Kaserne gegen Bezahlung essen konnten und auch schlafen. Wir trauten unseren Ohren kaum. Schließlich wollte er aber doch noch unsere Pässe sehen. Ein kurzer Moment der Unsicherheit. Aber es war wohl mehr ein Formalakt. Jeder, der eine Uniform trug, wollte unsere Pässe sehen. Er konnte mit lateinischen Buchstaben nicht viel anfangen und gab sie uns auch gleich wieder zurück. Ein Soldat zeigte uns das Zimmer. Es war ein schlichtes, aber sauberes Zimmer mit richtiger, sauberer Bettwäsche. Es war das erste Mal seit Langem, daß wir nicht in unseren Schlafsäcken schliefen. Kaum war der eine Soldat verschwunden, kam ein anderer und brachte uns Tee und eine Thermoskanne mit heißem Wasser. Zur Essenszeit holte uns ein Soldat ab und führte uns in den Speisesaal. Zusammen mit den  Soldaten standen wir in einer Reihe und fassten das Essen aus. Da wurde kein Unterschied zwischen Touristen und Soldaten gemacht. Eine Stunde zuvor hatten wir befürchtet, unsere Tibetreise stünde auf der Kippe, stattdessen saßen wir nun inmitten einer Kompanie Soldaten und aßen mit ihnen Abendbrot. Das Essen war wohl das beste, das wir in Tibet bekommen haben. Danach blieben wir mit einigen der Soldaten sitzen. Es war jammerschade, daß wir nicht mit ihnen sprechen konnten. Sie holten ihre Erinnerungsfotos aus den Zimmern. Sie zeigten uns ihre Kinder, die Frauen und Freundinnen, manchmal die ganze Verwandtschaft. Viele kamen aus dem Süden. Sie zeigten uns Bilder mit grünen Reisfeldern und auch vom Urlaub am Meer. Sie deuteten an, wie schön es dort sei und wie kalt in Tibet. Sie waren – und das war nun wahrlich nicht schwer zu verstehen – nicht freiwillig in diesem Land. Mit Tibet verband sie keine Abenteuerromantik. Für sie war Tibet eine Vorstufe zur Hölle. Sie sehnten sich nach ihrer Heimat. Wir gingen schon früh ins Bett und schliefen so erholsam wie schon lange nicht mehr. Als wir uns am Morgen verabschiedeten, winkten uns die Soldaten freundlich hinterher.

Mit dieser kleinen Episode ist uns klar geworden, daß wir uns zu wichtig nahmen. Einzig die Public Security war über die Ausländervorschriften informiert. Für das Militär waren die paar Touristen, die sich neuerdings nach Tibet verirrten, kein Thema. Die hatten andere, größere Probleme.

Die Kasernen waren Oasen der Zivilisation im abgelegenen Tibet. Ich hatte in Tibet tagelang starke Zahnschmerzen. Wenn Armin und Reiner aßen, spazierte ich die Straße auf und ab und wenn sie schliefen spazierte ich wieder auf und ab. Nach ein paar schlaflosen Nächten und reiflicher Überlegung – mir war der Zahnarzt in Lhasa mit seinem pedalbetriebenen Bohrer noch in lebhafter Erinnerung – kam ich zur Überzeugung, daß man diese Oasen der Zivilisation nicht nur zum Essen nutzen sollte. „Ich laß‘ mir jetzt den Zahn reißen. So kann das nicht mehr weitergehen“, eröffneten ich den beiden, als wir wieder an einer  Kaserne vorbeikamen. Der Entschluß war mir wirklich schwer gefallen. Weiß Gott, was die da für Quacksalber ins tibetische Exil abgestellt hatten. Armin’s Mitleid hielt sich in Grenzen. Sichtlich erfreut fragte er:

„Darf ich das fotografieren?“ „Das ist mir wurscht“, antwortete ich. „Hey, super! Das gibt Bilder.“ Zu zweit gingen wir dann von der Straße hinunter zur Kaserne. Ich sprach nicht viel. Armin dagegen tänzelte voller Vorfreude aufgeregt um mich herum. Wir fragten uns bis zum Arzt durch. Wir klopften an die Tür. Niemand öffnete. Der Arzt war unauffindbar. Ich merkte, wie mir ein Stein vom Herzen fiel. „Warten wir noch ein wenig“, schlug Armin vor. „Sicher nicht. Ich will weiter. Es gibt schon wieder einmal eine Gelegenheit. Und im Übrigen ist der Zahn im Augenblick eh wieder ganz gut.“ Ich hatte festgestellt, daß, je näher ich dem Arztzimmer kam, der Schmerz immer weniger wurde. Das ist ein altbekanntes Phänomen. Ungewöhnlich allerdings war, daß ich ab jenem Zeitpunkt den Zahn nie wieder spürte. Ich gehe davon aus, daß er abgestorben war. Ich hatte das schon einmal während eines Urlaubs erlebt. Das hatte sich ähnlich angefühlt. Aber der Zeitpunkt seines vermutlichen Ablebens verwunderte mich doch ein wenig.


Improvisiertes Nachtlager. Mit unseren Fahrradsäcken und meinem Regenponcho bauten wir einen Schutz gegen den Regen. Reiner und Armin schlafen noch unter der Isomatte, die wir uns über die Köpfe gelegt hatten.


Bald erreichten wir die tibetische Grenze. Wir wußten, daß dies wieder eine Schlüsselstelle auf unserer Reise sein würde, da wir dort einen Kontrollposten zu passieren hatten. Wir konnten schlecht mit den Fahrrädern dort vorfahren und sagen: „Grüß Gott, wir kommen aus Lhasa.“ Das hätten sie uns bestimmt übel genommen. Deshalb suchten wir uns für die Grenzpassage einen Lkw. Die Fahrer wußten Bescheid. Sie selbst hatten uns auf die Kontrollen aufmerksam gemacht. Als wir zustiegen, war die Ladefläche schon gut ausgebucht. Kurz vor dem Dunkelwerden, blieb der Fahrer stehen, stieg auf den Hinterreifen, gab uns ein paar Decken und salutierte. Wir nickten, um zu zeigen, daß wir verstanden hatten. Es war soweit. Wir legten die Decken über unsere Schlafsäcke und zogen sie hoch ins Gesicht. Die Ladefläche war gut gefüllt mit Tibetern, die ebenfalls allesamt unter dicken Decken lagen. Zwischen all den vor sich hin dösenden Menschen waren wir nur schwerlich als Artfremde auszumachen. An der Grenze stieg der Fahrer aus. Wir hörten, daß er mit jemandem diskutierte. Kurz darauf stieg einer der Kontrolleure auf das Hinterrad und warf einen kurzen Blick auf die Ladefläche. Es gab da oben keine Besonderheit, nur schlafende Tibeter. Er gab das Zeichen zur Weiterfahrt.

Der neuralgische Punkt, der uns während der Fahrt durch Tibet am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte, lag hinter uns. Wir hatten die Autonome Provinz Tibet verlassen. Das hieß nicht, daß wir damit auch Tibet verlassen hatten. Nach der Besetzung Tibets wurden große Teile Osttibets chinesischen Provinzen zugeschlagen. Nach Überqueren der Grenze befanden wir uns zwar in der Provinz Sichuan, aber in Wahrheit hatte sich gar nichts geändert. Wir waren noch immer im tiefsten Tibet. Es gab dieselben hohen Pässe, dieselben Menschen, dieselbe Verpflegung.


Klöster und Nomaden in Osttibet



Yunnan

Erst als wir nach vielen weiteren Tagen von Kangding Richtung Süden fuhren, hatten wir das Gefühl, Tibet tatsächlich zu verlassen. Die Landschaft wurde zusehends grüner. Es war mittlerweile Frühling geworden. Alles blühte. Die Temperaturen waren angenehm. Wir waren in Yunnan angekommen. Bei einem einsamen Bergbach machten wir Rast, zogen uns aus und wuschen uns von Kopf bis Fuß. Es war jener Moment, als Reiner sagte: „Heute wechsle ich das erste Mal seit einem Monat meine Unterhose!“ Mit welchen Worten hätte man unsere Tibetreise besser charakterisieren können.


Die erste große Körper- und Kleidungswäsche seit Wochen. Reiner wechselt die Unterhosen!


Wir hatten uns gewaschen und frisch angezogen. Ein Gefühl der Erleichterung machte sich in uns breit. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten hatten wir die Tage in Tibet zu lieben gelernt. Tibet hatte die Reise zu etwas Besonderem gemacht. Und doch genossen wir es, daß die Anstrengungen hinter uns lagen. Wir hatten keine konkreten Vorstellungen, was als nächstes kommen würde. Aber wir waren in China.  Die Zivilisation, so glaubten wir, hatte uns wieder. Da hatten wir uns aber gehörig getäuscht.

Das nördlich Yunnan ist sehr gebirgig und ebenso abgelegen wie Tibet. Mich faszinierte die Gegend, die wir nun durchquerten um nichts weniger als Tibet, das gerade hinter uns lag. Ich gab dem Land einen Namen: „Das Land hinter den sieben Bergen.“ In einer solchen Welt, eingebettet zwischen hohen Bergen, weit weg von der unsrigen, in einer Welt, von der niemand etwas wußte, mußte Schneewittchen aufgewacht sein. Wir überquerten einen Paß und betraten ein weitläufiges, grünes Tal mit sprudelnden Bergbächen, das ringsherum von Bergen eingeschlossen war. Die Menschen, die in dem Tal wohnten, trugen bunte Trachten. Sie schauten fremdartig aus. Es waren weder Chinesen, noch waren es Tibeter. Der Talkessel war schnell durchquert. Wir verließen ihn über einen weiteren Paß und landeten wiederum in einem grünen, von Bergen eingeschlossenen Tal. Alles schaute aus wie in dem vorhergehenden Tal, nur daß die Menschen völlig andere Trachten trugen. In Yunnan leben 36 verschiedene Ethnien, die sich in ihren Traditionen, in der Sprache und auch in der Art, sich zu kleiden, oftmals sehr stark voneinander unterscheiden. In den schwer zugänglichen nördlichen Bergregionen, die wir durchquerten, haben manchmal sogar einzelne Dörfer in ihrer Isolation ihre eigenen Bräuche entwickelt.

In einem etwas größeren Ort in dem „Land hinter den sieben Bergen“, wollten wir auf dem Markt etwas einkaufen. Als die Menschen uns sahen, strömten sie aus allen Ecken zusammen. Um uns drängten sich Hunderte Menschen. Das Marktleben brach zusammen. Wir standen ein paar Meter auseinander. Unsere Köpfe ragten etwas aus der Masse heraus. Nur über die Köpfe der Menschen hinweg konnten wir uns miteinander unterhalten. Hin und wieder wagte es einer, im Gedränge unser Haar oder unsere Haut zu berühren. Armins helle Haare waren besonders beliebt. Bei einem derartigen Tumult ließ die Polizei natürlich nicht lange auf sich warten. Alle Gassen waren verstopft. Nichts ging mehr. Der Handel war zum Erliegen gekommen  Zwei Beamte bahnten sich einen Weg zu uns. Freundlich aber doch so bestimmt, daß wir nicht gewagt hätten, ihnen zu widersprechen, geboten sie uns, den Ort zu verlassen, da sonst ein geregelter Ablauf auf dem Markt nicht möglich sei.



Auch im Yunnan war es Ausländern nicht erlaubt auf eigene Faust zu reisen. Jedoch gab es weniger Kontrollen als in Tibet. Wir konnten uns frei bewegen. Nur ein einziges Mal, als wir in einer Kleinstadt in einem Hotel übernachteten, bekamen wir Besuch von der Polizei. Sie kamen gleich fünf Mann hoch. Sie schauten sich pro forma unsere Pässe an. In Wahrheit aber galt ihr ganzes Interesse uns, den Ausländern. Sie waren sehr gastfreundlich und lustig. Sie brachten zum Einstand eine Flasche Schnaps  mit, die wir zusammen tranken, wobei den Herren von der Polizei der Löwenanteil zukam. Bei aller Gastfreundschaft war doch ihre Unsicherheit zu spüren. Sie hatten keinerlei Erfahrung mit Ausländern. Durften wir überhaupt in ihrer Stadt sein. Sie schienen es selbst nicht zu wissen. Zwischendurch fragten sie uns nach unseren Permits. Es war ihnen fast etwas peinlich, ihre ausländischen Gäste damit zu behelligen. Aber Dienst ist Dienst. Wir nickten und zeigten ihnen unsere Pässe mit den chinesischen Visa. Das beruhigte sie fürs erste. Es wurde wieder Schnaps nachgeschenkt und gelacht. Sie wollten wissen, wo wir herkämen. „Germany“, antworteten wir. Damit konnten sie nichts anfangen. Daraufhin versuchten wir es mit „Alemannia“. Wieder verständnisloses Achselzucken. Plötzlich ging einem ein Licht auf: „Albania“, rief er erfreut. „Yes, Albania“, bestätigte ich, und die Polizisten klatschten vor Freude in die Hände. Klar, wir kamen aus Albanien. Uns hätte nichts Besseres passieren können. Das kommunistische Albanien war zu jener Zeit ein enger Verbündeter Chinas. Wir waren kommunistische Brüder aus dem fernen Europa. Da wurde natürlich nochmal nachgeschenkt und auf die Freundschaft angestoßen. In Hinkunft, wenn man uns in China nach der Herkunft fragte, kamen wir immer aus Albanien. Bei aller kommunistischen Freundschaft: ganz wohl war unseren Besuchern mit den Ausländern in ihrer Stadt denn doch nicht. Bei ihrem Abschied machten sie uns nämlich klar, daß wir am folgenden Tag sofort die Stadt verlassen müßten.

In Yunnan mußte nun eine Entscheidung über den weiteren Verlauf unserer Reise fallen. Ich hatte unbeschränkt Zeit. Armin und Reiner mußten aber am 1. Mai zum Zivildienst einrücken. Wenn wir nun mit dem Rad bis Hongkong gefahren wären und von dort nachhause geflogen, wäre sich das leicht ausgegangen. Aber ganz besonders Armin wollte sich noch Amerika anschauen. „Wenn ich schon so weit gekommen bin, will ich jetzt auch um die ganze Welt reisen.“ Reiner tendierte auch zu Amerika, während ich die andere Variante bevorzugt hätte. Aber eigentlich interessierte mich Amerika auch. Asien kannte ich sehr gut. In Amerika dagegen war ich noch nie gewesen.  Die gemeinsame Entscheidung fiel auf Amerika. Wir fuhren noch ein paar Tage mit den Fahrrädern Richtung Kunming, der Hauptstadt Yunnans. Dann aber wurde es Zeit in den Bus umzusteigen.

Am Busbahnhof einer Kleinstadt wollten Reiner und ich die Tickets für die Busfahrt  kaufen. Wir  redeten und deuteten. Die Frau am Schalter verstand absolut nichts. Sie schaute uns nur groß an. Da klopfte uns Armin von hinten auf die Schulter: „Komm, laßt mich mal.“ Er nahm seinen Zettel heraus, auf dem er sich ein einige wichtige Phrasen in chinesischer Lautschrift aufgeschrieben hatte. „Du glaubst doch nicht etwa, daß die auch nur eine Silbe von deinem Chinesisch versteht.“ Wir hatten das ehrliche Gefühl, er sei jetzt übergeschnappt. Er hatte ja auch diese Schwindelanfälle in Tibet gehabt. Wer weiß, was das für Nachwirkungen hat. Für eine objektive Beurteilung seines geistigen Zustands muß man wissen, daß ich in China nicht fähig war, ein Bier zu bestellen, obwohl ich genau wußte, was Bier heißt. Ich bekam immer Schnaps. Dabei konnte ich den Unterschied deutlich erkennen. Das eine heißt bitschu, das andere beitschu oder halt so ähnlich. Ich konnte das nicht. Und dann ging Armin hin und las einen vollständigen chinesischen Satz vor, mit allem, mit Subjekt und Prädikat. Wie auf Kommando legte die Schalterbeamtin los und wir hatten unsere Tickets. Das mit der Abfahrtszeit hatten wir aber nicht so ganz mitbekommen. Wir warteten eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden… Schließlich waren wir die letzten Fahrgäste im Warteraum, was uns etwas stutzig machte. Wir holten die Schlafsäcke raus und legten uns auf die Bänke. Es war schon dunkel, als ein Mann mit Besen und Kehrschaufel kam. Er wollte putzen, aber da lagen noch die drei Ausländer faul herum. Er wollte wissen, was wir hier noch machten. Wir zeigten ihm, daß wir auf den Bus warteten und er zeigte, daß es keinen Bus mehr gebe. Wir zeigten ihm unsere Fahrscheine. Er schüttelte den Kopf und begann mit seinen Erklärungen. Schlußendlich begriffen wir, daß wir Zugfahrkarten gekauft hatten.

Wer in China mit dem Zug fährt, sollte keine Platzangst haben. Es stellte sich als Vorteil heraus, daß wir in den vorangegangenen Wochen etwas Gewicht verloren hatten. So konnten wir uns in ein paar Zwischenräume quetschen, die eigentlich gar nicht vorhanden waren. Nach ein paar Stationen ergatterte ich sogar einen Sitzplatz. Als ich mich mühsam auf den freien Platz zwängte, sinnierte ich wieder einmal über die Klugheit der Natur, die sich gerade in diesem Zug so deutlich offenbarte. In einem überbevölkerten Land wie China haben kleine Menschen einen Vorteil im Kampf um die knappen Ressourcen. Und Sitzplätze waren in den Zügen dieses Landes bei Gott eine knappe Ressource. So hat es die Natur in ihrer allumfassenden Weisheit eben eingerichtet, daß in China die Menschen klein sind und jeweils zu viert auf Dreiersitzbänken Platz finden. Ich aber war groß, zu groß für China. Ich konnte auf diesen Bänken zusammengequetscht wie eine Sardine nicht stundenlang sitzen. Langfristig hätte ich in diesem Land dem evolutionären Druck nicht standgehalten und wäre wegselektioniert worden. Bevor das aber geschehen konnte, verflüchtigte ich mich selbst. Ich holte meinen Schlafsack raus und legte mich unter die Sitzbank, den Kopf unter der einen, die Füße unter der anderen Bank. Über mir hingegen die Beine der Sitzenden. So ließ es sich gut aushalten, obgleich ich kurzfristig durch ein etwas verstörendes Intermezzo aus dem Halbschlaf gerissen wurde. Des Nachts sollte nämlich das kleine Kind, das eine junge Frau auf ihrem Schoß trug, aufs Klo. Bei der Menschenmenge war es aber schier unmöglich, sich bis zur Toilette durchzukämpfen. Deshalb zog ihm die Mutter an Ort und Stelle die Hose runter und hielt es 20 Zentimeter neben mir über den Boden. Das Kind, eindeutig noch zu jung, um dabei geringste Scham zu empfinden, verrichtete nun unbekümmert sein Geschäft. Neben mir rann ein Brünnlein zu Boden und verteilte sich dort gleichmäßig. Ich rückte, so gut man zwischen all den Beinen rücken konnte, etwas zur Seite. Allerdings, zur Gänze konnte ich den Flüssigkeitskontakt nicht verhindern. Nichtsdestotrotz, insgesamt war die Nacht okay. Die anderen zwei hatten es schlechter erwischt. Reiner kauerte irgendwo am Boden und Armin war ins Gepäcknetz hochgeklettert und hatte sich dort oben, wie er mir sagte, eine Scheiß-Nacht um die Ohren geschlagen.

Am Vormittag mußten wir umsteigen. Nachdem wir die Bahnhofschilder nicht lesen konnten, wiederholten wir bei jeder Station den Namen unserer Station, bis einer unserer Mitreisenden uns andeutete, daß unsere Zeit gekommen war. Es war nicht möglich, bis zum Ausgang zu kommen. So kletterten wir kurzerhand zum Fenster raus. Wir holten unsere Räder aus dem Gepäckswagen und erfuhren, als wir gerade erleichtert durchatmeten, daß wir doch weiterfahren mußten. Räder retour und wieder rein in den Zug. Der Sitzplatz war natürlich dahin. Zuerst stand ich ein paar Stunden im Verbindungsgang zwischen den Wagons oberhalb der Anhängerkupplung. Schließlich wurde der Platz vor der Klotür frei. Auf dem Boden sitzend, den Rücken an die Wand gelehnt und die Beine gegen die Klotür gestemmt verbrachte ich die nächsten 12 Stunden. Der Platz war gar nicht mal so übel, da ich leichten Durchfall hatte. Nachts um 12 machte der Zug etwas länger Station. Wir rannten raus, zum Fahrdienstleiter, und fragten, ob es nicht möglich sei, einen Liegewagen für die Nacht zu bekommen. Das klappte sehr gut und schnell. Die Plätze kosteten ein paar Euro. Kein Problem für uns. Für den Durchschnittschinesen allerdings waren sie unerschwinglich. Es waren nur ein paar Schritte zu den vorderen Wagons und doch wechselten wir in ein anderes China. Keine Menschen, alles war ruhig. Es war, als hätte man der Welt einen Schalldämpfer vorgesetzt. Wir hatten ein Abteil für uns allein. In den Lautsprechern spielte leise chinesische Musik. Vor den Fenstern hingen Vorhänge. Ein Schaffner brachte uns heißes Wasser für den Tee. Die Teekanne und drei saubere Tassen standen schon auf der Ablage bereit. Die Betten waren mit sauberem Bettzeug überzogen. Wir waren Dantes Inferno entkommen und im chinesischen Himmel gelandet. Wir bestellten noch etwas zu essen, dann legten wir uns nieder. Die letzten Wochen hatten richtig Substanz gekostet. Jetzt aber waren wir wirklich angekommen. Völlig entspannt lehnten wir uns zurück und schliefen auch gleich ein. Wir schliefen 12 Stunden, ohne auch nur einmal aufzuwachen. Ich hatte die Leute bis zu jener Nacht nie verstanden, die mir stets erklärt hatten, in kommunistischen Regimen sei der Abstand zwischen Arm und Reich geringer als bei uns. Jetzt wußte endlich auch ich, was sie meinten. Der Abstand betrug in China gerade mal eine Wagonlänge.


Es gab uns zu denken, als die junge Dame den Mundschutz anzog, hatte Reiner doch seine Unterhosen schon in Yunnan gewechselt.


In Shenzen, an der Grenze zu Hongkong, verließen wir den Zug. Shenzen ist heute eine Großstadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Als wir dort ankamen, war es noch ein unbedeutendes Provinzkaff, in dem man sich am besten per Fahrrad bewegte. Nur wenige Jahre vor unserer Ankunft hatte Shenzen gerade mal 30 000 Einwohner gehabt.

Wir fuhren vom Bahnhof in die Stadt und suchten einen Schneider. Bei diesem ließen wir unsere Fahrräder wieder in die Säcke einnähen und machten uns auf zur Grenze. Der Zöllner warf nur einen kurzen Blick auf die Plomben, die wir nicht angetastet hatten, und winkte uns durch.


                                       Hongkong



In Hongkong stürzten wir uns als erstes auf die Supermärkte der Stadt. Da gab es alles, was es zuhause auch gab, vor allem „richtiges“ Brot und Käse.  Weniger heimelig war unsere Unterkunft. Wie immer, wenn ich in Hongkong war, lebten wir in den Chungking Mansions. Die Chungking Mansions waren Billigunterkünfte in der Stadtmitte, in denen man überwiegend Pakistani, Inder, Araber aber eben auch Globetrotter, die auf der Sparschiene unterwegs waren, fand. In unserem Zimmer standen dicht an dicht fünf Stockbetten, in denen Rucksackreisende aus der ganzen Welt schliefen. Es war ein Zimmer in einer kleinen Privatwohnung. Tür an Tür mit den Rucksackreisenden lebte in der Wohnung eine kleine Familie, die Eltern mit zwei Töchtern im Alter von 16 und 17 Jahren. In keinem der Zimmer gab es ein Fenster. Den ganzen Tag brannten die Lichter. Man wußte nicht, ob es Tag war oder Nacht, ob die Sonne schien, oder ob es regnete. Es war ein Leben in der Unterwelt. Der Vater hatte einen Stuhl und einen Tisch im Stiegenhaus vor dem Wohnungseingang aufgestellt. Das war quasi die Hotelrezeption. Wenn  alle Stockbetten besetzt waren, schlief die ganze Familie in einem Zimmer. Wenn aber bei uns eines der Stockbetten frei wurde, zogen die Mädchen in unser Zimmer um und schliefen in den frei gewordenen Stockbetten. Es gab in dem Haus keine Privatsphäre. Wir benutzten dasselbe Klo und dieselbe Dusche wie die Familie. Das Leben dieser Familie in den Chungking Mansion war für mich um nichts weniger befremdlich, als jenes in den entlegensten tibetischen Dörfern. Die Menschen in dieser Wohnung lebten in einem Bunker. Wenn sie vor die Tür gingen, standen sie an einer mehrspurigen Straße mitten in der Stadt. Für uns war es ein zeitweiliger Aufenthalt. Wir benötigten nur ein Bett zum Schlafen. Sie aber lebten in dieser Unterwelt wie die Morlocks. Ich ging von unserem Zimmer ein paar Schritte weiter. Die Tür zum nächsten Zimmer stand offen. Drinnen saßen – wie immer, wenn ich an dem Zimmer vorbeikam – die Mädchen im dunkeln Raum vor dem Fernseher. Es war früher Nachmittag. Draußen schien die Sonne.

In Hongkong sind wir mit einem Journalisten ins Gespräch gekommen. Dem gefiel unsere Geschichte so sehr, daß wir am nächsten Tag in der größten Zeitung der Stadt auf dem Titelbild und mit großer Begleitgeschichte im Sportteil zu sehen waren. Wo wir nun auch waren in Hongkong, überall trafen wir auf unsere eigenes Geschichte.



Nach Hongkong waren immer schon viele Touristen gekommen. Die aber waren alle mit dem Flugzeug angereist. Seit neuestem aber, und das war die Sensation, tröpfelten immer wieder Touristen in die Stadt, die Hongkong über Land erreichten. Diese ersten Anzeichen einer Öffnung Chinas nach Jahrzehnten der Abschottung wurden in Hongkong genau beobachtet und waren eine groß aufgemachte Berichterstattung wert.


USA

Nach wenigen Tagen flogen wir weiter nach Seattle, in die USA. Als Abschluß unserer Reise wollten wir die USA von West nach Ost durchqueren. Während der letzten Wochen in China, nachdem wir Tibet verlassen hatten, gab es immer wieder kleine Differenzen zwischen Reiner und Armin. Es war nie ein richtiger Streit. Es gab auch nie einen richtigen Grund dazu. Sie gingen sich einfach etwas auf die Nerven. Wir hatten nun doch schon mehr als ein halbes Jahr auf engstem Raum zusammengelebt. Da kann so etwas schon mal passieren. Das soll ja in den besten Ehen vorkommen, habe ich gehört. Und in welcher Ehe pickt man Tag und Nacht so nah aufeinander? Um den Streit nicht eskalieren zu lassen, beschlossen die beiden, in Amerika eine Zeit lang getrennt zu fahren. Nachdem ich mich mit beiden gut verstand, mußte ich mich entscheiden, mit wem ich weiterfahre. Reiner war das Geld ausgegangen. Er wollte sich von zuhause etwas nach Amerika nachschicken lassen. Deshalb mußte er einen Tag in Seattle bleiben. Armin dagegen wollte sofort los. Das erleichterte meine Entscheidung. Ich schloß  mich Armin an. Nach ein paar Tagen, nachdem wir im Park einer Kleinstadt gefrühstückt hatten, blieb ich auf der Parkbank sitzen. Armin fuhr allein weiter. Ich hatte mit Reiner vereinbart, daß ich auf der Strecke auf ihn warten werde, um ein paar Etappen mit ihm zu fahren. Man kennt das ja, wenn man als Außenstehender in einen Ehestreit hineingezogen wird. Da muß man seine Gunst gerecht verteilen, damit keiner beleidigt ist. Für mich war es schwierig. Beide waren vom Typus her grundverschieden, aber beide waren richtig angenehme Typen. Reiner war der Bodenständige, Gradlinige, mit leicht allergischen Reaktionen gegenüber Vertretern der Obrigkeit. Armin war der „Esoteriker“ unter uns. Armin war einer, der homöopathische Kügelchen schluckt, und einer, der dich zur Begrüßung herzlich in die Arme nimmt und an sich drückt. Damit ist eh schon alles gesagt. Bitteschön, das waren doch die Achtzigerjahre. Heute ist das üblich. Aber damals! Wenn ich meine Freunde traf, hieß es „hoi“, und wenn ich wieder ging „zeavas“. Und wenn ich auf eine lange Reise ging eben umgekehrt: „zeavas“, wenn ich ging, und „hoi“, wenn ich nach Monaten zurückkam. Als ich nach 8 Monaten von dieser Reise zurückkam, reichte mir mein Vater zur Begrüßung die Hand. Ich hatte Angst, er sei krank, etwas wirklich Ernstes, etwas was Anlaß zu Sentimentalitäten gibt. Aber es war nichts. Es war einzig ein Ausdruck überschwenglicher Freude. Armin war ganz offensichtlich anders aufgewachsen. In seinem Reisetagebuch konnte man auch mal eine Sonne finden oder ein Blümchen und am Ende eines Briefes ein lustiges Männlein. Das Leben war schön. Aber man durfte das nicht so ernst nehmen. Das war alles irgendwie Show. Eigentlich war er ein harter Knochen, der nie jammerte. Er wußte immer, was er wollte, und zog das auch konsequent durch, auch wenn’s einmal mühsam wurde. Da standen die Blümchen auf verlorenem Posten. Äußerlich waren wir alle drei völlig verschieden. Trotzdem sind wir über mehrere Monate hinweg zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, wie es sie sonst nur in Jugendbüchern gibt. Wir haben auf unserer Reise viel erlebt, wir haben Wüsten gesehen, Tropenwälder und sind wochenlang durch die eine einzigartige Hochgebirgslandschaft gefahren. Allein wäre all das nur die halbe Miete gewesen. Jetzt, da die Schwierigkeiten hinter uns lagen, begann die Gemeinschaft zu bröckeln. Der Alltag hielt langsam wieder Einzug. Ich bedauerte das sehr.


Ein paar USA-Bilder sind noch erhalten geblieben. Die meisten sind auf dem Postweg verloren gegangen. Als ich schon lange wieder zuhause war, erhielt ich ein Paket mit Loch. Darauf stand “Missent to Australia”.


Am Abend traf Reiner in der Stadt ein und wir konnten unseren Weg gemeinsam fortsetzen. Unterwegs erzählte man uns in den Geschäften, daß ein, zwei Tage vor uns ein Engländer ebenfalls mit dem Rad durchgekommen sei. Er wolle nach Patagonien runterfahren. Reiner und Armin mußten bald nachhause. Ich aber war noch voll im Reisefieber. „Wenn wir den einholen, und ich versteh mich mit ihm, dann fahr ich mit dem weiter“, sagte ich zu Reiner. Ich bin nicht der Typ, der lange alleine durch die Lande reist. Aber zu zweit, da hätte mich Südamerika schon sehr gereizt. Es rollte sich gerade so locker durch die Welt. Zwei Tage lang hörten wir immer wieder von dem Engländer. Er fuhr offensichtlich denselben Rhythmus wie wir. Am Abend des dritten Tages, es dunkelte schon, sahen wir endlich einen einsamen Radler vor uns. Wir zogen nochmals an, und als wir ihn eingeholt hatten, war es kein Engländer, sondern Armin. Er war gerade auf der Suche nach einem guten Schlafplatz. Das Team war wieder vollständig. Ich freute mich. Reiner und ich lagen schon lange in den Schlafsäcken, als Armin immer noch wie ein Waldschratt im Unterholz herumstreunte. Er tauchte mit einer Ladung Tannenzweige im Schlepptau aus dem Wald auf und verschwand wieder zwischen den Bäumen. Der Reißverschluß seines Schlafsacks sei seit ein paar Tagen kaputt, erklärte er uns. Deshalb decke er sich nachts immer mit einer zusätzlichen Schicht Tannenzweige zu. Es schaute schon etwas komisch aus, wie Armin so vergraben unter einem Haufen Grünzeug dalag. Damit hätte er auf jedem Grünmüllplatz eine gute Figur gemacht. Wir hatten ihn wieder. Das war unser Armin, der Survivalmann.

Gemeinsam hielten wir auf den Yellowstone Nationalpark zu. Die Fahrt durch Amerika hatte sich bis dahin gemütlich und unbeschwert angefühlt. In Amerika war alles etwas einfacher als in Asien. Die Straßen waren gut, man konnte sich überall gutes Essen kaufen, man konnte das Wasser ohne Bedenken trinken, man hatte keine Menschenmassen um sich und auch keine lästigen Beamten, die einen ständig mit sinnlosen Vorschriften piesackten. Die amerikanischen Tage waren gemütliche, ereignislose Tage. Die Fahrt durch den Yellowstone brachte einen ersten Höhepunkt. Die erste Nacht verbrachten wir in den westlichen Ausläufern des Parks, unmittelbar neben einem Fluß. Es war eine kalte Nacht. Armin war mit seinem Schlafsack ein armes Schwein. Es gab am Fluß kaum Tannenzweige. Im Yellowstone war es selbst Ende April mancherorts noch sehr kalt. Wir hatten unsere Schlafsäcke bis auf eine kleine Atemlücke gut geschlossen, ausgenommen Armin, natürlich. Am Morgen hörten wir ein Auto, das auf der Straße oberhalb unseres Schlafplatzes anhielt. Die Tür ging auf. Jemand stieg aus. Keiner von uns öffnete den Schlafsack, um nachzuschauen, wer sich da rumtrieb. Es war zu kalt, um vorsichtig zu sein. Wenn man sooft nicht umgebracht worden war, lernt man zu vertrauen, daß es beim nächsten Mal auch so sein wird. Es war eine kurze Zeit still. Dann schlug die Autotür wieder zu, und der Wagen fuhr weiter. Zum Glück! Nachdem es mit den ersten Sonnenstrahlen erst richtig gemütlich wurde in unseren Schlafsäcken, hatten wir noch keine Lust verspürt, aufzustehen. Etwa eine halbe Stunde später hielt wieder ein Auto. Diesmal konnten wir ausmachen, daß jemand von der Straße in unsere Richtung ging. Jetzt wollten wir natürlich wissen, wer das ist, und verbreiterten unsere Atemluke auf Sichtweite. Ich meine, man wußte ja, wieviele Amerikaner ein Trauma aus Vietnam mit nachhause gebracht hatten. Vielleicht war es ja einer mit einem Trauma. Bei einem mit einem Trauma will man schon wissen, was er macht. Als wir unsere Köpfe rausstreckten, wurden wir zum Glück mit einem freundlichen „Good morning!“ begrüßt. Es war ein Parkranger ohne Trauma. Er sagte, er hätte uns vorhin, als er vorbeigefahren sei, hier liegen gesehen und sich gedacht, die könnten bei der Kälte sicher einen heißen Kaffee vertragen. Er stellte drei Becher auf den Boden und schenkte aus einer Thermoskanne Kaffee ein. Er hatte ihn aus der Station geholt. Da mußte ich doch um die halbe Welt radeln, bis mir einmal jemand einen Kaffee ans Bett serviert. Als die Becher leer waren, schenkte er nach. Danach räumte er zusammen und machte sich wieder an seine Arbeit, nicht ohne uns noch einen Tip mit auf den Weg zu geben: Wir sollten nächstes Mal nicht mehr am Fluß schlafen. Dort sei es wegen der Luftfeuchtigkeit kälter. Das leuchtete mir ein. Warum aber mußte uns das ein amerikanischer Ranger sagen. Ein Outdoor-Profi, der sich nachts mit Tannen zudeckt, hätte das doch auch wissen können.

Die Begegnung mit dem Ranger war typisch für unsere Fahrt durch Amerika. Die Amerikaner sind im Herzen alle noch Pioniere. Selbst wenn sie den ganzen Tag im Büro arbeiten und nie eine asphaltierte Straße verlassen, lieben sie es, in bulligen Geländewagen rumzukutschieren. Leute wie wir verkörperten in ihrer Phantasie die „Go-West-Mentalität“, selbst wenn wir gegen Osten fuhren. Das imponierte ihnen. Das verschaffte uns viele – manchmal auch kuriose – Einladungen. Einmal wurden wir vor einem Supermarkt von einem Pärchen angesprochen. Wir saßen auf unserem Brot, aßen ein wenig und tranken Schokolademilch. Bevor ich mit unserem Pärchen fortfahre, sollte ich vielleicht das mit dem Brot noch erklären. Amerikanisches Brot war weich wie Zopfbrot, in Scheiben geschnitten und in Nylonsäcke verpackt. So weich das Brot war, so hart war der Boden vor den Supermärkten. Nachdem das Brot in unseren Gepäckstaschen zu viel Platz einnahm, setzten wir uns beim Essen immer drauf. Damit hatten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wir hatten ein weiches Kissen und das Brot ein besseres Packmaß. Aber nun zurück zu unserem Pärchen. Wir erzählten, daß wir durch Asien gereist seien und nun die USA von Seattle nach New York durchqueren wollten. Sie fielen aus allen Wolken: „Von Seattle mit dem Fahrrad bis hierher?!“ Unter Asien konnten sie sich nichts vorstellen. Das wurde nicht einmal registriert. Aber die 1500 Kilometer von Seattle bis zu ihnen, das sprengte alle Dimensionen ihrer Vorstellungskraft. Ich weiß nicht, wie wir ausgeschaut haben. Jedenfalls machten sie uns einen großartigen Vorschlag. Wir könnten uns bei ihnen zuhause einmal richtig waschen, meinten sie. So ein Angebot nahmen wir nur zu gerne an. Wir hatten schon lange nicht mehr geduscht. Wir ließen die Räder beim Supermarkt stehen und fuhren mit ihnen nachhause. Dort erklärten sie uns erst mal die Dusche. Es war eigentlich keine Dusche, sondern eine ganz gewöhnliche Badewanne mit einer Brause. Wenn wir am linken Knopf drehten, käme warmes Wasser, am rechten kaltes, erklärten sie uns. Wenn es zu heiß würde, könnten wir beides mischen und so fort… Ob wir so etwas zuhause auch hätten, fragten sie uns. Demnach war ihnen nicht nur Asien kein Begriff, sondern auch Europa. Nach der Dusche machten sie uns einen Kaffee. Als wir den getrunken hatten, brachten sie uns gut duftend wieder zurück zum Supermarkt. Der Duft hielt nicht lange.

Aber nun zurück zum Yellowstone, auf den wir uns sehr gefreut hatten. Wir hatten schon einige sehr schöne Prospekte von dem Nationalpark gesehen. Nur die Bären machten uns etwas Sorgen. Es gab im Yellowstone viele Grizzlybären. Überall bekam man Tips, wie man sich im Falle eines Bärenangriffs zu verhalten habe. Man mußte sich auf den Boden legen und durfte sich nicht bewegen. Das hätte schwierig werden können. Wir waren Radfahrer. Wir mußten uns ständig bewegen. Das mit den Bären könnte demnach echt ein Problem werden. Um es vorweg zu nehmen: Wir bekamen keinen zu sehen. Dafür viele andere Tiere, aus nächster Nähe. Wir fuhren an einem Bison vorbei, das am Straßenrand stand und uns mit großen Augen ansah. Aus der Nähe sind die Tiere riesig. Ich hätte ihm die Stirn kraulen können, wenn ich die Hand ausgestreckt hätte. Es war schön in dem Park. Da waren die Tiere die Menschen gewöhnt. Sie zeigten keinerlei Scheu. Ein anderes Mal kreuzten ein paar Elche im Gänsemarsch vielleicht fünf Meter vor uns die Straße. Wir stiegen ab und warteten. In Nationalparks haben Elche Vorfahrt. Auch die Elche waren in echt viel größer, als ich vermutet hatte. Auf einer Waldlichtung neben der Straße sahen wir Hirsche äsen. Wir hielten an und beobachteten sie eine Zeit lang. Das war ein bißchen wie Disneyland. Wo sonst konnte man vom Fahrrad aus solche Tiere sehen. Es war sicher ein Vorteil, daß wir mit unseren Fahrrädern leise unterwegs waren und noch kaum andere Leute im Park waren. Der Schnee war noch nicht zur Gänze geschmolzen. Manche Seen waren noch zugefroren. Der Nationalpark liegt in Höhen von über 2000 m. Wir erreichten die Hauptsehenswürdigkeit, den Old Faithful, einen der größten Geysire der Welt, der bei seinen Eruptionen das Wasser 30 – 50 Meter hochschleudert. Dort gab es nun doch einige Touristen. Wir schauten dem Geysir beim Spucken zu und unterhielten uns mit einem Ranger. Wieder kamen wir auf die gefährlichen Grizzlybären zu sprechen. Die Bären seien gar nicht das Problem. Am meisten Unfälle gäbe es mit Bisons. Die würden manchmal recht aggressiv auf Besucher regieren. 50 km/h könnten die über längere Zeit laufen. Ich glaube, da hätten wir schlecht ausgeschaut. Auch den Elchen sollten wir am besten nicht zu nah kommen. Ich war froh, daß ich das nicht vorher gewußt hatte. Ich wäre um ein paar unbeschwerte Tiererlebnisse ärmer gewesen. Und wie wären wir, hätten wir um seine Unberechenbarkeit gewußt, auf der schmalen Straße überhaupt an dem Bison vorbeigekommen?



Nachdem wir den Nationalpark verlassen hatten, trafen wir in Casper, der Hauptstadt Wyomings auf einen Journalisten, der sich für unsere Geschichte interessierte. Am nächsten Morgen standen wir, wie schon in Hongkong, auf der Titelseite des Casper Tribune.  Die neu erlangte Prominenz öffnete Türen, die uns sonst mit Sicherheit verschlossen geblieben wären. Ein Autofahrer erkannte uns auf der Straße. Er hielt an und fragte, ob er uns zu sich nachhause zum Essen einladen dürfe. Nachdem wir uns in Amerika ausschließlich vom Supermarkt ernährten, nahmen wir gerne an. Nach dem Essen nahm er uns mit auf den Golfplatz. Schon bei einem unserer ersten Hindernisse, einem Wassergraben, schafften wir alle drei ein klassisches Hole-in-one. Die Bälle landeten allesamt im Wasser und wurden nie mehr gesehen. Letztendlich blieben wir aber doch deutlich über Par, was unseren Gastgeber nicht davon abhielt, uns abends auf eine Party ins Clubheim mitzunehmen – nicht ohne uns zuerst unter die Dusche zu schicken. Wenn schon unsere Kleidung nicht den Ansprüchen des Anlasses gerecht wurde, so sollten wir wenigstens geruchlich den Erfordernissen des Abends entsprechen. Trotz mangelhafter Performance auf dem Green waren wir die unumstrittene Attraktion auf der Party. Es schien keinen zu geben, der den Artikel im Casper Tribune nicht gelesen hatte. Das Gespräch drehte sich an jenem Abend im Clubheim hauptsächlich um unsere Reise, während unser Interesse vorwiegend dem exklusiven Buffet galt, das sowohl in seiner Zusammensetzung als auch in der Art der Präsentation stark mit unserer Supermarktkost kontrastierte.

Das Buffet war dann auch fast schon eine Art Abschiedsessen. Armin wollte noch Freunde in der Nähe von Chicago besuchen. Dafür wollte er eine Route nördlich der unsrigen fahren. Es blieben uns nur noch wenige Kilometer zu dritt. Als wir die Straßengabelung, an der seine Route abzweigte, erreichten, ging eine lange gemeinsame Reise, wie man sie nur einmal im Leben erlebt, zu Ende. Wir fuhren nebeneinander her. Armin deutete auf die Abzweigung: „Da vorne ist mein Weg. Macht’s noch gut.“ „Du auch!“, antworteten wir. Wir stiegen nicht ab. Wir wurden nicht einmal langsamer. Armin fuhr links, wir geradeaus. Wir hoben nochmals die Hände zum Abschied und riefen: „Bis bald in Deutschland.“



Aus dem spätwinterlichen Yellowstone fuhren Reiner und ich nun geradewegs in den Backofen Nebraskas.  Nebraska, das waren ewig lange gerade Highways und Getreidefelder, soweit das Auge reicht. Als wir dort waren, litten die Menschen unter einer Hitzewelle. Temperaturen nahe der 40° Celsius Marke waren keine Seltenheit. Allerdings hatten in Nebraska nur wenige Menschen unter dieser Hitzewelle zu leiden. Es gab nämlich – zumindest in jenem Teil, in dem wir uns aufhielten – kaum welche. Man fuhr in Nebraska manchmal 80 Kilometer oder gar 100 von einer Siedlung zur anderen. Und auch in den spärlich gesäten Ansiedlungen wurde man nicht von Menschenmassen erschlagen. Manche Orte hatte 5 Einwohner, andere wiederum 7 oder gar 22. Auf den Ortsschildern war die Anzahl der Bewohner angeschrieben. Der kleinste Ort, durch den wir kamen, war mit „Pop 2“ (population 2) angegeben. Es handelte sich um eine Tankstelle mit einem Lebensmittelladen, die von einem älteren Ehepaar betrieben wurde.



Wenn in Nebraska schon wenig Menschen lebten, so gab es zumindest, sofern man den Nebraskanern – oder wie die auch heißen mögen – glauben darf, zumindest Klapperschlangen im Übermaß. Es gab keinen, der dir nicht eine schaurige Klapperschlangen-Geschichte erzählen konnte. Am besten gefiel mir die von dem Mann, der, als er auf dem Weizenfeld arbeitete, von so einem Untier gebissen wurde. Glücklicherweise trug er hohe Stiefel und die Zähne drangen kaum ins Fleisch durch. Allerdings, und das war jetzt der Nachteil dieser Stiefel, den der Mann nicht bedacht hatte, blieb die Schlange mit den Zähnen im Leder hängen und konnte sich nicht mehr befreien. Also stieg der Mann mit der Schlange am Bein ins Auto und fuhr damit ins Krankenhaus. Das Happy End der Geschichte: Der Mann überlebte – sonst hätte er uns diese Geschichte nicht erzählen können –, die Schlange eher nicht.

Wenn man durch Amerika fährt, findet man überall entlang der Highways überdachte, betonierte  Rastplätze mit Bänken und Tischen. Manchmal gibt es an diesen Plätzen sogar fließendes Wasser. Sie waren unsere bevorzugten Schlafplätze. Wenn der Himmel nicht nach Regen ausgeschaut hat, haben wir uns meist ins Gras neben diese „Häuschen“ gelegt, weil es dort weicher war als auf dem Betonboden. Diesen Luxus haben uns aber diese Geschichtenerzähler ordentlich vermiest. Wenn man genau hinhört, raschelt immer irgendetwas, wenn man im Freien schläft. Mit der Zeit gewöhnt man sich das Hinhören aber ab. Nach diesen Schlangen-Stories war da draußen aber plötzlich wieder viel mehr los. „Hast du das gehört?“, fragte Reiner, als ich schon fast am Einschlafen war. „Nee, was denn?“ Ich hatte wirklich gar nichts gehört. „Das Rascheln! Irgendwie fast schon ein Klappern. Schau dir das Gelände an. Hier gibt’s mit Sicherheit Schlangen.“ Das konnte stimmen. Ich war schon am Nachmittag im letzten Moment einer Schlange ausgewichen, die sich am Straßenrand gesonnt hatte. Also Schlangen gab es mit Sicherheit und das Rascheln habe ich dann bei genauerem Hinhören auch gehört. Das hatte aber nicht im Entferntesten etwas mit dem Klappern einer Klapperschlange zu tun. Ein bißchen kannte ich mich da schon aus. Ich hatte in meinem Leben schon einige Western mit Klapperschlangen gesehen. Meist wurden sie in letzter Sekunde mit einem gezielten Pistolenschuß getötet – nicht nur die Klapperschlangen, alle Bösen. Selbst Reiner erkannte, daß er sich getäuscht hatte. Wir verkrochen uns wieder in unsere Schlafsäcke und schliefen weiter. Oder besser: Wir versuchten zu schlafen. Nach einiger Zeit stand ich auf und sagte zu Reiner: „Du bist echt ein Idiot, mit deinen Schlangen. Ich kann hier nicht mehr schlafen.“ Ich nahm meinen Schlafsack und legte mich auf den Betonboden des Rasthäuschens. Ich glaube, Reiner hatte nur darauf gewartet. Er wollte nur kein Feigling sein. Er kam mit seinem Schlafsack hinter mir her. „Und du glaubst, das macht einen Unterschied, die zehn Zentimeter, die wir jetzt höher liegen“, fragte er. Ich war mir da auch nicht so sicher. Mir fiel wieder die Schlange vom Nachmittag ein. Ich kroch noch einmal aus dem Schlafsack und legte mich auf den Tisch. Reiner fand das vernünftig und legte sich auf den Nebentisch.

Wir waren nicht die einzigen, die die Tische auf den Rastplätzen entgegen der ihnen zugedachten Funktion verwendeten. Eines Nachts lagen wir auf einem Rastplatz in unseren Schlafsäcken, dieses Mal aber unter einem Tisch. Wir hatten den Platz unter dem Tisch gewählt, da man uns dort von der Straße nicht sehen konnte. Mitten in der Nacht stoppte ein Auto. Türen gingen auf. Ein Mann und eine Frau, hörbar vergnügt und angetrunken, stiegen aus und machten es sich, ohne uns bemerkt zu haben, auf dem Tisch, unter dem wir lagen, gemütlich – soweit man es sich eben auf einem harten Holztisch gemütlich machen kann. Sie haben uns nicht gesehen, wir sie auch nicht, dafür aber umso deutlicher gehört. Was sie gemacht haben, war unanständig. Wir haben aber nichts gesagt. Wir wollten ihnen die Freude nicht verderben.


Ob da noch Regen kommt?


Reiner hatte sich schon in Seattle mit seiner Bank in Verbindung gesetzt, um sich Geld in eine Stadt, die an unserer Route lag, nachschicken zu lassen. Als er am vereinbarten Ort zur Bank ging, war da aber noch kein Geld. Wir hätten warten müssen. Aber wir hatten damals in Malaysia auf Armin nicht gewartet und wir wollten auch nicht auf das Geld warten. Warten war nicht unsere Stärke. Also gab Reiner den Auftrag, das Geld in die nächst größere Stadt, die wir in ein paar Tagen erreichen sollten, weiterzuleiten. Unser Problem aber war, daß wir auf unseren Fahrrädern immer schneller waren als das Geld. Auch in der nächsten und der übernächsten Stadt, in die er sich das Geld nachsenden ließ, war das Geld noch nicht angekommen. Wahrscheinlich war der Geldbote in Amerika damals noch zu Fuß unterwegs und hechelte wie ein Verrückter hinter uns her. Wir kamen uns vor wie in einem Entwicklungsland. Selbst in Nepal ging das schneller. Als Reiners Geld aufgebraucht war, hielten wir uns mit meinen bescheidenen Resten über Wasser. Aber auch die gingen rasch zu Neige. Bei unseren Einkaufsentscheidungen wurde zunehmend das Kalorien/Preis-Verhältnis zum entscheidenden Kriterium. Wir durchstöberten die Supermärkte und rechneten uns aus, bei welchen Lebensmitteln man am meisten Kalorien pro Dollar bekam. Dabei schnitt die Kombination Schokolademilch und Weißbrot sehr gut ab. Billigkäse lag auch noch sehr gut im Rennen. Das war dann auch unser Menü für mehrere Tage. Auf diese Weise konnte man in Amerika unglaublich billig leben, so billig wie in Thailand oder China. Als wir keine 5 Dollar mehr hatten, blieben wir an einem Ort und warteten.

Während wir auf das Geld warteten schliefen wir im örtlichen Park. Dort wurden wir von einem sechzehnjährigen Mädchen entdeckt. Sie wollte uns ihren Freunden vorstellen und lud uns deshalb zum „Cruisen“ ein. Alle ihre Freunde würden am Abend „cruisen“. Wir wußten nicht, was „cruisen“ ist, aber wenn’s alle machen, sogar sechzehnjährige Mädchen, kann’s ja nicht so schlimm werden, dachten wir und sagten zu. Sie ging nachhause und kam bald darauf mit einem riesigen Straßenkreuzer zurück. Was für ein Bild: Dieses zierliche Mädchen in dem überdimensionalen Auto. Zusammen rollten wir langsam durch die Straßen der Kleinstadt. Da waren auch noch andere Junge, die mit ihren Autos die Straßen auf und ab fuhren. Wenn einer ihrer Bekannten unseren Weg kreuzte, blieben beide Autos stehen. Die Scheiben wurden runter gedreht und es wurde gequatscht. Wir „cruisten“ solange, bis sie uns allen ihren Freunden vorgestellt hatte.

Am folgenden Tag traf das Geld ein. Wir hatten zu dem Zeitpunkt gerade noch 2,20 Dollar in der Tasche. Für Reiner war in Illinois, in der Nähe von Peoria, die Zeit abgelaufen. Er fuhr mit dem Bus nach Chicago, von wo er nachhause fliegen mußte. Damit war bei mir auch etwas die Luft raus. Reiner und Armin hatten zu dieser Reise gehört. Als sie weg waren, war für mich die Reise auch vorbei. Ich wollte eigentlich nur noch die Durchquerung Amerikas fertig machen. Bis nach New York waren es noch etwa 1500 Kilometer. Ich setzte mich am Morgen aufs Rad und fuhr den ganzen Tag in meinem Rhythmus durch. Auch wenn es mich nun immer stärker nachhause zog, fand ich immer noch Gefallen am Reisen. Aber es war völlig anders als zuvor. Die monotone Treterei nahm nun schon leicht meditative Züge an. Ich summte ständig dieselben Lieder vor mich hin und genoß die Landschaft, die wie in einem Film an mir vorbei zog. Es war immer noch sehr heiß. Da es in der Nacht kaum mehr abkühlte, schmorte ich wieder – fast schon wie in Malaysia – im eigenen Saft. Im Gefühl eh schon fast zuhause zu sein, warf ich den letzten unnötigen Ballast ab. Meine schicke Trainingshose und anderes unnötiges Kleinzeug flogen in den Abfall. Jetzt reiste ich wirklich leicht. Ich hatte nur noch eine kurze Hose, zwei T-Shirts, einen Pullover und einen kaputten Anorak. Bekannte Namen flogen an mir vorbei: Indiana, Ohio, Virginia, Pennsylvania. Aber in Gedanken war ich schon zuhause. In einem Reisebüro, das ich am Straßenrand entdeckte, buchte ich einen Billigflug nach Luxemburg. Ich wählte den Termin so, daß ich am Tag meiner Ankunft in New York gleich weiterfliegen konnte. Ich spulte täglich meine 200 Kilometer runter. Gegen Mittag des achten Tages stieg ich bei einer Bushaltestelle etwas außerhalb von New York vom Rad und fuhr mit dem Bus direkt zum Flughafen. New York mit dem Fahrrad, das wollte ich mir nicht antun.




Luxemburg/Deutschland

Ca. 24 Stunden, nachdem ich in New York vom Rad gestiegen war, setzte das Flugzeug in Luxemburg zum Landeanflug an. Noch am selben Nachmittag fuhr ich die ersten 80 Kilometer Richtung Heimat. In der Hitze Amerikas hatte ich vergessen, daß es in Deutschland im Mai noch kühl sein kann. Es nieselte. Ich hätte die langen Hosen vielleicht doch noch behalten sollen. Aber es machte nicht viel aus. Das machte diese Reise aus. Man lebte in den Tag hinein. Manchmal war es eben ein wenig zu kalt, manchmal ein bißchen zu warm, manchmal fiel das Essen etwas zu knapp aus, manchmal fiel es auch ganz aus. Abends kauerte man sich zum Schlafen in irgendeinen Winkel. Man lebte auf der Straße. Man kaufte im Supermarkt ein und setzte sich zum Essen gleich davor auf den Boden. Den Deutschen gefiel das nicht so gut wie den Amerikanern. Die Deutschen sind keine Ranger. Da wurden schon ein paar Nasen gerümpft, wenn man mit seinem Brot in doch schon leicht abgerissenem Zustand auf dem Gehsteig saß. Aber es gab auch hier, wie überall auf der Welt, nette Begegnungen. Als ich in einer Bäckerei Brot kaufte, schenkte mir die Bäckerin einen ganzen Nußstollen. Ihr Sohn, sagte sie, mache auch gerne große Reisen. An meinem zweiten Tag in Europa stieg ich gar nicht mehr vom Fahrrad und spulte mehr als 300 Kilometer runter. Gegen Abend begann es wieder zu regnen. Ich suchte mir ein trockenes Plätzchen für die Nacht. Bei einer Kirche fand ich beim Hintereingang ein kleines Vordach. Ein paar Stufen führten dort abwärts zum Eingang. Das Regenwasser rann über die Stufen. Vor der Eingangstür gab es einen Gully. Zwischen der Tür und dem Gully war es trocken. Ich zog meine Füße ein und kauerte mich in der Breite ganz nah an die Tür. Wenige Zentimeter neben mir plätscherte das Regenwasser in den Gully. Solange ich mich nicht zu stark bewegte, blieb ich trocken. Es war eine unangenehme Nacht. Aber sie paßte perfekt als Abschluß für diese Reise. So hatte ich acht Monate gelebt, so hatte es mir gefallen, vom ersten Tag bis zum letzten: völlig frei und ungebunden. Ich hatte das Leben einfach so genommen, wie es gekommen war. Schon früh am nächsten Tag stand ich am Grenzübergang in Lindau. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich war für acht Monate aus der Wirklichkeit ausgestiegen. Die schönsten acht Monate meines Lebens lagen hinter mir. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die kann man nicht verbessern.

Nachtrag: Oft werde ich nach den Kosten gefragt. Ich benötigte für die knapp 8 Monate öS 32 000 (€ 2300). In dem Betrag sind alle 4 Flüge – Amman/Kuala Lumpur, Bangkok/Kathmandu, Hongkong/Seattle, New York/Luxemburg – inbegriffen.
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